# taz.de -- Kunst der Woche: Irgendetwas stört die Idylle
       
       > Bei Société lädt Kaspar Müller zu seiner Art von Kunsthandwerkmarkt. Bei
       > Kunstpunkt untersucht eine Gruppenausstellung das Zusammenleben der
       > Spezies.
       
 (IMG) Bild: Mundgeblasene Glasbongs in der Ausstellung „Boutique Société x Treasures of Memory 2“ von Kaspar Müller
       
       In die Jahreszeit passen sie nicht gerade, die Silversterkläuse, die da
       durch das eher kleine Gemälde in Kaspar Müllers Ausstellung „Boutique
       SOCIÉTÉ × Treasures of Memory 2“ bei Société wandern. [1][Im Appenzell]
       sieht man solche jungen Typen mit wagenradgroßem Kopfschmuck rund um
       Neujahr von Hof zu Hof ziehen, jodelnd und mit ziemlich viel Schnaps intus.
       
       Müllers Bilder, von denen es eine Handvoll in der Ausstellung zu sehen
       gibt, ähneln traditioneller Senntumsmalerei der Region, aber da ist stets
       etwas, was die Idylle stört: Hinter den sanften Hügeln speien Vulkane Lava.
       Da ist eine Windhose, die inmitten der lieblichen Landschaft wirbelt, oder
       die Wälder stehen in Flammen.
       
       Auch Zelte sind in Müllers Ausstellung aufgebaut. Nicht solche, in denen
       man sich auf dem Campingplatz in der Schweizer Natur betten würde, eher
       würden sie sich für eine Feierlichkeit im frisch gemähten Garten eignen,
       für ein förmliches Event, das nur so tut, als wäre es eine ausgelassene
       Party. Daneben liegt einem auf mit Farbspritzern übersäten Klappstuhl in
       Puppenformat ein Strauß Tulpen aus dem 3D-Drucker. Und dann ist da noch ein
       sich drehendes Spiegelpodest mit einer Ansammlung von mundgeblasenen Bongs.
       Hübsch gestaltete Einzelstücke wie vom hochwertigen Kunsthandwerkermarkt,
       wären sie nicht, was sie sind.
       
       Kaspar Müller stellt in seiner Kunst Skulpturen her, Installationen,
       Videos, Fotografie, Malerei und Zeichnung. Um Widersprüche und Reibungen
       geht es da meist. Mit Humor erzeugt er die, bedient sich dabei wie auch
       jetzt wieder gern an Brauchtümern, filtert ganz subtil heraus, was sich
       hinter ihnen verbirgt: historische Wurzeln, gesellschaftliche Strukturen,
       Denkmuster. Die Formen eignet er sich dann an, bildet aber eigene
       Versionen, stets mit mindestens einem Twist.
       
       ## Radikal intim
       
       In der Galerie Kunstpunkt Berlin / Raum für Aktuelle Kunst spürt Kuratorin
       Keumhwa Kim indes gemeinsam mit acht Künstler:innen aus Ost-, Süd-,
       Südost- und Zentralasien der „radikalen Intimität der Mutation“ nach. Nicht
       um das übliche Werden und Vergehen von Pflanzen, Tieren, Menschen geht es
       dabei, vielmehr um tatsächliche oder potenzielle Folgen von Begegnungen
       zwischen den Spezies.
       
       Jaewon Kim etwa hat leere Kanister von Pestiziden mit dem 3D-Drucker aus
       Keramik nachgebildet. Ein Motor bringt einen davon zum Tanzen, als hätte
       sich eine Biene selbstmörderisch hineinverirrt. Spuren haben [2][Bienen]
       auch auf seinen Wandarbeiten hinterlassen. Sie machen Bewegung wie
       Verletzlichkeit der Tiere in abstrakter Form sichtbar.
       
       So Young Park bringt eine Art von Bestäubungsmechanismus aus
       überdimensionalen Orchideenblüten, Metallgestänge und getrockneten Blumen
       zusammen. In Maya Erin Masudas Installation „Pour Your Body Out“ wird
       milchige Flüssigkeit durch eine Art künstliches Euter vorbei an
       synthetischer Haut auf chemisch eingefärbte Pflanzen gepumpt. Könnte so
       eine Versuchsanordnung für Reproduktion in einer posthumanen Zukunft
       aussehen?
       
       18 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Drang-nach-oben/!6191866
 (DIR) [2] /Dokumentarfilmer-ueber-Insekten/!6191167
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Beate Scheder
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Kunst
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) taz Plan
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Berlin Ausstellung
 (DIR) Berliner Galerien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Die Stadt der Männer
       
       Ein neues Berliner Festival handelt vom künstlerischen Medium Fotobuch und
       NÄNZI tanzt, kämpft und triumphiert beim Verein Berliner Künstlerinnen
       1867.
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Blutrotes Herz und herzliches Wort gehen ineinander über
       
       Um Liebe von der Metaphysik bis zum Körper geht es in den Zeichnungen
       vierer Künstlerinnen bei Mountains wie auch bei Mooni Perry im Kunst Raum
       Mitte.
       
 (DIR) Kunst der Woche: Der Bois d’Arc und die Tränenfänger
       
       Von der Osage Orange bis zur abgewaschenen Tinte: Zwei Berliner
       Ausstellungen verbinden Kolonialgeschichte, indigenes Wissen und persische
       Literatur.