# taz.de -- CSD-Demos in Halle und Wismar: Bunte Mehrheit gegen die AfD
> Nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt ist der CSD in Halle viermal so groß
> wie 2025. ln Wismar macht man sich Mut vor den Landtagswahlen am Sonntag.
(IMG) Bild: Rekordbeteiligung: 8.000 Menschen beim CSD in Halle
Luna Möbius fühlt Angst und Wut, wenn sie über das Wahlergebnis in
Sachsen-Anhalt nachdenkt. Das sagt die trans Aktivistin ins Mikrofon vom
Balkon der Oper in Halle an der Saale. Auf dem Platz vor ihr: Tausende
Demonstrant:innen beim größten CSD, den die Stadt je gesehen hat. Die
Landtagswahl ist noch keine Woche her. Die AfD hat dabei mehr als 43
Prozent der Stimmen bekommen.
Das Mikrofon dicht an den Lippen, sagt sie mit ruhiger Stimme: „Die
nächsten Jahre werden hart. Die nächsten Jahre werden beschissen …“ Für
ein, zwei Sekunden ist es still auf der Zwischenkundgebung vor der Oper.
[1][Bis Möbius den Satz] beendet: „… beschissen für die Faschos!“ Jubel,
Klatschen. „Es wird nirgendwo eine rechtsextreme Regierung geben, die nicht
unseren Widerstand erfährt“, ruft sie in den Applaus hinein. Dann
skandieren die Demonstrant:innen: „Alerta, Alerta, Antifascista!“
Wenige Minuten später zieht der CSD weiter in die Stadt im Süden von
Sachsen-Anhalt. An diesem Samstag demonstrieren laut den
Veranstalter:innen rund 8.000 Menschen beim CSD in Halle oder feiern
beim Straßenfest auf dem Marktplatz mit. Das sind etwa viermal so viele wie
vor einem Jahr. Und sie sind nicht die einzigen, die am Samstag in
Deutschland auf die Straße gehen. [2][127.000 protestieren deutschlandweit]
gegen die AfD. Und an der Ostseeküste in Wismar demonstrieren ebenfalls
Hunderte beim CSD für sexuelle Freiheit und geschlechtliche Vielfalt. Dort,
in Mecklenburg-Vorpommern, steht die Landtagswahl am kommenden Wochenende
an. Wie geht es den Menschen, eine Woche nach und eine Woche vor der Wahl?
Unter den Tausenden, die vor der Oper in Halle jubeln, ist auch eine
Person, die sich als T vorstellt – nur ein Buchstabe, englisch
ausgesprochen. Um die Schultern hat sich they eine Regenbogenfahne gelegt.
„Es fühlt sich gut an, dass sich so viele Leute zusammenschließen. Das gibt
ein Gefühl von Sicherheit.“ Mit beiden Händen hält T ein Pappschild, darauf
ist ein Hai gemalt und die Aufschrift: „Eating Transphobes Alive.“
They komme aus Halle-Neustadt, erzählt T. Einst [3][war das ein
sozialistisches Musterprojekt] im Westen der Stadt. Heute ist das Viertel
für seine Armut bekannt. Und von den Menschen, die dort wählen gegangen
sind, haben mehr als 50 Prozent für die AfD gestimmt. Das sei beängstigend,
sagt T. „Aber es war auch nicht überraschend.“
Nicht nur in Halle-Neustadt ging es für die AfD vor einer Woche gut aus. In
Sachsen-Anhalt bekam die Partei fast überall am meisten Erst- und
Zweitstimmen. Die einzige Ausnahme [4][liegt allerdings auch in Halle]. Im
Zentrum der Stadt, im Wahlkreis 37, bekamen die Linken am meisten
Erststimmen (39,9 Prozent) und die Grünen am meisten Zweitstimmen (33,7
Prozent). Genau durch diesen Wahlkreis läuft am Samstag der CSD.
## Ein Vorhang schiebt sich zur Seite
Ein mit Boxen bestückter Lkw beschallt die Mitte der bunten Demo mit
Elektropop. „I don’t care, I love it“, singt Charli XCX und die
Teilnehmer:innen mit. Im zweiten Stock eines Hauses am Straßenrand
schiebt sich der Vorhang hinter einem Fenster zur Seite. Eine Person mit
Kind auf dem Arm winkt lächelnd nach draußen.
Aus der ländlichen Region nördlich von Halle ist Gerriet an diesem Samstag
zum CSD geradelt. Er nutzt abwechselnd männliche und weibliche Pronomen.
