# taz.de -- Drohende AfD-Mehrheit: Das Kreuz mit dem Kreuz
       
       > Die Initiativen Taktisch Wählen und Campact werben in Sachsen-Anhalt für
       > Grüne und SPD, nur so ließe sich eine AfD-Mehrheit verhindern.
       
 (IMG) Bild: Auf Stimmenfang: vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt
       
       Luise Band und Ole Horn gehen noch einmal auf die Haustür zu. Für die
       Kamera der Nachrichtenagentur wiederholen sie, was sie an diesem Samstag im
       August schon dutzendfach in Halle getan haben – klingeln, warten, über die
       Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sprechen. Anders als üblich werben sie aber
       nicht für eine konkrete Partei. Band und Horn machen Wahlkampf für eine
       Strategie.
       
       [1][Taktisch Wählen], so heißt die Initiative. Wenn Anwohner:innen
       öffnen, dann erklären sie ihre Idee ganz einfach: Je mehr Parteien es über
       die Fünfprozenthürde und ins Parlament schaffen, desto schwerer wird es für
       die AfD zu regieren.
       
       Aktuell liegt die Partei in Umfragen zur Wahl in Sachsen-Anhalt mit mehr
       als 40 Prozent vorne. Währenddessen sind SPD, Bündnis 90/Die Grünen, BSW
       und FDP alle nahe an 5 Prozent. Sollten sie darunter landen, wären die
       Stimmen für sie quasi verschwendet. In diesem Fall könnte die AfD mit ihren
       aktuellen Werten schon allein regieren.
       
       Horn und Band wollen das verhindern, mit Stimmen für die Grünen und die
       SPD. Nur mit denen sei eine demokratische Regierung gesichert. Beim BSW sei
       nicht klar, ob es gegen die AfD stehe. Die FDP sei in den letzten Umfragen
       zu weit abgeschlagen gewesen.
       
       ## CDU profitierte beim letzten Mal
       
       Die beiden werben ehrenamtlich wie Dutzende weitere Aktivist:innen an
       diesem Tag in Halle. Warum? „Weil ich nicht möchte, dass die AfD regiert“,
       sagt Band in die Kamera. Es sei ein gutes Gefühl, sich persönlich dagegen
       einzubringen „und nicht einfach nur zuzuschauen“.
       
       Mit dieser Idee ist Taktisch Wählen nicht allein. Auch der Kampagnenverein
       [2][Campact ruft zur strategischen Wahl] von Grünen und SPD auf – mit den
       gleichen Argumenten. Die CDU sei hingegen eine schlechte Wahl. Sie liegt
       zwar in Umfragen auf Platz zwei, aber trotzdem 20 Prozentpunkte zurück. Bei
       der Wahl in Sachsen-Anhalt sei nicht entscheidend, welche Partei die
       meisten Stimmen bekomme, heißt es von Campact.
       
       Tatsächlich ist die Situation anders als zum Beispiel vor fünf Jahren.
       Damals hatte die CDU in Umfragen 27 Prozent und die AfD 26 Prozent. Um zu
       verhindern, dass die AfD die größte Fraktion im Landtag würde, erklärte der
       damals amtierende Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Reiner
       Haseloff, man müsse ihn wählen. Er sei der Garant gegen die extreme Rechte.
       Das war erfolgreich, seine Partei bekam am Wahltag 10 Prozentpunkte mehr
       als in der letzten Umfrage.
       
       Woher kamen die zusätzlichen Stimmen? Befragungen nach der Wahl damals
       zeigten, dass Tausende Stimmen von der Linken und der SPD zur CDU
       wanderten. In den Tagen danach etablierte sich die Erzählung,
       Mitte-links-Wähler:innen hätten Haseloff gewählt, um einen AfD-Sieg zu
       verhindern. Sie hätten sozusagen taktisch gewählt.
       
       Dem Politikwissenschaftler Janek Treiber zufolge gibt es allerdings kaum
       aktuelle Studien, die taktische Wähler:innen in der Praxis untersuchen.
       Es gebe Hinweise, dass die Abneigung gegen eine Partei zur taktischen Wahl
       motivieren könne. Ähnlich sei es mit der Sorge davor, die eigene Stimme zu
       verschwenden, falls die gewählte Partei doch nicht ins Parlament komme.
       
