# taz.de -- Die Wut von Marrokos Jugend: Den Frühling noch nicht aufgeben
> Casablanca, Marokkos größte Stadt, boomt. Doch viele junge Leute sind
> frustriert. Manche fliehen deshalb wie zuletzt nach Ceuta.
(IMG) Bild: Stadt der Gegensätze: In Casablanca liegen Slums und wohlhabende Stadtteile dicht beieinander
Vor dem Gerichtsgebäude herrscht Stille. Die Demonstranten, die sich hier
in Ain Sebaa, einem Stadtteil von Casablanca, versammeln, bleiben lange
stumm. Ein Mann mit Megafon und jahrelanger Protesterfahrung steht da und
wartet, bis die Menge auf etwa 50 Teilnehmer angestiegen ist. Dann erst
ruft er. „Freiheit für Yassir, Freiheit für alle Inhaftierten!“
Yassir Mounbir, 22 Jahre alt und Graffitikünstler, ist mit seinen
regierungskritischen Tags zum Idol der GenZ-Bewegung geworden, die im
letzten Herbst zu Zehntausenden im Königreich auf die Straße gegangen ist.
Nun sitzt er im Gefängnis. Angeblich hat er in einem seiner Bilder den
König Mohamed VI. verunglimpft. Aber die genaue Anklageschrift kennt
niemand hier. „Das passiert häufig“, sagt Moussa, einer der
Mitorganisatoren, der seinen richtigen Namen aus Angst vor Verfolgung nicht
veröffentlicht sehen will. „Auch Rapper werden für ihre Texte verhaftet,
aber wissen bis zum Urteil nicht, für welche explizite Textzeile.“
Und heute werden sie es auch nicht herausfinden. Denn als eine Delegation
dem Gericht eine von 300 Künstlern unterschriebene Petition übergeben will,
erfährt sie von der erneuten Vertagung des Prozesses.
Es ist der größte Protest in der Stadt seit den GenZ-Protesten. Obwohl er
klein wirkt und viele Zivilbeamte teilnahmslos zusehen, gehen die
Protestierenden ein großes Risiko ein. „Wenn ich die Aufnahmen davon auf
meiner Timeline poste, verschwinde ich hinter Gittern“, sagt jemand.
Über den großen [1][Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta] am 30.
Juli spricht in Ain Sebaa niemand. „Wir haben nicht einmal die Aufforderung
gesehen, dorthin zu gehen“, sagt der 28-jährige Moussa. „Die Zielgruppe der
Initiatoren waren unter 18-Jährige.“
Dennoch ist die Massenflucht über die Grenze, bei der mindestens 96
Migranten gestorben sind, allgegenwärtig. An Bahnhöfen und in ärmeren
Vierteln zeigen Sicherheitskräfte Präsenz, in Zivil und Uniform. Wer in
Ceuta war und Fotos auf Tiktok oder Instagram gepostet hat, muss mit seiner
Verhaftung rechnen.
„Warum, wissen wir auch nicht“, sagt jemand in einer Gruppe von 15-Jährigen
etwas abseits des Protestes. Freunde von ihnen waren auf eigene Faust Ende
Juli in die spanische Exklave aufgebrochen. Ohne Geld, Ersatzkleidung oder
einen Plan. Die Gruppe hat sich wegen eines verhafteten Freundes im Park
vor dem Gericht von Ain Sebaa getroffen. Doch wie sie mehr über sein
Schicksal erfahren können, wissen sie auch nicht. „Er ist wie viele aus
Abenteuerlust und in der Hoffnung auf einen besseres Leben losgezogen“,
sagt ein Freund. „Was man eben so macht in unserem Alter.“
Über 70.000 Menschen hatten Ceuta gestürmt, ausgerechnet am Jahrestag der
Krönung von König Mohamed VI. Spanische Bewohner und Soldaten jagten die
jungen Leute durch die Straßen, die meisten kehrten zurück nach Marokko.
Europäische Medien schrieben danach über die Suche nach Jobs als Grund für
viele. Doch das Narrativ von den „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder
„Arbeitsmigranten“ greift zu kurz. Es gibt wirtschaftliche Gründe, das Land
zu verlassen. Aber es gibt auch viele junge Menschen, die trotz fehlender
Perspektiven bleiben und für Veränderungen kämpfen wollen – so wie Moussa.
