# taz.de -- Debatte nach Wahlsieg: Was dran ist an den Vorwürfen gegen die Linke Berlin
> Nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin schlagen der Partei heftige
> Vorwürfe entgegen. Es geht um Antisemitismus und Kontakte mit
> Kriminellen.
Ferat Koçak ist erstmal abgetaucht. Er wolle sich Zeit nehmen, um Zweifel
auszuräumen, schrieb der Bundestagesabgeordnete der Linken aus
Berlin-Neukölln am Montag [1][auf seinen Social Media Kanälen]. Seitdem ist
Funkstille. Außer in der Linken. Da herrscht [2][Alarm].
Dabei sah am Sonntag um 18 Uhr alles so gut aus für die Linke. 25,7 Prozent
hatte sie bei der Wahl in Berlin geholt, die Bilder der jubelnden
Spitzenkandidatin Elif Eralp liefen über alle Kanäle.
Noch am Abend machten andere Bilder die Runde. Die von zwei Besuchern auf
der Wahlparty des Neuköllner Bezirksverbands: Issa Remmo, Kopf einer
[3][Großfamilie], deren Mitglieder wegen diverser Verbrechen vor Gericht
standen – Juwelenraub, Geldwäsche, Einbrüche; und Ibrahim Ibrahim, der die
linke Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) bewirbt
und den getöteten Hamas-Chef Jahia Sinwar einen „Märtyerhelden“ nannte.
Der linke Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak posierte auf der Party mit
Ibrahim, der ein Shirt mit der Aufschrift “See you in Palestine” trägt.
Ebenso seine Neuköllner Genossin und frisch gewählte Abgeordnete Vanessa
„Vedi“ Emde.
## Söder will Berlin das Geld streichen
Es sind diese Bilder, die nun die erste von der Linken geführte Regierung
in Berlin gefährden könnten. Besonders die mit Ibrahim stehen für ein
größeres Problem. Sie alle sind ein gefundenes Fressen [4][für eine rechte
Kampagne von der AfD bis zum Springer-Verlag], die Berlin kurz vor dem
Kalifat sehen. CSU-Chef Markus Söder will Berlin die Finanzhilfen
streichen, sollte die Linke an die Regierung kommen. Ähnliche Maßnahmen
hatte er für ein AfD-regiertes Sachsen-Anhalt noch “absurd” genannt.
Auf linker Seite halten einige die Aufregung für vorgeschoben. Sie glauben,
es gehe darum, Rot-Grün-Rot zu verhindern und damit die Enteignung großer
Immobilienfirmen.
Aber auch Linke-Mitglieder sagen, [5][dass die Partei ein
Antisemitismusproblem habe]. Und sie fürchten, dass einige Radikale in der
Partei eine Linke-Regierung sabotierten. „Mir reicht es langsam“, schrieb
die frühere Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau [6][öffentlich an Koçak].
„Als MdB hast du eine Verantwortung, ich kann nicht mehr an Naivität
glauben.“ Die Thüringer Linke-Abgeordnete [7][Katharina König-Preuss]
forderte, Koçak müsse sein Mandat niederlegen, er vertrete keinen
glaubwürdigen Antifaschismus - und lasse die Facharbeit schleifen.
Um die aktuellen Vorwürfe aufzudröseln, lohnt es sich, einen Schritt
zurückzutreten und sich die Entwicklung der Berliner Linken anzusehen. Hat
die Partei ein Antisemitismus-Problem?
## Laut in Neukölln
Die Linke in Berlin ist in den vergangenen eineinhalb Jahren extrem
gewachsen, allein die Zahl der Mitglieder des Neuköllner Bezirksverbands
hat sich verdreifacht. Eingetreten sind vor allem junge Menschen, viele von
ihnen hat der Gazakrieg politisiert. Im Herbst 2024 kam es bereits zum
[8][Clash auf einem Landesparteitag]: Nach einer zunächst gescheiterten
Resolution gegen Antisemitismus verließen führende Linke wie Klaus Lederer
und Elke Breitenbach den Saal – und später die Partei. Das
propalästinensische Lager in der Partei aber steckte danach nicht zurück.
Am lautesten ist es im Neuköllner Linkenverband.
