# taz.de -- Vor den Landtagswahlen im Osten: Der affektive Furor der Gekränkten
> Rechte Weltbilder und Narrative breiten sich so rasch wie Infektionen aus
> und kolonisieren den Alltag. Bald werden sie als normal angesehen.
Man wird nicht als Fanatiker geboren, man wird zu ihm gemacht. Es sind
Jahre der Gewöhnung – an einen bestimmten Tonfall, an die entsprechende
Erregung. Durch die wechselseitige Bestätigung darin, ungerecht behandelt,
von Mächtigen übervorteilt, nicht gewürdigt, nicht gehört zu werden. Durch
die wohlige Einrichtung in diesem Gefühl, einer bedrohten Gemeinschaft
anzugehören.
Leo Löwenthal, eine der großen Figuren der Frankfurter Schule, schrieb im
amerikanischen Exil die bis heute unerreichte Analyse der
autoritär-populistischen Agitation „Falsche Propheten“. Jahrzehnte später
formulierte er einen Satz, der wie ein Schlüssel zum Verständnis unserer
Gegenwart wirkt: Die faschistische Agitation stelle die Psychoanalyse auf
den Kopf. Statt Neurosen und Traumata zu heilen, mache die Agitation die
Menschen neurotisch und paranoid und verstärke die „mörderischen,
aggressiven und destruktiven Impulse“.
Faschismusanalysen erklären kundig, welche gesellschaftlichen Umstände –
etwa soziale Krisen – den Aufstieg des Rechtsextremismus begünstigen.
Andere arbeiten heraus, welcher Menschentypus besonders empfänglich dafür
ist. Genauso wichtig ist die Frage: Was geschieht mit Menschen, wenn sie
über Jahre in einer Atmosphäre leben, in der Ressentiment, Verachtung,
Grausamkeit alltäglich sind?
Sozialpsychologische Forschung und Theoriebildung bevorzugten ein
„dynamisches Modell“ des autoritären Charakters: Die faschistische
Agitation findet autoritäre Typen nicht einfach vor, sondern formt sie
erst. Konventionalismus, autoritäre Aggression, Kraftmeierei und
Machtdenken werden angestachelt, auch der affektive Furor des Dagegenseins,
das den „Spinner“, den „Rebellen“ auszeichnet, den schon Theodor W. Adorno,
Else Frenkel-Brunswik und andere entdeckten.
In der Masse wirken diese Figuren aufeinander ein, sie sind nicht einfach
nur „verführt“. Die Agitatoren schaffen die Anhänger, die Anhänger
gleichzeitig aber auch die Agitatoren. Der Herdentrieb und die
„Gefühlsansteckung“, von der schon der Psychoanalytiker Sigmund Freud
schrieb, tun das Ihre.
Sozialforscherinnen haben in kleinteiligeren Studien nachgewiesen, dass
sogar Gegner der Rechtsradikalen ausländerfeindlicher werden, wenn sie in
einem Wahlkampf fortwährend an entsprechenden Plakaten vorbeilaufen.
US-Forscher haben jüngst die Verbreitungswege faschistischer Weltbilder
studiert und bemerkt, dass „objektive“ Faktoren wie wirtschaftlicher
Niedergang einer Region, periphere Lage, hohe Arbeitslosigkeit kaum eine
Erklärung bieten. Autoritäre Weltbilder breiten sich aus wie „Infektionen“
– in Netzwerken, in Regionen, dort, wo Menschen starken Kontakt mit rechter
Ideologie haben.
Modellierungen, wie sie aus der Infektiologie bekannt sind, taugen weitaus
besser für eine Erklärung der Verbreitung rechter Weltbilder, erkannten die
Forscher. Gefühle springen von Mensch zu Mensch, aber nicht genauso wie
Viren, sondern als „komplexe Ansteckung“, bei der die Dichte und die
Wiederholung von Kontakten eine große Rolle spielen.
In Alltagssprache übersetzt: Es reicht, einer Person mit Influenza zu
begegnen, um auch Influenza zu bekommen. Bei der „komplexen Ansteckung“ mit
rechtsextremen Weltbildern sind häufige, starke Kontakte nötig. Andere
Studien zeigten, wie gerade in der Onlineradikalisierung ein ganzes
Ökosystem von Akteuren mit verteilten Rollen dafür sorgt, dass ein Brand
bald lichterloh wütet, wenn es irgendwo nur glimmt.
Auch in Deutschland sehen wir Laboratorien dieser Entwicklung. Demnächst
wird in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag
gewählt. Dass die AfD in den beiden Ostländern stärkste Partei wird, ist
wahrscheinlich, eine Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt mehr als nur
eine theoretische Möglichkeit.
In Sachsen und Thüringen sieht es kaum besser aus. Was hat man nicht alles
schon an halbgaren Erklärungen gelesen? Dass die Ossis eben autoritär
sozialisiert seien. Ob Honecker oder Höcke, egal; Hauptsache, Diktatur.
Oder: Die ökonomische Krise, die diese Landstriche durchmachen mussten,
führe automatisch nach rechts.
## Autoritär-populistische Agitation
Aber das ist alles viel zu oberflächlich. Es war vielleicht eine bestimmte
Form der Subjektivierung der Nachwendejahre, die diese Regionen empfänglich
für autoritär-populistische Agitation machte. Der Osten, so die wiederholte
Story, wurde vom Westen kolonisiert, von den Wessiwichtigtuern
untergebuttert, man kam hilflos unter die Räder fieser Mächte. Eine
durchaus plausible Sicht der Dinge.
