# taz.de -- Die Lausitz in Stephan Popellas Malerei: Unter seinem blauen Himmel liegt die Trümmerküste
> Stephan Popalla vermengt in seiner wilden Malerei Mythen und Alltag mit
> einem besonderen Blick für die Lausitz. Jetzt hat er eine Ausstellung in
> Kamenz.
(IMG) Bild: Der Maler Stephan Popella im Atelier vor seinen mythischen Lausitzer Landschaften
Am Gartenteich beobachten die Kinder Molche, in den Arkaden malträtieren
sie ihre Kuscheltiere. Beide Szenen spielen in Kamenz, Sachsen; die eine
real in den Sommerferien des Jahres 2026, die andere auf Leinwänden mit der
Signatur des Malers Stephan Popella aus den Jahren 2023 und 2024. Jetzt
sind im Museum der Westlausitz Popellas an die 50 Bilder umfassende
Ausstellung „Ende | Neu“ zu sehen.
„Kinderspiel“ heißt eines ihrer fünf Kapitel. Die Spiele, die hier eher
absolviert als gespielt wirken, dienen weniger der Welterkundung als der
Einübung in Gewalt und Herrschaft. Dass dazu die Umarmung eines
Plüsch-Orang-Utans ebenso gehört wie das im altmeisterlichen Stil
festgehaltene Verbrennen und Versenken von Papierschiffchen, macht Popellas
Ausstellung beunruhigend und zeitlos-zeitgemäß. „Ende | Neu“ spricht in der
Klarheit verschränkter Träume von dünnem Eis und der überhitzten Zeit, die
auf ihm geht.
Stephan Popella ist 1980 in Bautzen geboren und im südlich davon gelegenen
Kirschau aufgewachsen. Vater und Mutter haben im Gesundheitswesen in
Hoyerswerda und im Kombinat Schwarze Pumpe gearbeitet. Der Großvater war im
Kraftwerk in leitender Position. Der väterliche Zweig der Familie ist
sorbisch. Stephan Popella hat an der Technischen Universität Dresden die
Fächer Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Dass er dem
ein Fachstudium für Möbel- und Innenausbau angeschlossen und drei Jahre
lang als Konstrukteur in der Automobilindustrie gearbeitet hat, darauf
weist Susanne Magister hin. Die Kunsthistorikerin hat mit der
Museumsleiterin Friederike Koch-Heinrichs „Ende | Neu“ kuratiert. Stephan
Popella kennt also nicht nur die Kunstblase.
Der Titel „Ende | Neu“ [1][zitiert die Einstürzenden Neubauten,] die Band,
deren Klangkunst mittlerweile unter Kronleuchtern stattfindet, aber von
Kellerkindern angestoßen wurde. Popella hört und kennt Industrial, die böse
und kluge Schwester von Punk. Am Anfang von „Ende | Neu“ und dem
gleichnamigen ersten Kapitel steht ein großes Kind, ein Halbwüchsiger
eventuell noch: Der „Fischer“ behauptet 1,5 mal 2 Meter Leinwand für sich –
Popella beansprucht Wände – und überblickt unter blauem Himmel eine
Trümmerküste.
## Irgendwo ist Charles Manson
Die dem Strand und uns zugewandte Seite trägt das Graffito „Helter
Skelter“. Der Begriff steht für [2][den apokalyptischen Rassenwahn, den der
Sektenguru und Mörder Charles Manson] meinte, aus dem gleichnamigen Song
der Beatles ableiten zu können. Dass an einer zweiten Wand „Fischland“, das
zu Mecklenburg-Vorpommern gehört, zu lesen ist, irritiert. Aber vielleicht
ist es einfach nur der Nahrungs- und Beutegrund des trainierten,
oberkörperfreien Strandwächters mit dem Doppelspeer und dem vermummten
Gesicht.
Stephan Popellas Realismus ist nicht platt. Wenn sich in der Ausstellung an
das „Kinderspiel“ das Kapitel „Arcadia“ anschließt, handelt es sich um jene
„heile Welt“, die im Untertitel der Soloschau bereits in Anführungsstrichen
steht. Am rechten Bildrand von „Idyll“ (82 mal 115 Zentimeter) sitzt der
Protagonist am Vorsprung eines Berggipfels über Tannen, Tal und Dörfern.
Dahinter erhebt sich ein Gebirgsmassiv. Darin spiegeln sich die dramatisch
aufgetürmten Wolken.
All das kann der Bergsteiger nicht sehen, hält er sich doch eine gelb-rote
Netto-Plastiktüte vors Gesicht. Wie auch auf anderen Bildern die Turnschuhe
und Socken Marke Adidas, die Basecaps und der Anglerhut in
Deutschlandfarben, ist sie eines der wiederkehrenden Gegenwartsinsignien in
Popellas [3][archaischer Landschaft]. Oft ist sie die der Oberlausitz, von
Industrie verzehrt und verlassen.
Stephan Popella [4][greift auf Mythen zurück]. Besoffen wird er von ihnen
nicht, sondern geht bewusst mit ihnen um. Die „Nibelungen“ sind das
abschließende Kapitel der Ausstellung. Dem deutschen Heldenepos begegnet
Popella mit einem ironischen Kniff: „Siegfried“, „Gunther“, „Hagen“ und
„Brunhild“ tragen nicht Rüstung noch Schwert, sondern Arbeitskleidung,
Warnweste und Schutzhelm. Sie sind Grünflächenarbeiter und mit Laubbläsern
und Rasentrimmern unterwegs. „Kriemhild“ läuft nicht mit. Der Thron der
Königin ist ein schwarzer Bugholzstuhl aus dem 19. Jahrhundert, ihr Zepter
eine Harke, doch es gibt keine Blätter und kein Grün.
## Die Nibelungen als Bild vom Bild im Bild
Im letzten Bild sind [5][die „Nibelungen“ eines der Bilder im Bild], ein
Stilmittel, dessen sich Popella oft bedient: „Wahl“, man sollte diese Titel
ernst nehmen, zeigt sechs chinesische Schülerinnen mit Arbeitsblöcken in
einem Museumsraum. Fünf sind vertieft, eine tanzt aus der Reihe und schaut
auf. Den Mythos von „Wieland“, dem listenreichen Schmied und Opponenten der
Herrschaft, lässt Stephan Popella wiederum in einer neuzeitlichen Gießerei
aufblitzen. Im Deutschen ist Stolz ein schwieriges Wort. Angesichts der
Plackerei inmitten von Funken und Stahl sei es den polnischen Arbeitern,
die Popella besucht hat, ausdrücklich zugestanden. Wer täglich mit dem
Feuer umgeht und weiß, dass mit ihm nicht leichthin zu spielen ist, hält
auch seine Kuscheltiere in Ehren.
11 Aug 2026
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## AUTOREN
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