# taz.de -- Queere Menschen in Berlin: Die alltägliche Gewalt
> Übergriffe und Beleidigungen treffen diejenigen, die offen schwul,
> lesbisch oder trans leben, teils auf der Straße. Berlin guckt dabei auch
> genau hin.
(IMG) Bild: Queerfeindliche Gewalt ist in Berlin besonders sichtbar
Da ist der bisher unbekannte Mann, der im Wedding eine trans Frau von einem
Fahrrad aus angespuckt und transphob beleidigt haben soll. Mitten am Tag
und auf offener Straße. Der Speichel des Mannes soll sie an Gesicht, Hals
und Schulter getroffen haben, schreibt die Polizei in einer Meldung zu dem
Angriff.
Da ist auch die Mieterin einer Wohnung im Regenbogenkiez in Schöneberg, die
eine metergroße Regenbogenflagge an ihren Balkon gehängt hat. Die
Hausverwaltung schreibt ihr, dass sie diese abnehmen soll, droht
gerichtliche Schritte und sogar Regress an. Der „optische Gesamteindruck“
sei erheblich gestört, möglicherweise sei dies geschäftsschädigend.
Vincent Lefrancois Mangold kommt gerade vom Therapeuten. Seit 20 Jahren
geht der Berliner mit französischen Wurzeln dorthin. Er und sein Freund
haben mehrfach Gewalt auf offener Straße erlebt. Vincent hat Anzeige
erstattet. „Ja, natürlich, das war mir wichtig“, sagt er, wohl wissend,
dass viele Opfer homophober Gewalt den Weg zur Polizei scheuen. Auch
Vincent hat ambivalente Erfahrungen gemacht: Einerseits gab es anzügliche
wie unpassende Sprüche auf dem Polizeirevier am Empfang, andererseits
professionell und umsichtig agierende Polizisten, die die Anzeige
aufnahmen.
Vincent und sein Freund leben seit mehr als 40 Jahren in Kreuzberg am
Paul-Linke-Ufer, einem queer geprägten Kiez. Hier kam es zu den
gewalttätigen und verbalen Attacken: Am 12. Juli, morgens gegen halb zehn
ist sein Freund mit dem Hund am Kanal unterwegs. Ein Typ, sie kennen ihn
vom Sehen, macht Stress, wird beleidigend und schlägt zu. Vincents Freund
trägt ein blaues Auge davon. „Er sah fürchterlich aus.“
Eine Woche später der nächste Vorfall, am Tag vor dem CSD, diesmal,
ebenfalls vormittags, fast vor der Haustür. Kein Passant reagiert. Sein
Freund fällt hin, der Notdienst muss kommen, die Nase ist gebrochen. „Die
Verletzung sah schlimm aus, aber das Schlimmste ist die verletzte Seele.“
Erschwerend kommt hinzu, dass sein Freund nach einem Schlaganfall lädiert
ist und sich nur schwer selbst verteidigen kann, sagt Vincent.
Auch er selbst hat in den letzten zwei Wochen zwei unliebsame Erlebnisse
erdulden müssen. Etwa 15 Kinder und Jugendliche haben ihn bespuckt – einer
nach dem anderen, schildert Vincent den Vorfall – und als „Scheiß
Schwuchtel“ beschimpft. „Ich hatte Cowboystiefel und kurze Hose an, das hat
ihnen wohl nicht gepasst.“ Ein paar Tage später geht er mit seinem Hund am
Kanal baden und wird von einem Typ schwulenfeindlich „richtig blöd
angemacht“. Die Zahl der Vorfälle überrascht ihn sehr. Und er sagt: „Es
reicht!“
Das CSD-Attentat hat bei Vincent seine unguten Gefühle verstärkt. „Ich
fühle mich richtig alleingelassen.“ Auch von der Politik. Es erschüttert
ihn, „wie salonfähig Homophobie jetzt ist“. Sein Freund ist so mitgenommen,
dass er Berlin sogar verlassen hat. „Er fühlt sich hier nicht mehr sicher“
und lebt gerade woanders in Deutschland. Vincent aber ist fitter und
kampfbereit, er bleibt.
Die Beispiele zeigen: Gewalt gegen queere Menschen ist ein alltägliches
Problem, und täglich kämpft, wer sich offen als queer zeigt, auch mit
Ablehnung. Das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo listet für 2025 insgesamt
723 Fälle und Hinweise mit explizit LSBTIQ+-feindlichem Bezug – also fast
zwei pro Tag. Das sei nur geringfügig weniger als im Vorjahr, teilte Maneo
im Mai mit.
## Verfolgt als Hasskriminalität
„Dass in Berlin die Zahl der queerfeindlichen Übergriffe und Straftaten
höher ist als in anderen Städten, liegt daran, dass wir sie hier sichtbar
machen“, sagt Anne von Knoblauch. Sie ist eine der beiden Ansprechpersonen
für LSBTIQ-Themen bei der Polizei Berlin. „Die vergleichsweise hohe Zahl
bedeutet gerade nicht, dass Berlin eine besonders queerfeindliche Metropole
ist.“ Im Gegenteil, sie würde mit Sorge auf andere Städte und Bundesländer
gucken, die im Vergleich bei der Polizei viel schlechter aufgestellt seien.
