# taz.de -- Wer wird hier enteignet?: Eigentum ernst nehmen
       
       > Mit ihrem Geld finanzieren Mietende üppige Aktionärs-Dividenden. Dabei
       > sind es die Bewohner*innen, die der Stadt erst ihren Wert verleihen
       
 (IMG) Bild: Lieben den Vergesellschaftungsartikel im Grundgesetz: Aktivist*innen von „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ über den Dächern Berlins
       
       Die Wände sind feucht, die Zimmer dunkel. Mitte des 19. Jahrhunderts füllt
       der Geruch des Aborts aus dem Innenhof die Räume vieler Berliner
       Mietskasernen. Oft teilen sich bis zu zehn Arbeiter*innen und Kinder
       ein einziges Zimmer. Hauswirte und Besitzer machen Betten zur doppelten
       Einnahmequelle, indem sie sie tagsüber an sogenannte Schlafgänger aus der
       Nachtschicht vermieten.
       
       „Syphilitische und Brustkrankheiten herrschen in einer Ausdehnung, die kaum
       zu glauben ist“, schreibt der Fabrikantensohn Friedrich Engels über die
       Behausungen der Arbeiter*innen in seiner Heimatstadt Wuppertal. Der
       Berliner Fotograf Heinrich Zille kommt zu dem Schluss: „Man kann mit einer
       Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt.“
       
       Vom Tod durch Wohnen bleiben die meisten Mieter*innen in Deutschland
       heute verschont. Trotzdem ist das Thema für viele existenziell. Denn wer in
       Städten heute seine Wohnung verliert, dem bleibt oft nur der Stadtrand,
       weit entfernt von der eigenen Schule, dem eigenen Verein und den eigenen
       Freund*innen. Manchen bleibt auch nur die Straße. Der Median der
       Angebotsmieten in Frankfurt am Main liegt bei 17,80 Euro kalt pro
       Quadratmeter, in Köln bei 16 Euro. Junge Familien drängen sich oft in viel
       zu kleinen Wohnungen. Ältere trauen sich nicht, ihre alten Mietverträge für
       zu groß gewordene Wohnungen aufzugeben.
       
       Während sich die Durchschnittsmiete bei Neuvermietungen bundesweit seit
       2006 verdoppelt hat, stiegen die Gehälter nur um rund 50 Prozent. Die Angst
       vor der Verdrängung [1][reicht mittlerweile bis tief in die Mittelschicht.]
       Wie sind wir hier gelandet? Und was muss sich ändern, damit aus der Ware
       Wohnraum wieder ein Zuhause für alle wird?
       
       ## Den meisten fehlt die Energie, um sich zu wehren
       
       Es ist das Jahr 2009, als in den Excel-Tabellen von Großinvestoren eine
       Zahl aufploppt, die einigen von ihnen wieder Hoffnung macht. Gerade erst
       hat die Immobilien- und Bankenkrise in den USA die Weltwirtschaft
       durchgeschüttelt, Millionen Menschen verloren ihr Zuhause und ihre Jobs.
       Aber Fonds, Pensionskassen und Versicherungen haben ein anderes Problem: Wo
       lässt sich ihr Geld jetzt noch sicher und mit hoher Rendite anlegen?
       
       Für viele heißt die Antwort deutsches Betongold. Die Zahl, die sie
       überzeugt, ist die 20. So niedrig ist 2009 das Verhältnis von Kaufpreis zu
       Jahresmiete bei Eigentumswohnungen. Heißt übersetzt: Bei niedrigen Zinsen
       können die Käufer den kompletten Preis einer Immobilie innerhalb von 20
       Jahren wieder drinhaben. Im internationalen Vergleich sind deutsche
       Wohnungen damit ein Schnäppchen. Und das Angebot ist groß. Die Aufhebung
       der Wohngemeinnützigkeit unter Helmut Kohl und der hunderttausendfache
       Verkauf von kommunalen Wohnungen in den 1990er und 2000er Jahren haben den
       Markt geflutet. Der Run auf die heiße Ware beginnt. Das Ergebnis: Das
       jährliche Volumen der von Finanzunternehmen gekauften Mietwohnungen in
       Europa steigt von 2009 bis 2020 um [2][mehr als 700 Prozent] auf über 60
       Milliarden Euro – der größte Teil der Deals entfällt auf Deutschland.
       
