# taz.de -- Nach der Sachsen-Anhalt-Wahl: Die Alternativen zur Alternative
> Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt war zu erwarten und ist unfassbar
> zugleich. Wie jetzt weitermachen?
(IMG) Bild: Die demokratischen Parteien hängen in der Luft. Sie müssen Vertrauen zurückgewinnen
Seit der Wahl in Sachsen-Anhalt denke ich jeden Tag an ein Gespräch mit der
Autorin Mely Kiyak zurück. Anfang 2024 gingen gerade Millionen Menschen in
Deutschland gegen die AfD auf die Straße. „Wir sind die Brandmauer!“,
riefen sie. Viele Menschen schöpften Hoffnung. Für einen Moment gingen
sogar die Umfragewerte der AfD zurück.
Aber [1][Mely Kiyak sagte: „Politisch ist das, was aktuell passiert,
unumkehrbar.] Wir erleben eine entsolidarisierte, sich gegenseitig zutiefst
mit Niedertracht begegnende Gesellschaft. Wenn ein Land nicht früh genug
anfängt, zerstörerische Kräfte einzudämmen, wird es ein hartes Land mit
einem harten Leben. Nach den Kipppunkten können Sie noch eine Weile
protestieren und skandalisieren, dann werden diejenigen an die Macht
kommen, die auch diese Möglichkeit tabuisieren werden.“
Wenn die AfD regiert, wolle sie mal sehen, wer noch offene Briefe
unterschreibe, sich also weiter engagiere. Tatsächlich gibt es gerade
wieder Straßenproteste, aber längst nicht mehr so viele wie vor anderthalb
Jahren – obwohl die AfD in Sachsen-Anhalt so nah an der Macht ist wie nie.
Sind die Kipppunkte also schon erreicht?
43,8 Prozent der Wähler*innen in Sachsen-Anhalt haben eine rechtsextreme
Partei gewählt, wollten sich besonders groß fühlen zum Preis der
Erniedrigung anderer. Das sind deutlich mehr als die 20 Prozent „brauner
Bodensatz“, von dem der Thüringer Verfassungschef einst sprach. Die
Menschenverachtung der AfD ist anschlussfähig in immer mehr Milieus und
breitet sich von Ost nach West aus.
Die entsolidarisierte Gesellschaft, die Mely Kiyak beschrieb, sie gedeiht.
Zivilgesellschaftliche und parteipolitische Akteur*innen, die
dagegenhalten, berichten derweil, dass sie längst über ihre Kraftgrenzen
hinaus gegangen sind. Sie müssen jetzt in erster Linie finanziell
abgesichert werden. Dafür wirbt etwa der neue Fonds für Demokratie.
Zu den Gründern des Fonds gehört Marco Wanderwitz, CDU-Politiker und
ehemaliger Ostbeauftragter der Bundesregierung. [2][Er warnte bereits
2021], dass ein Teil der Ostdeutschen für die Demokratie verloren sei. Um
nicht noch mehr von ihnen zu verlieren und marginalisierte Gruppen zu
schützen, braucht es demokratische Schutzräume. Für Debatte,
Auseinandersetzung und Alternativkultur. Wir müssen uns schnell einrichten
in dem, was Mely Kiyak ein „hartes Leben“ nennt.
Andersdenkende, Queers, Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit
Behinderung – sie haben seit dem Wahlsonntag Angst. Währenddessen beleidigt
der angeblich charmante Ulrich Siegmund nun ganz uncharmant die Hauptstadt-
statt nur die Lokalpresse. Der Erfolg der AfD liegt aber nicht im Lächeln
ihres sachsen-anhaltischen Spitzenkandidaten begründet. Eine Umfrage aus
Thüringen legt nahe, dass auch ein unfröhlicher Björn Höcke dort weiterhin
an Zustimmung gewinnt. Die AfD ist auf dem Vormarsch, übrigens egal unter
welchem Kanzler.
## Ländliche Raumnahme
In Sachsen-Anhalt konnte die Partei Menschen in allen
Wähler*innengruppen für ihr rassistisches Programm gewinnen, besonders
auch Arbeiter*innen und Menschen mit niedrigem Bildungsniveau. Von
beiden gibt es viele in Sachsen-Anhalt. Jeder Fünfte gilt hier als
armutsgefährdet, das Wirtschaftswachstum ist niedriger als in jedem anderen
Bundesland, deutschlandweit haben hier die wenigsten ein Abitur, gehen am
häufigsten ohne Abschluss von der Schule. Die gut Ausgebildeten ziehen
meist weg. Was bleibt, ist eine zerklüftete Infrastruktur und die
Abwesenheit von Zukunft in einem zu 97 Prozent ländlich geprägten Raum.
Die AfD zielt genau auf dieses Ländliche, längst nicht nur in
Sachsen-Anhalt. Das ist spätestens seit ihrem Strategiepapier zur
„ländlichen Raumnahme“ bekannt. Um dagegen vorzugehen, hatten
zivilgesellschaftliche Akteur*innen im Vorfeld der Wahl mehr als je
zuvor das Hinterland bespielt und große Feste organisiert.
