# taz.de -- Nach dem Anschlag auf den CSD Berlin: Arsch hoch, Mund auf
> Vier queerpolitisch Aktive erklären, worauf es ihnen jetzt ankommt – auf
> der Straße, im Netz und in der Nachbarschaft.
(IMG) Bild: Der Tatort des Anschlags auf den CSD in Berlin und die Trauer danach
## „Wir müssen als Community zusammenhalten“
Luna Möbius, 26, ist queere Aktivistin und Content-Creatorin. Sie hielt
beim CSD Berlin die Eröffnungsrede.
Die Dübener Heide hat mich politisiert. Dort, in Sachsen-Anhalt, bin ich
als trans Frau aufgewachsen. Mittlerweile bin ich vor allem auf Social
Media aktiv und war in den vergangenen Jahren viel auf CSDs unterwegs:
Bautzen, Sonneberg, [1][Wittenberg], Rostock. Auf ländlichen CSDs ist die
Stimmung angespannter und gemeinschaftlicher zugleich.
Schon wegen der Gegendemonstrationen, die es fast immer gibt, fährt man mit
einer Grundanspannung hin. Glücklicherweise löst sie sich ganz oft über den
Tag hinweg auf, weil man mit vielen queeren Menschen und auch vielen Allys
zusammenkommt. Bei CSDs auf dem Land gibt es mehr [2][wirkliche
Begegnungen], man kommt leichter ins Gespräch als auf denen in großen
Städten. Da merkt man ein Communitygefühl, einen krassen Zusammenhalt. Aber
spätestens auf der Rückreise ist die Anspannung wieder zurück. Muss ich
allein zum Bahnhof? Sitzen Faschos mit im Zug? Auf solchen CSDs ziehe ich
Sneaker statt hoher Schuhe an, um im Zweifelsfall gut weglaufen zu können.
Der Anschlag auf den Berliner CSD ist für mich immer noch surreal. Davor
durfte ich dort die Eröffnungsrede halten. Meine ersten Worte lauteten:
„Deutschland ist kein sicheres Land – für mich nicht, denn ich bin trans.“
Keine Festrede. Ich spreche auf CSDs schon lange über Sicherheit. Und die
Debatte darüber müssen wir nach dem Anschlag verstärkt führen. Allerdings
nicht über eine Verschärfung des Strafrechts oder härtere Abschieberegeln.
Ich meine nicht die aktuelle Law-and-Order-Debatte, die zu viel Rassismus
reproduziert.
Über Islamismus sprechen ist wichtig, löst aber nur einen Teil des
Sicherheitsproblems queerer Menschen. Mir geht es um verbale Ausfälle der
Regierung, um die gekürzte Förderung des queeren Jugendnetzwerks Lambda, um
die Streichung des Aktionsplans „Queer leben“, um die mangelnde
Gesundheitsversorgung von queeren Menschen.
Jetzt kommt es darauf an, dass wir als Community zusammenhalten und weiter
Druck auf die Bundesregierung machen – indem wir weiter auf CSDs gehen,
strukturelle Probleme thematisieren und ihre Lösung forcieren. Ich glaube,
viele queere Menschen in Deutschland haben gerade Sorgen und Angst, vor
allem jüngere. Allys sollten für sie da sein, mit ihnen darüber reden. Und
außerdem sollten sie ihren Arsch hochkriegen: queerfeindliche Witze nicht
nur weglächeln, sondern dagegen den Mund aufmachen.
## „Es kommt auch auf alle anderen an“
Reiner Neumann, 75, ist schwul, pensionierter Lehrer und Vorstand des
Rat-&-Tat-Zentrums in Bremen.
Seit 1990 bin ich beim Rat-&-Tat-Zentrum in Bremen aktiv, einer Art
[3][Interessenvertretung für queere Menschen]. Als Vorstand organisiere ich
viel, aber besonders gern mache ich das Vereinscafé; im Laufe der Jahre
habe ich dafür sicher ein paar Tausend Kuchen gebacken. Natürlich geht es
nicht in erster Linie um Kaffee und Kuchen. Das Café ist ein Anlaufpunkt –
manche wollen wissen, wo man Leute trifft, andere haben persönliche Fragen.
