# taz.de -- Berlin vor der Landtagswahl: Kampf um die Hauptstadt
       
       > Das Gespenst der Enteignung geistert auch 2026 durch den Berliner
       > Wahlkampf. Entscheidet es gar, wer künftig die Metropole regiert?
       
 (IMG) Bild: In Berlin halten viele Mieter:innen mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg
       
       Der Mann, der sich als Peter vorstellt, ist nicht gerade einer, den man für
       einen typischen Enteignungsaktivisten halten könnte: Er ist weder jung noch
       international, noch sonst der linken Szene zuzuordnen. Stattdessen
       berlinert der vielleicht 60-Jährige Urspandauer deutlich und trägt ein
       knallgelbes Bienenhemd samt Hosenträgern. Seit über sechs Jahren ist er
       Aktivist in der Spandauer Ortsgruppe von „Deutsche Wohnen & Co enteignen“
       (DWE).
       
       Er findet, gerade das Milieuübergreifende sei das Besondere an dem
       Volksentscheid. „Dass wir gezeigt haben, dass es für soziale Anliegen
       deutliche Mehrheiten gibt, wenn wir nur jenseits von Parteipolitik
       schauen“.
       
       An einem Juliabend hat die Spandauer Ortsgruppe in den Treffpunkt
       Regenbogen unweit der Spandauer Altstadt eingeladen, um das von der
       Initiative verfasste Vergesellschaftungsgesetz vorzustellen. Gekommen sind
       ein Dutzend Leute, auch hier entsprechen viele nicht dem Klischee: Kaum
       einer ist unter 60, getragen werden Jack-Wolfskin-Regenjacken und
       Strickpullis.
       
       Viele hier sind seit Jahren für die Vergesellschaftung aktiv, haben
       Unterschriften gesammelt und Plakate geklebt. „Dass wir am Ende selbst im
       als konservativ geltenden Spandau eine Mehrheit erkämpfen konnten, macht
       mich richtig stolz“, sagt Peter.
       
       ## Die Gretchenfrage im Berliner Wahlkampf
       
       Es ist keine Frage, das Gespenst der Enteignung hat Berlin verändert, seit
       2021 knapp 58 Prozent der Berliner:innen für die Vergesellschaftung
       großer Immobilienkonzerne gestimmt hatten. Eine Mehrheit gab es damals in
       elf von zwölf Bezirken, Unterstützer:innen kamen längst nicht nur aus
       linken Parteien. Seither wird die Umsetzung zwar blockiert, doch die
       Politik steht angesichts des nicht umgesetzten Volkswillens weiter unter
       Druck.
       
       Nun, fünf Wochen vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus, entwickelt sich das
       Thema erneut zur Gretchenfrage: Gelingt ein mögliches Linksbündnis aus der
       Linken, den Grünen und der SPD, oder scheitert es?
       
       Grund dafür sind SPD und Linke, die beide jeweils die Enteignungsfrage zur
       roten Linie erklärt haben, allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven.
       „Dann muss die Linke wohl allein regieren“, twitterte der Spitzenkandidat
       der SPD, Steffen Krach, nachdem die Linke-Chefin auf Bundesebene, Ines
       Schwerdtner, klargestellt hatte: „Es wird mit der Berliner Linken in der
       Regierung vergesellschaftet werden.“ Krach erklärte, er werde keiner
       Koalition beitreten, die die Enteignung zur Bedingung macht.
       
       Die Spitzenkandidatin der Berliner Linkspartei, Elif Eralp, wiederum
       vermied in ihrer Reaktion auf die Debatte, die rote Linie von Schwerdtner
       noch dicker zu ziehen. Sie sagte lediglich, bei Koalitionsgesprächen würde
       „auch die Vergesellschaftung auf dem Tisch liegen“.
       