Allerdings: Schon Leo Löwenthal charakterisierte die autoritäre Agitation
in „Falsche Propheten“ mit den Worten, sie müsse im Publikum das
Bewusstsein stärken, hilfloses Objekt „einer permanenten Verschwörung“ zu
sein. Ihre Anhänger werden auch deshalb „kleiner Mann“ genannt, um ihren
Minderwertigkeitskomplex zu nähren.
[1][Der Ossi ist in dieser Rhetorik der gleichsam idealtypische „kleine
Mann“, der stets nur Opfer der Geschichte ist.] Diese Subjektivierung
erleichterte das, was dann kam: Der Zerfall hergebrachter Autoritäten des
Alltags nach der Wende führte schon in den blutigen Baseballschlägerjahren
zur Entstehung stabiler rechter Szenen und Lebenswelten. Über die
Jahrzehnte hat sich ein gesellschaftliches Milieu herausgebildet, in dem
autoritäre Weltbilder alltäglich geworden sind.
Die AfD ist Teil einer sozialen Infrastruktur, zu der die Freien Sachsen,
diverse Jugendschlägertrupps, rechte Bürgerinitiativen, völkische
Siedlerbewegungen, Buchhandlungen, Kampfsportgruppen, Musikfestivals,
Unternehmernetzwerke gehören. Vieles davon ist nur lose verbunden, aber
kulturell verflochten.
Unter diesen Voraussetzungen werden rechtsextreme Einstellungen allmählich
nicht mehr als radikal angesehen, sondern als normal. Sie verfestigen sich,
wo sie Bestätigung erfahren. Das Skurrile ist, dass der Rechtsextremismus –
mag er sich heutzutage auch als widerständig gegen „das System“ großtun –
oft einfach von Konformismus angetrieben ist. Wenn sich die Atmosphäre
ändert, passen sich die Leute an. Erst kommen die Springerstiefelnazis,
dann die Mitläufer.
Die Infrastruktur aus Agitation, Parteien, Pseudomedien, Social Media und
Nachbar-von-nebenan-Faschismus etabliert nicht nur Ideologien, sondern
Stimmungen, die ohne Mikroagitatoren nicht erklärbar wären. Der
US-amerikanische Historiker Robert O. Paxton hat den Faschismus einmal als
ein Phänomen beschrieben, das vor allem von [2][„mobilisierenden
Leidenschaften“] lebe. Der Faschismus beginnt nicht mit dem Mord, er
beginnt mit der Freude daran, ihn sich vorzustellen. Erst wird nur gelacht
über die Gemeinheit, dann wird sie als befreiende Ehrlichkeit empfunden und
zuletzt als notwendige Konsequenz in einer feindlichen Welt.
[3][Die Faschisierung] des Sprechens ist durch hohe Erregung, Pathos,
Brutalität gekennzeichnet. Die Leistung der Propaganda besteht darin,
Grausamkeit wie Gerechtigkeit aussehen zu lassen. Die Masse wiederum gibt
dem Einzelnen die Carte blanche, schlechter zu sein, als er alleine wäre.
Das Subjekt wird umformatiert.
## Wo früher Widerspruch war, ist heute Zustimmung
Wo jeder dritte, vierte Nachbar AfD wählt, verändert sich das soziale
Klima. Ressentiments müssen nicht mehr heimlich geäußert werden. [4][Wo man
früher mit Widerspruch rechnete, erwartet man heute Zustimmung.] Und mit
jeder Interaktion kommt das Ressentiment lauter zurück. Der Thüringer
Rechtsextremismusexperte Matthias Quent spricht von einer „rechten
Landnahme“. Diese etabliert eine eigentümliche Kombination aus biederstem
Normalitätsgetue, Gefühlsaufwallung, Übersteigerung im Tonfall. Zudem leben
viele Menschen in Kommunikationsräumen, in denen bestimmte Deutungen der
Wirklichkeit ständig wiederkehren. Das Spießige und das Hysterische gehen
wie ein aberwitziges Brautpaar Hand in Hand.
Die hohe Affektgeladenheit von [5][Stimmungen der Gekränktheit], der Angst,
des Ressentiments, der Erlösungssehnsucht lässt den Begriff des Faschismus
als angemessen erscheinen. Autoritäre Charaktere entstehen heute nicht
trotz demokratischer Gesellschaften, sondern mitten in ihnen. Der
Autoritarismus nimmt damit die Sprache von demokratischer Freiheit,
Individualisierung und sogar von Ermächtigung auf, was ihn vielleicht auch
zügelt.
Der Faschismus kolonisiert den Alltag. Was heute als krasser Take
erscheint, wirkt morgen wie eine Beschreibung der Wirklichkeit – und der
Paranoiker glaubt, er sei die Normalität. [6][Der verhetzte Mensch ist
Produkt seiner Umwelt, so wie diese Umwelt zugleich sein Produkt ist.] Es
entsteht ein neuer Mensch, der seine Gefühle gegen die Tatsachen
verteidigt, seine Wut für seine Identität hält und seine Kränkung pflegt
wie einen Besitz. Er hält Härte für Ehrlichkeit und Mitgefühl für Schwäche.
20 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Robert Misik
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