# taz.de -- Debatten über ostdeutsche Empörung: Böse Worte seit 1989
> Woher kommt die emotionale Wucht der Empörung, die sich zur
> Staatsverachtung verfestigt hat? Eine Zeitreise durch deutsche
> Befindlichkeiten.
(IMG) Bild: Unterbliebene Befreiungserfahrung: Auf einer AfD-Wahlkampfveranstaltung in Quedlinburg
Via Facebook gestand unlängst der Historiker [1][Ilko-Sascha Kowalczuk]
seine Langeweile angesichts regelmäßig entflammender Debatten über den
gesellschaftlichen Zwiespalt seit 1989. „Warum? Weil praktisch kein
Argument vorkommt, das nicht bereits vor 30 Jahren zu hören war. Das mag
den heute Beteiligten nicht klar sein, weil sie vor 30 Jahren nicht dabei
waren. Es ist bis auf wenige Ausnahmen eine Debatte von Journalisten, die
ja immer so tun müssen, als seien sie die Ersten, die etwas sagen.“
Belege zur Wiederkehr des Ähnlichen lassen sich leicht finden, zum Beispiel
dieser hier: „Endlich gewonnene Pressefreiheit“, beklagte Pastor
[2][Friedrich Schorlemmer] 1992 in der Frankfurter Rundschau, „wird erlebt
als Freiheit zur uneingeschränkten Verleumdung, zur öffentlichen
Denunziation mit einem atemberaubenden Effekt. Die einen verdienen, die
anderen verzweifeln am Leben.“
Das war unverkennbar der Ton der frühen Jahre. Hinter jedem Argument lugte
die eigene Verletzlichkeit ebenso hervor wie die Bereitschaft, gesteigerte
Empfindsamkeit ins Feld zu führen. Einer derart angerufenen Verzweiflung
ist schwer zu begegnen. Bemerkenswert ist an dem Satz Schorlemmers zudem
das Unbehagen an einer in den neuen Ländern, wie es damals hieß, eben erst
erworbenen Pressefreiheit, die keineswegs vom Übermut angetrieben wurde,
das Maul aufreißen zu dürfen, sondern vielmehr vom Impuls, anderen genau
dies übelzunehmen.
## Hermeneutik des Verdachts
Lügenpresse, Meinungskorridor – mit geradezu diebischem Eifer scheint sich
an jedes freie Wort eine Hermeneutik des Verdachts zu heften, die weniger
auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments aus ist als vielmehr auf
die Diskreditierung der jeweiligen Sprecherinnen und Sprecher.
Womit nichts gesagt sein soll gegen beißende Polemik, eine Disziplin, in
der es die Schriftstellerin Monika Maron zu früher Meisterschaft gebracht
hat. Beinahe zeitgleich mit Schorlemmers verbitterter Bemerkung erhob sie
unter dem Stichwort „Zonophobie“ (im Spiegel) Einspruch gegen die weithin
durchpädagogisierte Annahme, dass die Ostler und Westler sich, wenn sie
einander denn zuhören, schon annähern werden. Weil sie den Ihrigen im
Alltag nachspürte, beim Einkaufen, Essen, Trinken und Autofahren, war das
Phobische der Zonophobie wörtlich zu nehmen. Sie ekelte sich vor ihren
Landsleuten.
Wer so schamlos in den Alltag der Ostbefindlichkeit eindringt, muss sich
nicht wundern, es doppelt und dreifach zurückzubekommen. Das Boulevardblatt
Superillu reagierte mit einem „Maron-Dossier“, in dem die
Lebensgewohnheiten der Autorin anprangert und deren privilegierte Stellung
in der DDR geoutet wurden („Ihr Vater war ein gefürchteter DDR-Minister“),
ferner wurde ihr die Preisgestaltung ihres Lieblingsrestaurants vorgehalten
(„Gänseleber als Vorspeise für 29 DM“). „In der DDR lebte sie wie die Made
im Speck“, befand Superillu, „heute lästert sie über ihre Landsleute. Lässt
Hasstiraden ab, baut eine Mauer aus bösen Worten.“
## In alle Richtung austeilen
Monika Maron war frei genug, in alle Richtungen auszuteilen. Die anhaltende
Konjunktur der bösen Worte erklärte sie sich an anderer Stelle mit einer
durch die Medien beförderten „Gleichsetzung aller Ostdeutschen mit den
Verlierern der Einheit und aller Westdeutschen mit den Siegern“. Darin
liege die mutwillige oder leichtfertige, die sentimentale oder von
Gruppeninteressen geleitete Missinterpretation des ostwestdeutschen
Konflikts.