       Die Drohung von SPD-Mann Krach ist durchaus ernst zu nehmen. Bereits nach
       der Wiederholungswahl 2023 ließ die damalige Regierende Bürgermeisterin
       Franziska Giffey (SPD) ein neues rot-grün-rotes Bündnis platzen, für das es
       damals wie heute eine stabile Mehrheit gab. Sie entschied sich damit gegen
       die eigene Regierungsführung und für eine Juniorpartnerschaft mit der CDU.
       Nicht wenige in der Berliner Landespolitik vermuten, dass ein wichtiger
       Grund für diese Entscheidung die Enteignungsfrage war.
       
       Seit 2023 haben sich allerdings die Mehrheitsverhältnisse geändert. Die SPD
       führt das Mitte-links-Lager nicht mehr an, sondern hängt in den Umfragen
       weit abgeschlagen mit 12 Prozent fast zehn Prozentpunkte hinter der Linken,
       die derzeit stärkste Kraft ist. Schwarz-Rot, die amtierende Koalition, hat
       ihre Mehrheit verloren. Die Linke würde Koalitionsverhandlungen deshalb
       wohl aus einer starken Position heraus anführen – wäre aber weiterhin auf
       die SPD angewiesen.
       
       ## Konzernkampagnen gegen Vergesellschaftung
       
       Es dürfte diesen guten Aussichten der Berliner Linken geschuldet sein,
       [1][dass auch Wirtschafts- und Immobilienverbände derzeit mobilmachen]. In
       einer Kampagne mit Werbung im öffentlichen Raum und auf Social Media warnen
       Lobbyverbände vor den Folgen der Vergesellschaftungspläne. Diese würden
       Berlin von internationalen Investoren abschneiden und in die Pleite führen.
       So heißt es auf einer Werbetafel etwa: „Für 36 Milliarden Euro kann man
       225.000 bestehende Wohnungen verstaatlichen. Oder einfach 150.000 neue
       bauen.“
       
       Im Kern geht es „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ darum, die Bestände der
       großen privaten Immobilienkonzerne mit mehr als 3.000 Wohnungen in Berlin
       in Gemeineigentum zu überführen – insgesamt etwa 220.000 Wohnungen von etwa
       einem Dutzend Konzernen. Rechtlich ist das möglich, wie eine
       Expertenkommission des Senats festgestellt hat.
       
       Während der Marktwert der Immobilien auf 36 Milliarden Euro geschätzt wird,
       rechnet DWE mit Entschädigungskosten von 8 bis 17 Milliarden Euro. Laut
       Grundgesetz muss bei der Ermittlung der Kosten das Interesse der
       Allgemeinheit berücksichtigt werden. Finanziert werden soll die
       Vergesellschaftung nicht aus dem Landeshaushalt, sondern über 100-jährige
       Schuldverschreibungen, die aus den Mieteinnahmen getilgt werden könnten.
       
       Wie weit weg die privaten Konzerne mit ihren Kampagnen von den Nöten der
       Berliner:innen sind, die zu 80 Prozent zur Miete wohnen, zeigt eine
       aktuelle Posse. Vonovia, der größte private Immobilienbesitzer der Stadt,
       gab eine Umfrage zur Enteignung des eigenen Wohnungsbestands in Auftrag, um
       zu zeigen, dass sich die Stimmung in der Stadt inzwischen gedreht hat.
       Ergebnis: Die Mehrheit der Berliner:innen will den Konzern immer noch
       aus der Stadt jagen. Vonovia versuchte die Veröffentlichung der Studie
       zurückhalten, allerdings vergeblich.
       
       Hektisch tätig geworden sind auch die Enteignungsgegner:innen in der
       Politik. Stefan Evers, der seit dem Rückzug von Kai Wegner Spitzenkandidat
       der CDU ist, brachte auf der Finanzministerkonferenz Ende Juni Vorschläge
       ein, wie Vergesellschaftungen nach Artikel 15 Grundgesetz durch ein
       Bundesgesetz verhindert werden könnten.
       