Als ich Samstagabend ferngesehen habe, kam ein Laufband ins Bild: „Anschlag
auf den CSD.“ Ich war entsetzt. In den öffentlichen Statements hieß es
danach, der Anschlag sei ein Angriff auf unsere freiheitliche Gesellschaft.
Die queere Community wurde kaum erwähnt. Aber es ist vor allem ein Angriff
auf uns! Auf unser Leben. Wenn ich die Emotionen jetzt zulasse, kommt alles
wieder hoch; ich merke, dass meine Augen feucht werden.
Am nächsten Nachmittag hatten wir unser Sonntagscafé. Jemand hatte dazu
aufgerufen, sich dort zu treffen, damit wir den Tag gemeinsam tragen. Eine
ganze Reihe Menschen sind gekommen.
In der queeren Community kommt es jetzt auf Zusammenhalt an. Teilweise hat
sich etwas Bequemlichkeit eingestellt. Man hat so viele Rechte bekommen.
„Warum macht ihr überhaupt noch CSD?“, wird gefragt. Ja, jetzt sieht man
wieder, warum es ihn noch gibt.
In meiner Erinnerung waren die Neunziger in vielem offener, als es heute
der Fall ist. Ich war als Lehrer in der Schule schwul geoutet – das war
kein Problem. In meiner Arbeit für Rat & Tat aber habe ich Hass abbekommen.
Ab Anfang der 2000er gibt es regelmäßige Angriffe auf das Haus; Menschen,
die hineingehen, werden beleidigt oder bedroht. Jede Menge Schreiben mit
Mord- und Bombendrohungen sind uns schon ins Haus geflattert.
Es gibt Entwicklungen, die gegen uns arbeiten. Queeres Leben wird wieder
aus dem Diskurs gedrängt. Das Wort queer kommt im Koalitionsvertrag
überhaupt nicht vor. Und Bildungsministerin Karin Prien hat gerade wichtige
Fördergelder, etwa für die Jugendarbeit, gestrichen. Wir können unsere
Arbeit nicht einstellen, nicht aus Bequemlichkeit und nicht aus Angst. Das
Rat-&-Tat-Zentrum musste in 44 Jahren viel erleben. Wir sind standfest
geblieben. Es gibt immer diesen Effekt: Jetzt erst recht.
Ich denke, das wird sich am 22. August auch auf dem CSD in Bremen zeigen.
2025 waren wir 29.000 Menschen, ich kann mir vorstellen, dass wir das
dieses Jahr toppen. Wir versuchen natürlich, die eigenen Leute zu
aktivieren. Aber es kommt auch auf alle anderen an. Wir müssen jetzt
zusammenhalten. Wir müssen da sein.
## „Wir wünschen uns Solidarität und Differenzierung“
Carmen, 38, ist nonbinär, Person of Colour, Aktivist*in in Hamburg und
Mitgründer*in von Rainbow Resistance.
Gerade geht es mir gut, und ich habe viel damit zu tun, unseren Wagen auf
dem Hamburger CSD vorzubereiten. Als ich vom Anschlag in Berlin hörte, ging
es mir schlecht. Weil ein Mensch gestorben ist und viele verletzt wurden
und weil mir noch einmal bewusst wurde, dass wir als queere Menschen
wirklich in Gefahr sind.
Ich bin schon lange queerpolitisch aktiv. Ich kann nur für mich sprechen,
aber ich denke, dass es genau jetzt wichtig ist, am Wochenende in Hamburg
zum CSD zu gehen. Dieses Jahr organisieren wir als intersektionale
politische Gruppe Rainbow Resistance einen Wagen. Wir sind queere
Geflüchtete, migrantisierte Menschen, Menschen mit Behinderung und weiße
linke Aktivist*innen. Einige waren vorher bei der Initiative Queer Refugee
Support. Wir haben uns jetzt zusammengefunden, weil wir finden, dass es für
uns auf dem CSD sonst keinen Platz gibt.
Ich habe zwar keine Angst vor einem Anschlag auf den CSD, aber vor dem
[4][Rassismus der Teilnehmenden und Zuschauenden]. Unser Wagen wird voll
sein mit Schwarzen Menschen, Queers of Colour und Geflüchteten, von denen
viele nach dem Anschlag und den rassistischen Debatten über den Täter
gefährdet sind, mehr Gewalt zu erfahren.