So auch in Mecklenburg-Vorpommern – zum Teil schon sehr lange. Jan Gorkow,
bekannt als Monchi von Feine Sahne Fischfilet, organisiert seit zehn Jahren
das Festival Wasted in Jarmen in seinem Heimatdorf. In seinem aktuellen
Buch „Hinter der Brandmauer“ beschreibt er, [3][wie er für die Vorbereitung
möglichst viele Menschen vor Ort offen einbindet.] Er bleibt im Gespräch,
führt in seinem Dorf genau den politischen Diskurs, den andere aus der
Ferne für wichtig halten.
Auch über das Festival hinaus engagiert sich Gorkow für sein Dorf, stellte
gemeinsam mit dem parteilosen Bürgermeister einen Skatepark auf die Beine.
Aber trotz allem wachte er nach der Bundestagswahl 2025 auf und sah, dass
die AfD in Jarmen 54 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Was hilft jetzt
noch?
## Vertrauen schaffen
Genau das ist die Lücke: Um die parlamentarische Demokratie zu retten,
scheinen zivilgesellschaftliche Feste welcher Art auch immer das
Wahlverhalten nicht zu beeinflussen. Zumindest nicht in dem nötigen Ausmaß.
Das Angebot ist allerdings auch dürftig. Der CDU fällt es schwer, zu
begründen, warum man sie statt des rechten Originals wählen sollte. Die SPD
hat keine Antwort darauf, warum diese Gesellschaft immer unsozialer wird,
trotz vieler Jahre mit ihr an der Macht. Eine glaubwürdige Ansprache von
der Mitte bis links wäre dringend nötig.
[4][Viele AfD-Wähler*innen treibt eine enorme soziale Wut an], die die AfD
mit ihrem rassistischen Programm und vereinfachenden Feindbildern bedient
und gleichzeitig verstärkt. Vielleicht ließe sich diese soziale Wut auch
entlang eines anderen, noch zu definierenden Konflikts kanalisieren. Da die
AfD gerade im ländlichen Raum stark ist, wird es sicher nicht der
Mietenkampf sein. Und da AfD-Wähler*innen einer staatlichen Umverteilung
eher kritisch gegenüberstehen, sind es auch keine Enteignungen.
Neben überzeugenden Inhalten fehlt den demokratischen Parteien, zumindest
in Ostdeutschland, offenkundig auch das Vertrauen der Wähler*innen.
Vertrauen entsteht durch Nähe – aber wo war die CDU in diesem Wahlkampf? In
Sachsen-Anhalt dominierte die AfD die Plätze und Straßen. Die Hüpfburg auf
den sogenannten Familienfesten steht exemplarisch für die vielen Orte der
Begegnung, die so selten geworden waren – und die die AfD wieder geschaffen
hat.
Einsamkeit gewinnt zunehmend Bedeutung in den Wahlanalysen. Auf einem
taz-Podium in Rostock beschrieb Christian Arnold Krüger, Gründer des
Vereins Queer-Strelitz, das sehr präzise: Viele im ländlichen Raum stehen
morgens auf, frühstücken, steigen in ihr Auto, fahren zur Arbeit, fahren
zurück, essen Abendbrot, reden vielleicht noch mit der Partnerin, und das
war’s. Kein Kontakt. Dann kommt die AfD und macht ein Angebot, das nichts
verlangt. Kein Bekenntnis zur Demokratie, kein Verstehen der komplexen
Weltlage, kein Mitmachen.
Präsenz in der Fläche kostet. Wer demokratische Institutionen stärken
möchte, sollte deshalb beim Geldverteilen – wenn es die Möglichkeiten denn
zulassen – auch an die Parteien denken. Um einen Ulrich Siegmund mit seinen
700.000 Tiktok-Followern einzuholen, braucht es enorme Summen. Wer überall
eine Hüpfburg aufstellen und Bratwürste verteilen möchte, braucht auch
Personal, authentische Mitglieder vor Ort, die sich mit ihrem Gesicht
zeigen und die die parlamentarische Demokratie von innen retten wollen. Die
Zeiten, in denen die AfD keine Kandidat*innen fand, sind längst vorbei.
Noch schlimmer: Ihre Leute gelten als vertrauenswürdig.
Vielleicht ist es nicht aussichtslos. 45 Prozent der AfD-Wähler*innen haben
die AfD noch nicht aus Überzeugung gewählt und ließen sich womöglich für
andere Parteien gewinnen, trotz historischer Parteienskepsis speziell in
Ostdeutschland. Diese ist nicht in Stein gemeißelt. Lange Zeit war im Osten
nicht nur die Parteien-, sondern auch die zivilgesellschaftliche Bindung
deutlich geringer als im Westen. Mittlerweile sind beide Landesteile fast
auf demselben Niveau. Reicht das aber für Hoffnung?
Es muss. Allein schon wegen der Menschen in Sachsen-Anhalt, die weiter
kämpfen und Solidarität statt Entmutigung brauchen. Wenn Kiyak fragt, wer
noch offene Briefe unterschreibe, selbst wenn die AfD regiert, kann ich
antworten, dass auf die Engagierten vor Ort Verlass sein wird. Sie zeigen,
dass ein anderes Miteinander, ein solidarisches, humanistisches Miteinander
möglich ist. Das ist mein Lichtpunkt, egal wie dunkel es noch wird in
diesem Land.
12 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katrin Gottschalk
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