# taz.de -- Queere Community nach dem CSD-Attentat: Von Trauer zu Wut zu Widerstand
       
       > Nach dem Attentat auf den CSD sitzt der Schock tief. Doch die queere
       > Community hält dagegen: Drei Menschen erzählen von Solidarität und dem
       > Mut, weiterzumachen.
       
 (IMG) Bild: Brandenburger Tor, Ort der Trauer mitten in Berlin
       
       ## Unsere erste Frage ist immer: Ist alles in Ordnung bei dir?
       
       Es war ein großer Schock, das hat uns alle emotional sehr getroffen. Für
       viele Ukrainer*innen ist es etwas, das wir nur zu gut kennen. Denn seit
       dem russischen Angriffskrieg ist immer unsere erste Frage, wenn wir
       schlimme Nachrichten hören: Ist alles in Ordnung bei dir? Das schreiben
       wir, noch bevor wir fragen: Was ist passiert? Und diese Frage haben wir uns
       am Samstag auch wieder gegenseitig gestellt.
       
       Viele Ukrainer*innen sind vor dem Krieg nach Deutschland und speziell
       auch Berlin geflüchtet, weil sie hier Sicherheit und Schutz gesucht haben.
       Viele aus unserer Community erleben jetzt alte Ängste wieder. Es war auch
       nicht der einzige queerfeindliche Angriff am CSD, wir haben auch einen von
       Rechten erlebt. Am Nollendorfplatz haben sie unseren Truck aus der Parade
       heraus mit Flaschen beworfen. Ich war selbst auf dem Truck, als die Flasche
       kam. Die Angreifer habe ich nicht gesehen, aber sie scheinen organisiert
       gewesen zu sein. Meine Kollegin meinte, dass sie alle einheitlich
       rot-schwarz angezogen waren. Die Polizei hat dann aber sehr schnell
       reagiert. An der Courbièrestraße hat außerdem jemand [1][von einem Balkon
       aus mit einer Softair-Pistole auf die CSD-Parade geschossen.]
       
       Wir kennen das schon aus der Ukraine: Dort war ich sehr oft bei queeren
       Paraden, und eigentlich haben immer Menschen Tomaten, Eier oder Flaschen
       auf uns geworfen. Abgesehen von diesen schrecklichen Momenten war die
       CSD-Parade sehr cool, viele Menschen haben uns unterstützt und ich habe so
       viel Schönes gehört. Doch der Terroranschlag am Abend hat auch die Angriffe
       davor in ein anderes Licht gerückt. Wir sehen eine wachsende
       Radikalisierung und Feindseligkeit gegenüber Menschen, die einfach nur ihre
       Grundrechte ausüben.
       
       Wir sind mit unserem Truck schon gegen 16 Uhr am Brandenburger Tor
       angekommen, und niemand von denen, die ich kenne, war vom Anschlag direkt
       betroffen. Wir haben uns noch am Abend gegenseitig viel geschrieben,
       nachgeforscht, ob alle in Sicherheit sind. Und immer noch bekomme ich
       ständig Nachrichten. Die letzten Tage war alles sehr schmerzhaft und
       belastend. Ich denke, wir werden uns treffen und in einer Runde unsere
       Gefühle besprechen und das, was uns durch den Kopf geht, teilen. Aber
       wahrscheinlich schaffen wir das erst in der nächsten Woche, weil wir
       aktuell wegen der Organisation vom CSD selbst noch alle sehr müde und
       geschafft sind.
       
       Ich hoffe, dass wir unseren Kampf nicht abbrechen und dass die Tragödie uns
       nicht die Kraft nimmt. Denn unsere Arbeit geht weiter. Wir werden weiter
       für Menschenrechte, Freiheit und Sichtbarkeit eintreten. Hass darf nicht
       stärker sein als Solidarität.
       
       Noel Ravytski (er/ihn) ist im Vorstand [2][Kwitne Queer,] einer
       ukrainischen LGBTQ+-Menschenrechtsorganisation in Deutschland. 
       
