# taz.de -- Migration nach Spanien: Über 40.000 sollen Grenze überwunden haben
> Tausende Menschen aus Marokko sind in die spanische Exklave Ceuta
> gelangt. Italien fordert den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum.
(IMG) Bild: Aus Marokko ins spanische Ceuta: am Grenzzaun, 30. Juli 2026
Nach spanischen Behördenangaben sollen in den vergangenen Tagen über 40.000
Menschen aus Marokko in die Exklave Ceuta gelangt sein. Medienberichten
zufolge starben dabei mindestens 19 Menschen. Am Donnerstag hatte sich die
Lage zugespitzt: Eine Mole, die zu den sonst streng von Marokko bewachten
Grenzanlagen gehört, war vorübergehend frei zugänglich. Ab Mittag zogen
große Menschengruppen über den Strand von Tarajal auf dem Gebiet der
Gemeinde Fnideq aus südlicher Richtung zu der Anlage.
Die spanischen Behörden hatten mit der Situation offenkundig nicht
gerechnet. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie einzelne Beamte der Guardia
Civil die Ankunft der Menschen lediglich beobachten. Einige der Ankommenden
rufen „Gracias“ oder „Es lebe Spanien!“, andere knien nieder, küssen den
Boden oder werfen ihre Flipflops in die Luft. Andere brechen völlig
entkräftet zusammen.
Am Donnerstagabend entschied die spanische Regierung, neben Hunderten
Polizisten auch 60 Soldaten nach Ceuta zu verlegen. Ab dem Abend setzte
Marokko in Fnideq Wasserwerfer ein, um weitere Übertritte zu verhindern. Am
Freitag wird Präsident Pedro Sánchez in Ceuta erwartet.
Das Lokalmedium Faro Ceuta sprach von einem „absoluten Kontrollverlust“.
Die Aufnahmeeinrichtung Ceti („Zentrum für den vorübergehenden Aufenthalt
von Migranten“) in der Stadt ist schon seit Tagen überlastet und
geschlossen, es gibt dort keine Plätze mehr. Vor der Tür sammelten sich im
Laufe des Donnerstages viele der Neuankömmlinge. Sie wurden unter anderem
vom Roten Kreuz notdürftig versorgt. Bereits in den vorigen Tagen hatte
Ceuta die nationalen Behörden um Hilfe gebeten. Der Bürgermeister Juan
Jesús Vivas forderte von der Regierung, den nationalen Notstand auszurufen.
„Gemeinsam und vereint werden wir das durchstehen“, sagte er in einer
Ansprache an rund 80.000 Einwohner:innen der Stadt.
Italien forderte den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum. Die Bilder
aus Ceuta seien „schockierend“, schrieb Italiens [1][Ministerpräsidentin
Giorgia Meloni] am Donnerstag auf X. „Italien wird nicht tatenlos zusehen“,
kündigte sie an. Rom sei „bereit zu handeln, auch durch außergewöhnliche
Maßnahmen (…) wie etwa das Aussetzen des Schengen-Abkommens mit Spanien“.
## Hintergrund ist ein Gerichtsurteil von Anfang Juli
Wer die hochgerüsteten Grenzanlagen der Enklaven Ceuta und Melilla
überwindet, wird oft ohne Asylverfahren direkt nach Marokko
zurückgeschoben. Das widerspricht eigentlich dem im europäischen Recht
festgeschriebenen Verbot von Kollektivabschiebungen. 2020 allerdings hatte
der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass ein
kollektiver Pushback Spaniens aus Melilla zulässig war, weil die
Beschwerdeführer zuvor versucht hatten, die Grenzanlagen „gewaltsam und in
einer großen Menschenmenge illegal zu überwinden“.
Am 8. Juli dieses Jahres hatte wiederum der Oberste Gerichtshof Spaniens
entschieden, dass die „heiße Abschiebung“ genannten Pushbacks aus [2][Ceuta
und Melilla] rechtswidrig sind, wenn die Betreffenden die Grenze auf dem
Seeweg, also schwimmend, überqueren. Daraufhin waren die Ankunftszahlen in
den beiden Enklaven gestiegen.
