# taz.de -- Rente mit 63: Die Kapitalrente bringt es auch nicht
> Durch den Wegfall der Rente mit 63 wird bei Weitem nicht so viel
> eingespart wie suggeriert. Um die Rente dauerhaft zu sichern, gibt es
> bessere Modelle.
(IMG) Bild: Das Einsparpotenzial durch den Wegfall der Rente mit 63 ist weit geringer, als in der Debatte suggeriert wird
Arbeitnehmer, die 45 Jahre Beiträge gezahlt haben, bekommen 7,2 Prozent
mehr Rente als gleichaltrige Frührentner, die „nur“ 40 oder vielleicht
sogar 44 Beitragsjahre auf dem Rentenkonto haben und deshalb pro Jahr
Abschläge von 3,6 Prozent hinnehmen müssen. Unter Gerechtigkeitskriterien
ist das nicht einsichtig. Dies über Nacht mit sofortiger Wirkung abschaffen
zu wollen, ist es aber ebenso. Das verstößt gegen einen zentralen Grundsatz
in der Rentenpolitik, der für das Vertrauen in das System unersetzlich ist:
Rentenpolitik muss voraussehbar sein. Problemlos könnte hier beispielsweise
eine [1][fünfjährige Übergangsperiode] vorgesehen werden. So wie sie
beispielsweise Annika Klose, SPD-Mitglied in der
Alterssicherungskommission, vorgeschlagen hat.
Das Einsparpotenzial durch den Wegfall der Rente mit 63 ist weit geringer,
als in der Debatte suggeriert wird. Über die nächsten fünf Jahre könnten
hier insgesamt lediglich 5 Milliarden Euro oder 0,06 Prozentpunkte beim
Rentenversicherungsbeitrag eingespart werden. Er läge dann statt bei 18,6
bei 18,54 Prozent. Für die folgenden 15 Jahre betrügen die Kosten jährlich
1,5 Milliarden Euro. Die Kosten einer fünfjährigen Übergangsphase beim
Auslaufen der abschlagsfreien Rente sind gemessen an den Gesamtausgaben der
Rentenversicherung „Peanuts“.
Abschaffungsbefürworter verweisen gern auf die [2][DIW]-Studie, die von
etwa 9,5 Milliarden Kosten spricht. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um
jährliche Kosten, sondern um die Gesamtkosten für die abschlagsfreien
Frührentner des 1957er-Jahrgangs. Der Betrag bezieht sich auf eine
zwanzigjährige Rentenbezugszeit dieser Frührentner. Da für bestehende
Renten der Bestandsschutz gilt, würde bei Abschaffung der abschlagsfreien
Rente ab 2027 die Ersparnis im ersten Jahr bei etwa 300 bis 400 Millionen
Euro liegen und dann jährlich um weitere 300 bis 400 Millionen anwachsen.
Erst nach 20 Jahren, also 2047, wäre theoretisch eine jährliche Ersparnis
von 9,5 Milliarden erreicht. Allerdings nur, wenn in den nächsten 20 Jahren
jedes Jahr die gleiche Zahl Menschen von der abschlagsfreien Rente Gebrauch
macht. Da die Geburtsjahrgänge nach 1965 um rund 30 Prozent schrumpfen,
wird auch die Zahl der abschlagsfreien Frührentner entsprechend sinken.
Darüber hinaus nimmt mit der Akademisierung und aufgrund der hohen
Massenarbeitslosigkeit in den 1990er Jahren die Zahl derer ab, die
überhaupt auf 45 Beitragsjahre kommen. Die Alterssicherungskommission hat
zudem vorgeschlagen, denen weiterhin eine abschlagsfreie Rente zu
ermöglichen, die aufgrund der [3][beruflichen Belastungen nicht
weiterarbeiten können]. Geht man konservativ davon aus, dass dies 20
Prozent der jetzt berechtigten Gruppe sind, dann dürfte die Ersparnis ab
2047 bestenfalls bei 5 Milliarden liegen.
Dass die Abschaffung der abschlagsfreien Rente wesentlich zur
[4][Finanzierung der kapitalgedeckten Rente] beitragen kann, ist falsch.
[5][Wer das behauptet], ist entweder ahnungslos oder ideologisch unterwegs.