Berlin hat seit 1992 eine Ansprechperson für queere Themen bei der Polizei,
seit 20 Jahren mit zwei ganzen Stellen. Polizeibeamt*innen würden in
Workshops für die Anliegen und Bedürfnisse der Community sensibilisiert,
die Polizei arbeitet außerdem eng mit Beratungsstellen zusammen.
„Berlin ist eine 4-Millionen-Stadt. Hier prallen Weltanschauungen und
Weltbilder aufeinander. Und das führt teils auch zu Gewalt“, so von
Knoblauch. „Die Gewalt betrifft nicht nur Menschen, die als queer erkennbar
sind. Wir sehen das auch etwa gegen die jüdische Community“, sagt sie.
Dabei bleibe es nicht nur bei Beleidigungen. „Wir sehen, dass es zu
körperlichen Übergriffen mit teils schwersten Verletzungen kommt, wir haben
viele Straftaten im öffentlichen Raum.“
Queerfeindliche Beleidigungen und Angriffe gelten als Hasskriminalität. „Da
gehen wir von einer menschenverachtenden Gesinnung aus, und daher landen
diese Fälle auch alle beim Staatsschutz für politisch motivierte
Straftaten“, sagt von Knoblauch. Auch bei der Staatsanwaltschaft ist eine
zentrale Stelle für diese Fälle eingerichtet. „Queerfeindliche Straftaten
können damit auch härter bestraft werden als Straftaten ohne diesen
menschenverachtenden Hintergrund“, sagt sie.
## Hohe Dunkelziffer
Beim [1][Anti-Gewalt-Projekt Maneo gehen sie davon aus, dass rund 80–90
Prozent der Übergriffe] gar nicht bei der Polizei landen. Wer selbst
beleidigt oder angegriffen wird, sollte das unbedingt anzeigen, sagt sie.
„Die Täter machen das erfahrungsgemäß nicht nur einmal.“ Doch gerade in
Berlin seien die Strukturen inzwischen so tragfähig, dass Täter, wenn sie
ermittelt werden, auch verurteilt werden – und der Staat ihnen damit auch
eine Grenze setzt.
Nach dem CSD-Anschlag fordert der [2][Verband queere Vielfalt – LSVD nun 10
Sofortmaßnahmen für queere Sicherheit]. Darunter sind Forderungen, die
nichts kosten: etwa eine Ergänzung im Grundgesetz, damit dieses auch
Benachteiligungen aufgrund der sexuellen Orientierung verbietet oder engere
Zusammenarbeit zwischen den Ressorts für Justiz, Inneres, Soziales und
Bildung. Darüber hinaus wird die Finanzierung von Extremismusprävention,
von Bildungsprogrammen in Schulen, Aufklärungsprojekten und von
Beratungsstrukturen gefordert. „Bloße Forderungen nach höheren Strafen
greifen zu kurz“, heißt es
Der Verband betont, dass der Schutz von LSBTIAQ* „nicht im Widerspruch zu
Menschenrechten von Geflüchteten, Migrant*innen und People of Color“
steht. Gesellschaftliche Gruppen dürften nicht gegeneinander ausgespielt
werden. Das würde auch das Vertrauen nicht wiederherstellen. Im Gegensatz
zu teils völlig überzogenen politischen Forderungen seien es „konkrete
politische Handlungen, die explizit auf die Bekämpfung von
Queerfeindlichkeit abzielen“, die der Community zeigen würden, dass die
Verantwortlichen ihre Sorgen und Ängste ernst nehmen.
Berlins Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD), zuständig für
Antidiskriminierung und Vielfalt, lädt für Ende August zu einer
Sondersitzung des runden Tisches gegen Queerfeindlichkeit ein. Eingeladen
würden Vertreter*innen der queeren Community, Verbände und
Organisationen sowie Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Kiziltepe forderte
nach eigenen Angaben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in einem Brief auf,
solch ein Gremium auch auf Bundesebene einzurichten.
„Nach dem Terrorangriff auf den CSD ist deutlich geworden, dass
Politiker*innen aller Parteien schnelle Maßnahmen fordern und Hinweise
geben, was jetzt alles getan werden muss“, sagte Kiziltepe. Es werde über
die queere Community gesprochen, aber nicht mit ihr. „Das geht so nicht“,
sagte die Senatorin. „Die queere Community muss in alle Überlegungen
einbezogen werden. Ihre Stimme, ihre Forderungen und Überlegungen sind
wichtig für alle weiteren politischen Entscheidungen.“
Das Berliner CSD-Team will schon jetzt zeigen, dass sie sich von dem
Anschlag nicht entmutigen lassen. Mit einem eigenen Truck werde der
Berliner CSD am Samstag am Hamburger CSD teilnehmen, teilte das Team mit.
Aus Respekt vor den Opfern wollen sie auf dem Truck ganz in Schwarz
gekleidet mitfahren. Und für Sonntagabend rufen CSD und LSVD zu einer
gemeinsamen Mahnwache in der Nähe des Anschlagsorts auf.
31 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://maneo.de/wp-content/uploads/2026/05/MANEO-PM-MANEO-Report-2025-260512.pdf
(DIR) [2] https://www.lsvd.de/de/ct/17292-10-Sofortmassnahmen-fuer-queere-Sicherheit
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
(DIR) Andreas Hergeth
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