# taz.de -- Migration nach Spanien: Buhrufe und Beschimpfungen
       
       > Angesichts der Flucht von Tausenden Menschen aus Marokko in die Exklave
       > Ceuta zeigt Spaniens Premier Sánchez Härte. Die Rechte spart nicht mit
       > Kritik.
       
 (IMG) Bild: Spaniens Premier Sánchez in einem Kontrollzentrum der Polizei in Ceuta am 31. Juli
       
       Pedro Sánchez bleibt nichts erspart. Erst die Waldbrandkrise in
       Zentralspanien, jetzt der Massenansturm auf die spanische Exklave an der
       nordafrikanischen Küste, Ceuta. [1][49.000 Marokkaner umschwammen den
       Grenzzaun am Donnerstag]. Keine 24 Stunden später besuchte der Sozialist
       und Chef einer Linkskoalition die Grenze, bevor er sich mit der örtlichen
       Regionalregierung zu einer Krisensitzung zurückzog.
       
       In der anschließenden offiziellen Stellungnahme sprach Sánchez von einer
       „Verletzung der territorialen Integrität Spaniens“ und gab
       „Mafiaorganisationen“ die Schuld am Massenansturm. Er sprach davon, dass er
       mit [2][Marokko] vereinbart habe, die Menschen so schnell wie möglich
       zurückzuführen. Zudem versprach Sánchez „alle verfügbaren Ressourcen“
       einzusetzen, um die illegalen Grenzübertritte einzudämmen.
       
       Bereits am frühen Donnerstagabend hatte er angeordnet, alle Grenzen zu
       Marokko zu schließen. Er schickte Soldaten an den Zaun in Ceuta, um Polizei
       und Guardia Civil zur Seite zu stehen. Trotz des schnellen Handelns wurden
       Sánchez und sein Innenminister Fernando Grande-Marlaska am Freitag beim
       Grenzbesuch mit Buhrufen, Beschimpfungen und Rücktrittsforderungen
       empfangen.
       
       Die Stadt stünde am „Rand des Kollapses“, erklärte der Chef der Regierung
       der autonomen Garnisonsstadt, Juan Vivas, von der konservativen Partido
       Popular (PP). Er warf Sánchez vor, „zu spät und ungenügend“ reagiert zu
       haben. Auch die rechte und die extrem rechte Opposition im spanischen
       Parlament sparten nicht mit Kritik.
       
       ## Verfehlte Politik
       
       Die PP wirft Sánchez einmal mehr eine verfehlte Ausländerpolitik vor. „Es
       überrascht niemanden, dass Tausende Menschen in ein Land einreisen wollen,
       das über Nacht mehr als eine Million irreguläre Einwanderer legalisiert
       hat“, erklärt PP-Sprecher und Vizegeneralsekretär Miguel Tellado auf X.
       
       Er bezieht sich auf eine Regularisierung, bei der knapp eine Million im
       Land lebende und arbeitende Einwanderer endlich Papiere erhielten. PP-Chef
       Alberto Nuñez Feijóo wirft Sánchez „Schwäche“ vor und fordert den Einsatz
       „außerordentlicher Mittel“, ohne zu erklären, was damit gemeint ist.
       
       Die rechtsextreme Vox, drittstärkste Kraft im Parlament und
       Koalitionspartner der PP in mehreren Regionen, fordert die „sofortige
       Identifizierung und Abschiebung“ der Immigranten. Das ist nach derzeitiger
       Rechtslage unmöglich.
       
       Der Oberste Gerichtshof hatte am 8. Juli entschieden, dass „heiße
       Rückführungen“ – die sofortige Abschiebung noch an der Grenze – für
       Migranten, die über das Meer kommen, nicht zulässig seien. Diese
       Information zirkulierte in den vergangenen Tagen in den Netzwerken in
       Marokko.
       
       ## Absurde Idee
       
       Auch für Vox hat „die Massenregularisierung eine Invasion an unserer Grenze
       provoziert“, so Vox-Chef Santiago Abascal. „Jede künftige Messerstecherei
       und jede künftige Vergewaltigung ist direkt von Sánchez eingeschleppt
       worden“, fügte der Rechtsextreme hinzu. Seine Partei fordert eine groß
       angelegte „Remigration“ auch derer, die längst einen spanischen Pass haben.
       Sánchez wolle die Bevölkerung austauschen, um an der Macht zu bleiben.
       
       Sowohl PP als auch VOX feiern eine Ankündigung aus Italien und Finnland.
       Die beiden Länder lassen prüfen, ob Spanien aus dem Schengen-Raum
       ausgeschlossen werden kann. Das ist eine völlig absurde Idee, da aus Ceuta
       niemand wegkommt, ohne auf die streng bewachten Fähren zu kommen.
       
       In Spanien fragen sich Politik und Presse, warum die marokkanischen
       Polizeikräfte erst am späten Donnerstagabend reagierten. Es kommt
       eigentlich immer dann zu Krisen an den Grenzen, wenn die es diplomatische
       Verstimmungen zwischen Rabat und Madrid gibt. Das ist derzeit nicht der
       Fall.
       
       ## Erzählung der Linken
       
       Eher ist das Gegenteil der Fall: Die Regierung Sánchez hat Marokkos
       Position in der Frage der einstigen spanischen Kolonie Westsahara
       übernommen. Marokko hält den Landstrich zwischen Marokko und Mauretanien an
       der Atlantikküste seit den 1970ern besetzt. Mittlerweile unterstützt Madrid
       den Plan, der Westsahara innerhalb des marokkanischen Königreiches einen
       Autonomiestatus einzuräumen statt – wie es die UNO und die Sahrauis fordern
       – ein Referendum über Unabhängigkeit oder Anschluss an Marokko abzuhalten.
       
       Die Erzählung der Linken lautet wie folgt: Marokkos König Mohammed VI. sei
       der Hauptverbündete der USA und Israels in Nordafrika. Er habe auf deren
       Anraten den Zwischenfall zugelassen, um dabei zu helfen, dass Sánchez nicht
       wiedergewählt wird. Der Grund: die entschiedene Verurteilung durch die
       spanische Regierung des „illegalen Krieges“ im Iran und des „Völkermords in
       Gaza“. Unterdessen entspannte sich die Lage in der autonomen Stadt Ceuta
       bei Redaktionsschluss zunehmend, auch ohne „Einsatz außergewöhnlicher
       Mittel“. Mittlerweile haben 25.000 der rund 49.000 Marokkaner Ceuta wieder
       verlassen.
       
       31 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reiner Wandler
       
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