# taz.de -- AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt: Ein absolutes Grauen
> Verfassungsschutz, Schulpflicht, Rundfunkstaatsverträge,
> Migrationspolitik: Was kann die AfD anrichten, sollte sie an die Macht
> kommen?
(IMG) Bild: Allmachtsfantasien der Rechtsextremen: AfD-Wahlkampf im Dorf Uhrsleben nahe Magdeburg
[1][Sachsen-Anhalt hat gewählt.] Die rechtsextreme AfD hat die absolute
Mehrheit knapp verpasst. Aber es ist wahrscheinlich, dass sie trotzdem
regieren wird. Im Magdeburger Landtag reicht Ulrich Siegmund im dritten
Wahlgang eine einfache Mehrheit, um Ministerpräsident zu werden. Einzelne
Enthaltungen würden dafür reichen. Das [2][BSW will sich im dritten
Wahlgang enthalten], vielleicht reichen auch einzelne Abweichler aus der
CDU.
[3][Was würde eine AfD-Regierung bedeuten für …]
## … Justiz und Verwaltung?
In der Verwaltung hat die AfD großspurig angekündigt, 150 bis 200 Posten
neu zu besetzen. Tatsächlich gibt es in Sachsen-Anhalt 19 politische
Beamte, welche die AfD-Regierung austauschen kann. Das sind 15
Staatssekretäre aus den 9 Ministerien (hinzu kommen deren Büroleiter und
Referenten) sowie noch 4 explizit politische Beamte des Mittelbaus: der
Leiter des Verfassungsschutzes, die Leitung des Presseamtes sowie der Chef
und der Stellvertreter im Landesverwaltungsamt, die natürlich erheblichen
Druck auf die Verwaltung ausüben können.
Offen ist, ob die AfD Rechtsextreme auf diese Positionen setzen dürfte: Es
gilt die Verfassungstreuepflicht. Sicherheitsprüfungen sind vorgeschrieben
und dabei gilt Bundesrecht.
Die Kettensäge ansetzen könnte die AfD nicht einfach so, weil viele
verbeamtete Abteilungs- und Referatsleiter in den Ministerien in
Sachsen-Anhalt keine politischen Beamten sind und es feste
Einstellungskriterien wie fachliche Eignung und Verfassungstreue gibt.
Klagen gegen Entlassungen hätten gute Aussichten. Allerdings spielte die
Zeit für die AfD: In den nächsten Jahren gehen viele Staatsdiener*innen
in den Ruhestand, diese Stellen lassen sich geräuschlos nachbesetzen.
Wichtig ist die Frage, wie sich Beamt*innen bei potenziellen
rechtswidrigen Anweisungen verhalten. Remonstrieren sie oder laufen sie
mit? Neben dem offenen Widerspruch gibt es niedrigschwellige
Widerstandsstrategien wie endlose Rechtsprüfungen oder Dienst nach
Vorschrift.
Ein erheblicher Umbau drohte auch in der Justiz: Eine AfD-Regierung könnte
Einfluss auf Einstellungs- und Beförderungspraxis nehmen und möglichst
parteinahe Richter*innen ernennen. Gareth Joswig
## … Frauen und Queers?
Falls die AfD in Sachsen-Anhalt gewinnt, könnte die Partei ihre
[4][reaktionären Positionen in puncto Frauen- und Queerpolitik] weiter
untermauern. Geht es nach den Plänen der rechtsextremen Partei, sollen
[5][Gleichstellungsbeauftragte künftig Familienbeauftragte] werden und
Anreize zur Kinderproduktion im Sinne von „Vater, Mutter und Kind“
schaffen. Andere Familienformen betrachtet die Partei als
„Regenbogenideologie“ und „linke Perversion“.
Gemeinnützigen Trägern, die Sexualpädagogik und Aufklärung an Schulen
anbieten, wirft die AfD „Frühsexualisierung“ vor – ihnen soll die
Förderungsgrundlage entzogen werden. Entsprechend ihrer völkischen
Reproduktionspolitik ist die AfD gegen das Recht auf Abtreibung und
körperliche Selbstbestimmung von Schwangeren.
Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen befürchten bei einer AfD-Regierung
[6][Kürzungen und Einschränkungen ihrer Arbeit]. Sie bieten unter anderem
jene Beratungen an, die ungewollt Schwangere brauchen, wenn sie eine
Schwangerschaft abbrechen wollen.
In Sachsen-Anhalt sollen Betroffene [7][nach dem Willen der AfD] zukünftig
neben der Beratung auch noch eine Ultraschalluntersuchung durchführen
lassen müssen. Trägerorganisationen sehen darin den Versuch, emotionalen
Druck auszuüben. Und zu den Universitäten, den „queer-woken
Kaderschmieden“, [8][sagte die AfD-Vorsitzende Alice Weidel letztes Jahr]:
„Wir schließen alle Gender Studies und schmeißen diese Professoren raus!“
In Sachsen-Anhalt soll genau das laut Wahlprogramm geschehen. Amelie
Sittenauer
## … Wirtschafts- und Klimapolitik?
In einer auf den Austausch von Waren und Arbeitskräften basierten
Wirtschaftsordnung verlöre Sachsen-Anhalt mit einer AfD-Regierung Geld und
Menschen. „Das Land würde spürbar an Wohlstand verlieren“, meint Reint
Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle
(IWH). Eine migrationsfeindliche Politik würde den drohenden
Arbeitskräftemangel verschärfen, vor allem in der Lebensmittelzubereitung,
Gastronomie, Tiefbau, Logistik und in der Medizin.
Jeder fünfte Arzt in Sachsen-Anhalt ist Ausländer – noch. Das IWH schätzt,
dass dem Bundesland deshalb bis 2031 eine Wertschöpfung von bis zu 3,2
Milliarden Euro verloren ginge. Auch andere Fachleute halten die
AfD-Wirtschaftspolitik für teuer, dilettantisch – und voller
Fehleinschätzungen. Sie sei im Vergleich zu den enormen Problemen des
Landes „mickrig klein, lächerlich naiv und zum Scheitern verurteilt“,
[9][sagt taz-Kolumnist und Wirtschaftsexperte Maurice Höfgen.]
Investitionen von „globalistischen Großkonzernen“ wie Intel, dessen
milliardenteure Planungen für eine Chipfabrik mit 3.000 Jobs im vergangenen
Jahr platzten, hätte die Partei gar nicht erst haben wollen. Gleichzeitig
soll aber wieder Handel mit Russland betrieben und dafür die Sanktionen
beendet werden – als läge das in der Macht einer Landesregierung.
Menschengemachter Klimawandel? [10][Leugnet die AfD]. Deshalb will sie aus
dem Pariser Klimaabkommen austreten, was von Magdeburg aus allerdings
unmöglich ist. Zudem will sie ein „Institut für Klimapolitikfolgen“
gründen. Es soll „die Folgen der sogenannten Klimarettungspolitik der
letzten Bundes- und Landesregierungen wissenschaftlich aufarbeiten“.
Entsprechend gäbe es auch in der Energiepolitik ein Rollback: Steuern auf
Öl und Gas sollen sinken, Förderungen für Wind und Solar weg. Stattdessen
will die AfD wieder Gas aus Russland und das Wiederanfahren von
Kohlekraftwerken und Atommeilern, alles ebenfalls bundespolitisches
Terrain. Kai Schöneberg
## … Medien?
Es soll die erste Amtshandlung sein: Die AfD verspricht ihren Wähler:innen,
die Rundfunkstaatsverträge zu kündigen. Und tatsächlich könnten sie das mit
einer absoluten Mehrheit tun. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk beruht auf
eben diesen Verträgen, die durch die Bundesländer geschlossen sind. Im Fall
von Sachsen-Anhalt betrifft das den MDR, der zusätzlich für Sachsen und
Thüringen zuständig ist. [11][Wenn die AfD den Vertrag fristgerecht
aufkündigt], würde Sachsen-Anhalt zum Jahresende 2028 ausscheiden. Ob so
eine Kündigung aber wirklich rechtens wäre, müsste ein Gericht entscheiden.