       Uta Schleiermacher 
       
       ## Kopf in den Sand stecken ist nicht
       
       Meinen ersten CSD hab ich Anfang der 1990er in Berlin erlebt, ich war zum
       Studium in die Stadt gekommen. Ich kann mich noch erinnern, wie erhaben
       sich diese erste bunte Demo unter meinesgleichen anfühlte: Wir sind ja so
       viele! Das beflügelt und stärkt das Selbstvertrauen, macht stolz und
       einfach Spaß. Und wir wurden von Jahr zu Jahr mehr. Der CSD wurde größer
       und größer und, okay, auch kommerzieller. Es gab Abspaltungen, immer mehr
       Pride Paraden verschiedener Ausrichtungen. Und uns Queers wurden mit den
       Jahren immer mehr Rechte eingeräumt, die gesellschaftliche Akzeptanz stieg.
       Und irgendwann war die Luft raus bei mir. Wozu noch auf die Straße gehen?,
       dachte ich und auch mein Ehemann, ist doch immer die gleiche Leier: zu
       viele Leute, zu viel Party statt politischer Demo. Ein paar Jahre hab ich
       auf den CSD gepfiffen.
       
       Was für ein kolossaler Irrtum. Seitdem auch hierzulande die Versuche
       zunehmen, die Uhren zurückzudrehen, die Grundrechte von uns queeren
       Menschen wieder zur Debatte stehen, die Angriffe zahlreicher werden, bin
       ich wieder dabei. Wie erhaben sich die riesige Pride Parade am Samstag
       anfühlte: Wir sind ja so viele!
       
       Dieses Mal haben wir uns entschlossen, mein Mann und ich, hinter dem
       taz-Truck die Parade zu begleiten, den ganzen Nachmittag lang. Wie schön
       und inspirierend das war! Kolleg:innen waren dabei, es gab Musik und
       auch etwas Sekt und richtig gute, weil empowernde Reden vom taz-Wagen.
       Schön queerpolitisch, schön links. Am schönsten war, wie ausgelassen die
       Hunderttausenden diese Party-Demo feierten. Und überall waren
       Regenbogenfahnen zu sehen. Der Bundesrat hat sie gehisst (scheiß auf den
       „Zirkuszelt“-Bundestag ohne Regenbogenfahne), vor der Neuen Nationalgalerie
       flatterten sie im Wind, am Wintergarten-Varieté war sie zu sehen – das
       wärmt mein Herz.
       
       Nach sechs Stunden tanzenden Schrittes schlich sich der Muskelkater den
       Oberschenkel hinauf. Die Hitze. Der Hunger. Der Durst. Das Sausen in den
       Ohren wegen der dröhnenden Bässe vom Truck. Also ab nach Hause, in der
       U-Bahn viele erschöpfte Queers auf dem Weg sonst wohin, alle mit einem
       Lächeln auf den Lippen. Wir fahren zum Lieblingsitaliener, den Abend schön
       ausklingen lassen. Dann aber fragt gegen 23.30 Uhr eine taz-Kollegin, ob
       wir gut zu Hause angekommen sind? Sind wir, aber wieso fragt sie?Dann
       bricht via Instagram die Hölle über mich herein.
       
       [3][Ich bin sprachlos. Erschüttert und schockiert.] Und besorgt um alle,
       die ich auf dem CSD gesehen habe. Ich bin aber vor allem – Nachrichten
       schreibend, ob alles okay ist; Nachrichten empfangend – traurig. Auch in
       diesem Moment, wo ich diese Zeilen schreibe. Und wütend auch. Später als
       sonst gehe ich zu Bett. Erst am Morgen danach kommen mir die Tränen, als
       ich mir ganz bewusst ein Lied anhöre, bei dem ich weiß, dass ich weinen
       werde. Tränen sind gut, weil sich da etwas in mir löst. Es geht mir dann
       besser. Und nach den Tränen sehe ich manche Dinge klarer. [4][Wie ich
       diesen Betroffenheitsautomatismus der politischen Verantwortungsträger und
       die üblichen Forderungen hasse.]
       
       Die Wut ist immer noch da. Auch die Trauer, die kommt und geht. Das wird
       dauern. Klar ist aber schon jetzt: Kopf in den Sand stecken ist nicht.
       Keine Angst, trotz aller Verunsicherung, ist meine Devise. In den nächsten
       Wochen finden überall in Deutschland weitere CSDs statt, allein am nächsten
       Wochenende in Hamburg und Bonn, im Burgenlandkreis (Naumburg), in Kempten,
       Ahaus, Amberg und Schlüchtern und Wolfratshausen. Mal sehen, wo wir
       hinfahren. Wir sind so viele!
       