Zu der Bewegung gehören die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG)
Palästinasolidarität oder die trotzkistische Gruppe Marx 21. Letztere
erklärte 2023, das “zionistische” Israel müsse „im Zuge eines
antiimperialistischen, revolutionären Aufstands in der gesamten Region
zerstört werden”. Palästina sei für diese Leute das einzige politische
Thema, erzählen Mitglieder aus dem Neuköllner Bezirksverband. Wie stark
diese Fraktion tatsächlich ist, ist unklar. Hört man sich um unter
Genoss*innen in Neukölln, sagen viele, dass die radikalen
Palästinasolidarischen nicht die Mehrheit stellen in dem Bezirksverband mit
seinen 3.000 Mitgliedern.
Aber sie bestimmten am Ende das öffentliche Bild. Und ihre Vertreter
gehören zu jenen in der Partei, die eine Regierungsbeteiligung ohnehin
kritisch sehen – und nicht unglücklich wären, wenn die Koalition mit SPD
und Grünen nicht zustande käme.
Der Neuköllner Bezirksverband vertritt seit Jahren radikale Positionen und
[9][liegt oft mit dem Rest des Landesverbands über Kreuz]. Besonders seit
dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023.
Nach den Morden an fast 1.200 Israelis und den rund 250 Geiselnahmen war
die erste Stellungnahme der Linken Neukölln eine ihrer Bezirksfraktion, in
der sie eine „[10][massive Einschränkung der Versammlungsfreiheit]“
propalästinensischer Proteste kritisierte. Drei Tage später äußerte sich
dann auch der Linke-Bezirksverband. Und das durchaus ausgewogen. Man
verurteile „die entsetzlichen Attacken der Hamas auf Israel“, zugleich
verurteile man die „israelischen Bombardements“ auf Gaza und dessen
Abriegelung. Ferat Koçak trug die Erklärung auf [11][Instagram] vor.
## Fragwürdige Allianzen
Doch während die israelische Armee im Gazastreifen eskalierte und
Kriegsverbrechen beging, wurde auch die Neuköllner Linke in ihrer Haltung
einseitiger – und ging fragwürdige Allianzen ein. Ein Mann tauchte dabei
immer wieder auf: Ibrahim Ibrahim, der Gast auf der Wahlparty.
Ibrahim ist seit Jahren auf Demonstrationen vorne mit dabei. Er hält Reden,
verschickt Statements für das „Vereinigte Palästinensische
Nationalkomitee“. Das sieht der Verfassungsschutz als Dachorganisation von
Hamas-Anhängern und der PFLP in Berlin. Auch die PFLP war an den Massakern
des 7. Oktober beteiligt. 1977 hatte die Gruppe die Lufthansa-Maschine
„Landshut“ entführt. Sie wurde 2002 durch die EU als Terrororganisation
eingestuft. In Berlin arbeitet sie laut Verfassungsschutz „eng zusammen“
mit Hamas-Anhängern, habe eine „Scharnierfunktion“ zu Islamisten.
Ibrahim postet auf Facebook das Bild eines mit Kufiya vermummten Mannes
samt Maschinengewehr und PFLP-Logo: “All guns against the enemy, glory to
the freedom fighters”. Auf einer Demo-Rede im April 2025 in Berlin pries er
die "Märtyrer, die ihr Leben gegeben haben, damit diese Sache lebendig
bleibt, bis die Al-Aqsa-Moschee befreit wird und ganz Palästina ‚vom Fluss
bis zum Meer’ befreit ist".
Die Linke Neukölln aber hält Ibrahim und seinen Verband zunächst nicht auf
Distanz, im Gegenteil. Im August 2025 veranstaltete sie mit dem
Palästinensischen Nationalkomitee [12][ein gemeinsames „Kiezevent“] für
Palästina. „Ihr Widerstand ist unser Widerstand”, soll Ibrahim dort als
Redner laut Tagesspiegel erklärt haben.
## Gemeinsame Demonstrationen
Wenige Wochen zuvor demonstrierten Koçak und Ibrahim zusammen vor dem
Rathaus Neukölln. Später wird das dort auch Ahmed Abed tun, der
Linke-Bürgermeisterkandidat für Neukölln. Auch Mitglieder anderer Berliner
Bezirksverbände treten mit Ibrahim auf Palästinademos auf und halten
Redebeiträge. Zwei von ihnen ziehen nun ins Abgeordnetenhaus ein. Eine
dritte ist Hannah Bruns, Wortführerin der Landesarbeitsgemeinschaft
Palästinasolidarität, die für einen “bewaffneten Widerstand” Palästinas
eintritt. Auf einer Demo postulierte sie, die Befreiung Palästinas ende
dann, “wenn Tel Aviv wieder in der Hand von Palästina liegt”.
