# taz.de -- Ilko-Sascha Kowalczuk über die AfD: „Glaubt den Lügen der Extremisten nicht“
       
       > Mit einem Lächeln die Faschisten stoppen? Ost-Historiker Kowalczuk im
       > Gespräch über klebrige Ostalgie, AfD und die Ablehnung westlicher
       > Liberalität.
       
 (IMG) Bild: Der Punk unter den Historikern: Ilko Sascha Kowalczuk in Berlin Ende Juli 2026
       
       taz: Herr Kowalczuk, was mag ein ostdeutscher Spitzenkandidat der AfD damit
       meinen, wenn er auf einer Wahlveranstaltung mit leuchtenden Augen ins Mikro
       brüllt: „Wir holen uns unser Land zurück!“ Die DDR, das Dritte Reich, die
       Weimarer Republik, das Kaiserreich – gibt ja eine breitere Auswahl. 
       
       Ilko-Sascha Kowalczuk: AfD-Politiker sind Faschisten. Natürlich ist nicht
       jedes NSDAP-Mitglied ein Nazi gewesen, nicht jedes SED-Mitglied ein
       Kommunist. Nicht jeder Wähler dieser Parteien war Kommunist oder Nazi, so
       ist es mit der AfD auch. Aber wer sich mit einem faschistischen Programm
       gemeinmacht – und die AfD hat eines –, der muss erst mal beweisen, kein
       Faschist zu sein. Es war der AfD-Opa Gauland, der mit diesem „Wir holen uns
       unser Land zurück“ anfing herumzubrüllen. Es ist der Ruf nach einer
       nationalen, homogenen, geschlossenen Gesellschaft, wo rechtsstaatliche
       Prinzipien, Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden.
       
       taz: „Länder wie Deutschland gehören zu jenen besonderen Oasen in der Welt,
       denen es so gut geht wie noch nie in der Menschheitsgeschichte“, schreiben
       Sie aktuell in Ihrem Buch „Faschismus ist keine Meinung“. Die rechtsextreme
       AfD liegt laut Umfragen in Sachsen Anhalt bei 40 Prozent. Grüne, aber auch
       Sozialdemokraten könnten an der Fünfprozenthürde scheitern. Wie erklären
       Sie sich das?
       
       Kowalczuk: Wir haben es mit einer Bewegung zu tun, deren Ziel ein
       faschistischer Staat ist. Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, in
       der es historisch betrachtet noch nie so viel Wohlstand und Freiheitsrechte
       für alle gab. Was vielen aber nicht bewusst scheint. Sie blicken
       nostalgisch auf die Vergangenheit. Als Historiker habe ich auf diese
       allerdings einen eher nüchternen Blick. Natürlich gibt es auch heute
       soziale Ungerechtigkeiten, sogar sehr große. Doch so, wie wir hier in der
       Breite leben, können das nicht mal 5 Prozent der Menschheit auf der Welt.
       Die AfD ist auch keine soziale Protestpartei. Sie ist rassistisch und
       faschistisch. Und das wissen die Menschen, die ja deswegen ihre Nähe
       suchen.
       
       taz: In den ostdeutschen Bundesländern ist die Partei besonders stark. 1989
       hat man sich dort mehrheitlich die Demokratie gewünscht. Was ist passiert? 
       
       Kowalczuk: Es ist ein großes Missverständnis, wenn man so tut, als hätten
       1989 alle im Osten Demokratie und Freiheit gewollt. Sie lehnten die DDR ab,
       das ja. Aber was folgt daraus? Die Realität im Kapitalismus sieht weniger
       blütenweiß aus, als viele sie durch Clementine aus der Waschmittelwerbung
       des West-TVs zu kennen glaubten.
       
       taz: Was folgt daraus? 
       
       Kowalczuk: Die Vorstellung traf auf ein völlig anderes Staats- und
       Gesellschaftsverständnis im Westen, als es im Osten eintrainiert wurde. Die
       Bundesrepublik war nach dem Bruch von 1945 allmählich liberal geworden –
       die DDR blieb von 1949 bis 1989 diktatorisch und extrem autoritär. Die
       Einzelnen und die Gesellschaft sahen sich im Westen als Korrektiv
       staatlicher Maßnahmen. Man musste sich einbringen und teilhaben. Etwas, das
       im Osten von Anfang an nicht ging.
       
       taz: Sie sind in der DDR aufgewachsen und waren bereits vor 1989 kritisch? 
       
       Kowalczuk: Ich gehöre zu einer relativ überschaubaren Gruppe von Menschen,
       die die DDR als das wahrgenommen haben, was später viele so sahen, aber
       mittlerweile wieder weniger so sehen, nämlich als eine Diktatur.
       
       taz: Was war für Ihre Existenz vor 1989 prägend? 
       
       Kowalczuk: Ich habe als 14-Jähriger einen Schlag vor den Kopf bekommen. Und
       in einem Jahr alles verloren: Sicherheit, Zukunft, Elternhaus.
       
       taz: Was war passiert? 
       