       Für Mieter*innen ist das eine schlechte Nachricht. Denn die
       Finanzunternehmen wollen Rendite sehen. Konzerne wie die 2015 durch die
       Fusion mehrerer Immobilienkonzerne entstandene Vonovia machen es sich zur
       Aufgabe, bei möglichst niedrigen Kosten möglichst hohe Dividenden an ihre
       Aktionäre auszuschütten. Bereits vorhandene Rasenflächen, Supermärkte in
       der Umgebung oder als Modernisierung verbuchte „smarte“ Rauchmelder: Keine
       Begründung ist Vonovia zu weit hergeholt, um nicht die Miete zu steigern.
       Dass die Mieterhöhungen vor Gericht regelmäßig für illegal erklärt werden,
       ist für den Konzern kein Problem. Denn dem überwiegenden Teil der
       Mieter*innen fehlt die Energie, sich gegen Vonovias Maschen zu wehren.
       
       Für viele ihrer Bewohner*innen ist die Stadt wieder zu einem
       feindlichen Ort geworden. [3][Ein Mietendeckel] könnte kurzfristig Abhilfe
       schaffen. Gleichzeitig würde er eine bessere Verteilung von Wohnraum
       ermöglichen, indem er Umziehenden die Angst nimmt, bei Neuvermietung den
       doppelten Quadratmeterpreis zahlen zu müssen.
       
       ## Lage, Lage, Lage
       
       Doch um die Ausbeutung von Mieter*innen nicht nur abzumildern, sondern
       wirklich zu überwinden, braucht es mehr als nur Regulierung. Es braucht ein
       neues Verständnis davon, wem die Stadt gehört.
       
       Die Bodenbesitzer und Aktionäre, die von der Verdoppelung der
       Neuvermietungsmieten in den letzten 20 Jahren profitiert haben, wähnen sich
       im Recht. Sie meinen, dass es ihre Investitionen, ihre Modernisierungen und
       ihr Kapital seien, die den Wert des städtischen Wohnraums ausmachen. Für
       sie gilt der Grundsatz: Wer einen Wert erzeugt, dem gehört er auch. Doch
       sind es wirklich sie, die dem Leben in der Stadt seinen Wert verleihen?
       
       Lage, Lage, Lage – es gibt wohl keinen Spruch, den angehende
       Immobilienmakler*innen häufiger hören. Aus gutem Grund: Nichts
       entscheidet stärker über den Wert einer Immobilie.
       
       Lage bedeutet im städtischen Kontext aber vor allem: Anbindung an soziale
       Infrastruktur. Wie nah ist die nächste U-Bahn-Station, gibt es einen
       Glasfaseranschluss oder Fernwärme? Wie weit ist es bis zur nächsten Schule,
       Kita oder Bibliothek? Gibt es Zugang zu Parks und ein Krankenhaus? Finden
       sich gute Jobs, Einkaufsmöglichkeiten und Sportvereine in der Umgebung? Wie
       lebendig ist die Zivilgesellschaft?
       
       Nichts von alledem ist das Verdienst von Hauseigentümer*innen. Vielmehr
       sind es die öffentliche Hand, Kleinstbetriebe und die Stadtgesellschaft,
       die jeden dieser Werte schaffen, die die Stadt erst „in Wert setzen“, wie
       es die [4][Philosophen Niklas Angebauer und Tilo Wesche beschreiben]. Ihre
       Kreativität, ihr Gemeinsinn und nicht zuletzt ihre Steuern, die die
       städtische Infrastruktur finanzieren, machen die Attraktivität von Städten
       aus. Doch profitiert haben von dieser Attraktivität nur die Besitzenden, in
       Form von höheren Verkaufspreisen und Mieteinnahmen.
       
