# taz.de -- Christopher Street Day in Hamburg: Jetzt erst recht
       
       > Sieben Tage nach dem islamistischen Anschlag in Berlin ziehen 300.000
       > Menschen durch Hamburg. So groß war der CSD hier noch nie.
       
 (IMG) Bild: Vielfalt besonders sichtbar: Parade zum Christopher Street Day zieht über den Hamburger Steindamm
       
       Trucks, Luftballons, Regenbogenfahnen, Seifenblasen und Transparente:
       „Triggerwarnung: Friedrich Merz“, „Schützt die queere Jugend“, „Wir waren
       immer hier, wir sind immer hier, wir werden immer hier bleiben“.
       
       300.000 Menschen sind am Samstag beim CSD in Hamburg auf der Straße, mehr
       als erwartet und so viele wie nie. Schnell ist der Anfang der Demo, die den
       Steindamm runter gen Innenstadt zieht, nicht mehr zu sehen. Eine Person in
       goldenem Pailletten-Sakko umarmt einen LKA-Mann, der neben ihr steht, lässt
       kurz die Hand auf seiner Schulter liegen und sagt: „Hey, danke, das muss
       man ja auch mal sagen.“ „Na klar!“, sagt der LKA-Mann. „Wenn was ist,
       einfach Bescheid geben.“
       
       Der Hamburger CSD findet genau sieben Tage nach dem [1][Anschlag auf den
       CSD in Berlin] statt, bei dem eine Mutter aus Warschau gestorben ist. Sie
       war mit ihrer Tochter da, die bei der Attacke schwer verletzt wurde. 30
       weitere Menschen wurden verletzt, weil ein 21-Jähriger in unmittelbarer
       Nähe zum CSD mit einem Auto absichtlich Menschen angefahren hat. Er wurde
       einen Tag später bei einem Polizeieinsatz erschossen, war [2][als
       islamistischer Gefährder eingestuft] und wurde überwacht – allerdings nicht
       rund um die Uhr.
       
       Bis zuletzt lagen laut den Sicherheitsbehörden für den Hamburger CSD keine
       konkreten Gefährdungshinweise vor. Angepasst hat die Polizei ihr
       Sicherheitskonzept dennoch. Betonpoller und Lkw stehen an der Strecke,
       Hubschrauber und Drohnen sind im Einsatz, einige Einheiten aus anderen
       Bundesländern sind hinzugeholt worden, Kommunikationsteams laufen mit. Es
       sind doppelt so viele Kräfte im Einsatz, als vor dem CSD-Anschlag in Berlin
       eingeplant waren. Trotzdem verschwimmt die Polizei in der riesigen bunten
       Menge.
       
       ## So viele beim Hamburger CSD wie nie zuvor
       
       Es ist der größte CSD, den Hamburg jemals gesehen hat. Das teilen Polizei
       und Veranstalter übereinstimmend mit. Beide loben den sehr friedlichen
       Verlauf der Großveranstaltung mit dem Motto „Solidarisch queer. Haltung
       zeigen – für eine Zukunft ohne Angst“. Fast 150 Gruppen nehmen teil, die
       meisten sind zu Fuß unterwegs, dazu Zehntausende an der Strecke. Knapp 60
       Trucks fahren mit, auch einer der Berlin Pride ist dabei.
       
       „Es sind Tränen geflossen hier auf unserem Truck, und gleichzeitig sagen
       alle, es sei gut, dass wir hier sind, dass wir sichtbar und fröhlich sind –
       und, dass wir tanzen. Das macht den CSD aus“, sagt Thomas Hoffmann,
       Vorstandsmitglied von Berlin Pride. „Wir dürfen jetzt keine Angst haben,
       denn dann hätte die Seite gewonnen, die gegen uns ist und die nicht will,
       dass wir ein freies Leben führen. Wir müssen dafür sorgen, dass die
       Mehrheitsgesellschaft auch erkennt, dass hier die Freiheit für alle bedroht
       ist.“
       
       Da sei die rechtsextreme Bedrohung – die alltäglichere, die auch an den
       Wahlergebnissen der AfD zu sehen sei. „Gleichzeitig dürfen wir nicht
       verkennen, dass der islamistische Terror, der jetzt in Berlin einen
       konkreten Anschlag als Resultat hatte, eine Gefahr für die queere Community
       ist.“ [3][Beides existiere gleichzeitig] und müsse auch gleichzeitig
       adressiert werden.
       
       ## Schweigeminute für die Opfer in Berlin
       
       „Berlin, wir stehen stabil an eurer Seite“, hatte Christoph Kaymann,
       Co-Vorsitzender von Hamburg Pride, schon am Abend zuvor bei der Eröffnung
       des dreitägigen Pride-Straßenfestes gesagt. Mit einer Schweigeminute wurde
       vor dem Hamburger Rathaus der Opfer von Berlin gedacht. Eine
       Regenbogenflagge mit Trauerflor hängt dort. Kaymann rief dazu auf, die
       unterschiedlichen Gemütszustände zu respektieren, mit denen die
       Teilnehmenden in diesem Jahr dabei sind. „Unsere Botschaft ist klar: Ihr
       seid nicht allein.“
       
       Auch der CSD beginnt mit einer Botschaft an die Bundespolitik. „Wir fühlen
       uns nicht gehört“, sagt der frühere Vorsitzende von Hamburg Pride, Stefan
       Mielchen. Er steht an einem kleinen Redepult vor den ersten Trucks, kurz
       bevor sie sich in Bewegung setzen. „Es ist niemand aus der Bundesregierung
       nach Hamburg gekommen, da ist also kein Signal der Regierung an die queere
       Community, das zeigt: Wir stehen an eurer Seite.“ Es brauche nicht immer
       mehr folgenlose Ankündigungen, stattdessen müsse aus seiner Sicht endlich
       ein [4][Verbot von Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität im
       Grundgesetz] verankert werden.
       
       „Wir stellen niemanden unter Generalverdacht“, sagt Mielchen unter Applaus.
       „Und deswegen ist es richtig und gut, dass wir gleich über den
       [5][Steindamm] ziehen.“ Das ist eine muslimisch geprägte Straße unweit des
       Hamburger Hauptbahnhofs. „Dort ist die Vielfalt unserer Stadt besonders
       sichtbar, und wir können zeigen, dass wir uns in unserer
       Unterschiedlichkeit sehen und achten.“ Islamisten, so Mielchen, stünden
       außerhalb unserer Gesellschaft, die sie in Wahrheit bekämpften.
       
       „Ich finde es schade, dass heute niemand von der Bundesregierung hier ist,
       denn das steht ja symbolisch für eine Politik, die queere Sichtbarkeit
       bekämpft“, kritisiert auch die ehemalige Grünen-Parteichefin Ricarda Lang,
       die sich unter die Teilnehmenden gemischt hat. „[6][Manche Worte der
       Anteilnahme], die wir in der letzten Woche gehört haben, wirken ein
       bisschen heuchlerisch. Wenn man für queere Rechte einsteht, dann macht man
       das 365 Tage im Jahr und nicht nur nach solchen schlimmen Anschlägen.“
       
       Fast fünf Stunden lang kriecht der CSD am Samstag durch die Stadt, bis er
       an der Binnenalster endet, die die Menge nach der Abschlusskundgebung
       umfließt. Das Straßenfest dort und am Rathaus geht auch am Sonntag noch
       weiter. Manuel Opitz von Hamburg Pride fasst den CSD am Ende so zusammen:
       „Uns hat eine Welle der Solidarität der Stadtgesellschaft getragen.“
       
       1 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ilka Kreutzträger
       
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