# taz.de -- Abgeordnetenhauswahl in Berlin: Die SPD hisst vorschnell die weiße Fahne
> Mit ihrem Nein zur Vergesellschaftung verbaut sich die SPD den Weg
> Richtung Rot-Rot-Grün. Offenbar hat sie vor einem Linksbündnis mehr Angst
> als vor Kenia.
(IMG) Bild: Warum versteckt sich Steffen Krach beim Thema Mieten?
Noch knapp vier Wochen ist es bis zur Wahl des Abgeordnetenhauses – und es
sieht nicht gut aus. Nicht weil die CDU mit ihrem neuen Kandidaten Stefan
Evers auf einmal in den Umfragen steil nach oben schießt. Im Gegenteil: Die
Linke scheint ihren Vorsprung in den Umfragen auszubauen, [1][aktuell liegt
sie laut Forsa mit 22 Prozent 4 Punkte vor der CDU].
Entmutigend für all jene, die auf ein links geführtes Regierungsbündnis
hoffen, ist vielmehr, dass die SPD als einer der potenziellen
Koalitionspartner die Hürden immer höher hängt. Man muss sogar sagen: Die
SPD und ihr Spitzenkandidat Steffen Krach, der sich auf Wahlplakaten etwas
voreilig als „nächsten Regierenden“ titulieren lässt, unternehmen gerade
alles, um ein Linksbündnis, das sie nicht selbst anführen, schon im
Vorhinein zu verunmöglichen.
Wie sonst soll man es verstehen, dass [2][Krach bei jeder sich bietenden
Gelegenheit erklärt, die Realisierung des Enteignen-Volksentscheids großer
Immobilienkonzerne sei mit ihm nicht zu machen]? Und im gleichen Atemzug
allen Ernstes von der Linkspartei, die seit Monaten in den Umfragen vor
seinem Volksparteirest liegt, verlangt, sie müsse ihr zentrales
Wahlversprechen fallen lassen! Hallo? Schon mal einen Schwanz gesehen, der
mit seinem Hund wackelt?
In dasselbe Horn trötete am Wochenende auch SPD-Silberlocke Klaus Wowereit,
als er dem Tagesspiegel erklärte, die Linkspartei sei „für eine
Regierungsverantwortung ganz schlecht geeignet“. Begründung: Die Partei
habe gesagt, ohne Enteignung gehe es nicht – für Wowereit ein
„Stolperstein“ auf dem Weg einer möglichen rot-rot-grünen Koalition, den
natürlich die Linken aus dem Weg räumen sollen. Was für eine Hybris!
Vermutlich hat es wahltaktische Gründe, die die SPD auf ihrem hohen Ross
halten. Die Strategen haben womöglich Angst, rechte SPD-Wähler zu
vergraulen, die befürchten könnten, eine Stimme für die SPD sei eine Stimme
für ein rot-rot-grünes Enteignungsbündnis.
Mag sein, dass es solche SPD-Wähler gibt. Ganz sicher aber gibt es viele,
die beim Volksentscheid mit „Ja“ gestimmt haben und sich abwenden von einem
Spitzenkandidaten, der unverdrossen Argumente gegen den Volksentscheid
vorbringt, die keine sind.
## Krach hat keine Argumente
Etwa, dass die Entschädigungszahlungen den Landeshaushalt mit
Milliarden-Schulden belasten würden – wofür Krach kein valides Argument
hat. Das einzige Konzept, das dazu bisher vorliegt, stammt von der
Initiative DW Enteignen und besagt das Gegenteil – dass die Entschädigungen
über Schuldabschreibungen mit 100-jähriger Laufzeit aus den Überschüssen
der Mieteinnahmen bezahlt werden könnten.
Auch das Argument, dass mit Enteignen keine neuen Wohnungen geschaffen
würden, ist schwach. Zwar stimmt es, das hat aber auch niemand behauptet.
Die Enteignungen sollen dazu dienen, dass die Öffentlichkeit, die gute alte
Polis – wir alle! – wieder mehr Verfügungsgewalt über das kostbare Gut
Wohnungen bekommen. Ein Ziel, das einem echten Sozialdemokraten eigentlich
auf der Seele brennen müsste.
