# taz.de -- Sommerreise von SPD-Fraktionschef: Trotz, Steine und Scherben
> Für SPD-Politiker aus Berlin ist Sachsen-Anhalt derzeit ein heißes
> Pflaster, für Minderheiten schon länger. Auf seiner Sommerreise spürt
> Matthias Miersch auch Hoffnung.
(IMG) Bild: Viele Baustellen: Auch Nicky Meissner von der Wohnungsbaugenossenschaft Dessau schildert Matthias Miersch seine Unzufriedenheit
Unbekannte haben kurz nach dem Anschlag auf den Berliner CSD die Scheiben
des Regenbogencafés in Magdeburg eingeschlagen. Der Schwulen- und
Lesbenverband (LSVD+) in Sachsen-Anhalt hat das Café gemietet. Wer die
Täter sind, bleibt unklar, die Polizei ermittelt. Aber dass die Stimmung
kälter wird, das spüren Justin Dziobek und Sophie Wieser, beide im Vorstand
des Verbandes, ohnehin seit einigen Monaten.
Urin vor und Aufkleber [1][der rechtsextremen Partei Dritter Weg] an der
Tür des Ladens, im ländlichen Raum häuften sich Übergriffe. „Man merkt so
einen Hass auf Menschen, die anders sind.“ Seitdem die Umfragen für die AfD
durch die Decke gehen, wachse auch das Selbstbewusstsein. Die Haltung der
Rechten beschreiben sie so: „Bald regiert die AfD, da können wir auf queere
Menschen losgehen.“
Matthias Miersch, Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und offen
schwul, sitzt den beiden gegenüber. Er knetet die Finger und atmet hörbar
aus: „Das berührt mich wahnsinnig.“
Erreicht die AfD die absolute Mehrheit, zerbrechen in Sachsen-Anhalt wohl
nicht nur Fensterscheiben: Die Rechtsextremen wollen Demokratieprojekte
streichen, Inklusion an Schulen beenden, „pervers-linke Agitation“
verbieten und „kulturfremden“ Fachkräften die Einwanderung verwehren. Schon
jetzt berichten Universitäten von stockenden Berufungsverhandlungen, weil
Bewerber den Wahlausgang abwarten. Ein Bürgermeister erzählt der taz von
einem Investor, der abgesprungen sei.
## Auf Auftritte mit dem Spitzenkandidaten verzichtet Miersch
Miersch hat seine Sommerreise, die eigentlich nach Mecklenburg-Vorpommern
führen sollte, kurzfristig umgeplant und tourt zwei Tage durch
Sachsen-Anhalt. Ob das wirklich Rückenwind bringt, bleibt offen, aber die
SPD vor Ort nimmt jede Unterstützung dankbar an. In Umfragen liegt sie bei
sieben Prozent, die 3.000 Mitglieder arbeiten rund um die Uhr.
Auf öffentliche Auftritte mit [2][Spitzenkandidat Armin Willingmann]
verzichtet Miersch wohlweislich. Er besucht, begleitet von
Hauptstadtjournalisten, emissionsarme Wohnungen, trifft Geflüchtete, die
ihren Schulabschluss nachholen, und macht Sport mit Seniorinnen. Viele
Angefragte haben aber auch abgesagt, heißt es aus seinem Umfeld: kein
Interesse an Medien.
Die Unzufriedenheit über die Bundesregierung ist spürbar. Der Vorsitzende
der Wohnungsgenossenschaft Dessau, Nicky Meissner, beklagt zu strenge
Baustandards und zu hohe Kosten. Das Ziel, jedes Jahr 400.000 neue
Wohnungen zu errichten, hält er für „utopisch“. Bauen sei zu teuer, die
Nebenkosten auch. Und die Gasspeicher kaum gefüllt – „Haben wir
Versorgungssicherheit?“, fragt er Miersch. – „Die Wirtschaftsministerin
sagt Ja. Aber sie können das ruhig hinterfragen“, antwortet der.