Das Wahlergebnis habe auch sie nicht überrascht, sagt Gerriet. „Und
trotzdem ist bei mir noch nicht angekommen, was das für die nächsten Jahre
bedeutet.“ Die Stimmung in [5][Sachsen-Anhalt habe sich schon länger
verändert]. „Ich als queere Person, die in Sachsen-Anhalt auf dem Land
lebt, frage mich immer öfter, ob es abends für mich überhaupt noch sicher
ist.“ Vor zehn Jahren sei das noch anders gewesen.
Aber nochmal zum Wahlergebnis: Er finde, die Menschen in Sachsen-Anhalt
seien zu Recht wütend. Viele fragten sich, wie sie Miete, Strom und Essen
zahlen sollen. „Aber die AfD richtet diese Wut gegen Menschen, die dafür
nichts können“, glaubt Gerriet. Sie befürchte, dass in der Folge die
Gesellschaft weiter auseinanderbrechen könnte. Wegziehen, das sei für sie
nur eine Frage der Zeit. Bis dahin gelte es aber, Netzwerke aufzubauen,
sich mit Menschen aus anderen Städten und Ländern zu solidarisieren. „Wir
brauchen andere Kompetenzen: Wie drehen wir nicht am Rad, ohne die Politik
auszublenden? Wie unterstützen wir Betroffene? Wie deeskalieren wir?“ Laut
sein allein, das reiche nicht mehr.
Rund um die Demonstration und das queere Stadtfest auf dem Marktplatz in
Halle sind ständig Polizist:innen zu sehen. Beamte in Zivil beobachten,
wer sich dem bunten Treiben nähert. In den vergangenen Jahren [6][gab es
Gegenproteste und Übergriffe], heute bleibt es ruhig beim CSD. Mitten drin
unterhält sich eine Gruppe Lehrerinnen aus Sachsen-Anhalt. Ihre Namen
wollen sie lieber nicht veröffentlichen. Dafür erzählt eine von ihnen, dass
sich bei ihr in der Schule in der vergangenen Woche „die Stimmung absolut
verändert hat“. Ein Teil der Jugendlichen habe das Wahlergebnis gefeiert
und sich gefreut, dass die AfD so viele Stimmen bekommen habe. „Und andere
haben Angst, ob sie in der Schule überhaupt noch existieren dürfen.“
Vom ersten Wagen des CSD in Halle aus ist das Ende der Demonstration nicht
zu sehen, und ganz hinten sind die Reden auf dem ersten Wagen nicht zu
hören. Bunte Fahnen, Seifenblasen und Demoschilder wiegen sich über der
Menge im Takt der Musik und im Wind.
Emanuel, extra aus Stuttgart angereist, „wegen des Wahlergebnisses“, trägt
eine riesige Femboy-Flagge mit sich herum. Sichtbarkeit als queere Person
zu zeigen, das sei jetzt wichtig, sagt er. Emanuel ist zumindest in Halle
an diesem Wochenende nicht zu übersehen.
## Die halbierte CDU
An den Laternen von Halle hängen derweil eine Woche nach der Wahl immer
noch viele Wahlplakate. Auf einem lächelt Sven Schulze,
CDU-Ministerpräsident und Ex-Spitzenkandidat. Seine Partei landete auf
Platz zwei, aber ihr Stimmenanteil hat sich seit der letzten Wahl mehr als
halbiert. 17 Prozent sind übrig, ein historischer Tiefpunkt in
Sachsen-Anhalt. Die CDU werde nun in die Opposition gehen, heißt es. Doch
wer auf Schulze als Regierungschef folgt, ist unklar.
Mit 43,8 Prozent hat [7][die AfD keine eigene Mehrheit im Landtag]. Bis zum
letzten Tag des Wahlkampfs hatte die rechtsextreme Partei verkündet, nur
allein und ohne Kompromisse regieren zu wollen. Nun behauptet sie das
Gegenteil und hat den anderen Parteien Gesprächsangebote geschickt. CDU,
SPD, Grüne und Linke haben das ausgeschlagen. Nur das BSW ging darauf ein.
Während des CSDs schnappt sich eine Demonstrantin etwas Schminke und malt
dem amtierenden Ministerpräsidenten zwei Regenbögen auf die Wangen. So
sieht Schulze zumindest auf dem Plakat fröhlich aus.
Im Wahlprogramm ist von „Regenbogenideologie“, „Regenbogendoktrin“ oder
„perverser Regenbogenpropaganda“ die Rede. Deren Einfluss sei Deutschland
„hilflos ausgeliefert“. Eine „LQBTQ-Bewegung“ – genau so falsch steht es da
zweimal – zerstöre die „tradierte Normalität“ der Gesellschaft. Eine
„Translobby“ fördere bei Kindern eine „seelische Störung“, sich nicht mit
dem eigenen Geschlecht identifizieren zu können. Um das zu verhindern,
[8][wolle die AfD Regenbogenflaggen zum Beispiel an Schulen] verbieten.