Ibrahim hatte also viele Kontakte zur Neuköllner Linken – und trotzdem
wollte Ferat Koçak ihn beim Selfie am Wahlabend nicht erkannt haben.
Koçak will sich gegenüber der taz nicht äußern, auch Ibrahim Ibrahim
reagiert nicht auf eine Anfrage. Kurz nach der Wahl aber übermittelte
Ibrahim der Linkspartei auf Facebook im Namen seines Verbands „unsere
herzlichsten Glückwünsche“. „Ich bin stolz darauf, dass wir bereits im
vergangenen Jahr eine klare Entscheidung getroffen haben, die Linke zu
unterstützen“, schreibt er. Auch in Hinblick auf “die palästinensische
Frage”, habe man die palästinensische und arabische Gemeinschaft für die
Linke mobilisiert.
Die Neuköllner Linke-Chefin Jorinde Schulz sagt der taz, es seien keine
anderen Organisationen in den Wahlkampf eingebunden gewesen. Auf die Frage,
wie sie die gemeinsamen Auftritte von Linken mit Ibrahim bewertet,
antwortet sie, man verurteile Kriegsverbrechen, egal wer sie begehe. Aber:
„Das Umsichgreifen von Kontaktschuldvorwürfen in der politischen Debatte
sehen wir als Ausdruck eines autoritären Wandels.“ Eine Distanzierung
klingt anders.
## "Herzlich willkommen" trotz Parteiausschluss
Eine weitere Personalie sorgte in den letzten Jahren für Schlagzeilen rund
um die Neuköllner Linke: [13][Ramsis Kilani]. In einem internen Chat soll
der Aktivist nach dem 7. Oktober geschrieben haben: „[14][Ich denke, es
wird mehr als ‚einen Mord an Israelis‘ brauchen].“ Kilani wurde 2024 aus
der Linkspartei ausgeschlossen, der Neuköllner Bezirksverband aber
kritisierte seinen Ausschluss "scharf". Man beuge sich damit einer „rechten
Hetzkampagne“ und der „Staatsräson“. Kritik an Kilanis Äußerungen findet
sich in dem Statement nicht.
Im August 2026 dann, mitten im Wahlkampf, lud die Neuköllner
Linken-Kandidatin Vanessa Emde zu einer Veranstaltung ein, auf der Kilani
einen Workshop anbot. Der Morgenpost sagte Emde, Kilani sei “im
Bezirksverband herzlich willkommen”.
Ebenfalls im Wahlkampf ließ die Neuköllner Linke den Rapper Dahabflex
[15][auf einer ihrer Veranstaltungen auftreten]. Dort rappt er Zeilen wie
„Death to the IDF“, also „Tod den Streitkräften Israels“. In anderen
Liedern rappt er über „[16][Intifada wie die PFLP]“ – also über
Terroranschläge.
Am Tag der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus teilt der Neuköllner
Linken-Bezirkskandidat Basem Said den Aufruf eines Palästina-Aktivisten,
der zu einer „Wahlintifada“ aufruft. Die Partei erhält am Ende 32 Prozent
der Stimmen im Bezirk, verdoppelt ihre Fraktion. Basem Said und Vanessa
Emde gewinnen ihre Mandate.
## Der Landesvorstand unter Rechtfertigungsdruck
Den Landesvorstand um Elif Eralp bringen diese Positionen in Nöte. Immer
wieder muss er sich dafür rechtfertigen. Nach dem Dahabflex-Auftritt zeigte
sich Eralp “entsetzt”, beauftragte eine Ombudsstelle mit der Aufarbeitung.
Gefragt zum Antisemitismus sagte Eralp, sie stehe für den Schutz jüdischen
Lebens ein, wie für den Schutz jedes Lebens. Tatsächlich hat die Berliner
Linkspartei Antisemitismus immer wieder verurteilt. Gegen die Wortführerin
der LAG Palästinasolidarität, Hannah Bruns, läuft derzeit ein
Parteiausschlussverfahren.