Wir haben schon früher Rassismus auf dem CSD erlebt. 2019 hat der Generator
auf unserem Wagen gebrannt. Das war eine total schwierige Situation, die
Feuerwehr konnte uns nicht so schnell erreichen. Wir haben versucht,
Menschen auf Abstand zum Wagen zu halten, wir hatten Sorge, dass etwas
explodiert. Die Leute wollten aber weiterlaufen, sie wollten feiern und
waren aggressiv. Wir haben alles Mögliche abbekommen, etwa: „Geh zurück in
dein Land!“ Im nächsten Jahr waren wir wieder da und hatten Flammen
ausgedruckt, die wir auf unseren Wagen geklebt haben.
Dieses Jahr haben wir ein Awarenessteam und werden politische Redebeiträge
von Queers aus Iran und Südamerika abspielen sowie Rap auf Persisch. Solche
Inhalte haben auf dem CSD sonst keinen Platz. Wir werden auch etwas zum
Anschlag sagen. Für mich gründen die Ideologie der extremen Rechten wie der
AfD und die des Islamismus auf gleichen Prinzipien: alles, was anders ist,
abzuwerten, zu entrechten und anzugreifen.
Von der Gesellschaft und der queeren Szene wünschen wir uns jetzt
Solidarität und Differenzierung. Es gibt sehr viele muslimische Menschen,
die Islamismus ablehnen. Und es gibt auch viele Muslim*innen, die selber
queer sind und Queerfeindlichkeit erfahren. Wir haben Angriffe wie diesen
schon früher erlebt, aber wir bleiben widerständig.
## „Das vermeintlich Andere ist unsere größte Kraft“
Gianni Jovanovic, 48, ist schwuler Opa, Autor, Künstler und macht
Bildungsarbeit, unter anderem auf Social Media.
Seit dem Anschlag geht es mir sehr schlecht. Ich weine die ganze Zeit. Ich
fühle eine große Erschöpfung, die aus Wut resultiert. Und ein unheimlich
großes Mitgefühl gegenüber den Opfern. Beim Berliner CSD war ich auf dem
Wagen der Linken mit meinem Partner, der an dem Tag Geburtstag hatte, und
mit meiner Mutti. Ich habe mich sehr sicher gefühlt, die Stimmung war
ausgelassen. Jetzt fühlt es sich an, als hätte man uns mit einem großen
Messer aufgeschlitzt. Ich versuche zu heilen, aber ich weiß noch nicht,
wie.
Ich beobachte die mediale Berichterstattung mit großer Aufmerksamkeit. Mir
ist wichtig, dass wir gerade jetzt sehr sorgfältig unterscheiden und
niemanden vorschnell einer ganzen Gruppe zuordnen. Es geht darum, präzise
zu beschreiben, was passiert ist, und Verantwortung dort zu benennen, wo
sie hingehört: bei den Täter*innen, nicht bei Millionen Menschen, die einer
Religion oder Community angehören.
Gerade in einer aufgeheizten Situation tragen Medien eine besondere
Verantwortung, nicht unbeabsichtigt Narrative zu verstärken, die Menschen
gegeneinander ausspielen. Denn wir wissen aus der deutschen Geschichte,
wohin es führt, wenn Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe
stigmatisiert werden. Diese Geschichte verpflichtet uns zu besonderer
Sorgfalt.
Was mir jetzt helfen würde, wäre, gemeinsam auf die Straße zu gehen, wie
wir es nach anderen Anschlägen erlebt haben. Ich vermisse in Köln ein
sichtbares Zeichen der Solidarität. Damit meine ich uns alle: die breite
Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, Vereine, Religionsgemeinschaften,
Nachbarschaften, queere und nichtqueere Menschen gleichermaßen. Ich wünsche
mir, dass wir nicht darauf warten, dass Betroffene allein laut werden. Ich
bin wütend über politische Doppelmoral, aber genauso über das allgemeine
Schweigen und darüber, dass Solidarität meist von denjenigen erwartet wird,
die selbst angegriffen werden.
Menschen glauben oft, dass wir Betroffenen ja schon auf die Straße gehen.
Sie folgen mir auf Instagram, [5][weil sie Bildungsarbeit zu Rassismus, zu
Queer- und Frauenfeindlichkeit erwarten]. Aber was wäre, wenn ich diese
Bildungsarbeit morgen nicht mehr machen würde? Würden andere Verantwortung
übernehmen? Würden sie ihre Stimme erheben?
