# taz.de -- Ethische Berichterstattung: Medien unter dem Druck des Terrors
       
       > Bei Terroranschlägen liegt der Fokus der Berichterstattung häufig schnell
       > auf dem mutmaßlichen Täter, seinem Umfeld, seinem Namen. Ein
       > Automatismus?
       
 (IMG) Bild: Auf der Suche nach Hinweisen im Tiergarten
       
       Der Tagesspiegel nennt ihn „Schläger, Räuber, Dschihadist“, beim Spiegel
       ist er „der Gefährder aus der Mitte“. „Fünfmal am Tag soll er gebetet
       haben“, will die Welt wissen. Wie sollen Medien über Terroranschläge und
       ihre Täter berichten? Eine Frage, die sich zwar nicht erst seit dem
       [1][Anschlag auf den CSD in Berlin] stellt, doch nun aktueller denn je zu
       sein scheint.
       
       „Das ist diese klassische Aushandlung, die wir im Fall von
       Terrorismusberichterstattung haben“, erklärt Medienforscher Marc Jungblut
       von der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Wir alle sind neugierig,
       wir alle wollen wissen: Wie konnte es dazu kommen? Andererseits spielen wir
       den Terroristen mit einer zu ausführlichen Berichterstattung in die Hände.“
       Denn denen gehe es bei ihren Anschlägen, darum die maximale Aufmerksamkeit
       auf sich und ihre Ideologie zu richten. „Terror will Wut, Angst und
       Unsicherheit verbreiten. Für Medienschaffende gilt es, besonders vorsichtig
       und sorgfältig mit Informationen umzugehen.“
       
       Seit Jahren spürt der Journalismus zugleich einen ökonomischen Druck,
       Redaktionen sind unterbesetzt, Social-Media-Accounts teilen unbestätigte
       Informationen, die Medien wieder einholen, überprüfen müssen. „Man sieht es
       an den ganzen Livetickern, die direkt online gehen, da ist der Druck da, so
       schnell wie möglich an neue Informationen zu gelangen und sie zu teilen.“
       Dabei sei es auch nicht unüblich, dass bei Unwissenheit oder Stress bei
       Kolleg*innen anderer Medien abgeschrieben werde. „So können sich viel
       schneller Falschinformationen verbreiten“, sagt Jungblut. Durch den
       Informationsfluss kämen Richtigstellung im Nachhinein oftmals zu spät.
       
       Wie sieht eine bessere, ethische Berichterstattung aus?
       
       „Berichterstattung ist wie Sauerstoff für Terrorismus, weil Terrorismus
       darauf abzielt, Leute jenseits der tatsächlichen Opfer zu beeinflussen.
       Deshalb sind Terroristen auf Berichterstattung angewiesen“, sagt Jungblut.
       Daher solle man sich nicht vom Geschehen in den ersten 24 Stunden treiben
       lassen. Der Druck nach Output ist hoch, das zeigte auch die
       Berichterstattung nach dem CSD-Anschlag am Samstag.
       
       In den ersten 24 Stunden veröffentlichten manche Medien wie etwa die
       Süddeutsche Zeitung oder die Welt mehr als 20 Beiträge, Videos von
       Pressekonferenzen und von Reporter*innen von vor Ort sowie erste
       Nachzeichnungen der Tätervergangenheit. Obwohl die Details zum Tathergang
       und zur Motivation noch unklar waren, sprach die Welt mit drei
       verschiedenen Polizeigewerkschaftern, zwei Terrorismusexpert*innen
       und einem Sicherheitsexperten. Sie fokussierte sich auf die Arbeit der
       Polizei, auf deren Forderung nach mehr Videoüberwachung und auf die Motive
       des mutmaßlichen Täters. Und gab mehrheitlich konservativen Stimmen Raum.
       
       Jungblut verweist auf die journalistischen Standards, die Medienhäuser auch
       unabhängig von Anschlägen wahren sollten: „Verbreite keine unbestätigten
       Informationen, bleibe sachlich im Ton und der Berichterstattung, und frage
       dich, was wirklich von öffentlichem Interesse ist.“
       
       Doch besonders Letzteres ist auch eine Frage der Auslegung: Bereits am
       Sonntag, dem Tag nach dem CSD-Anschlag, veröffentlichte der Spiegel ein
       Interview mit dem Vater des Täters, in dem er über das Aufwachsen seines
       Sohnes spricht, aber auch über dessen Radikalisierung. [2][Das
       Medienmagazin <i>Übermedien</i> kritisierte den <i>Spiegel</i>] für seine
       Berichterstattung, dafür, einen nahen Angehörigen des Opfers zu früh ins
       Rampenlicht zu stellen. Ähnlich scharf ist die Kritik am Vorgehen von
       t-online, Focus online und der Berliner Zeitung, die anhand von Aussagen
       von Nachbar*innen versuchen, dem Täter näherzukommen, obwohl diese meist
       kaum belastbare Informationen gaben.
       