Die niedrige Geburtenrate in Deutschland hänge damit zusammen, dass
„sexuelle Abweichungen“ akzeptiert seien. Die AfD wolle hingegen die
„normale Familie“ aus Vater, Mutter und möglichst vielen Kindern in den
Mittelpunkt einer Werbekampagne der Landesregierung stellen. Ob auf der
großen Bühne am Markt oder während des Demonstrationszugs: In jeder Rede
auf dem CSD in Halle geht es eine Woche nach der Wahl um das Ergebnis für
die AfD.
## „Geil und beeindruckend“
Zeitgleich in Wismar, rund 350 Kilometer nördlich von Halle, zieht am
Samstag ebenfalls ein CSD durch die Stadt. Doch auch dort geht es ständig
um das Ergebnis in Sachsen-Anhalt. „Halb Patt, halb Weltuntergang, eine
schlimme Situation“, sagt zum Beispiel Luis Dannewitz. „Bei mir ist da
größte Enttäuschung, Trauer, Ohnmacht“, sagt Sebastian Hüller. Und auch
hier der Impuls: „Das wandeln wir jetzt in Wut um.“
Der 25-jährige Musiker Dannewitz und der ein Jahr ältere IT-Koordinator
Hüller haben den CSD in der 43.000-Einwohner-Stadt an der mecklenburgischen
Ostseeküste mitorganisiert. Rund 2.000 Teilnehmer:innen und damit
ungefähr so viele wie beim ersten Wismarer CSD vor zwei Jahren ziehen am
Nachmittag zum Sound von Hardtech und Gabber einmal quer durch die
Innenstadt. Dannewitz sagt, für ein Land wie Mecklenburg-Vorpommern sei
diese Zahl „einfach geil und beeindruckend“.
Beeindruckend ist zunächst die Mischung der politischen Richtungen. Dass
Grüne, Linke und SPD mit eigenen Wagen dabei sind, überrascht wenig. Eher
schon das Grüppchen mit FDP-Banner, das bei der Demo konfrontationsfrei
unweit eines Palästina-Parolen rufenden Grüppchens der linksautoritären
Roten Jugend mitläuft. Dazwischen der Adenauer SRP+, das extrem laute
Aktionsfahrzeug des Zentrums für Politische Schönheit.
## Hochburg des Rechtsextremismus
Die Ausgangslage vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern am kommenden
Sonntag ist etwas anders als in Sachsen‑Anhalt. Zwar liegt den letzten
Vorwahlumfragen zufolge die AfD mit 36 bis 38 Prozent ebenfalls in Führung.
Dicht dahinter folgt mit 30 bis 34 Prozent aber schon die [9][SPD von
Ministerpräsidentin Manuela Schwesig].
Es ist Wahlkampfendspurt. So ist die Regierungschefin dann auch
höchstselbst nach Wismar gekommen, um bei der CSD-Eröffnungskundgebung auf
dem Marktplatz für ein „starkes“ Mecklenburg-Vorpommern „ohne Hetze, ohne
Ausgrenzung“ zu werben. Und damit für sich selbst. „Hass, Diskriminierung
und Rechtsextremismus dürfen in unserem Land keinen Platz haben“, sagt sie
in einer durchaus kämpferischen Rede. Von dem Applaus, den sie bekommt,
können führende SPD-Politiker:innen andernorts vermutlich nur träumen.
Die Region um Wismar gilt als Hochburg des Rechtsextremismus. Das seit den
1990er Jahren von Neonazis besiedelte „nationalsozialistische Musterdorf“
Jamel liegt keine 15 Kilometer vom Wismarer Markt entfernt. Beim CSD
[10][vor zwei Jahren versammelten sich 250 Neonazis] unweit des Bahnhofs
und brüllten „Ganz Deutschland hasst den CSD“, „Ost, Ost, Ostdeutschland“
und „Nazikiez“. Im Jahr darauf, beim CSD im benachbarten Grevesmühlen,
marschierten sogar 350 Rechtsextremisten auf.
## Neonazis mobilisieren – vergeblich
Die Sorgen waren groß, dass sich das in diesem Jahr wiederholt. Zumal eine
bislang unbekannte Jungnazi-Gruppe mit dem Namen „Jägertruppe MV“ im
Vorfeld gegen den CSD mobilisierte. „Reist, wenn möglich, zu zweit, am
besten in Bezugsgruppen an“, hieß es vorab in den über Instagram
verbreiteten „Sicherheitshinweisen“ der Veranstalter:innen des
diesjährigen CSD. „Besonders bunte Outfits“ sollten erst vor Ort angezogen
werden. Vor allem aber: „Die Demo-Route wird vorab nicht veröffentlicht.“
Bereits am Bahnhof stehen schließlich Bundespolizist:innen Spalier.