       Der Antrag wurde schließlich als Brief an Bundesfinanzminister Lars
       Klingbeil (SPD) weitergeleitet. Anfang Juli einigte sich das Bundeskabinett
       darauf, ein entsprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen – allen
       verfassungsrechtlichen Bedenken, jüngst sogar formuliert von
       Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD), zum Trotz.
       
       ## Ein Deckel gegen Enteignung
       
       Die Aktivist:innen von „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ finden sich mit
       ihrem Anliegen so unverhofft im Mittelpunkt des Berliner Wahlkampfes
       wieder. Auf einem über und über grün bewachsenen Balkon in einer
       Seitenstraße in Nord-Neukölln sitzt an einem Dienstagvormittag bei mehr als
       30 Grad Ralf Hoffrogge. Er ist Historiker, Mietenaktivist bei DWE seit
       ihren Anfängen 2017 und mit seinem Buch „Das laute Berlin“ Chronist der
       Bewegung.
       
       Im schwarzen Shirt und mit schwarzer Basecap sieht er aus wie ein
       Altautonomer, doch Hoffrogge will keine Häuser besetzen, sondern das System
       auf legalem Weg verändern.
       
       „Wir sind im Aufwind durch deren schrille Reaktion“, sagt er über die
       Kampagnen seiner Gegner. Auch das „Bundessperrgesetz“, wie Hoffrogge das
       angekündigte Bundesgesetz nennt, entmutigt ihn nicht. Er glaube nicht, dass
       es rechtlich umsetzbar ist. Und doch bereite ihm Bauchschmerzen, dass der
       Rechtsstreit über das Gesetz die Vergesellschaftung großer
       Immobilienkonzerne erneut um Jahre verzögern könnte.
       
       Dass der Berliner Senat die Umsetzung des Volksentscheids bereits jahrelang
       verschleppt hat, scheint Hoffrogge mit Gleichmut zu ertragen. Er sagt: „In
       der Zeit wurden viele Forderungen erfüllt, die wir nie gefordert haben.“ Er
       nennt an erster Stelle den Berliner Mietendeckel, mit dem der damals
       rot-rot-grüne Senat 2020 weltweit Schlagzeilen machte. Der Mietendeckel
       stoppte die Mieterhöhungsspirale und führte sogar dazu, dass überhöhte
       Mieten wieder abgesenkt werden mussten – damals ein Novum der Mietenpolitik
       unter kapitalistischen Bedingungen.
       
       Der Deckel wurde zwar ein Jahr darauf vom Bundesverfassungsgericht wegen
       fehlender Landeskompetenz wieder gekippt. Der Eindruck, was möglich ist,
       wenn die Politik nur will, blieb jedoch.
       
       Ein weiterer Erfolg der letzten Jahre sei die Vergrößerung der
       Wohnungsbestände der landeseigenen Wohnungsunternehmen. Auf 270.000
       Wohnungen war der Bestand infolge der Privatisierungspolitik geschrumpft,
       die alle Parteien, auch die PDS, bis Anfang der 2000er Jahre mitgetragen
       hatten.
       
       Inzwischen gehören den sechs landeseigenen Gesellschaften durch Neubau und
       Zukäufe wieder mehr als 400.000 Wohnungen. Teilweise wurden dafür große
       Bestände, auch von Vonovia, übernommen, es wurden aber auch einzelne Häuser
       im Rahmen des Vorkaufsrechts erworben.
       
       Und auch die aktuelle Debatte über wohnungspolitische Maßnahmen sieht
       Hoffrogge in einem deutlichen Aufschwung. Linke und Grüne werben im
       Wahlkampf jeweils mit Gesetzesinitiativen, mit denen sie private
       Vermieter:innen dazu zwingen wollen, einen Teil ihrer Wohnungen zu
       festgelegten Miethöhen an Menschen mit geringem Einkommen zu vermieten.
       Dabei soll dieser Anteil steigen, je mehr Wohnungen ein Vermieter besitzt.
       