       Wie sollen Medien mit Opfern umgehen?
       
       Für Marc Jungblut ist das Vorgehen ein klassisches Problem der
       Terrorismusberichterstattung. Journalist*innen fokussierten in der
       Berichterstattung oftmals zu schnell auf den Täter und ließen zu wenig Raum
       für die Opfer des Anschlags. „Doch auch bei der Berichterstattung über die
       Opfer sollten Medien auf zu detaillierte und dramatisierte Darstellungen
       der Opfer verzichten, da sie zu mehr Angst bei den Lesenden führen können“,
       warnt Jungblut.
       
       Im Fall des CSD-Anschlags ist lediglich bekannt, dass es sich bei dem
       verstorbenen Opfer um eine 65-jährige Mutter aus Warschau handelt. Der
       Fokus liegt in der Berichterstattung stärker auf dem mutmaßlichen Täter. Am
       Sonntagmorgen führt die „Tagesschau“ [3][ein Interview] mit dem
       Terrorismusexperten Holger Schmidt. Zu dem Zeitpunkt ist lediglich bekannt,
       dass der mutmaßliche Täter den Wagen, mit dem er der Anschlag verübte,
       gemietet hatte.
       
       Ob er ihn steuerte, ist am Sonntagmorgen noch unklar. Terrorexperte Schmidt
       gibt zu, dass an vielem, über das er zu diesem Zeitpunkt spricht, „noch
       Spekulation dran“ sei. Trotzdem wird bereits über die Staatsangehörigkeit
       gemutmaßt. „Die Herkunft des Nachnamens stammt jedenfalls aus dem
       arabischen Raum […], die Staatsangehörigkeit ist mir noch nicht klar“,
       erklärt Schmidt.
       
       Wenig ist zu diesem Zeitpunkt gesichert, trotzdem liegt bereits der Fokus
       auf dem Täter. Ein Automatismus? „In den ersten Stunden, wenn noch eine
       Gefahr ausgeht vom Täter, ist klar, dass sich die Journalist*innen auf
       die Täterbeschreibung fokussieren“, sagt Medienprofessor Hartmut Wessler
       von der Uni Mannheim. Doch sobald der Täter gefasst sei, sollte man
       vorsichtig mit großen Täterprofilen sein, um dem Täter keinen Prominenten-
       oder Heldenstatus zu geben.
       
       Warum liegt der Fokus auf dem Täter?
       
       „Der Grat ist schmal, die Leute sollen nicht das Gefühl bekommen, dass
       ihnen Informationen von den Medien vorenthalten werden, gleichzeitig fehlt
       in den ersten Tagen der emotionale Abstand, um differenziert über
       Sicherheitslücken und die Tathintergründe zu sprechen.“
       
       Es komme zu schnell zu einem Othering der Bevölkerungsgruppe, für die der
       Täter zu handeln vorgibt, wenn die Staatsangehörigkeit oder die Herkunft in
       den Vordergrund gerückt werde, sagt Wessler. Das habe mit der
       Sozialidentitätstheorie zu tun.
       
       Geschehe etwa ein Terroranschlag, möchte man sich als Gruppe von dem Täter
       abgrenzen. Handele es sich „um einen klassischen Biodeutschen“, werde
       häufiger ein Einzelfallcharakter der Tat betont und seltener der Begriff
       Terror genutzt.
       
       Ein [4][Forschungsteam der] Medizinische Universität Wien hat sich genau
       diese Unterscheidung angeschaut und mehr als 1.900 Artikel von deutschen
       und österreichischen Medien mit der Frage ausgewertet und analysiert, wie
       sie über Terrorattentate zwischen 2016 und 2020 berichtet hatten. Das
       Fazit: Medien stellen Gewalt durch islamistische Terroristen häufiger als
       Terrorismus dar und zeichnen sie aufgrund ihrer Netzwerke und organisierten
       Terrorzellen als größere Bedrohung für die Gesellschaft als Gewalt durch
       rechts- oder linksextreme Terroristen.
       
       Wann sollen Medien die Herkunft thematisieren?
       
