# taz.de -- Lehre aus gescheiterten Wahlkämpfen: Grüne gegen Pferderennen (wenn es ihnen gerade hilft)
       
       > Vor den Landtagswahlen im September werben die Grünen mit taktischen
       > Argumenten. Eine neue Umfrage für Sachsen-Anhalt kommt ihnen dabei
       > gelegen.
       
 (IMG) Bild: Die Wahlwerbung fährt elektrisch: Grünenspitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt Suse Sziborra-Seidlitz
       
       Fünf Wochen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt haben der MDR und
       Regionalzeitungen am Donnerstag [1][eine neue Infratest-Umfrage
       veröffentlicht.] Das Ergebnis enthält zwei interessante Wendungen: Erstens
       ist den Zahlen zufolge die AfD von einer absoluten Mehrheit im neuen
       Landtag so weit weg wie lange nicht, auch wenn sie selbst nicht an
       Zustimmung verloren hat. Zweitens erreichen die Grünen zum ersten Mal seit
       Langem 5 Prozent, was für den Wiedereinzug ins Parlament reichen würde.
       
       Beides hängt unmittelbar miteinander zusammen. Und auch wenn die
       Aussagekraft der Daten begrenzt ist, weil Infratest den Fehlerbereich wie
       immer mit 2 bis 3 Prozentpunkten angibt, ist die Genugtuung vor allem bei
       den Grünen groß: Sie können darauf hoffen, dass ihre zentrale
       Wahlkampferzählung aufgeht.
       
       Bei ihrem Narrativ hat die Partei aus vergangenen Wahlniederlagen gelernt –
       [2][etwa der in Brandenburg bei der Landtagswahl 2024.] Trotz ordentlicher
       Umfragewerte im Verlauf der Legislaturperiode waren die Grünen dort an der
       5-Prozent-Hürde gescheitert.
       
       Eine vermutlich zentrale Ursache: Kurz vor der Wahl lagen SPD und AfD in
       Umfragen ungefähr gleich auf und es stellte sich der sogenannte
       Horse-Race-Effekt ein. Die Berichterstattung konzentrierte sich auf die
       Frage, wer auf dem ersten Platz landet. Mitte-Links-Wähler*innen, die die
       AfD als stärkste Kraft verhindern wollten, versammelten sich hinter der
       SPD. Und so verloren die Grünen laut Umfragedaten zur Wählerwanderung
       massiv an die Sozialdemokrat*innen.
       
       ## Ostdeutschland ist nicht Baden-Württemberg
       
       Andernorts sind die Grünen zwar auch Profiteure des Pferderenneneffekts. In
       Baden-Württemberg spitzte sich der Wahlkampf in diesem Jahr mit ihrem Zutun
       auf einen Zweikampf zwischen Grünen und CDU zu. Viele Wähler*innen
       wollten den Unions-Kandidaten Manuel Hagel (den mit den Rehaugen)
       verhindern. Die Grünen um Cem Özdemir [3][gewannen zulasten von SPD] und
       Linken.
       
       In Ostdeutschland sind die Grünen vom Rennen um den ersten Platz aber weit
       weg. Statt vom Horse-Race-Effekt zu profitieren, geht es ihnen in
       Sachsen-Anhalt darum, ihn zu brechen. Die Rahmenbedingungen dafür sind gut,
       und das ausgerechnet, weil die AfD mit ihren über 40 Prozent so weit vorne
       steht.
       
       Die Botschaft, die die Landes-Grünen und die Bundesspitze hoch und runter
       erzählen: Wer auf dem ersten Platz landet, ist nicht entscheidend. Dieses
       Rennen scheint ohnehin gelaufen, da die Union in den Umfragen mehr als 15
       Prozentpunkte hinter der AfD liegt. Entscheidet sei stattdessen, die
       absolute Mehrheit für die Rechtsextremen im Landtag und somit eine
       AfD-Regierung zu verhindern. Und dafür sei es zentral, dass die Grünen in
       den Landtag einziehen.
       
       ## Einfache Rechnung
       
       Man kann das anhand der neuen Infratest-Zahlen veranschaulichen. Den 41
       Prozent für die AfD stehen insgesamt 49 Prozent für CDU, Linke, SPD und
       Grüne gegenüber (die restlichen 10 Prozent entfallen auf Parteien unter der
       5-Prozent-Hürde). Ein relativ komfortabler Abstand, der eine AfD-Mehrheit
       im neuen Landtag unwahrscheinlich macht.
       
       Lägen die Grünen dagegen nur bei 4,9 Prozent, würde sich der Abstand
       zwischen Demokrat*innen und Antidemokrat*innen im neuen Landtag
       auf einen Schlag auf rund 3 Prozentpunkte verringern. Das ist so knapp,
       dass es die AfD bis zur Wahl tatsächlich aufholen könnte.
       
       Falls die Grünen in den nächsten Umfragen wieder unter 5 Prozent liegen,
       könnte es zwar sein, dass ihnen auch ihre schöne Erzählung nichts hilft.
       Unentschlossene Wähler*innen könnten fürchten, dass Stimmen für die
       Grünen verschenkt sind, wenn die Partei an der Sperrminorität scheitert. Da
       die neue Infratest-Umfrage aber zumindest einen Trend nach oben suggeriert,
       könnte jetzt auch der gegenteilige Effekt eintreten: Die Grünen legen
       stabil zu, womöglich zulasten von Linken und SPD (die aber mit aktuell 7
       Prozent ebenfalls nicht weit von der Todeszone entfernt ist).
       