       Im Konzept der Linken müssten die großen Vermieter mit mehr als 1.000
       Wohnungen jede zweite frei gewordene Wohnung bezahlbar vermieten. 17.000
       erschwingliche Wohnungen sollen so pro Jahr hinzukommen.
       
       ## Paradigmenwechsel in der Wohnungspolitik
       
       Ralf Hoffrogge spricht angesichts dieser Gesetzesinitiativen von einer
       „Wende“, die der Debatte über Mietpreisregulierung neuen Schwung verleihe.
       Nach dem Urteil zum Mietendeckel habe sich dagegen jahrelang nichts bewegt,
       während die Mieten in Berlin so stark gestiegen seien wie in keiner anderen
       deutschen Stadt.
       
       Angesichts der bevorstehenden Wahl scheinen gerade Dinge möglich, mit denen
       noch vor nicht allzu langer Zeit kaum jemand gerechnet hätte. Kürzlich
       begann etwa der Senat damit, aus eigener Initiative heraus Wohnungsangebote
       auf großen Portalen nach ihrer Miethöhe auszuwerten. Ergebnis: Bei der
       Hälfte lag eine überhöhte Miete vor, oft um mehr als 50 Prozent und damit
       im Bereich des strafbaren Mietwuchers. Gleichzeitig wurden Stellen auf
       Landesebene und in den Bezirken geschaffen, um Mietwucher zu verfolgen.
       
       Ebenso hat sich der schwarz-rote Senat auf ein Mietenkataster geeinigt.
       Dieses soll Vermieter:innen künftig verpflichten, detaillierte Angaben
       über Wohnungen und Mietverhältnisse auf einer zentralen Plattform
       einzutragen. Somit sollen auch in bestehenden Mietverhältnissen überhöhte
       Mieten herausgefiltert werden. Zwar müssten Mieter:innen dann immer noch
       selbst tätig werden, um ihre Mieten abzusenken.
       
       Und doch stehen beide Maßnahmen für ein neues, aktives Eingreifen der
       Politik in den Berliner Wohnungsmarkt. Insbesondere für eine CDU-geführte
       Regierung ist das ein Paradigmenwechsel nach Jahren, in denen die
       zuständigen Senatsparteien auf Forderungen nach neuen Schutzmechanismen für
       Mieter:innen hin stets nur die Hände hoben und auf den Bund zeigten.
       
       Doch ruhigstellen lassen sich die Aktivist:innen von „Deutsche Wohnen &
       Co enteignen“ durch die neue Mietenpolitik nicht. Angesichts der
       politischen Blockade des Volksentscheids haben sie viele Spendengelder
       gesammelt und in Zusammenarbeit mit einer Kanzlei selbst ein
       Vergesellschaftungsgesetz erarbeitet. An einem zweiten Gesetz wird gerade
       noch gefeilt. Darin soll ausbuchstabiert sein, wie die vergesellschafteten
       Wohnungen verwaltet werden sollen.
       
       Die Drohung, die DWE so mit Substanz unterfüttert: Wenn die Politik nicht
       endlich selbst zur Umsetzung schreitet, [2][gehen wir in ein neues
       Volksbegehren.] Mit einem positiven Entscheid würden die Gesetze sofort in
       Kraft treten.
       