„Wir sind hier der letzte Rest einer Bewegung für das Recht auf freie
Meinungsäußerung“, sagt der 28-Jährige. „Von uns ist keiner nach Ceuta
gegangen, weil wir hier etwas verändern wollen, was 2011 mit dem Arabischen
Frühling begonnen hatte. Es ist nicht viel mehr als das Recht auf eine
Meinung und einen Job, von dem man leben kann.“
Doch die Regierung hat mit ihrer Repression gegen die Protestbewegungen der
letzten Jahre alle Hoffnungen der Jugend zerstört. Mehr als 2.400 Menschen
wurden im vergangenen Oktober strafrechtlich verfolgt. Gegen viele liefen
Verfahren weiter. Immer noch sitzen heute 600 junge Demonstranten im
Gefängnis. Während man in Europa noch darüber spekuliert, ob Ceuta von der
marokkanischen Regierung mitorganisiert wurde, geht diese gegen die
Massenbewegung mit altbewährten Methoden vor.
Seit Mitte Juli sind weitere Idole der marokkanischen Jugend im
berüchtigten „Oukacha“-Gefängnis gelandet oder warten auf ihre Verfahren.
Einer davon ist der Rapper „Blackwind“. Seit dem Arabischen Frühling singt
er über die Hoffnungslosigkeit der Jugend, geschützt haben ihn bisher wohl
seine Popularität und sein Umzug nach Marseille. Auf Instagram schrieb er:
„Fuck you all. Ihr da oben und ihr da unten“. Ende Juli kam er vorläufig
frei, sein Prozess wurde vertagt
Nun wartet Mehdi Black Wind, wie ihn seine Fans nennen, auf den Beginn
seines Verfahrens. Doch das kann noch lange dauern. Denn vergangenen
Mittwoch sind die Rechtsanwälte auf unbestimmte Zeit in den Streik
getreten. Sie protestieren dagegen, dass das Verfassungsgericht ihre
Pflichten und Rechte nicht genau definiert.
Ohne Rechtsanwälte ruhen auch die Verfahren aller kürzlich Festgenommenen.
Deshalb ziehen die Aktivisten, die für den Graffitikünstler Yassir nach Ain
Sebaa gekommen sind, nach einer halben Stunde wieder ab. Zuvor rufen sie
noch einmal: „Free Kulchi“, „Freiheit für alle“. In den Gesichtern der
Angehörigen anderer Inhaftierter, die vor dem Gericht warten, regt sich
nichts.
Auch im AMDH-Büro in Tetouane ist die Stimmung schlecht. Die Freiwilligen
der ältesten Menschenrechtsorganisation Marokkos können hier im Norden,
eine halbe Autostunde von Ceuta entfernt, zwar frei arbeiten. Aber auch
hier ruhen alle Verfahren gegen die zahlreichen Jugendlichen, die auf dem
Rückweg von Ceuta festgenommen worden waren. „Wir haben zu den rund 1.100
in Ceuta verblieben Minderjährigen keinen Kontakt. Und keinen
Ansprechpartner auf spanischer Seite.“
Seit einem Dekret des Innenministeriums aus dem Jahr 2014 gibt es im Land
nur noch drei der früher 110 AMDH-Büros. Die Menschenrechtler arbeiten
meist unbezahlt, weil auch ein Großteil der staatlichen Förderung
gestrichen wurde. Hilfe aus dem Ausland ist ebenfalls keine Lösung. Sonst
werfen die Behörden den NGOs, ähnlich wie in Tunesien oder Libyen, vor,
Agenten ausländischer Interessen zu sein.
## Sushi und Luxuslimous
Ein paar Kilometer weiter, auf dem Boulevard al Massira el Khadra, erlebt
man eine andere Welt. Der Stadtteil Maarif ist wohlhabend, hier findet man
edle italienische Restaurants, Sushi-Take-Aways, Flagship-Stores teurer
Modemarken statt orientalischen Flairs. Dazwischen werden brandneue
Limousinen und Showrooms chinesischer Hersteller ausgestellt. Casablanca
ist bei den Schönen und Reichen eine beliebte Shoppingdestination.
Die Infrastruktur der Stadt funktioniert beeindruckend gut. Busse und
Bahnen der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt fahren überpünklich, die
gepflegten Parks und der Luxus in Stadtteilen wie Maarif ziehen Manager
asiatischer und europäischer Firmen an. Gerade entsteht im Industriepark
der Stadt Kenitra die größte Autobatteriefabrik des Kontinents. Der
chinesische Hersteller Gotion investiert hier rund 5 Milliarden Euro.
In Windeseile werden solche Fabriken mit dem Schienennetz verbunden, dessen
reibungslose Organisation auch einige Länder in Europa weit hinter sich
lässt. Wie effizient beschlossene Projekte durchgezogen werden, sieht man
an einem Ort, der in anderen arabischen Städten eigentlich das pochende
Herz der Stadt ist. In Casablanca wirkt die Medina, die Altstadt, wie von
den Stadtplanern vergessen. Etwas heruntergekommen, glanzlos neben all den
glas- und stahlbewehrten Hochhäusern.