       Laut den Studienautor*innen ist die Darstellung eines
       „entmenschlichten Anderen“ eine Strategie, um Unterschiede zwischen einer
       In-Gruppe und einer Out-Gruppe hervorzuheben und so einen gemeinsamen Feind
       zu verinnerlichen und zu systematisieren. Hartmut Wessler betont daher,
       dass man in der Berichterstattung darauf achten sollte, klare Grenzen zu
       ziehen zwischen einem islamistischen Anschlag und Muslimen.
       
       Wann es ethisch vertretbar ist, Herkunft und Namen des mutmaßlichen Täters
       zu nennen, ist im Pressekodex geregelt. Journalist*innen müssen laut
       Kodex abwägen, ob das „berechtigte Interesse der Öffentlichkeit im
       Einzelfall die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegt“. Erst
       dann sei es vertretbar, den mutmaßlichen Täter zu benennen. Dabei spiele
       unter anderem eine Rolle, wie stark der Tatverdacht sei, wie schwer der
       Vorwurf wiege, wo sich das Verfahren gerade befinde und wie bekannt der
       Verdächtige sei. Laut Pressekodex ist eine Namensnennung etwa dann erlaubt,
       wenn „ein Fahndungsersuchen der Ermittlungsbehörden vorliegt“. Was im Fall
       des CSD-Attentäters gegeben war.
       
       Zum Anschlag im Tiergarten erklärt die Sprecherin des Deutschen Presserats
       gegenüber der taz: „Aufgrund der besonderen Schwere des Falls ist eine
       Namensnennung zulässig.“ Eine Pflicht oder Empfehlung zur Nennung besteht
       jedoch nicht, Redaktionen können individuell darüber entscheiden. Der
       Presserat regelt einen minimalen Rahmen der Berichterstattung und lässt
       bewusst Spielraum für verantwortungsbewusste redaktionelle Arbeit.
       
       Ähnlich sieht es bei der Nennung der Herkunft der Täter*in aus. Der
       Presserat verbietet sie nicht,,, jedoch sollte ein begründetes öffentliches
       Interesse bestehen“. Es soll aber durch die Erwähnung „nicht zu einer
       diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens“ kommen.
       
       Welche Details sollen an die Öffentlichkeit?
       
       Medienforscher Marc Jungblut empfiehlt, den Vornamen zu nennen und den
       Nachnamen abzukürzen: „Es ist ein schwieriger Aushandlungsprozess.
       Medienethisch geht es um die Frage, wie man eine Situation schafft, in der
       der Täter kein Prestige post mortem erlangen kann, wie es nicht zu einer
       Glorifizierung kommt und trotzdem das Informationsbedürfnis der Bevölkerung
       gestillt wird.“ Während die SZ und die Zeit den Namen abkürzen, schreiben
       ihn unter anderem Tagesspiegel, Neues Deutschland, Spiegel und Bild aus.
       
       Journalist*innen müssen sich die Frage stellen, wie detailreich sie
       über den Täter berichten wollen. Im aktuellen Fall sei es laut Jungblut
       gerechtfertigt, über Vorstrafen zu informieren: „Diese Einstufung als
       Gefährder, die Ausreise in den Libanon – all diese Punkte gehören zu der
       Frage, ob die Sicherheitsbehörden alles getan haben, was in ihrer Macht
       stand, um den Anschlag zu verhindern.“
       
       Trotz der vielen Herausforderungen hat sich laut Jungblut im Journalismus
       in den vergangenen 20 Jahren einiges geändert. Als Negativbeispiel für
       Terrorberichterstattung gilt bis heute die nach dem Vorfall in Oslo und
       Utøya am 22. Juli 2011: Ein Rechtsextremist tötete 77 Menschen, darunter
       mehrheitlich Jugendliche, die Teilnehmer*innen eines Sommercamps waren.
       Nach dem Anschlag halfen Medien bei der Selbstdarstellung des Täters,
       veröffentlichten Bilder von ihm in inszenierten Posen und Ausschnitte aus
       einem Schreiben, welches er vor der Tat verfasste. Ähnlich „komplizenhaft“
       verhielten sich Journalist*innen 2019 nach dem Anschlag eines
       Rechtsextremen im neuseeländischen Christchurch. „Die Medien machten mit
       und teilten Teile des Livestreams, der Täter filmte seine Tat live.“ Die
       Bild erhielt für die Verbreitung von Videoausschnitten eine Rüge des
       Presserats.
       
       Heute sei die Berichterstattung sensibler geworden, meint Jungblut. Ob es
       auch im aktuellen Fall zu [5][Presserügen kommen] wird, bleibt abzuwarten.
       
       2 Aug 2026
       
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