       Hoffrogge sagt: „Die fertigen Gesetze werden in einigen Monaten auf dem
       Tisch liegen.“ DWE sei auch nach all den Jahren voll handlungsfähig. Es
       gebe Kiezteams, Arbeitsgemeinschaften, regelmäßige Veranstaltungen. Die
       „Zähigkeit des Misserfolgs“, nennt Hoffrogge das. Auf das erneute Erzwingen
       eines Volksentscheids sei die Initiative vorbereitet. „Viele Leute warten
       nur darauf, dass sie wieder Unterschriften sammeln können.“
       
       ## Vergesellschaftung sozialdemokratisch interpretiert
       
       Auch die SPD brachte vor einigen Monaten einen Vorschlag zur Umsetzung des
       bestehenden Volksentscheids ins Spiel; maßgeblich aus der Feder des
       Abgeordneten Sebastian Schlüsselburg stammt ein Vergesellschaftungskonzept,
       mit dem dieser sich an dem Kunststück versuchen will, ihn zu verwirklichen
       – ohne die Immobilienkonzerne tatsächlich zu enteignen.
       
       Schlüsselburg bezeichnet sich als „demokratischen Sozialisten“ und gehört
       zum linken Parteiflügel der SPD. Erst Anfang vergangenen Jahres ist er aus
       der Linkspartei ausgetreten. An einem heißen Julitag sitzt er vor einem
       Spätkauf in Marienfelde, seinem Wahlbezirk, und erklärt sein Modell.
       
       Vergesellschaften, ohne zu enteignen – wie soll das gehen? Schlüsselburg
       beruft sich auf die genaue Formulierung des Vergesellschaftungsartikels 15
       im Grundgesetz. Nach dieser kann der Wohnungsmarkt entweder „in
       Gemeineigentum“ oder aber auch „in andere Formen der Gemeinwirtschaft“
       überführt werden. „In Gemeineigentum“, das bedeute dann Enteignung, erklärt
       Schlüsselburg.
       
       Mit „anderen Formen der Gemeinwirtschaft“ könnte dagegen auch ein stark
       reglementierter Wohnungsmarkt gemeint sein, in dem das Privateigentum
       fortbesteht. Unter anderem soll so ein neuer Mietendeckel möglich werden.
       DWE hält das Vorhaben für eine „Nebelkerze“, das die Vergesellschaftung
       aushöhlen soll.
       
       Danach gefragt, warum er das Eigentum der Konzerne für so schützenswert
       hält, spricht Schlüsselburg von der großen Krise der Demokratie. „Wir haben
       es doch mit dem Mietendeckel verkackt“, sagt er. Dieser sei zwar „mutig“
       gewesen, doch man habe den Berliner:innen Hoffnungen gemacht, die sich
       am Ende nicht erfüllt hätten. „Das können wir uns nicht noch einmal
       leisten. Deshalb müssen wir uns ganz sicher sein, wenn wir Artikel 15
       anwenden“, sagt er. „Rechtssicherer und günstiger“ sei es, auf seine Weise
       interpretiert zu vergesellschaften.
       
       Ein weiterer Grund für dieses Konzept dürfte allerdings sein, dass der
       SPD-Linke so versucht hat, die Vergesellschaftung nicht den anderen
       Parteien zu überlassen. Doch Schlüsselburgs eigene Partei wollte nicht
       mitspielen – und macht nun Politik gegen die Vergesellschaftung. Er habe
       „im Strahl gekotzt“, als Bundesfinanzminister Klingbeil das Vorhaben
       verkündete, die Vergesellschaftung auf Landesebene verbieten zu wollen,
       erzählt Schlüsselburg.
       
       Ein rot-rot-grünes Bündnis, für das es in Berlin seit 1990 schon immer
       Mehrheiten gab, könnte an der Enteignungsfrage scheitern. Sebastian
       Schlüsselburg will das verhindern und sieht die Linkspartei in der
       Verantwortung. Er verweist auf den drohenden AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt und
       den globalen Rechtsruck.
       
       „Wenn die Linke in dieser Situation sich die Möglichkeit einer
       Mitte-links-Landesregierung entgehen lässt, wäre das Wahnsinn“, sagt er.
       Das „Hoffnungsprojekt Rot-Rot-Grün“ dürfe man in diesen Zeiten nicht wegen
       verschiedener Auffassungen, wie die Vergesellschaftung auszusehen habe,
       scheitern lassen.
       