       Kowalczuk: Ich habe zunächst zu etwas Ja gesagt. Und es dann widerrufen.
       [1][Der Staat hat es dem 14-Jährigen nicht verziehen.] Dadurch verlor ich
       jeglichen Glauben an und Hoffnung auf Staat und Sozialismus. Aber vor allem
       verlor ich meinen Vater. Er wandte sich von mir ab. Mein Leben schien
       gelaufen. Doch ich hatte Glück, christliche Gemeinden in Ostberlin haben
       mich aufgefangen. Für das, was ich in der DDR erlebte, fand ich ein Wort:
       ostoid. Klingt wie faschistoid, denn so haben ich und meine Freunde das
       System der DDR empfunden.
       
       taz: Mit größerem zeitlichen Abstand scheinen viele die DDR ganz anders zu
       erinnern? 
       
       Kowalczuk: Wer die Vergangenheit beschönigt und die Diktaturgeschichte der
       DDR als Alternative zur westlichen Demokratie darstellt, ebnet dem neuen
       Faschismus den Weg. Der von der AfD hat ein anderes Antlitz als der alte
       spanische, italienische oder der Nationalsozialismus. Aber auch Putin ist
       heute unzweifelhaft ein Faschist. Und Sowjetkommunismus oder Maoismus
       beruhten ebenfalls auf faschistischen Grundannahmen. Sie setzten Staat und
       Gesellschaft in eins und schweißten ihr Staatsvolk autoritär in einer
       ominösen Volksgemeinschaft zusammen. China praktiziert dies durchgängig bis
       heute.
       
       taz: Die DDR liegt jetzt 36 Jahre zurück. Genug Zeit, um sich frei und
       anders zu orientieren. 
       
       Kowalczuk: Menschen lieben die Nostalgie. D[2][as warme Gefühl des
       Erinnerns.] Es lässt die Gegenwart leichter bewältigen. Das Leben in einer
       Diktatur scheint so vielen rückblickend tausendmal einfacher als in der
       Demokratie. Hier musst du dich um vieles kümmern, während in der Diktatur
       alles für dich geplant und geregelt wurde. Die meisten meiner
       Altersgenossen im Osten haben überhaupt nicht mitbekommen, dass sie in
       einer Diktatur lebten. [3][Sie liefen einfach mit.] Wie viele der Eltern
       und Großeltern in der Nazizeit. Und wenn du nichts mitbekommst, ist die
       Vergangenheit ein schöner Ort. Anders als die chaotische Gegenwart.
       
       taz: Verunsicherung führt automatisch zur Faschisierung?
       
       Kowalczuk: Nein, aber Nostalgiker können so leichter ihre
       rückwärtsgewandten Märchen von der angeblich heilen, reinen, nationalen
       Welt propagieren. Das nostalgische Gefühl verbindet sich mit dem Zerrbild
       einer verklärten DDR-Diktatur. Es ist extrem destruktiv, richtet sich gegen
       Demokratie und offene Gesellschaft.
       
       taz: „Die Vergangenheit ist immer auch ein Schlachtfeld“, heißt es in Ihrem
       Buch. Was erwidern Sie Menschen, die sagen, Nationalismus und Faschismus
       seien imperialistische Westexporte, die erst mit dem Mauerfall, nach 1989
       auf dem Gebiet der bisherigen DDR Einzug hielten? 
       
       Kowalczuk: Dass dies reines Wunschdenken ist. Richtig ist aber auch, dass
       sich westeuropäische Linke bis auf berühmte Ausnahmen für den Osten nie
       besonders interessiert haben. Er erschien ihnen irrelevant, grau und
       langweilig. Die [4][Sowjetunion als Vielvölkergefängnis mit Balten oder
       Ukrainern] war kein Thema. Ich selber habe mit 17 Jahren in Ostberlin das
       erste Mal von Nazis auf die Fresse bekommen. Das war also fünf, sechs Jahre
       vor der Revolution von 1989. Wenn man mit wachen Blick durch die DDR lief,
       war das meiste unübersehbar. Ich habe auf dem Bau gelernt, weil ich nichts
       anderes machen durfte. So habe ich Milieus kennengelernt, die im
       Staatsfernsehen nur idealisiert vorkamen.
       
       taz: Obwohl die frühere DDR-Gesellschaft doch erlebt hat, was es bedeutet,
       unter der autoritären Herrschaft Moskaus zu stehen, verharmlost man heute
       gerne Putins Politik und wünscht sich wieder engere Beziehungen zu
       Russland. 
       
       Kowalczuk: Viele haben unter der sowjetischen Knute nicht wirklich
       gelitten. Wie gesagt, [5][die meisten haben die DDR nicht als Diktatur
       wahrgenommen], auch nicht als Homunkulus des Kremls. Das zeigt sich bis
       heute in der ignoranten Haltung gegenüber der überfallenen Ukraine. Der
       westliche Liberalismus bleibt der Feind, der Kreml der natürliche
       Verbündete. Aber auch ein Trump bewundert das autoritäre Durchregieren
       eines Putin. Das kann also auch für Rechte im Westen anziehend sein.
       
       taz: Russen waren in der DDR doch gar nicht so beliebt? 
       