Denn laut Grundgesetz ist eine [12][flächendeckende Versorgung mit
öffentlichen-rechtlichem Rundfunk vorgeschrieben].
Die AfD wendet sich nicht nur gegen den MDR, sondern auch gegen private
Medien. In ihrem Wahlprogramm kündigt sie beispielsweise an, [13][dem
freien „Radio Corax“ die Förderung zu entziehen].
Aber es sind nicht nur einzelne Sender, die in Gefahr sind, sondern auch
die Journalist:innen an sich, deren Arbeit im Bundesland schon jetzt
enorm erschwert wird. Im Wahlkampf der AfD beobachtete die Gewerkschaft
Ver.di zunehmend Übergriffe und Einschüchterungsversuche auf
Medienschaffende. Allein in den letzten drei Wochen hätten sich 25 Vorfälle
ereignet. Diese pressefeindliche Stimmung droht zuzunehmen. Carolina
Schwarz
## … Bildung?
Dass die AfD in Sachsen-Anhalt [14][die Schulpflicht abschafft], ist eher
unwahrscheinlich. Dafür bräuchte sie eine Zweidrittelmehrheit. Aber an
anderen Stellen könnte sie die Bildung schnell verändern.
Statt alle Kinder gemeinsam lernen zu lassen, sollen Kinder mit Behinderung
in Förderschulen Unterricht bekommen. [15][Inklusion sei „auf ganzer Linie“
gescheitert.] Zudem hat die AfD angekündigt, auch geflüchtete Kinder zu
separieren. Das solle ihnen zum einen vermitteln „dass ihr Aufenthalt in
Deutschland nur ein vorübergehender ist“. Zum anderen gelte es, deutsche
Kinder von den Belastungen zu befreien, „die sich beim gemeinsamen
Unterricht mit Kindern aus völlig fremden Kulturen ergeben“.
Inhaltlich kündigt die AfD ein nationalistisches Ideologie-Programm für
Schüler:innen an: „Echte Bildung“ stehe unter dem Ziel „der Entwicklung
einer stabilen Nationalidentität“. Bundesflagge hissen und gemeinsames
Singen solle sich als fester Bestandteil an Schulen etablieren. Der
Geschichtsunterricht solle die „Erfolgsgeschichte“ des Deutschen Reiches ab
1871 als „Inspiration und Vorbild“ thematisieren. Das Programm „Schule
gegen Rassismus“ werde hingegen eingestellt, weil es gegen „patriotische
Einstellungen“ vorgehe. Lehrer:innen möchte die AfD komplett verbieten,
sich politisch zu äußern. Das Gleiche gilt für Regenbogenflaggen.
Zudem hat die AfD ein „großes Interesse an guten Beziehungen zu Russland“.
Sie setzt sich deshalb für den Ausbau des Russischunterrichts in
Sachsen-Anhalt ein und will auch den Schüleraustausch mit Russland
„wiederbeleben“. David Muschenich
## … Migration?
Die Migrationspolitik ist weitgehend durch Bundesgesetze bestimmt, an denen
eine Landesregierung nichts ändern könnte, solange sie die rechtsstaatliche
Ordnung nicht offen bricht. Die von der [16][AfD geforderte „Remigration“]
jedenfalls kann sie von Magdeburg aus nicht umsetzen.