       ## Wie rot ist die Linie der Linken?
       
       In der Linken sieht man dagegen die SPD als die Blockiererpartei, die eine
       Umsetzung der Vergesellschaftung verhindere – und für die Interessen der
       Immobilienkonzerne auch ein Linksbündnis platzen zu lassen bereit sei.
       „Wenn Herr Krach sagt, enteignen gehe nur ohne ihn, dann, bitte, machen wir
       es ohne ihn. Der Weg nach Hannover ist frei“, sagt etwa Rouzbeh Taheri,
       Direktkandidat der Linken im Bezirk Neukölln. Krach ist derzeit als
       Regionspräsident von Hannover beurlaubt.
       
       Taheri steht vor einem Neuköllner Mietshaus und hält zwei Plastikstühle
       unter dem Arm. Gerade baut er eine Mieter:innenversammlung ab, die
       seine Partei hier abgehalten hat. Der Grund: Seit 19 Tagen leben die
       Mieter:innen des Hauses ohne Strom. Etwa 50 Bewohner:innen in
       Flip-Flops waren gekommen, darunter auch Kinder.
       
       In seiner Rede sagte Taheri: „Das Haus gehört einer amerikanischen
       Investmentfirma, die interessieren sich nicht für einfache Mieter.“ Applaus
       aus dem Publikum. Und weiter: „Wir wollen das Thema grundsätzlich angehen,
       dazu gehört auch die Vergesellschaftung.“ Anschließend riefen
       Aktivist:innen der Linkspartei in roten Westen die Mieter:innen dazu
       auf, einen kollektiven Mängelbescheid auszufüllen, den die Partei dem
       Vermieter per Gerichtsvollzieher zustellen will.
       
       Dass die Linkspartei im Mietenwahlkampf inzwischen so stark auf Basisarbeit
       setzt, ist auch Taheri zu verdanken. Seit 20 Jahren ist er Mietenaktivist,
       jahrelang war er der Sprecher und das Gesicht von DWE. Dass er bei der
       Linken gelandet sei, habe er sich vor einigen Jahren noch nicht vorstellen
       können, sagt er im Anschluss an die Mieter:innenversammlung.
       
       „Aber die Partei ist nach links gerutscht, sie hat nicht nur Praktiken aus
       der Bewegung übernommen, sondern auch die Leute.“ Nach dem Bekanntwerden
       des rechtsextremen „Remigrations“-Geheimtreffen in Potsdam Anfang 2024 sei
       er der Partei beigetreten wie viele Tausend andere auch. Darunter nicht
       wenige, die zuvor bei DWE aktiv waren.
       
       Das hat auch die Position der Linken in der Enteignungsfrage unnachgiebiger
       gemacht. 2021 hieß es im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag lediglich, man
       „respektiere“ den Volksentscheid und werde „verantwortungsbewusst damit
       umgehen“. Eine Formulierung, die heute nicht mehr möglich wäre, sagt
       Taheri:
       
       „Die Vergesellschaftung ist eine rote Linie. Ohne Umsetzung des
       Volksentscheids wird es keine Koalition mit der Linkspartei geben.“
       Parteiintern sei ein anderslautender Koalitionsvertrag inzwischen nicht
       mehr durchzubekommen. „Wir würden schlicht implodieren“, glaubt Taheri.
       
       Am 20. September wählen die Berliner:innen ihr neues Landesparlament.
       Spätestens im Zuge darauffolgender Koalitionsverhandlungen wird sich
       zeigen, ob bezahlbares Wohnen in der Hauptstadt wieder für alle möglich
       werden könnte und ob Berlin sich daran wagt, Eigentumsverhältnisse zu
       verändern. Oder ob es dafür erst einen erneuten
       Vergesellschaftungsvolksentscheid braucht.
       
       15 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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