       Kowalczuk: Das Wissen über Russland, Sowjetunion oder Ukraine war allgemein
       ähnlich gering ausgeprägt wie in Westdeutschland. Der Russischunterricht in
       den Schulen war verhasst. Kaum jemand konnte nach sieben Jahren Schule auf
       Russisch mehr sagen als Guten Tag oder Auf Wiedersehen. Der Russen- oder
       Slawenhass war im Alltag allgegenwärtig. Mein Großvater war Ukrainer, da
       wurde bei meinem Namen schon aufgehorcht, ich erlebte den Hass hautnah.
       
       taz: [6][Den Herausgeber der <i>Berliner Zeitung</i> Holger Friedrich] oder
       auch BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht bezichtigen Sie der
       „Ost-Deutschtümelei“. Wie steht es um reale Interessenkonflikte, die es aus
       der unterschiedlichen Geschichte von Ost und West ja schon gibt? 
       
       Kowalczuk: Natürlich gibt es Brüche, soziale Ungleichheiten und
       Ungerechtigkeiten, gar keine Frage. Die haben wir in anderen europäischen
       Staaten wie in Italien zwischen Nord und Süd aber auch. Im Zuge der
       Wiedervereinigung kam es zu Strukturbrüchen, die bis heute fortwirken. Hier
       liegen auch die Gründe für die heutige Schwäche der Zivilgesellschaft in
       Ostdeutschland sowie die Demokratiedefizite.
       
       taz: Die wären? 
       
       Kowalczuk: In knappen Stichworten: millionenfache Abwanderung,
       Männerüberschuss und Überalterung. Schwache Kirchen. Ostdeutsche haben
       weniger Kapital zu vererben, deswegen gibt es weniger Gründungen von
       Stiftungen, die ein Rückhalt der Zivilgesellschaft wären. An
       Oberflächenphänomenen setzen Leute wie Friedrich und Wagenknecht mit ihrer
       Ostdeutschtümelei an und geben falsche Orientierungen hinein. Friedrich
       sagt, ostdeutsch werde man aufgrund seiner Haltung. Und die sei eine des
       „Widerstands“ gegen den Westen. Er, das ehemalige SED-Mitglied und der
       Stasispitzel, treibt es wirklich auf die Spitze. Und da sind wir wieder am
       Ausgangspunkt unseres Gesprächs.
       
       taz: Wir haben außer mit Neonazis in Städten wie Berlin auch ein massives
       Problem mit Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, gewalttätigen und
       autoritären Erscheinungsformen aus den Milieus patriarchaler und am
       politischen Islam orientierter Communitys. Linke vermeiden lieber, darüber
       zu sprechen, weil sie glauben, sie würden sonst rechtsextremistische
       Narrative und die AfD stärken. Ein Fehler? 
       
       Kowalczuk: Da bleibe ich für mich ganz entspannt. Ich bin und bleibe im
       „Team Ilko“, muss auf niemanden Rücksicht nehmen, keine Partei, keine
       Wähler. Vielleicht werde ich auch deshalb besonders gehasst im Osten. Die
       Linkspartei und die Grünen zerreißt es fast bei solchen Fragen. Ich stehe
       natürlich zum Existenzrecht Israels, aber ich bin auch ein Kritiker dieser
       in Teilen rechtsradikalen Regierung und ihres Vorgehens im Gazastreifen.
       Wenn man an Menschenrechten, Demokratie und Freiheit orientiert ist, kann
       man aber beides ganz gut zusammenpacken – überall.
       
       taz: Und der Islamismus, mit dem der Westen und Israel konfrontiert sind,
       was ist mit dem? 
       
       Kowalczuk: Ist ein Sicherheitsproblem. Die Zweistaatenlösung könnte der
       Verwirklichung der Menschenrechte näherkommen. Das sage ich, ohne die
       Terrororganisationen Hamas oder andere Terroristen mit der demokratisch
       gewählten Regierung Israels gleichzusetzen.
       
       taz: Und was sollte uns jetzt vor den kommenden Landtagswahlen positiv
       stimmen? 
       
       Kowalczuk: Faschisten, [7][aber auch Demagoginnen wie Wagenknecht]
       verbreiten unentwegt schlechte Nachrichten. Eine Katastrophe jagt die
       andere. Immer ist Weltuntergang. Wir sollten ihnen mit einem Lächeln
       entgegentreten. Vielleicht einfach sagen: Hey, so schlecht, wie ihr unser
       Land macht, ist es nicht. Wir leben in einer der besten, freisten und
       wohlhabendsten Gesellschaften, die die Welt bisher gesehen hat. Freut euch
       darüber, lasst uns Dinge weiterverbessern. Aber glaubt den Lügen der
       Extremisten nicht. Positive Nachrichten entziehen Faschisten die
       Geschäftsgrundlage!
       
       2 Aug 2026
       
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