       ## Eigentum soll schützen. Eigentlich
       
       Eigentum hat ein hehres Ziel. Es soll die Früchte der eigenen Arbeit vor
       dem Zugriff anderer schützen. Wendet man dieses Prinzip konsequent an,
       müsste die Stadt all jenen gehören, die ihr als Lehrerinnen,
       Krankenpfleger, Fußballtrainerinnen, Müllwerker, Straßenbahnfahrerinnen und
       Künstler erst ihren Wert verleihen. Eigentum ernst zu nehmen, würde
       bedeuten, sie davor zu schützen, dass Vermietende und Immobilienkonzerne
       den von ihnen geschaffenen Mehrwert abschöpfen.
       
       Privateigentum an städtischem Boden sei vor allem eine „riesige
       Umverteilungsmaschine“ von unten nach oben, sagt der kritische
       Wohnungsforscher Bernd Belina. Wie sie funktioniert, sehen Mieter*innen
       jeden Monat auf ihrem Konto. Und wer sich fragt, wie viel seiner Miete
       nicht in den Erhalt seiner Wohnung, sondern in die Taschen von
       Aktionär*innen fließt, findet die Antwort in einer [5][Studie der
       Bürgerbewegung Finanzwende]. Für das Jahr 2021 kommt sie für vier
       untersuchte Immobilienkonzerne zu dem Ergebnis, dass im Mittel 41 Prozent
       der Mieteinnahmen als Dividende fließen. Im Jahr 2025 waren es bei Vonovia
       von jedem Euro gezahlter Miete [6][immer noch ganze 30 Cent].
       
       Diese stille Enteignung der Stadtbewohner*innen gilt als normal. Dabei
       ist die Alternative – kollektives Eigentum an städtischem Boden – für viele
       längst gelebter Alltag. In Wohnungsgenossenschaften sind Mieter*innen
       die gemeinschaftlichen Besitzer*innen ihres Wohnraums. In Wien gilt das
       Wohnen schon seit über hundert Jahren als Teil einer öffentlichen
       Infrastruktur, die von sozialen statt kommerziellen Grundsätzen geleitet
       sein soll. Und in Berlin hat der Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co
       enteignen“ gezeigt, dass 58 Prozent der Menschen dafür sind, städtischen
       Wohnraum der Profitlogik des Marktes zu entziehen.
       
       Im Prinzip ist es eine Rückkehr zu den Wurzeln deutscher Wohnungspolitik.
       Denn auch der soziale Wohnungsbau der 1920er Jahre, durch den mithilfe von
       Sondersteuern und [7][Enteignungen für Wohnungszwecke] Hunderttausende
       gemeinnützige Wohnungen entstanden, war keine Idee der Privatvermieter.
       Sondern ein hart erkämpfter Sieg aller Mietenden.
       
       15 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kommentar-1-Mai/!5094788
 (DIR) [2] https://www.finanzwende-recherche.de/wp-content/uploads/Immobilien_Report_20231107-1.pdf
 (DIR) [3] /Soziologe-Andrej-Holm-ueber-Wohnpolitik/!6060775
 (DIR) [4] https://www.junius-verlag.de/Programm/Zur-Einfuehrung/Theorien-des-Eigentums-zur-Einfuehrung.html
 (DIR) [5] https://www.finanzwende-recherche.de/wp-content/uploads/Immobilien_Report_20231107-1.pdf
 (DIR) [6] https://www.surplusmagazin.de/vonovia-166-euro-pro-mietwohnung-dividende/
 (DIR) [7] https://www.bmgev.de/mieterecho/artikel/enteignungen-fuer-den-wohnungsbau
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mitsuo Iwamoto
       
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