8 bis 10 Prozent der Menschen in diesem Land sind queer – das ist keine
kleine Gruppe. Aber wir sind eben nicht nur queer. Wir sind Söhne, Töchter,
Nichten, Neffen, Freund*innen, Kolleg*innen und Nachbar*innen. Deshalb
betrifft ein Angriff auf uns die gesamte Gesellschaft. Wo ist die breitere
Zivilgesellschaft? Warum gehen wir nicht gemeinsam auf die Straße? Wo seid
ihr?
Die Vielfalt dieses Landes ist die Aufgabe von uns allen. Was uns
unterscheidet, das vermeintlich Andere, ist unsere größte Kraft. Der Kampf
gegen Faschismus, Rassismus, Islamismus, Queerfeindlichkeit und
Behindertenfeindlichkeit macht uns zu Geschwistern. Wir müssen uns auf
einen gemeinsamen Konsens besinnen: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Anm. d. Red.: Zwischen Aufzeichnung und Veröffentlichung dieses Protokolls
riefen zahlreiche Kölner Vereine und Organisationen zum „Queer March“ auf.
Dieser soll am 9. August 2026 ab 14 Uhr durch die Kölner Innenstadt ziehen.
1 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /CSD-in-Wittenberg/!6189459
(DIR) [2] /CSD-im-Wendland/!5944654
(DIR) [3] /Queerfeindlicher-Angriff/!6013627
(DIR) [4] /Gianni-Jovanovic-ueber-Rassismus/!5754681
(DIR) [5] /Gianni-Jovanovic-ueber-Rassismus/!5754681
## AUTOREN
(DIR) Amira Klute
(DIR) David Muschenich
(DIR) Lotta Drügemöller
## TAGS
(DIR) Christopher Street Day
(DIR) Queer
(DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
(DIR) Aktivismus
(DIR) Protokolle
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Kolumne Diskurspogo
(DIR) Schwerpunkt Islamistischer Terror
(DIR) Christopher Street Day
(DIR) Christopher Street Day
(DIR) Pride Parade
(DIR) Christopher Street Day
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Christopher Street Day
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Forderung an cis Frauen: Queers nicht fallen lassen!
Mit dem Rechtsruck kümmern sich cis Frauen wieder stärker um sich selbst.
Doch wo bleibt die Solidarität mit denen, die es am härtesten trifft?
(DIR) Innenausschuss tagte zu CSD-Anschlag: Auch Bayerns Vorbild hilft nicht weiter
Auf der Suche nach Maßnahmen, um Terroranschläge zu verhindern, tun sich
zahlreiche Probleme auf. Die Vorschläge Dobrindts versprechen überwiegend
keine Lösung.
(DIR) Polizeischikane beim CSD: Flagge zeigen ist gefährlich
Ein Teilnehmer des Hamburger CSD fühlt sich von der Europapassage
diskriminiert und ruft die Polizei. Dann wird alles noch schlimmer.
(DIR) Nach dem Anschlag auf den CSD Berlin: Wir müssen nicht stark sein
Seit beim CSD eine Frau getötet wurde, hat unsere Autorin Angst. Angst vor
queerfeindlicher Gewalt, aber auch vor der Vereinnahmung von rechts.
(DIR) Christopher Street Day in Hamburg: Jetzt erst recht
Sieben Tage nach dem islamistischen Anschlag in Berlin ziehen 300.000
Menschen durch Hamburg. So groß war der CSD hier noch nie.
(DIR) Anschlag auf den CSD Berlin: Wie konnte das passieren?
Bevor es zum islamistischen Angriff auf den Berliner Christopher Street Day
kam, ging viel schief. Puzzlestücke einer Katastrophe.
(DIR) Islamistischer Anschlag auf den CSD: Auf einem Auge blind
Der Feind stehe rechts, war immer das Mantra von queeren Funktionären. Die
andere, konkrete Gefahr wollte man lange nicht wahrhaben.
(DIR) Anschlag auf CSD in Berlin: Sommernachtstrauma
Zum Zeitpunkt des Angriffs auf den CSD war unser Autor im Tiergarten. Mit
einem Freund, der schon mehrere Anschläge erlebt hat. Was macht das mit
uns?