Am Donnerstag sei es dann zu einer „Explosion“ gekommen, sagte ein Sprecher
der Guardia Civil. „Die Menschenhändlerbanden und diejenigen, die illegal
nach Spanien einreisen wollen, nutzen eine bestehende Rechtslücke im
Ausländergesetz aus“, sagte ein Sprecher der Polizeigewerkschaft Jupol. Das
Innenministerium kündigte an, illegal Eingereiste umgehend abzuschieben.
Offen ist, inwiefern die Menschen sich auf Grundlage des Urteils vom 8.
Juli mit Rechtsmitteln gegen eine Abschiebung wehren können. Ebenfalls
unklar ist, was mit Minderjährigen geschieht, denen die Einreise gelungen
ist.
## Zusammenarbeit von Madrid und Rabat kompliziert
Marokko wird seit vielen Jahren von Spanien dafür bezahlt, die Grenzanlagen
zu bewachen und die „heißen Abschiebungen“ zu akzeptieren. [3][Am 24. Juni
2022 wurden an der Grenze von Melilla mindestens 27 Menschen getötet,] rund
70 wurden in der Folge vermisst. Im Februar 2014 wurden in Tarajal
mindestens 15 Menschen getötet, Dutzende wurden vermisst, nachdem die
Guardia Civil Gummigeschosse auf Menschen abgefeuert hatte, die schwimmend
nach Ceuta gelangen wollten.
Am Donnerstag hatten sich die marokkanischen Kräfte in Fnideq offenbar
vorübergehend zurückgezogen – warum, ist unklar. Marokkos Botschafterin in
Spanien, Karima Benyaich Millán, versicherte, dass die Zusammenarbeit
Rabats in dieser Krise uneingeschränkt sei. „Die Regierungen stehen in
ständigem Kontakt, um diese vom Königreich Marokko ungewollte Situation zu
lösen.“
Womöglich aber sollen mit diesen Beschwichtigungsformeln diplomatische
Spannungen kaschiert werden. 2021 hatte Marokko die Grenze offenbar gezielt
geöffnet, über 8.000 Menschen in 36 Stunden nach Ceuta durchgelassen. Die
Aktion diente offenbar dazu, Madrid zu zwingen, [4][Marokkos
Gebietsansprüche auf das besetzte Westsahara-Gebiet] anzuerkennen – mit
Erfolg.
Nun wird darüber spekuliert, ob hinter dem Vorfall an der Grenze wieder der
Westsahara-Konflikt steht. Denn Spanien plant, Bewohnern des Gebiets, die
vor dem Abzug der Kolonialmacht 1976 geboren wurden, ein Recht auf die
spanische Staatsangehörigkeit zu geben. Das könnte Rabat ebenso missfallen
haben wie die jüngste Annäherung Spaniens an Algerien.
## Druck von rechts
Andere wiederum vermuten, dass das den USA verbundene Marokko die Bewachung
der Grenze am Donnerstag auf Geheiß der USA zurückfuhr – als Retourkutsche
für [5][Spaniens konsequente Weigerung, Washington beim Irankrieg zu
helfen]. Eine Sprecherin von US-Präsident Trump sprach am Donnerstag davon,
dass Spanien eine „extrem linke, globalistische Politik verfolgt,
einschließlich der Förderung von Masseneinwanderung“. Das Land solle
„unverzüglich einen Kurswechsel vornehmen, sonst riskieren sie ihren
eigenen Untergang“.
Die Regierung von Sánchez hatte im Januar ein Programm angekündigt, [6][mit
dem wohl über 500.000 Migrant:innen ohne Papiere einen legalen Status
erhalten können], wenn sie in Spanien arbeiten. Am Donnerstag behaupteten
rechte Parteien, das Programm sei eine der Ursachen der Eskalation in
Ceuta. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen
Volkspartei sprach von einer Gefahr für die nationale Sicherheit.
Hinweis: Der Text wurde mit fortlaufendem Kentnissstand aktualisiert.
31 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
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