Warum also behandelt die SPD das Thema nicht so, wie es in einem
demokratischen Prozess laufen sollte? Nach den Wahlen setzt man sich
zusammen und guckt, wofür die Wähler votiert haben: Liegt die Linke vorne,
haben ihre Prioritäten mehr Gewicht, liegt die SPD vorne, kann sie mehr
ihrer Essentials durchsetzen.
Stattdessen verbaut sich die SPD mit ihrem kategorischen „Nein“ in der
Enteignen-Frage selbst den Weg. Denn eigentlich kann sie nach der Wahl kaum
noch umschwenken, will sie sich nicht endgültig unglaubwürdig machen.
[3][Es sei denn, die Partei putscht nach der verlorenen Wahl Krach weg und
Fraktionschef Raed Saleh ebnet den Weg für Rot-Grün-Rot mit
Enteignungsgesetz].
Natürlich hat die SPD ein strategisches Dilemma: Sie muss sich im Wahlkampf
von der Linkspartei abgrenzen, mit der sie ja durchaus einige inhaltliche
Schnittmengen hat. Aber dass ihr dazu nichts anderes einfällt, als in der
Enteignungsfrage auf harten Hund zu machen, sagt alles über die
Ideenlosigkeit ihrer Führungsriege.
Vermutlich ist dies sowieso das größte Problem: Die SPD-Oberen sind so
wischiwaschi in ihren Überzeugungen, wenn sie überhaupt welche haben, und
nach Jahrzehnten an der Regierung so saturiert, dass ihnen eine Partei mit
Visionen mehr Angst einflößt als eine CDU, die im Kern alles lassen will,
wie es ist, weil es ihrer Klientel ja auch gut geht.
Dieser Wahlkampf ist ein Armutszeugnis für die SPD. Es geht nicht um sie
und ihre Werte, Visionen und Ziele, denn die sind allenfalls in
homöopathischen Dosen erkennbar. Auch liberal-konservative Medien wie der
Tagesspiegel haben inzwischen – mit Erschrecken – festgestellt: Einzig die
Linken haben eine Vision für eine soziale und gerechte Stadtgesellschaft
und klare Ideen, wie man dorthin kommt. Wer die – aus welchen Gründen auch
immer – ablehnt, hat mit der CDU eine Alternative.
CDU oder Linke, das ist also die eigentliche Frage. Dennoch entscheidet am
Ende vermutlich die SPD als Zünglein an der Waage, wohin die Reise nach dem
20. September geht. Denn dass sich die Grünen mit beiden Alternativen
arrangieren werden, davon ist auszugehen. Davon, dass die Genossen die
richtige Entscheidung treffen werden, leider nicht.
25 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwerpunkt-Wahlen-in-Berlin/!t5106764
(DIR) [2] /Berlin-vor-der-Landtagswahl/!6200785
(DIR) [3] /Steffen-Krach-Er-soll-die-SPD-aus-der-Krise-fuehren--besonders-gut-sieht-es-nicht-aus/!6205509
## AUTOREN
(DIR) Susanne Memarnia
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
(DIR) Steffen Krach
(DIR) SPD Berlin
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Steffen Krach
(DIR) Mieten
(DIR) SPD Berlin
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Berliner SPD-Chef Steffen Krach: Mit Ach und Krach
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach soll seine Partei bei der anstehenden
Berlin-Wahl aus dem Tal der Tränen führen. Besonders gut sieht es nicht
aus.
(DIR) Berlin vor der Landtagswahl: Kampf um die Hauptstadt
Das Gespenst der Enteignung geistert auch 2026 durch den Berliner
Wahlkampf. Entscheidet es gar, wer künftig die Metropole regiert?
(DIR) Berlin im Mietenwahlkampf: Diese SPD braucht es nicht
Unter Steffen Krach will die SPD sowohl Partei der Mieter:innen als auch
Schutzpatron der Immobilienkonzerne sein. Das wird wohl kaum aufgehen.