       ## Im Norden zweimal um die Ecke
       
       In Mecklenburg-Vorpommern, wo zwei Wochen später gewählt wird, versuchen es
       die Grünen übrigens mit dem gleichen Narrativ. Dort passen die
       Rahmenbedingungen aber nicht ganz so gut: Die AfD liegt zwar auch im Norden
       in Umfragen vorne, ist von einer absoluten Mehrheit aber weit weg und hat
       auch den Kampf um den ersten Platz noch nicht gewonnen. Der Rückstand der
       SPD ist mit 7 Prozentpunkten groß, aber nicht unaufholbar – zumal die
       Sozialdemokrat*innen mit Amtsinhaberin Manuela Schwesig eine
       populäre Spitzenkandidatin haben.
       
       Entsprechend ist die Erzählung der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern
       zumindest leicht abgewandelt. Sie werben nicht nur damit, dass Grüne im
       Landtag eine AfD-Mehrheit verhindern würden. Sondern auch damit, dass ohne
       Grüne im Landtag die demokratischen Fraktionen an der Regierungsbildung
       scheitern könnten: Nicht ganz ohne Grundlage argumentieren sie, dass sich
       die CDU nicht auf eine Zusammenarbeit mit der Linken einlassen würde.
       
       Einfacher würde es demnach mit Grünen im Landtag. In der letzten
       Infratest-Umfrage von Anfang Juli liegt die Partei tatsächlich auch in
       Mecklenburg-Vorpommern bei 5 Prozent und ganz knapp könnte es den Zahlen
       zufolge im Parlament [4][für eine rot-rot-grüne Mehrheit reichen.]
       Entsprechend [5][schreiben die Grünen auf ihrer Internetseite] um zwei
       Ecken gedacht: Wer Schwesig als Ministerpräsidentin behalten will, muss uns
       wählen. Gewissermaßen wollen sie hier also doch noch am Horse-Race
       teilnehmen – als Pony im Windschatten der Großen.
       
       30 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landtagswahl/ergebnisse-landtagswahl-afd-cdu,wahl-umfrage-100.html
 (DIR) [2] /Wahlniederlage-der-Gruenen-in-Brandenburg/!6038023
 (DIR) [3] /Ratlose-SPD-nach-Baden-Wuerttemberg/!6160994
 (DIR) [4] /Mecklenburg-Vorpommern/!6192591
 (DIR) [5] https://gruene-mv.de/landtagswahl-2026/5-gruene-im-landtag-bedeutet-0-afd-regierung/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Schulze
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahlen
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Umfrage
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Cem Özdemir
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland
 (DIR) Kolumne Der rechte Rand
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Drohende AfD-Mehrheit: Das Kreuz mit dem Kreuz
       
       Die Initiativen Taktisch Wählen und Campact werben in Sachsen-Anhalt für
       Grüne und SPD, nur so ließe sich eine AfD-Mehrheit verhindern.
       
 (DIR) Cem Özdemir: „Ich bin auch Anwalt der Grünen-Basis“
       
       Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir sieht die Zukunft seiner
       Partei in der Mitte. Nur so könne man Extremismus von rechts und links
       bekämpfen.
       
 (DIR) Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Campact startet Aufruf zur strategischen Wahl
       
       Die AfD könnte in Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit holen. Campact will,
       dass auch Grüne und SPD den Sprung in den Landtag schaffen, damit dieser
       Fall nicht eintritt.
       
 (DIR) Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Wagenknecht bietet sich als AfD-Königsmacherin an
       
       Die Spitzen der Wagenknecht-Partei BSW kündigen an, einer rechtsextremen
       Landesregierung in Sachsen-Anhalt per Enthaltung zur Macht verhelfen zu
       wollen.
       
 (DIR) CDU und Linke in Sachsen-Anhalt: Niemand will eine Koalition
       
       Bodo Ramelow plädiert für eine Zusammenarbeit von CDU und Linken nach der
       Wahl. Und stößt auf Betonköpfe, die Realpolitik immer noch nicht verstehen.
       
 (DIR) Regionalbüro in Eisenach geplant: Hessens Grüne helfen im nahen Osten aus
       
       Grünen-Chef Banaszak eröffnete letztes Jahr fern der Heimat ein
       Wahlkreisbüro in Brandenburg. Andere West-Abgeordnete expandieren jetzt
       nach Thüringen.
       
 (DIR) Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern: Grüner Aufbau Ost
       
       Ob die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern wieder in den Landtag einziehen,
       ist unsicher. Zwei westdeutsche Unternehmer wollen mit ihrem Geld helfen.
       
 (DIR) Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: Wie eine AfD-Regierung doch noch verhindert werden könnte
       
       In Mecklenburg-Vorpommern befindet sich die SPD auf einer Aufholjagd zur
       AfD. Für die CDU kommen die Rechtsextremen als Bündnispartner nicht
       infrage.
       
 (DIR) Wahlkampf der Linken in Sachsen-Anhalt: Auf der Jagd nach Direktmandaten
       
       In zwei Wahlkreisen legt sich die Linke in Sachsen-Anhalt besonders ins
       Zeug. Sie versucht dabei, sich wieder als Kümmerer-Partei zu etablieren.