Für die kapitalgedeckte Rente sind zusätzlich 2 Prozentpunkte der
Rentenversicherungsbeiträge vorgesehen. Das sind jährlich etwa 32
Milliarden, ohne das in der jahrzehntelangen Ansparzeit dadurch eine
Entlastung bei den Rentenzahlungen erfolgt. Die Ersparnis durch die
Abschaffung der abschlagsfreien Rente beträgt im ersten Jahr 300 Millionen
oder 1 Prozent der Kosten für die kapitalgedeckte Rente.
## Versicherungsfremde Leistungen aus Steuermitteln
Finanzierungspotenziale ganz anderer Größenordnung finden sich in einem
Vorschlag der Alterssicherungskommission, er sieht vor, versicherungsfremde
Leistungen aus Steuermitteln zu finanzieren. Das würde die gesetzliche
Rentenversicherung um 40 Milliarden jährlich entlasten. Statt dass
Besserverdienenden wegen der Beitragsbemessungsgrenze in der
Rentenversicherung unterdurchschnittlich zur Finanzierung beitrügen, würden
alle Steuerzahler im Rahmen eines progressiven Steuersystems ihren Beitrag
entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit leisten. Die
Rentenversicherungsbeiträge könnten um mehr als 2 Prozent sinken, wenn
dieser Vorschlag „eins zu eins“ umgesetzt würde. Ob die Bundesregierung
allerdings den Willen hat, diesen Vorschlag wirklich „eins zu eins“ zu
übernehmen, ist angesichts der aktuellen Haushaltslage wenig
wahrscheinlich.
Sofort stoppen sollte die Bundesregierung die bereits [6][beschlossene
Förderung der kapitalgedeckten privaten Vorsorge]. Nachdem man die
kapitalgedeckte Rente innerhalb der gesetzlichen Rente verankert hat, gibt
es keinerlei Grund mehr, zusätzlich die private Vorsorge zu fördern. Wenn
alle Arbeitnehmer innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung mit 2
Prozentpunkten zusätzlich belastet werden, werden nur noch
Besserverdienende freie Mittel haben, um darüber hinaus in eine private
Rente zu investieren. Eine staatliche Subventionierung der oberen
Einkommenshälfte ist ungerecht. Hier gibt es ein sozial gebotenes
Einsparungspotenzial von 10 bis 15 Milliarden.
Während die finanziellen Einsparungen bei der Abschaffung der
abschlagsfreien Rente vergleichsweise gering sind, ist der politische Preis
hoch. Den zahlt aber vor allem die SPD, da diese Kürzung überproportional
ihre traditionelle Facharbeiterstammwählerschaft trifft. Während diese und
andere Kürzungen sowie die fast 11-prozentige Beitragserhöhungen durch die
Kapitaldeckung unmittelbar die Menschen belasten, ist offen, ob die
optimistischen Renditeerwartungen, die mit der kapitalgedeckten Rente
verbunden werden, jemals Wirklichkeit werden. Angesichts von Aktienkursen,
die mehr und mehr von spekulativem Optimismus als wirtschaftlichen
Fundamentaldaten getrieben werden, ist die Vorstellung einer immerwährenden
Aktienhausse und zukünftigen dauerhaften Netto-Renditen von 6 oder 7
Prozent eine eher riskante Wette.
25 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/alterssicherung-fuenf-jahre-uebergangsfrist-bis-zum-aus-fuer-rente-mit-63/100247289.html
(DIR) [2] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BiW/Studie_Abschaffung_der_abschlagsfreien_Fruehverrentung.pdf
(DIR) [3] /Arbeitsmarkt-und-Alter/!6150915
(DIR) [4] https://www.deutschlandfunk.de/reddig-cdu-pocht-auf-abschaffung-der-abschlagsfreien-rente-nach-45-beitragsjahren-versorgungsniveau--100.html
(DIR) [5] https://www.deutschlandfunk.de/debatte-um-abschlagsfreie-rente-nach-45-beitragsjahren-unionsfraktionschef-frei-sieht-keinen-verhand-102.html
(DIR) [6] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/reform-private-altersvorsorge-2400072
## AUTOREN
(DIR) Frank Hoffer
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