# taz.de -- Münster vor dem CSD in der Stadt: Wieder der Schmerz
> Der Anschlag beim Berliner CSD erschüttert auch Münster. Die Stadt, wo
> vor vier Jahren der trans Mann Malte C. beim CSD tödlich verletzt wurde.
(IMG) Bild: Queere Sichtbarkeit: Am Hafenplatz in Münster markiert ein Regenbogen den Weg
Von der gotischen Fassade des sandfarbenen Rathausgebäudes weht am Mittwoch
keine Pride-Flagge mehr. Von der Mahnwache vom Vortag für das CSD-Attentat
in Berlin sind nur noch ein paar vertrocknete Blumen im Rathausinnenhof
übrig und ein Schild mit der Aufschrift: „Ihr seid nicht allein“. „Für
viele ist der Angriff auf den CSD in Berlin retraumatisierend“, sagt Leonie
Dietz. Auch sie trifft die Gewalttat schwer. Ihre feuerroten Locken trägt
die 27-Jährige kurz, ein Piercing steckt an ihrer Augenbraue, eins an der
Nase.
Dietz ist Teil des Münsteraner CSD-Orgateams, und sie hat 2022 auch das
Awarenessnetz NRW mitgegründet. In jenem Jahr war am Rande des CSDs in
Münster der 25-jährige trans Mann Malte C. [1][von einem Mann tödlich
angegriffen worden]. Der Täter hatte zuvor laut Polizei mehrere
Umzugsteilnehmer*innen als „lesbische Hure“ beschimpft und war
drohend auf sie zugegangen. Malte C. habe sich schützend vor sie gestellt,
daraufhin habe ihn der Angreifer zweimal unvermittelt gegen den Kopf
geschlagen. C. verstarb sechs Tage später an den Folgen eines
Schädelhirntraumas.
Der Täter war ein 20-jähriger, wegen Körperverletzung vorbestrafter,
drogen- und alkoholsüchtiger geflüchteter Mann aus Tschetschenien, der
selbst schwul ist. Das Landgericht Münster verurteilte ihn zu fünf Jahren
Jugendstrafe. Queerfeindlichkeit wollte das Gericht in der Tat jedoch nicht
erkennen.
„Wieder hier zu stehen, wieder Blumen niederzulegen, wieder zu sehen, dass
jemand sein Leben wegen Queerfeindlichkeit und Hass lassen musste, tut
richtig weh“, sagt Dietz. Am Samstagabend war ein 21-Jähriger im Berliner
Tiergarten in unmittelbarer Nähe zum CSD absichtlich in eine Menschenmenge
gefahren. Eine Frau starb, 31 Personen wurden verletzt. Der mutmaßliche
Täter, Abdul B., der am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz erschossen
wurde, war den Behörden bereits bekannt und [2][als islamistischer
Gefährder eingestuft].
Leonie Dietz sieht erschöpft aus. „Wir waren zwei Nächte wach“, erzählt
sie. Als sie und ihre Gruppe nachts vom Attentat erfuhren, seien sie direkt
nach Berlin gefahren. Um 5 Uhr morgens seien sie angekommen und hätten
direkt die Mahnwache vor dem Brandenburger Tor mitorganisiert, am Dienstag
dann die in Münster.
## Am 15. August ist der CSD
Am 15. August findet in der 300.000-Einwohner*innen-Stadt, in der 1972 die
erste Homosexuellendemos der Bundesrepublik stattfand, der diesjährige CSD
statt. Das Motto: „Die Würde jedes Menschen ist unantastbar.“ Dis
Organisator*innen rechnen mit 10.000 bis 12.000 Besucher*innen. Wie
geht eine Stadt und eine Community, die mit dem Angriff auf Malte C. schon
queerfeindliche Gewalt bei einem CSD erlebt hat, mit der erneuten Gewalttat
um?
„Wir haben nach dem Mord an Malte gelernt, dass wir uns gegenseitig halten
und unterstützen müssen, wenn das System es gerade nicht kann“, sagt Dietz.