       Andreas Hergeth (er/ihn) ist für Redakteur für Kulturpolitik & Queeres im
       Berliner Lokalteil der taz
       
       ## Ich wünsche mir echte Solidarität – nicht nur Posts und Storys
       
       Das, was uns alle gehalten und getragen hat, war die Community. Von dem
       Moment an, in dem uns die Nachricht vom Anschlag erreicht hat. Ich glaube,
       diese Tage hätten ganz anders ausgesehen und sich emotional ganz anders
       ausgewirkt, ohne die Menschen, die diesen Schmerz ähnlich empfinden.
       
       Zum Zeitpunkt des Angriffs waren wir bei einer Veranstaltung auf dem
       Tempelhofer Feld. Wir waren gerade auf der Tanzfläche, dann wurde die Musik
       leiser gedreht und eine Person hat sehr durchgreifend nach Ruhe gerufen und
       die Nachricht von dem Attentat überbracht. Wir standen wie angewurzelt da.
       In der Stille hat erst mal jeder mit sich selbst versucht, das zu
       verarbeiten. Und irgendwann haben wir angefangen zu reden, uns
       auszutauschen und immer wieder ausgesprochen, wie froh wir sind, dass wir
       gerade zusammen sind.
       
       Wir alle wollten in dem Moment einfach ganz laut schreien – zusammen. So
       entstand der Wunsch, eine Veranstaltung zu organisieren, bei der die
       Community zusammenkommt, um gemeinsam alle Emotionen fühlen zu können. Und
       zwar in der Nähe von dem Ort wo das Attentat passiert ist, um uns diesen
       Ort wieder zurückzuholen. An dem Abend haben wir die Anmeldung bei der
       Polizei gemacht, haben den FLINTA*-Chor [5][D-Dur Dykes*] kontaktiert und
       ab da war es eigentlich ein Selbstläufer, weil so viel Resonanz und Hilfe
       kam, dass plötzlich ganz viele Hände mit angepackt haben.
       
       Der Moment, den ich am emotionalsten in Erinnerung habe, war das Ankommen
       am Sonntag am Brandenburger Tor. Als alle Helfer*innen ankamen und wir
       uns erst mal in den Armen lagen und diese Traurigkeit miteinander geteilt
       und sie über diesen Ort gegossen haben. Wir wollten diesen Ort nicht so
       schreckensbehaftet lassen. Es war, als hätte ich einmal geblinzelt und dann
       waren da 5.000 Personen, die Blumen niedergelegt haben, Plakate
       hochgehalten haben. Eine Person hatte auf die Schnelle eine
       Redner*innenliste zusammengestellt. Alle haben einfach das gegeben,
       was sie geben konnten. Es war total schön zu sehen, was Community-Arbeit
       alles erreichen kann.
       
       Ich glaube, das Verarbeiten hat erst so richtig nach der Demo angefangen,
       als es wieder zurück in den Alltag ging: raus aus diesem Safe Space, raus
       aus der Community. Rein in den Alltag, wo der Angriff doch sehr viel
       weniger präsent war. Natürlich war nicht für alle Leute in Berlin dieses
       Wochenende so bewegend. Für andere war es ein ganz normales Wochenende, wo
       sie sich erholt haben von der Woche. Es war emotional schwierig zu sehen,
       wie unterschiedlich relevant dieser Angriff für verschiedene Leute ist –
       einfach weiterzumachen. Nach dem Wochenende gab es immer wieder
       Realisationsmomente, was da eigentlich passiert ist. Es ist ganz viel
       Unterschiedliches dabei: Trauer. Aber auch Wut auf die Statements von
       Politiker*innen.
       
       Ich wünsche mir echte Solidarität. Ich glaube, es braucht immer
       Nichtbetroffene, die sich mit Betroffenen solidarisieren: und zwar auf eine
       konkretere Art und Weise als Posts und Storys. Ich wünsche mir, dass sie
       Leute aus der Community fragen, wie es ihnen geht, sie auf Demos begleiten
       oder queerfeindliche Kommentare benennen und kritisieren. Dieser Angriff
       darf nicht rassistisch instrumentalisiert werden. Ich wünsche mir, dass
       Leute sehen, dass es Symptom einer Entwicklung war, die sich politisch und
       gesamtgesellschaftlich angebahnt hat.
       