Maron war genervt – vom Selbstmitleid der „Staatsbürgerschaftsgefährten“
und dem Mitleid der Linken aus dem Westen, die glaubten, sich mit den
Ostdeutschen als den „Schwächeren“ solidarisieren zu müssen, während sie
sie als ungelernte Demokraten belächelten. Der Corpsgeist der Nörgelnden
war also doppelt codiert.
Vom Zusammenspiel von Empörungs- und Ermüdungseffekten sind noch immer die
meisten Debatten durchdrungen, selbst wenn darin gute Argumente und
Einwände zirkulieren wie unlängst in der Auseinandersetzung zwischen dem
FAZ-Redakteur Reinhard Bingener und dem Soziologen Steffen Mau. Bei den
noch immer stark von Gefühlen geleiteten Beschreibungen ungleich
verlaufener Biografien ist es fraglos geboten, beim Blick auf soziologische
Daten wie Vermögensbildung und Erbschaften an deren historische
Voraussetzungen zu erinnern.
Letztlich jedoch hat Steffen Mau recht mit dem Warnhinweis, dass dem
Bespielen von Nostalgie und ostdeutschem Sonderbewusstsein nicht durch die
Mobilisierung zu einem enthemmten Verteilungskampf beizukommen sei. Der
Länderfinanzausgleich taugt nicht zur Erziehungshilfe. Zweifellos tun
Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften gut daran, die Genese der
Treuhand, deren Fehlleistungen und Abgründe so genau wie möglich zu
bemessen. Eine Art nachholende Befreiung kann daraus allerdings nicht
hervorgehen.
## Wahlen als Ventilatoren der Wut
Mit Blick auf die osteuropäischen Transformationsgesellschaften, so der
Philosoph Christoph Menke in einem Interview, werde man sagen können, „dass
(…) die Revolution eben ‚nur nachholend‘ und daher in Wahrheit keine war.
Statt eine Befreiung war es ein Eintritt in eine bereits vorgefertigte
Ordnung, die gar nicht als Freiheit erfahren und praktiziert werden
konnte.“
Die unterbliebene Befreiungserfahrung ist wohl nur einer von vielen
Erklärungsversuchen für die emotionale Wucht, die die anstehenden Wahlen
nun als Ventilatoren der Wut erscheinen lassen. Da hilft es wenig, dass
etwa die Historikerin Hedwig Richter (in der Sendung „Hart aber fair“) auf
eine Vervierfachung der Vermögenswerte im deutschen Osten hinweist und eine
kognitive Dissonanz diagnostiziert, der zufolge die eigene Lage von der
Mehrheit der Befragten in Ostdeutschland als positiv beantwortet werde. Mir
geht’s gut, die Lage ist beschissen.
Wenn der Bus nicht kommt oder das eigene Dorf gar nicht erst angefahren
wird, ist auch die Schriftstellerin Juli Zeh umgehend bereit, die Legende
vom abgehängten Osten zu bedienen. Der Aushang an der Bushaltestelle, sagte
Zeh im FAZ-Interview, „liest sich wie eine fahrplangewordene Absage an die
Idee vom öffentlichen Nahverkehr“. Das klingt nach Therapieangebot. Sitzen
wir nicht alle im verspäteten Bus?
Ein Verkehrsexperte hat unterdessen nachgeschaut und festgestellt: „Auch zu
DDR-Zeiten war das Bus-Angebot nicht besser. Eher schlechter.“ Provokativ
fragt er, wie viele Milliarden wohl aufs Land gepumpt werden müssten, damit
die Menschen dort nicht mehr die AfD wählen.
## Stadt und Land
Die Spur zur Ergründung des deutschen Unbehagens, das sich zur
Staatsverachtung verfestigt hat, führt nicht über die Unterscheidung
zwischen Ost und West, sondern die zwischen Stadt und Land. Längst scheint
der Staat zu einer Bad Bank des allgemeinen Misstrauens geworden zu sein.
Einst versprochene blühende Landschaften werden wahrgenommen als
Anbauflächen für Photovoltaikfelder und dröhnende Windräder.
Auf dem Land, so der vorsichtige Befund dieser Inspektion der
Befindlichkeiten, lässt sich der Zerfall der überlieferten Ordnung, die
kurzerhand der Moderne zugeschrieben wird, deutlicher studieren als im
Getriebe urbaner Räume. Nächste Ausfahrt Magdeburg.
5 Sep 2026
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