Davon würden sie jetzt profitieren. „Auf Signal, Whatsapp und Telegram
fragen gerade viele: Was braucht ihr? Wo braucht ihr Unterstützung? Wie
geht es dir?“ Wer Redebedarf hat, kann ins A.Cat kommen, die einzige offen
queere Bar in Münster, oder sich an die Hotline des Awarenessnetzes wenden.
„Seit einigen Tagen steht unser Telefon nicht mehr still“, berichtet Dietz.
Privatpersonen würden anrufen, aber auch Institutionen, die Schulungen über
Gewaltschutz und Awarenesskonzepte anfragen.
Gegründet hat sich das Awarenessnetz, das Awarenesskonzepte für queere
Veranstaltungen entwickelt und Schulungen anbietet, in Reaktion auf den
Mord an Malte C. „Ich musste irgendwo hin mit dieser Trauer und der Wut“,
erzählt Dietz. „Ich konnte nicht glauben, dass das passiert, vor allem in
Münster, wo wir so viel gute Präventionsarbeit leisten.“
Rückblickend habe am meisten geholfen, die Trauer und Wut in Aktionismus zu
stecken, so Dietz. „Die Community hat sich schnell mobilisiert, offene
Treffs und Beratungen angeboten und über Gewaltschutzkonzepte gesprochen.“
Sie hätten sich über Landesgrenzen hinweg vernetzt, kleinere CSDs auf dem
Land unterstützt und seien mit dem Amt für Gleichstellung in den Dialog
gegangen. 2025 wurde der [3][Aktionsplan LSBTIQ+-Münster] beschlossen, mit
dem jetzigen Grünen-Oberbürgermeister Tilman Fuchs, von dem sich die
Community sehr gesehen fühle, gäbe es viele Vernetzungstreffen. „Auch mit
der Polizei gibt es inzwischen eine enge Zusammenarbeit“, sagt Dietz. Vor
2022 habe es wenig Austausch gegeben.
## Sensibilisierungsschulungen zu Diversität
Antonia Linnenbrink, Sprecherin der Polizei Münster, bestätigt das: „Die
Stimmung war eiskalt“, erinnert sie sich an den ersten runden Tisch nach
dem Mord an Malte C. „Wir dachten, wir sind eine offene Institution,
mussten aber feststellen, dass die Community das nicht spürt.“ Seitdem hat
sich viel getan: Einmal jährlich findet ein runder Tisch statt, es gibt
interne Sensibilisierungsschulungen zu Diversität, zudem wurden zwei
Queerbeauftragte in der Polizei eingerichtet. Außerdem gibt es regelmäßige
Dialogformate mit der Community, die Polizei kommentiere aktiv zu queeren
Themen und hisse an bestimmten Tagen die Prideflagge. „Dafür bekommen wir
nicht nur positive Resonanz“, sagt Linnenbrink. „Uns bläst auch ein krasser
Wind entgegen.“
Dieser Eindruck entsteht nicht, schlendert man durch die beschauliche
Studierendenstadt. Straßenlaternen sind großflächig mit Pridestickern
bedeckt, Ampelmännchen zeigen gleichgeschlechtliche Paare in rot und grün,
über den Hafenplatz, wo Malte C. attackiert wurde, zieht sich ein
einhundert Meter langer Regenbogen-Streifen.
Aber, erzählt Dietz, sobald man die Bubble verlässt, in der viel
Solidarität herrsche, „wird man bespuckt, beleidigt, gecatcalled“. Die Zahl
der registrierten queerfeindlichen Straftaten stieg nach Angaben des
Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen von 86 Fällen im Jahr 2022 auf 284
Fälle im Jahr 2025. Bundesweit wurden nach Angaben des Bundeskriminalamts
2025 2.377 queerfeindliche Straftaten registriert – fast doppelt so viele
wie noch drei Jahre zuvor. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
Die Sicherheitsmaßnahmen rund um den CSD in Münster wurden nach dem Angriff
auf Malte C. verschärft: mehr Polizei, mehr abgesperrte Straßen, mehr
Awarenesspersonal und Ordner*innen. Nach dem Attentat in Berlin wird für
den CSD in zwei Wochen weiter aufgestockt, so Polizeisprecherin
Linnenbrink. Grundlage dafür sei eine fortlaufende Gefährdungsbewertung des
Staatsschutzes, an die sich die Maßnahmen jeweils anpassten.