       Franziska E. (sie/ihr) hat zusammen mit Theresa Zanon (they/them) von den
       D-Dur Dykes*, Esther D. (sie/ihr), Julia Prinz (sie/ihr) und Victoria Lotze
       (sie/ihr) die Trauerveranstaltung für den Anschlag auf den CSD organisiert. 
       
       Luzie Fuhrmann
       
       28 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /CSD-in-Berlin/!6199213
 (DIR) [2] https://kwitnequeer.de/eng/
 (DIR) [3] /Anschlag-auf-Berliner-CSD/!6199265
 (DIR) [4] /Nach-Anschlag-auf-CSD-in-Berlin/!6199238
 (DIR) [5] https://www.instagram.com/ddurdykesberlin/?hl=en
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luzie Fuhrmann
 (DIR) Andreas Hergeth
 (DIR) Uta Schleiermacher
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Attentat
 (DIR) Queer
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Terrorismus
 (DIR) Pride Parade
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Anschlag
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Christopher Street Day
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) CSD Rathenow wird nicht mehr gefördert: Spenden für die Vielfalt gesucht
       
       Am 12. September soll der CSD Rathenow stattfinden. Doch nun wurde die
       Förderung aus dem Programm „Demokratie leben!“ gestrichen. Es geht um 1.000
       Euro.
       
 (DIR) Münster vor dem CSD in der Stadt: Wieder der Schmerz
       
       Der Anschlag beim Berliner CSD erschüttert auch Münster. Die Stadt, wo vor
       vier Jahren der trans Mann Malte C. beim CSD tödlich verletzt wurde.
       
 (DIR) Ethische Berichterstattung: Medien unter dem Druck des Terrors
       
       Bei Terroranschlägen liegt der Fokus der Berichterstattung häufig schnell
       auf dem mutmaßlichen Täter, seinem Umfeld, seinem Namen. Ein Automatismus?
       
 (DIR) Christopher Street Day in Hamburg: Jetzt erst recht
       
       Sieben Tage nach dem islamistischen Anschlag in Berlin ziehen 300.000
       Menschen durch Hamburg. So groß war der CSD hier noch nie.
       
 (DIR) Queerer Coming-of-Age Film: Die wärmste Umarmung
       
       Das Finale der „Hearstopper“-Reihe handelt von queerer Liebe. Und davon,
       warum es sich lohnt, dafür kämpfen.
       
 (DIR) Queere Menschen in Berlin: Die alltägliche Gewalt
       
       Übergriffe und Beleidigungen treffen diejenigen, die offen schwul, lesbisch
       oder trans leben, teils auf der Straße. Berlin guckt dabei auch genau hin.
       
 (DIR) Beraterin über Terrorbetroffene: „Deswegen ist Community so wichtig“
       
       Was brauchen Betroffene und queere Menschen nach dem Anschlag auf den CSD?
       Ein Gespräch mit Christelle Gebhardt, Geschäftsleitung von LesMigraS und
       der Lesbenberatung.
       
 (DIR) Nach dem CSD-Anschlag: Blumenmeer am Brandenburger Tor
       
       Auch drei Tage nach dem Anschlag trauern Menschen am Tatort und am
       Brandenburger Tor. Viele sorgen sich zudem um die Auswirkungen auf die
       Gesellschaft.
       
 (DIR) Nach dem CSD-Attentat: Wie wird man Gefährder?
       
       „Islamistische Gefährder“ sollen in Präventivhaft oder sogar ausgebürgert
       werden. Dabei ist der Begriff gesetzlich gar nicht definiert.
       
 (DIR) Nach Anschlag auf CSD in Berlin: Eine Stadt unter Schock
       
       Berlins Spitzenpolitiker und der Queerbeauftragte reagieren nach dem
       Anschlag auf den CSD mit Trauer und Entsetzen. Die AfD nutzt den Angriff
       für ihre Agenda.
       
 (DIR) Anschlag auf Berliner CSD: Tränen, Trauer und Widerstand
       
       Am Tag nach dem Anschlag kommt die Community zu einer großen Mahnwache am
       Brandenburger Tor zusammen. Ein Gefühl, das eint: nicht einschüchtern
       lassen.
       
 (DIR) CSD in Berlin: Wir müssen zusammenrücken
       
       Endlich mal vom eigenen Truck herunterwinken: Für unsere Autorin ist der
       Berliner CSD wie Weihnachten. Dann nahm das Fest ein schreckliches Ende.