Aber dann ist da noch die Verbindung von Ferat Koçak zur Familie Remmo –
und damit, so zumindest die Vorwürfe, zum organisierten Verbrechen in der
Hauptstadt.
Nach der Wahlparty hatte der Sohn von Issa Remmo einen Chat mit Koçak aus
dem Februar veröffentlicht. Koçak schreibt darin, “ich kann vormittag
vorbeikommen”. Dann bittet er, eine Rede von ihm mit Kritik am Vorgehen
gegen “Clankriminalität” zu verbreiten, schickt “Grüße mit Respekt zurück
an deinen Vater”. Der Remmo-Sohn antwortet: “Gerne, Bruder”.
Jorinde Schulz von den Neuköllner Linken sagt, es gebe keinen Kontakt
zwischen ihrem Bezirksverband und der Familie Remmo. Heikel bleibt aber
trotzdem: Ferat Koçak, der im Innenausschuss des Bundestags sitzt, hatte
mehrfach das politische und polizeiliche Vorgehen gegen „Clankriminalität“
kritisiert. Am Dienstag kündigte Koçak an, sich vorerst zurückzuziehen.
## Gefahr für die Sondierungen mit SPD und Grünen
Doch der politische Schaden ist angerichtet – und er gefährdet die
Sondierungen mit den Berliner Grünen und der SPD. Die fordern von der
Linkspartei ein Bekenntnis gegen Antisemitismus und eine
Regierungsmehrheit, die nicht von der Neuköllner Linken abhängen dürfe.
Ein Linkenfunktionär beteuert gegenüber der taz, man werde im
Koalitionsfall eine verlässliche Vereinbarung gegen Antisemitismus und
organisierte Kriminalität treffen. Auch hätte Rot-rot-grün eine Mehrheit
von 15 Stimmen im neuen Berliner Abgeordnetenhaus – da seien mögliche
Abweichler verkraftbar.
Die Radikalen in der Linkspartei aber gehen unterdessen in die Offensive.
In einem Video erklärten Sprecher der LAG Palästinasolidarität, man stehe
"hinter den Genossen Ibrahim Ibrahim und Basem Said“ und werde sich nicht
spalten lassen. Auch Hannah Bruns will sich gegen den Parteiausschluss
wehren.
Und Vanessa Emde hatte schon vor der Wahl gesagt, für eine „Preisgabe
palästinasolidarischer Positionen“ sei sie nicht zu haben. Sie sei „lieber
richtig in der Opposition als falsch in der Regierung“.
25 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://x.com/der_neukoellner/status/2101980679940472930?s=20
(DIR) [2] /Antisemitismus-Streit-in-der-Linken/!6215665
(DIR) [3] /Organisierte-Kriminalitaet-und-Politik-Wird-Ferat-Kocak-zum-Bauernopfer-im-Koalitionspoker/!6215882
(DIR) [4] /Linke-und-Antisemitismus/!6215302
(DIR) [5] /Linken-Mitglied-zu-Antisemitismus/!6215905
(DIR) [6] https://x.com/PetraPauMaHe/status/2102128482511687700?s=20
(DIR) [7] https://www.instagram.com/reel/DdmoTPxs6pq/?utm_source=ig_web_copy_link&stkn=MzRlODBiNWFlZA==
(DIR) [8] /Linke-in-Berlin/!6044784
(DIR) [9] /Berlins-Linke-und-Nahost/!6209189
(DIR) [10] https://www.linksfraktion-neukoelln.de/aktuelles/nachrichten/detail/news/linksfraktion-kritisiert-versammlungsverbote-in-neukoelln/
(DIR) [11] https://www.instagram.com/p/Cyk-sZZMpqC/?hl=de
(DIR) [12] /Debatte-um-Neukoellner-Linke/!6105729
(DIR) [13] /Der-Fall-Kilani/!6141488
(DIR) [14] https://www.tagesspiegel.de/berlin/trotzkisten-sektierer-radikale-das-sind-die-hamas-versteher-in-der-berliner-linkspartei-12545315.html
(DIR) [15] /Nahostkonflikt-und-Linke-in-Berlin/!6208815
(DIR) [16] /Palaestinensische-Terrororganisation-PFLP/!6206519
## AUTOREN
(DIR) Anne Fromm
(DIR) Konrad Litschko
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