Direkt neben den arabischen Händlern haben sich auf dem „senegalesischen“
Markt Verkäufer aus ganz Afrika niedergelassen. Anders als in den
Nachbarländern wirkt die Stimmung unter den aus dem Süden Zugewanderten
entspannt. Auf den Baustellen und in der Serviceindustrie Casablancas gibt
es viele Verdienstmöglichkeiten.
## Besser hier als in Europa
Mabinti aus Ghana lebt mit ihrem Mann und Sohn im Armenviertel Ouled
Slimene. Auch wenn seit den Ereignissen in Ceuta auch dort die Lage
angespannt ist, will sie in Marokko bleiben. „Von uns ist niemand nach
Ceuta gegangen, uns geht es hier vielleicht besser als in Europa. Aber
wegen der Gerüchte kommen immer mehr Migranten über Tunesien und Algerien.“
Mabinti fürchtet, dass in Casablanca durch die Neuankömmlinge die sowieso
schon niedrigen Löhne für Migranten aus Subsahara-Afrika noch weiter sinken
werden.
Ein paar Schritte neben den Rauchschwaden der Straßengrills des
Senegal-Marktes haben Bagger und Planierraupen eine Freifläche geschaffen,
die mehrere Fußballfelder groß ist. Hier standen früher Häuser im typisch
marokkanischen Stil. Wie in vielen Armenvierteln von Casablanca, den
sogenannten Bidonvilles, erklärten die Stadtplaner die oft von den Familien
selbst gebauten Häuser kurzerhand für einsturzgefährdet. Sie wurden von der
Stadtverwaltung abgerissen, die Bewohner siedelte man gegen die Zahlung
einer Entschädigung in Neubaugebiete um.
Was auf der riesigen Freifläche mitten im Stadtzentrum gebaut werden soll,
weiß in der Medina niemand. Auch die Abgeordneten des Stadtrates wie
Abdullah Abaakil erhalten keine Informationen. Entscheidungen des
Beratergremiums, das König Mohamed VI. um sich geschart hat und das alle
wichtigen Entscheidungen im Land trifft, werden auch im 27. Jahr seiner
Regentschaft nicht hinterfragt.
„Ich war der Einzige, der vor zwanzig Jahren gegen den Abriss gestimmt
hat“, sagt der 65-jährige Abaakir. Der Sozialist mit dem Strohhut macht
sich wegen der sozialen Spaltung im Land große Sorgen. „Der Abriss des
Viertels neben der Medina hat inmitten einer Millionenstadt und ohne
jegliche Rechtfertigung gegenüber den Bürgern stattgefunden. Jetzt
überlegen Sie sich mal, wie in der Provinz mit privatem Land umgegangen
wird.“
## Das Land im Ausverkauf
Abaakil spielt auf einen Fall in der Provinz Hirak-Rif an, als es 2016 nach
der von Rabat beschlossenen Konfiszierung der wenigen ertragreichen Gebiete
und der Neuvergabe von Fischereilizenzen zu einem Volksaufstand kam. Die
Anführer dieser Bürgerbewegung sitzen auch heute noch im Gefängnis.
Abaakil hat in den letzten Jahrzenten gegen die zunehmende Privatisierung
in Casablanca gekämpft – vergeblich. „Die Stadt besitzt heute keinen
einzigen Bus mehr. So wie die meisten anderen öffentlichen Dienstleistungen
wurde der öffentliche Nahverkehr an private Firmen übergeben.“
Seit 27 Jahren werde alles zu Geld gemacht, was man verscherbeln kann. „Das
nützt einer Clique von königstreuen Geschäftsleuten, ist doch aber eine
große Gefahr für ein Land, dessen postkoloniale Strukturen noch immer im
Aufbau sind“, sagt Abaakir. Ein Großteil der wirtschaftlichen
Erfolgsgeschichte Marokkos beruhe auf Durchschnittslöhnen von umgerechnet
300 Euro. „Niemand der Busfahrer im öffentlichen Nahverkehr hat eine
Renten- oder ordentliche Krankenversicherung“, sagt Abdullah Abaakir.
Für ihn und viele, mit denen die taz gesprochen hat, waren die Ereignisse
rund um Ceuta daher keine Überraschung, aber nur wenige trauen sich dies
auch öffentlich auszusprechen.