Die Energieversorgung ist nicht das einzige Thema, bei dem die
Koalitionspartner querliegen. Auch die Ausgestaltung der Sozialreformen
sorgt für Diskussionen: die mögliche Abkehr vom 8-Stunden-Tag, die
Krankschreibung ab Tag eins, die [3][Abschaffung der abschlagsfreien Rente
nach 45 Jahren]. Letzteres nennt SPD-Spitzenkandidat Willingmann ein
„Reizthema“ in Sachsen-Anhalt. Der ebenfalls schwer wahlkämpfende
CDU-Ministerpräsident Sven Schulze hat gefordert, sie beizubehalten und
sich damit gegen die eigene Partei gestellt.
## Wie kann die Koalition noch Rückenwind erzeugen?
Miersch verspricht, das Thema Rente nach Berlin mitzunehmen. „Wir wollen
eine zukunftsfeste Rente, aber dies verbinden mit dem
Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen“, sagt er der taz. Die Vorschläge
der Kommission seien politische Absichtserklärungen. „Über die genaue
Ausgestaltung muss man noch reden.“
Der Gesetzentwurf kommt ohnehin erst nach den Landtagswahlen. Bis zur Wahl
in Sachsen-Anhalt bleiben noch zwölf Tage. Schafft es die Koalition bis
dahin, wenigstens etwas Rückenwind zu erzeugen? Noch bis Mittwoch berät das
Kabinett mit dem Kanzler in Neuhardenberg über Wettbewerbsfähigkeit, ab
Donnerstag wird Miersch in Münster erwartet, wo die Vorstände von Unions-
und SPD-Fraktion tagen. Es gehe bei den Klausuren darum, „dass wir dieses
Land wirklich voranbringen wollen, aber auch Reformen noch mal erklären“,
sagt Miersch. Seine eigene Partei sieht er in der Pflicht, die
sozialdemokratischen Erfolge, etwa die vereinbarte Facharztgarantie für
gesetzlich Versicherte, deutlicher zu machen.
Auch über eine Auswechslung der beiden Parteivorsitzenden wird in der SPD
derzeit laut nachgedacht. Miersch hält davon nichts. Wenn man die Briefe
diverser Gruppen und Untergruppen aber weiter lese, erkenne man die
Grundfrage: „Sind wir weiter bereit, mit CDU und CSU Kompromisse zu finden
und Verantwortung zu übernehmen.“ Einfach sei das nicht. „Es wird kein
rot-grünes Projekt sein, auch in den nächsten zwei Jahren nicht“, sagt er
der taz. Dennoch sei er sicher, dass die Mehrheit der SPD-Basis zur
Koalition stünde. „Darüber müssen wir in der zweiten Jahreshälfte breit
diskutieren.“ Ein Konvent, wie ihn Parteichef Lars Klingbeil vorgeschlagen
hat, sei dafür zu klein. „Da erreichen wir nur eine sehr begrenzte Anzahl
der Mitglieder“, sagt Miersch.
Fliegt die SPD am 6. September aus dem Landtag, stellt sich die Frage nach
dem Fortbestand der Berliner Koalition akut. Doch darüber will in der SPD
niemand öffentlich oder im Hintergrund nachdenken. Im Regenbogencafé blickt
man dem Wahltag mit viel Hoffnung entgegen. „Ich glaube fest daran, dass es
für eine demokratische Mehrheit reicht“, sagt Dziobek. Viele Menschen haben
sich nach den zerschlagenen Scheiben solidarisiert. Das Fenster ist mit
bunten Aufklebern gepflastert wie „Kein Mensch mag Nazis“. Und wenn die AfD
doch die absolute Mehrheit bekommt? „Dann geht der Kampf erst richtig los“,
sagt Dziobek entschlossen. „Dann holen wir uns unser Land zurück.“
25 Aug 2026
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