Allerdings haben Länder und Kommunen teils große Ermessensspielräume bei
der Anwendung der Gesetze. Das kann die AfD nutzen, um Geflüchtete,
Ausländer*innen und Menschen mit Migrationshintergrund systematisch
unter Druck zu setzen. Genau das hat etwa der AfD-Fraktionsvize in
Magdeburg, Hans-Thomas Tillschneider, auch schon angekündigt, als er sagte:
„Wir wollen das Gesetz nicht brechen. Aber so streng auslegen, wie es nur
irgendwie geht.“
In der Praxis haben die Rechtsextremen schon angekündigt, mit einer
Task-Force die Abschiebungen aus Sachsen-Anhalt zu zentralisieren, zu
beschleunigen und entsprechende Haftplätze auszubauen. Es könnten aber auch
Ämter und lokale Polizeibehörden angewiesen werden, Gesetze gegenüber
Zugewanderten möglichst restriktiv auszulegen. Landesprogramme zur
Anwerbung von Fachkräften dürfte die AfD-Regierung gleich ganz stoppen,
auch wenn solche Menschen etwa im Gesundheitssystem eigentlich dringend
gebraucht werden. Frederik Eikmanns
## … Zivilgesellschaft?
Die Streichung von Staatsgeldern für Vereine, die sich gegen rechts
engagierten, sei „etwas, was ich mir in den ersten Tagen vorstelle“, sagte
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zuletzt. „Ja, ich freue mich schon
richtig.“
Ganz so schnell wird es nicht gehen, noch besteht in Sachsen-Anhalt ein
gültiger Haushalt. Aber die AfD hat [17][Vereine wie „Miteinander“ schon
seit Jahren im Visier], will ihnen nun zumindest eine Patriotismus- und
Demokratieerklärung auferlegen, könnte ihnen die Gemeinnützigkeit
aberkennen – und hätte mit einer absoluten Mehrheit dafür freie Bahn.
Und es soll noch weitergehen. Auch Projekten gegen Rassismus, für
Klimaschutz, Gedenkstätten oder Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt
droht der Entzug von Fördergeldern. Landeszuschüsse für das Programm
„Schule ohne Rassismus“ soll es nicht mehr geben, das Amt der
Gleichstellungsbeauftragte soll abgeschafft werden. All das könnte schnell
gehen.
Weg haben will die AfD auch die Landeszentrale für politische Bildung, die
für sie eine „linke Indoktrinationsanstalt“ ist. Hier hatte der Landtag
zuletzt aber noch beschlossen, dass diese nicht abgeschafft werden darf.
Und die freien Initiativen organisieren nun juristischen Beistand – und
rufen zu Spenden auf. Konrad Litschko
## … Polizei und Verfassungsschutz?
Schon lange hat die AfD den Verfassungsschutz im Visier, nachdem dieser die
Partei als rechtsextrem einstufte – mit einer absoluten Mehrheit könnte die
Partei das Landesamt umkrempeln. Leiter Jochen Hollmann könnte abgesetzt
werden, die jährlichen Verfassungsschutzberichte abgeschafft, die Abteilung
für Rechtsextremismus eingedampft. Und die AfD hätte Einblicke in die
Datenbank des Amtes, wüsste über eingesetzte V-Leute Bescheid.
Bei dem Geheimdienst war man deshalb schon länger alarmiert, hatte
überlegt, [18][heikle Daten an das Bundesamt für Verfassungsschutz zu
übertragen]. Das müsste nun schnell gehen.
Auch bei der Polizei hätte die AfD nun Einblicke in die Datenbanken. Sie
will auch den Polizeibeauftragten abschaffen und ehrenamtliche Bürgerwachen
einführen. Beides ist rechtlich möglich, „Sicherheitswachten“ gibt es etwa
auch in Sachsen.
Landespolizeidirektor Mario Schwan kann dagegen nicht so leicht abgesetzt
werden, er ist kein politischer Beamter. Die Gewerkschaft der Polizei
erinnerte ihre Mitglieder zuletzt noch einmal an ihre Pflicht zur
Verfassungstreue und an die [19][Remonstrationspflicht, also die Pflicht
von Beamten, bei Rechtsverstößen Dienstanordnungen zu verweigern]. Konrad
Litschko
7 Sep 2026
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