# taz.de -- Migrantischer Streik in Magdeburg: „Die Entschlossenheit in der Community ist groß“
> Am Mittwoch schließen 120 Gewerbe in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt
> die Türen. Warum und wie erklärt Saaeid Saaeid vom Flüchtlingsrat.
(IMG) Bild: Streikaufruf: Migrantische Gewerbetreibende in Magdeburg legen für einen Tag ihre Arbeit nieder
taz: Herr Saaeid, warum streiken Sie am Mittwoch?
Saaeid Saaeid: Wir streiken, um vor der [1][Landtagswahl in Sachsen-Anhalt]
ein klares Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung zu setzen. Forderungen
nach massenhaften Abschiebungen verunsichern viele Menschen mit Flucht- und
Migrationsgeschichte. [2][Viele haben riesige Angst], dass ihnen das
Bleiberecht aberkannt werden könnte, dass sie ihre Rechte verlieren, dass
sie physisch nicht mehr sicher sind.
taz: Wieso haben Sie sich für das Mittel des Streiks entschieden?
Saaeid: Weil Streik ein demokratisches Mittel mit direkten Auswirkungen
ist. Das merken die Menschen in ihrem Alltag sofort, zum Beispiel beim
Einkaufen, wenn ein Geschäft geschlossen ist. Alle, ob Nachbar*innen,
Kolleg*innen oder Kund*innen, werden es mitbekommen, wenn migrantische
Menschen in Magdeburg einen Tag lang ihre Arbeit ruhen lassen. Bis jetzt
haben 120 Gewerbe zugesagt, sich zu beteiligen – von Gastronomie bis
Einzelhandel. Zehn Prozent davon sind übrigens Deutsche, die aus
Solidarität mitmachen.
taz: Warum haben Sie sich eigentlich an Gewerbetreibende, also
Selbstständige, gewandt, nicht an Arbeiter*innen und Angestellte, also
abhängige Beschäftigte?
Saaeid: Damit es rechtlich sauber ist. [3][Politische Streiks] sind in
Deutschland ja verboten und wir wollen niemandem Probleme machen.
Selbstständige haben die Freiheit und Flexibilität, ihr Geschäft mal für
einen Tag zu schließen.
taz: Bekommt ihr Unterstützung von Gewerkschaften?
Saaeid: Ja, Verdi und DGB haben Interesse signalisiert und wir gehen davon
aus, dass sie sich beteiligen, zum Beispiel mit einem Redebeitrag bei
unserer Kundgebung.
taz: Unterstützen die Gewerkschaften den Streik auch finanziell? Bei
gewerkschaftlichen Streiks bekommen die Beschäftigten normalerweise Geld
aus der Streikkasse. Und gerade für kleinere Läden kann ein Tag ohne Umsatz
ganz schön hart sein.
Saaeid: Nein, wir haben gar keine finanzielle Unterstützung. Aber das
brauchten wir für den Streik bisher auch nicht. Er ist auch eher
symbolisch. Die einzelnen Gewerbe tragen das individuell. Bei einem
bekannten Lebensmittelzulieferer werden das bestimmt Umsatzeinbußen von
mehreren Tausend Euro.
taz: Gibt es auch Gewerbetreibende, die gern mitmachen würden, aber die
sich das nicht leisten können?
Saaeid: Tatsächlich können ein paar wenige nicht teilnehmen. Aber sehr
viele haben auch gesagt, dass es wirtschaftlich zwar schwierig für sie ist,
sie sich aber trotzdem entschieden haben, mitzumachen. Das zeigt sehr
deutlich, wie ernst hier die Stimmung ist.
taz: Ist sie so ernst, dass Sie sich auch vorstellen könnten, den Streik
auszuweiten, zum Beispiel auf ein, zwei Wochen oder auf das gesamte
Bundesland?
Saaeid: Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Entschlossenheit ist
groß. Wir erleben gerade, wie sich Migrant*innen gegenseitig motivieren:
Wenn ein Geschäft plant zu schließen und der Nachbar nicht mitzieht, dann
wird dem von der Community sehr nahegelegt, doch mitzumachen. Jetzt müssen
alle zusammenhalten. Und wir stehen an der Seite aller Menschen, die den
Mut haben, in diesen schwierigen Zeiten durch einen Streik ein starkes
Zeichen zu setzen.
taz: Warum wollen manche nicht streiken?
Saaeid: Sie haben Angst, dass sie Kunden verlieren, dass ihr Vermieter den
Mietvertrag kündigt, dass es politische Nachteile oder noch mehr
rassistische Hetze gibt. Aber die gibt es ja sowieso.
taz: Die Sorgen gibt es vielleicht auch, weil Sie schon vorab, allein für
die Ankündigung zu streiken, öffentlich angefeindet wurden, oder?
Saaeid: Ja, wir stehen unter enormem Druck. Es gibt viele rechte Medien,
die gegen uns hetzen. Wir bekommen unfassbar viele Hasskommentare,
Bedrohungsmails, sogar Anrufe. Da heißt es, dass wir nach der Wahl unsere
Arbeit verlieren werden oder dass wir in unsere Heimatländer zurückgehen
sollen. Rechte Medien haben angekündigt, zu unserer Kundgebung zu kommen,
um die Menschen einzuschüchtern. Und aus verbalen können schnell physische
Angriffe werden. Das haben wir ja nach dem Anschlag auf den Magdeburger
Weihnachtsmarkt erlebt. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, sondern
stehen solidarisch zusammen.
26 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lotte Laloire
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