## Kein Wort vom König
Eine Chance auf baldigen Wandel sieht der linke Politiker daher nicht,
zumindest nicht von außen. „Trump kann an dieses System gut andocken und
die Europäer verdienen an der Idee der Werkbank Marokko doch gut mit.“
Zugleich wundert sich Abaakil über die Naivität seiner europäischen
Kollegen. „Man kann doch nicht ernsthaft annehmen, das Problem der
Migration mit seinen nordafrikanischen Partnern lösen zu können, wenn es
dort keine echten demokratische Kontrollmechanismen gibt. Und keine
Meinungsfreiheit.“
Die Ceuta-Krise zeige, dass der „Mahzen“, das tief verwurzelte Macht- und
Regierungsnetzwerk, auf die immer wiederkehrenden Bürgerbewegungen und
Proteste keine rechte Antwort hat.
Nabilaa Mounib, ist eine große, selbstbewusste Frau, die mit ihrem
eleganten Auftreten auch aus Casablancas High Society stammen könnte. Seit
2021 sitzt sie im marokkanischen Parlament für die Vereinigte
Sozialistische Partei (PSU), seit 2012 ist sie deren Vorsitzende und damit
die erste Frau im Land, die eine politische Partei anführt.
Ihre berüchtigt kompromisslose Kritik an der sozialen Ungleichheit im Land
formuliert sie in ihren Parlamentsreden in ähnlichen Sätzen wie die
Anführer der Protestbewegungen seit 2011, von denen immer noch einige im
Gefängnis sitzen. Mounib und Albaakir sind störende Sandkörner im
Machtbetrieb von Casablanca und der nah gelegenen Hauptstadt Rabat. Mehr
nicht, denn die staatlichen Medien ignorieren sie.
Aber nach Ceuta wird ihre Kritik populärer. Auf der Terrasse eines
Straßencafes halten immer wieder Passanten an und danken Mounib
überschwänglich für ihren Einsatz. Bei den kommenden Parlamentswahlen am
23. September hofft sie auf einen weiteren Sitz ihrer Partei in dem 395
Abgeordneten starken Parlament.
Doch was zu sagen hätten selbst Minister nicht, sagt Mounib. „Die
Vertrauten des Königs haben die wahre Macht. Wie und von wem die
Entscheidungen getroffen werden, darüber kann die Öffentlichkeit nur
spekulieren.“
Nabilaa Mounibs Herzensprojekt richtet sich an die Jugend des Landes. Mit
der „Schule der zweiten Chance“, unterstützt mit privaten Spendengeldern,
will sie junge Marokkaner und Marokkanerinnen ohne Schulabschluss und
Ausbildung von der Straße zum Lernen bringen. 3,5 Millionen von ihnen seien
durch den Verfall staatlicher Bildungsarbeit ohne Schul- und
Berufsabschluss, sagt Mounib.
„Schulen statt Fußballstadien“ forderten auch die GenZ-Demonstranten im
vergangenen Herbst. Statt ausschließlich auf neue Billiglohnjobs
ausländischer Investoren wie Renault, Stellantis oder Bombardier zu setzen,
die in den Freihandels- und Industriezonen von Tanger, Kenitra oder
Casablanca für den Export produzieren, will Mounir das öffentliche
Schulwesen sanieren. Und die Berufsausbildung reformieren, auch für die
Rückkehrer aus Ceuta. „Wenn wir uns jetzt nicht um die Hoffnungslosigkeit
der jungen Marokkaner unter 30 kümmern, dann wird es viele weitere Ceutas
geben“, sagt Nabilaa Mounib energisch.
Die 60-Jährige versucht über ihre Netzwerke im Parlament auch den Konflikt
mit der spanischen Regierung zu entschärfen. Mit dieser teilen viele junge
Marokkaner die Kritik an dem westlichen und israelischen Vorgehen in Gaza
und im Libanon. „Selten war das nachbarschaftliche Verhältnis mit Spanien
so gut wie in den letzten Jahren“, sagt Mounib. „Der Sturm auf Ceuta wurde
von einer rechten Allianz organisiert, um Spanien unter Druck zu setzen.
Man hat die Hoffnungen der jungen Marokkaner für eine politische Kampagne
instrumentalisiert.“
Für Stadtratsmitglied Abdullah Abaakil widerspricht Marokkos scheinbarer
Wirtschaftsboom dem Emigrationswillen der Jugend ganz und gar nicht. Das
Paradoxon sieht er eher in Europas Blick auf die Krise. „Dort sieht man
Marokko als lukratives Investment, ein Land mit niedrigen Löhnen. Um
Demokratie schert man sich nicht.“ Migration sei die Folge davon. Und
Ceuta, glaubt Nabila Mounib, womöglich erst der Anfang.
24 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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