# taz.de -- Umbau des Sozialstaats: Kommen jetzt gerechte Reformen?
> Die SPD will einen „Gerechtigkeitscheck“ bei der Pflege- und
> Rentenreform, selbst der Kanzler redet von Gerechtigkeit. Fraglich, ob
> seine Union mitzieht.
(IMG) Bild: Nach 45 Beitrags jahren in Rente? Nicht mit dieser Bundes regierung
Friedrich Merz machte in dieser Woche eine überraschende Entdeckung: die
soziale Gerechtigkeit. In der Bevölkerung, sagte der CDU-Chef und
Bundeskanzler, gebe es das Gefühl, es gehe im Land nicht mehr gerecht zu.
Er sagte dies am Tag, nachdem seine Partei aus dem Landtag
Mecklenburg-Vorpommerns gewählt wurde. Und er erklärte auf Nachfrage, dass
das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung bei
vielen Menschen ein Problem im Gerechtigkeitsempfinden auslöse – und dass
man daran etwas ändern müsse. Oha.
Will der Kanzler jetzt etwa die Bürgerversicherung einführen – eine
Versicherung für alle, egal ob reich oder arm, krank oder kerngesund?
Während sich führende Unionspolitiker schnell bemühten, zu erklären, was
der Kanzler wirklich gemeint habe – keinesfalls nämlich das Ende des
Nebeneinanders von privater und gesetzlicher Versicherung –, sagte Merz
nichts weiter.
Was also meint er, der auf der CDU-Website zum „Reformkanzler“ wird,
wirklich, wenn er von Gerechtigkeit spricht? Und was heißt das für sein
künftiges Handeln?
Auf den 82 Seiten des CDU-Grundsatzprogramms taucht die soziale
Gerechtigkeit genau ein Mal auf: „Jeder soll sich darauf verlassen können,
dass die Solidargemeinschaft ihn trägt, wenn er sie wirklich braucht.“ Die
Betonung liegt hier auf „wirklich“. Zugleich ist von „Eigenverantwortung“
und „aktivierender Vorsorge“ die Rede, getreu dem neoliberalen Geist, der
das gesamte Grundsatzprogramm durchzieht. Unter den CDU-Abgeordneten finden
es viele gerecht, Topverdiener zu entlasten und Sozialleistungen zu kürzen.
Und auch Merz gehörte bislang dazu.
Thorsten Frei, seit Juli Unionsfraktionschef und zuvor Merz’
Kanzleramtschef, sagte diese Woche, dass Gerechtigkeit vielgestaltig sei.
Er nannte etwa gerade beschlossene Maßnahmen gegen
[1][Sozialleistungsmissbrauch], darunter: Wer mit Haftbefehl gesucht wird,
soll keine Leistung mehr erhalten. Gerechtigkeit definiert die Regierung
hier negativ – es geht darum, was man bei einem bestimmten Verhalten nicht
bekommt. Aber was heißt das für jene, die in die gesetzlichen
Sozialversicherungssysteme einzahlen, was für die anstehenden [2][Reformen
bei Rente, Pflege und Gesundheit]?
## Ausgesprochen unpopulär
Die SPD sieht sich in ihrer bislang meist nur zaghaft geäußerten Kritik an
den geplanten Sozialreformen bestätigt. Es gelte, den Plänen einen
„Realitätscheck“ zu verpassen, sagte Co-Parteichefin Bärbel Bas am Tag nach
den jüngsten Landtagswahlen. Kurz zuvor hatte das SPD-Präsidium getagt und
beschlossen, die Reformen müssten die „Gerechtigkeit“ in den Mittelpunkt
stellen. Die Lehre aus den Wahlkämpfen der vergangenen Monate sei, dass man
mit den geplanten Änderungen bei Rente und Gesundheitsversorgung nicht
versuchen dürfe, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen.
Für die Reform der gesetzlichen Rente hat eine Kommission aus Fachleuten
und Politiker:innen Vorschläge vorgelegt. Diese zielen darauf ab, dass
wir alle etwas länger arbeiten und zumindest zunächst höhere Beiträge
zahlen. Dafür sollen jene, die jetzt noch jung sind, im Alter auch mal eine
auskömmliche Rente bekommen.
Wer allerdings vorhatte, als besonders langjährig Beschäftigter demnächst
etwas eher in Rente zu gehen, muss mit Abzügen rechnen: Die abschlagsfreie
[3][Frührente nach 45 Beitragsjahren soll abgeschafft werden]. Merz und
Sozialministerin Bärbel Bas lobten die Vorschläge im Sommer unisono als
Gesamtkunstwerk. Doch besonders die Abschaffung der Frührente nach 45
Beitragsjahren erwies sich in den jüngsten Landtagswahlkämpfen als
ausgesprochen unpopulär.