       Die Initiative Taktisch Wählen empfiehlt nicht nur SPD und Bündnis 90/Die
       Grünen. Für jeden Wahlkreis gibt sie eine Empfehlung ab, wer die höchsten
       Chancen habe, das örtliche Direktmandat gegen die AfD zu sichern. In vielen
       Fällen spricht sich Taktisch Wählen für die CDU aus und in drei Wahlkreisen
       für die Linkspartei.
       
       ## Kritik an Taktisch Wählen
       
       Einer der empfohlenen linken Kandidaten ist Jannik Balint. Ein paar
       Kilometer nördlich von Halle klingelt er an diesem Samstag im August
       ebenfalls an Haustüren. Am Nachmittag öffnet ihm dann eine junge Frau und
       sagt, sie kenne seinen Namen schon von Taktisch Wählen. Balint könnte sich
       an dieser Stelle freuen, tut er aber nicht.
       
       „Das Problem dieser Kampagne ist, dass sie Politik nicht nachhaltig
       verändert.“ Der Linke-Politiker klingt verärgert. Es gehe Taktisch Wählen
       nicht darum, AfD-Wähler:innen in den demokratischen Bereich zurückzuholen.
       „Wir müssen in der aktuellen Situation mit den Leuten ins Gespräch kommen,
       Antworten finden und etwas verändern in der Politik.“ Die Frau in der Tür
       nickt und erzählt, dass sie eigentlich bei den Grünen sei. Trotzdem wolle
       sie mal über ihre Wahlentscheidung nachdenken.
       
       25 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://taktisch-waehlen.de/
 (DIR) [2] https://www.campact.de/strategisch-waehlen/sachsen-anhalt-2026/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Muschenich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Aktivismus
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) SPD
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Kolumne Flimmern und Rauschen
 (DIR) AfD-Verbot
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: Zuwachs für das antifaschistische Bollwerk
       
       Eine neue Umfrage zeigt leichte Zugewinne für SPD und Grüne. Die könnten
       wahlentscheidend sein. Ohne Umfragen wären Wähler:innen
       orientierungslos.
       
 (DIR) Sommerreise von SPD-Fraktionschef: Trotz, Steine und Scherben
       
       Für SPD-Politiker aus Berlin ist Sachsen-Anhalt derzeit ein heißes
       Pflaster, für Minderheiten schon länger. Auf seiner Sommerreise spürt
       Matthias Miersch auch Hoffnung.
       
 (DIR) Sommerinterview mit Chrupalla und Weidel: Doppel-Demagogie in der Infoschiene
       
       Dass die AfD den ÖRR abschaffen will, hält diesen nicht davon ab, sie
       weiter einzuladen. Zumindest der MDR scheint aber aufgewacht zu sein.
       
 (DIR) Debatte zum Umgang mit der AfD: Der richtige Zeitpunkt für ein Verbot ist nicht jetzt
       
       Solange sich die AfD zum Grundgesetz bekennt und nicht regiert, wird ein
       Verbotsverfahren Jahre dauern. Taktisch wäre ein anderer Moment sinnvoller.
       
 (DIR) SPD-Kampagne in Sachsen-Anhalt: Ein Kampf für die Kompromissmaschine
       
       Die SPD bemüht sich trotz mieser Umfragen, in Sachsen-Anhalt etwas zu
       reißen. Dabei hat die Partei nicht nur die AfD gegen sich, sondern auch den
       Bundestrend.
       
 (DIR) Grünen-Chef in Sachsen-Anhalt: Heißer Wahlkampf
       
       Das Dorf Drewitz hält den bundesweiten Hitzerekord. Wie empfänglich ist man
       hier für die klimapolitischen Botschaften der Grünen? Unterwegs mit Felix
       Banaszak.
       
 (DIR) Lehre aus gescheiterten Wahlkämpfen: Grüne gegen Pferderennen (wenn es ihnen gerade hilft)
       
       Vor den Landtagswahlen im September werben die Grünen mit taktischen
       Argumenten. Eine neue Umfrage für Sachsen-Anhalt kommt ihnen dabei gelegen.