# taz.de -- Extremismusexperte über Sachsen-Anhalt: „Die Zivilgesellschaft braucht Unterstützung von außen“
> Es muss jetzt darauf ankommen, demokratische Kerne der Zivilgesellschaft
> zu erhalten, sagt der Theologe David Begrich – und da helfe:
> Aufmerksamkeit.
(IMG) Bild: Tausende zeigen ihr Gesicht gegen die AfD beim Demokratiefestival am 5. September in Magdeburg
taz: Herr Begrich, die AfD geht in Sachsen-Anhalt als Wahlsiegerin vom
Platz. Was jetzt?
David Begrich: Als Erstes müssen wir sehen, ob die AfD zu einer Machtoption
greift und was sie umsetzt. Die Schlüsselfrage wird sein: Gehen AfD und BSW
in eine machtpolitische Interaktion? Und als Zweites geht es dann um die
Zivilgesellschaft. Die wird ihre Arbeit nur dann halbwegs erfolgreich
umsetzen können, wenn es von außen Unterstützung gibt.
taz: Welche Unterstützung kann es denn von außerhalb Sachsen-Anhalts geben?
Begrich: Dort muss so schnell wie möglich begriffen werden, dass
Sachsen-Anhalt kein unbedeutendes, kleines Bundesland ist. Wenn es nach den
Vorstellungen der AfD geht, wird Sachsen-Anhalt zum Labor für
rechtsautoritäre Politik. Auf kurz oder lang will sie das auf andere
Bundesländer oder auf die ganze Bundesrepublik übertragen. Das heißt, wenn
es jetzt gelingt, demokratische Kerne in der Zivilgesellschaft zu erhalten,
verzögert das die autoritäre Formierung in anderen Regionen.
taz: Aber wie konkret können Menschen unterstützen – indem sie Spenden
schicken?
Begrich: Im Augenblick ist Aufmerksamkeit viel wichtiger als finanzielle
Mittel. Meine Befürchtung ist, dass Sachsen-Anhalt in einer Woche aus dem
Scheinwerferlicht verschwindet. Ich war schon am Wahlabend frustriert
darüber, wie im politisch-medialen Betrieb sozusagen zur Tagesordnung
übergegangen wurde. In den Gesprächsrunden im Fernsehen wurden
Regierungskonstellationen und Eventualitäten erwogen. Was das für ein Bruch
mit der politischen Kultur in Deutschland ist, dass eine rechtsextreme
Partei mehr als 40 Prozent bekommen hat, wurde nur im Nebensatz verhandelt.
Das ist nicht nur ein Problem für die Menschen, die sich in Sachsen-Anhalt
für demokratische Kultur engagieren.
taz: Sondern – an wen denken Sie noch?
Begrich: Das wird auch für diejenigen zum Problem, die [1][glauben, dass
sie sich in einer Zone der demokratischen Normalität und Sicherheit in
Westdeutschland] befinden.
taz: Was macht Ihnen am Tag nach der Wahl, trotz allem, Hoffnung?
Begrich: Es gibt in Sachsen-Anhalt ganz viele engagierte Menschen, die ihr
Gesicht für die Demokratie in den Wind halten. Wobei, seit gestern ist es
kein Wind mehr, sondern ein Sturm. Aber denen mangelt es an Sichtbarkeit.
Auch am Wahlabend hatten wir das Phänomen, dass die Deutung aus Berlin,
Hamburg oder Frankfurt am Main kam und wenig aus Sachsen-Anhalt. Mein
Wunsch ist, dass diejenigen mit großer Reichweite und Deutungsmacht jenen
uneigennützig zur Verfügung stellen, die es in den kommenden Wochen
brauchen.
taz: Wer braucht diese Unterstützung nun ganz besonders, wenn Sie auf die
Personen und Strukturen in Sachsen-Anhalt schauen?
Begrich: Man kann sich da bei uns, also beim Verein Miteinander, oder bei
[2][Polilux] erkundigen. Da ist etwa der Dachverein Reichenstraße in
Quedlingburg, oder der Jugendclub Mood und das Kulturwerk Ost in
Gardelegen, die vergangene Woche abgebrannt sind. Die brauchen allein
150.000 Euro, um eine gewisse Basisarbeitsfähigkeit wiederherzustellen.
taz: Die AfD hat nach der Wahl angekündigt, die Vereine in Sachsen-Anhalt
sollen sich, sinngemäß, schon mal wappnen Wie haben Sie sich beim Verein
Miteinander darauf vorbereitet?
Begrich: Wir prüfen alle Möglichkeiten, wie wir unsere Arbeit fortsetzen
können. Aber noch ist die Situation sehr volatil. Wir müssen noch abwarten.
taz: Ist jetzt die Zeit für manche Menschen, Sachsen-Anhalt zu verlassen?
Begrich: Ich kann gut verstehen, wenn Menschen Angst haben. Ich kann auch
Menschen verstehen, die sagen, unter den Bedingungen können sie hier nicht
mehr leben. Aber für mich gilt der Satz aus der Bürgerrechtsbewegung der
DDR: Wir bleiben hier.
taz: Falls die AfD in Sachsen-Anhalt regieren sollte: Glauben Sie an die
These einer Entzauberung der Partei?
Begrich: Die Frage ist, gegenüber wem? Bei der Wählerschaft, die der AfD
ideologisch nicht so nahe steht, könnte es einen Prozess der Ernüchterung
geben. Aber was kann man sich davon politisch kaufen? Die Wahl ist
gelaufen. Daran wird sich so schnell nichts mehr ändern. Bei der
Wählerschaft der AfD muss man differenzieren, das sind nicht alles
Neonazis. Aber dieses Wahlprogramm, das [3][die AfD „Regierungsprogramm“
nennt], gehört zu den radikalsten, die in der bundesdeutschen
Parteiengeschichte aufgeschrieben wurden. Und das hat mehr als 40 Prozent
bekommen. Unabhängig von der Frage, ob die Leute das gewählt haben, weil
sie es so großartig finden, was da drinsteht, oder ob sie es nur in Kauf
genommen haben: Wer der AfD seine Stimme gegeben hat, der wusste, welcher
Partei er seine Stimme gegeben hat.
7 Sep 2026
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