Drei CDU-Ministerpräsidenten und auch die wohl mächtigste Frau der SPD, die
Landesmutter Mecklenburg-Vorpommerns, wollten die abschlagsfreie
Frühverrentung beibehalten. Manuela Schwesig fand eine Abschaffung
ungerecht und operierte mit dem Begriff der Leistungsgerechtigkeit:
„Diejenigen, die am härtesten arbeiten und am längsten einzahlen, dürfen
nicht diejenigen sein, die die härteste Last tragen“, sagte sie.
Gut, das war im Wahlkampf. Und nun? Scheitert die Rentenreform, weil
Schwesig sich weiterhin querstellt? Bärbel Bas widerspricht. Es sei „nichts
tödlicher“, als die Regierung an irgendeiner Sachfrage auseinanderbrechen
zu lassen.
## Gehört Linnemann zu den Bekehrten?
Hört man sich unter Fachpolitiker:innen in Union und SPD um, dann
herrscht Zuversicht, dass man bei der Rente zusammenkommt. Für Menschen,
die sich nach 45 Jahren Arbeit auf ihre Rente freuen, aber noch nicht im
Alter von 65 Jahren sind, wird es demnach Übergangsfristen und
Härtefallregeln geben.
Kniffliger werden wohl die Gesundheits- und die Pflegerefom. Da steht
zunächst einmal die Reform der sozialen Pflegeversicherung an, die wie
zuvor schon das Krankenkassen-Sparpaket vor allem dazu dienen soll, die
steigenden Ausgaben in den Griff zu kriegen. Wenigstens für ein paar Jahre.
Am Mittwoch will das Kabinett einen Gesetzentwurf beschließen, der noch in
diesem Jahr Bundestag und Bundesrat passieren soll. Der zuvor kursierende
Referentenentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium hatte bereits für
mächtig Unmut gesorgt. Eines der umstrittensten Vorhaben war die geplante
Kürzung der Rentenbeiträge, die für pflegende Angehörige eingezahlt werden.
Der neue CDU-Bundesgesundheitsminister beeilte sich, kaum im Amt, diesen
Punkt aus dem Entwurf zu streichen. Als „stille Helden“ bezeichnete Carsten
Linnemann die pflegenden Angehörigen.
Linnemann sprach auch davon, wie wichtig das Gesundheitssystem für den
gesellschaftlichen Zusammenhalt sei, dass es von Menschen für Menschen
gemacht sei, dass die Kranken schneller Hilfe bekommen müssten und dass die
Sparzwänge an Privatversicherten nicht vorbeigehen dürften. Gehört also
auch der bislang als sozialpolitischer Hardliner kritisierte, stramm
wirtschaftsliberale Linnemann zu den Bekehrten?
Unterstützung vom Koalitionspartner für eine solche Kehrtwende wäre wohl zu
erwarten. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Christos
Pantazis, hatte auf die Äußerungen von Merz sehr erfreut reagiert. Für die
Bürgerversicherung sei man bei der SPD sowieso schon lange, aber vorerst
wäre auch ein solidarischer Ausgleich zwischen sozialer und privater
Pflegeversicherung ein Anfang. Das würde bedeuten, dass die Versicherungen,
die vor allem gesündere und einkommensstärkere Beitragszahler*innen
haben, etwas abgeben – unter den gesetzlichen Krankenkassen ist dies schon
jetzt der Fall.
Einen „fairen finanziellen Ausgleich“ zwischen privater und sozialer
Pflegeversicherung forderte SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf am Freitag
erneut. Und sagte: „[4][Wir akzeptieren keine Leistungskürzung in der
Pflege]“. Dort gehe es gerade um richtig viel, so Klüssendorf. Er ließ
offen, ob die SPD einen Gesetzentwurf zur finanziellen Stabilisierung der
Pflegeversicherung tatsächlich am Mittwoch im Kabinett beschließen werde.
## Keine Revolution zu erwarten
Im Bereich der Gesundheitsversorgung stehen außerdem Nachbesserungen des
erst im Juli beschlossenen Krankenkassen-Sparpakets an – es soll sowohl
sozialverträglicher werden als auch für mehr Einsparungen sorgen. Die
reichen nämlich schon wieder nicht aus. Dem Dilemma der langen Wartezeiten
auf Facharzttermine soll eine Reform der ambulanten Versorgung ein Ende
bereiten. Eine bessere Steuerung und insgesamt weniger Arztbesuche und eine
Garantie zeitnaher Termine für gesetzlich Versicherte, also rund 90 Prozent
der Menschen, stehen dabei zur Debatte.