„Ich wünsche mir, dass Menschen sich trotz der Umstände möglichst sicher
fühlen, sichtbar sind und wirklich zusammenzuhalten“, sagt Dietz. Das
Supportnetz in Münster sei sehr beeindrucken und berührend. Daran müssten
sie sich gerade festhalten, denn die Wut auf das System, das queere
Menschen nicht schütze, sei groß. „Dass die Tat politisch
instrumentalisiert wird, ist doppelt bitter, weil damit Hass und Rassismus
geschürt wird.“
## Eng miteinander vernetzt
Das schürt nicht nur bei Leonie Dietz Unmut. „Manche Jugendliche regen sich
über die politische Instrumentalisierung der Tat auf“, sagt Yannick Janßen.
„Andere sind sichtbar mitgenommen, und für wieder andere ist das, was in
Berlin geschehen ist, sehr fern.“ Janßen sitzt auf einem Sofa im Track,
einem LSBTI+-Jugendzentrum und einer Beratungsstelle für Queere. An der
Decke hängt eine Transflagge und eine Girlande mit Pridefähnchen. „Das war
damals bei Malte auch so. Viele Verarbeitungsprozesse funktionieren
unterschiedlich“, sagt Janßen. Im Track soll Platz für jede Form des
Umgangs sein.
Nina Kleeberg vom Verein Trans*-Inter*-Münster möchte ähnliches für ihre
Community anbieten. Sie sitzt Janßen gegenüber – dass er sie trotz
kürzester Vorlaufzeit spontan zum Gespräch dazugeholt hat, zeigt, wie eng
die Strukturen in Münster miteinander vernetzt sind. „Es nimmt einige
ziemlich mit, es ist eine generelle Angst und Verunsicherung zu verspüren“,
berichtet Kleeberg. Jetzt brauche es – genau wie nach dem Angriff auf Malte
C. – Rückhalt aus der Community, aber auch aus der Zivilgesellschaft und
der Stadt.
Damals hatte sich innerhalb kürzester Zeit das Bündnis gegen Queer- und
Transfeindlichkeit gegründet, in dem sich erstmals queere und Antifa-Orgas
vernetzten. Sie hätten Kontakt mit dem Boxklub aufgenommen, in dem der
Täter von Malte C. aktiv war, und gefragt, was sie brauchen. „Wir haben
auch einen offenen Brief an die Zivilgesellschaft geschrieben, dass wir
Rückhalt aus der Stadt brauchen, auch wenn es sie nicht direkt betrifft“,
berichtet Janßen. Das sei auf großes Interesse gestoßen, auch wenn die
finanziellen Mittel nicht immer da seien.
Kleeberg ergänzt: „In den Verwaltungen liegen überall Broschüren zu queeren
Themen aus, und die Mitarbeiter*innen sind sensibilisiert. Da ist
Münster schon eine Ausnahme“, so die trans Frau. Auch die Bürger*innen
seien offen. Die Grundeinstellung sei: „Leben und leben lassen.“
Dennoch hat die Community klare Wünsche: „Ein aufrichtiges Interesse daran,
die Bedürfnisse von queeren Menschen zu sehen, mehr Schutzstrukturen und
Gelder dafür“, sagt Leonie Dietz. Sie fordert außerdem, dass das Verbot von
Diskriminierung aufgrund von Queerness in das Grundgesetz aufgenommen
werden müsse. Dafür geht sie am 15. August auf die Straße.
Nina Kleeberg begrüßt, dass der CSD in Münster trotz des Anschlags in
Berlin wie geplant stattfindet. „Wir dürfen uns nicht verstecken“, sagt
sie.
3 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Getoeteter-trans-Mann-Malte-C/!5876441
(DIR) [2] /Nach-dem-CSD-Attentat/!6199717
(DIR) [3] https://www.stadt-muenster.de/gleichstellung/gleichstellung-in-muenster/aktionsplan-lsbtiq
## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
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