Insgesamt sind an diesem Tag gut 100 Beamt:innen im Einsatz.
Die in Sichtweite des Wismarer Marktplatzes angemeldete Gegendemonstration
„für den Schutz unserer Kinder“ fällt dann aber einfach aus. Es kamen
schlicht zu wenig Neonazis. Zwei Männer, einer in eine Deutschland-, der
andere in eine AfD-Fahne gehüllt, ziehen brüllend ihre Runden. Ihre
Artikulation lässt alkoholbedingt zu wünschen übrig. „Ihr seid immer noch
nicht aufgewacht“, ist lediglich zu verstehen. Vereinzelt lungern in der
Altstadt Jungnazis herum. Bedrohlich genug.
Sebastian Hüller sagt: „Es fällt schon auf, dass es gegenüber 2024 und 2025
in diesem Jahr generell bei allen CSDs in Mecklenburg-Vorpommern ruhiger
geworden ist.“ Beim CSD in Neustrelitz etwa beschränkte sich der groß
angekündigte Gegenprotest auf gerade mal zwölf Rechtsextremisten. Hüller
geht davon aus, dass das mit den AfD-Strukturen zusammenhänge. „Die
Rechtsradikalen stecken ihre Energien jetzt in den Wahlkampf und sind da
gerade gebunden.“
Sowohl Luis Dannewitz als auch [11][Sebastian Hüller sind dennoch
optimistisch], dass es am kommenden Sonntag schon „klappen“ wird: dass es
also am Ende eine stabile demokratische Mehrheit im Landtag geben wird.
„Ich glaube, dass das hier noch mal gut geht“, sagt Dannewitz. „Das wird
kein zweites Sachsen-Anhalt“, fügt Hüller hinzu. Allein weil der
mecklenburg-vorpommersche AfD-Ministerpräsidenten-Kandidat Leif-Erik Holm
nun mal „kein Siegmund“ sei. Der habe, anders als der Spitzenkandidat in
Sachsen-Anhalt, „keine Ausstrahlungskraft“.
## Faschistisches Experimentierfeld
Am Steintor in Halle besteigt um kurz vor 14 Uhr Martin Thiele den ersten
Lautsprecherwagen des CSD‑Demonstrationszugs. Wie Dannewitz und Hüller in
Wismar ist er Mitorganisator in Halle. In der vergangenen Woche hat er viel
telefoniert, nach Redner:innen gesucht und am Ende auch seine eigene
Rede geschrieben. Ein Mikro in der rechten und Notizzettel in der linken
Hand, macht er den [12][Demonstrant:innen noch einmal klar, was in
Sachsen-Anhalt nach der Wahl] nun bevorstehen könnte.
„Sollte es zu einer AfD-Regierungsbeteiligung kommen, wird Sachsen-Anhalt
zum faschistischen Experimentierfeld.“ Das mache Angst, sagt Thiele, schaut
in die Menge und zurück auf seinen Zettel. Beratungs- und Begegnungsräume
für queere Menschen würden mit der Schließung kämpfen, queere Menschen
selbst zur Zielscheibe von rechten Übergriffen. „Aber der
völkisch-nationale Ungeist, der nun Einzug hält, kennt unsere queere
Bewegungsgeschichte nicht. Er hat nicht den Hauch einer Ahnung, dass wir
verdammte Überlebenskünstler sind.“
Wenige Minuten später gibt Thiele das Mikro wieder ab, legt seine Notizen
weg. Dann streift er sich eine orange Warnweste über und läuft zur Spitze
der CSD‑Demo. Aus dem Lauti schallt jetzt wieder ein Popsong: „Wannabe“ von
den Spice Girls. Wie fühlt Thiele sich in diesem Moment, rund eine Woche
nachdem die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen hat? „Jetzt im Moment ist meine
Stimmung wahnsinnig gut.“ So viele Leute, so viel Solidarität. Thiele
lächelt. Das sei kein normaler CSD. „Mit so [13][viel Unterstützung können
wir in die schweren Zeiten] gehen.“
Vor der Oper in Halle beendet Luna Möbius ihre Rede mit einer Ankündigung.
„Ich bin vor zwei Jahren aus Halle weggezogen, weil ich Angst vor den
Faschos hatte. Ich ziehe zurück.“ Von der AfD lasse sie sich ihr Zuhause
nicht ruinieren.
13 Sep 2026
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