Nebenbei will Linnemann auch noch perspektivisch die Krankenkassenbeiträge
senken und warb im Parlament schon mal um das ein oder andere zusätzliche
Milliönchen aus dem Haushalt. Dass es mit ihm aber eher keine großen
Reformschritte wie etwa die Einführung einer Bürgerversicherung geben wird,
stellte Linnemann nach Merz’ Äußerungen auch klar.
Eine soziale Revolution ist mit Schwarz-Rot nicht zu erwarten. Die CDU
scheint jedenfalls nicht gewillt, ihren grundlegenden Kurs zu ändern. Zwar
mahnte der Vorsitzende des christdemokratischen Arbeitnehmerflügels CDA,
Dennis Radtke: „Alltagssorgen, Bezahlbarkeit des Lebens, funktionierende,
verlässliche Infrastruktur … Irgendwann muss der Wecker doch mal klingeln.“
Doch bei der Nachwahl des Unionsfraktionsvizes im Bundestag kam die CDA mal
wieder nicht zum Zug.
Neuer Zwist bei Schwarz-Rot?
Zum neuen stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden wurde am Dienstag
Johannes Winkel gewählt, der Vorsitzende der Jungen Union. Und der stellte
klar: „Wer jetzt die Nerven verliert und die ersten zarten Reformpflänzchen
seit Jahren zertritt, wird in zehn Jahren ein brutales Urteil über sich
lesen müssen.“ Das klingt nach Weiter-so, egal zu welchem Preis – und nach
neuem Zwist in der Koalition.
Frank Werneke glaubt nicht daran, dass Merz tatsächlich erkannt hat, wie
wichtig es ist, bei den geplanten Reformen den sozialen Ausgleich zu
suchen. „Die Union ist mit wahnsinnig großen Versprechungen in den
Bundestagswahlkampf gegangen und hat den Arbeitgeberverbänden viel
versprochen“, sagte der Verdi-Vorsitzende der taz. Genau diese Erwartungen
würden die Arbeitgeber nun an die Regierung stellen. Für das Wochenende
rufen die Gewerkschaften zu Protesten gegen die Kürzungspläne auf. Wenn die
Regierung in der Sozialpolitik also fortfährt wie bislang, wird es nicht an
den fehlenden Signalen für eine Kurskorrektur gelegen haben.
26 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Grundsicherung-und-Missbrauchsdebatte/!6215708
(DIR) [2] /Gewerkschaftsproteste-gegen-Kuerzungen/!6215691
(DIR) [3] /Streit-um-Rente-mit-63/!6202331
(DIR) [4] /Pflegereform-der-Bundesregierung/!6216411
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
(DIR) Manuela Heim
(DIR) Cem-Odos Güler
## TAGS
(DIR) Rente
(DIR) Pflege
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Reform
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Bundesregierung
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Koalition diskutiert über Pflegereform: CDU-Sozialpolitiker kritisiert „teure Wünsche“ der SPD
Karl-Josef Laumann drängt auf das Sparpaket für die Pflegeversicherung. Es
soll das drohende Milliardendefizit der gesetzlichen Pflegeversicherung und
steigende Beiträge verhindern.
(DIR) Krise der CDU: Rhein will „Stadtbild“-Debatte wiederaufleben lassen
Bundeskanzler Merz geriet vor einem Jahr wegen seiner Äußerung zum
„Stadtbild“ unter Druck. Hessens Regierungschef hält die Debatte nach wie
vor für richtig.
(DIR) Gemeinschaftsdiagnose zur Konjunktur: Wirtschaft läuft besser als erwartet
Die Wirtschaftsinstitute heben ihre Wachstumsprognose auf 1,3 Prozent an,
sogar die Exporte nehmen zu. Ein Problem sei aber fehlendes Vertrauen.
(DIR) Einwanderung von Fachkräften: Pflegeverband fordert Tempo bei Work and Stay Agentur
Deutschland braucht dringend Pfleger*innen, doch einwanderungwillige
Fachkräfte haben es schwer. Ein katholischer Sozialverband fordert jetzt
Reformen.
(DIR) Rente mit 63: Die Kapitalrente bringt es auch nicht
Durch den Wegfall der Rente mit 63 wird bei Weitem nicht so viel eingespart
wie suggeriert. Um die Rente dauerhaft zu sichern, gibt es bessere Modelle.