# taz.de -- Anschlag auf den CSD Berlin: Wie konnte das passieren?
> Bevor es zum islamistischen Angriff auf den Berliner Christopher Street
> Day kam, ging viel schief. Puzzlestücke einer Katastrophe.
(IMG) Bild: Das Auto als Waffe: Tatort im Berliner Tiergarten
Auch nachdem er schon mehrere Menschen überfahren hatte, trat der Täter
weiter aufs Gaspedal. 350 Meter raste er durch Gruppen nahe der zentralen
Berliner CSD-Feier. Dann stieg er aus und attackierte Beistehende mit einer
Machete. Wie wird man so?
Die Irrungen eines jungen Mannes
Nach allem, was bekannt ist, war Abdul B.s Lebensgeschichte eine
Aneinanderreihung von Rückschlägen. Er wurde 2005 in Berlin geboren, schon
in der Grundschule fiel er offenbar mit Gewalt auf. Behörden versuchten ihn
in Förderprogrammen unterzubringen und Psychiater einzuschalten.
Mit 14 Jahren soll er einen Mitschüler verprügelt haben, wenig später
raubte er eine Person an einer Bushaltestelle aus. Dafür wurde B. 2022
erstmals verurteilt. Etwa zu dieser Zeit fiel er auch den
Sicherheitsbehörden wegen Kontakten in die salafistische Szene auf.
Die Rolle seiner Eltern in alledem ist verworren. Der Spiegel hat den Vater
[1][wenige Stunden nach der Tat interviewt], eine medienethisch umstrittene
Sache. Der Vater gab sich in dem Gespräch als liberaler Mann, der versucht
habe, seinen Sohn zu retten. Doch es gibt Hinweise, dass die Eltern
systematisch die Kooperation mit Schule und Jugendamt verweigerten, als
sich die Probleme häuften.
Auch die Behauptung des Vaters, seine Familie habe nichts mit Islamismus zu
tun, stimmt so absolut wohl nicht. Zwei Cousins des Täters gehörten
offenbar zum sogenannten Islamischen Staat (IS), jener Organisation, in
deren Namen auch B. später seinen Anschlag begehen sollte.
Einiges deutet darauf hin, dass Abdul B.s Familie zerrissen war zwischen
einer religiösen Mutter und einem Vater, der einen ganz anderen Lebensstil
angenommen hatte, nachdem er aus dem Libanon nach Deutschland eingewandert
war. So gibt es Hinweise, dass der Vater in letzter Zeit [2][in einer
schwulen Partnerschaft gelebt haben soll].
So ungewöhnlich diese Lebensgeschichte in mancher Hinsicht klingt, so
typisch ist sie in anderen Punkten. B. entspricht dem Muster eines
Gewalttäters allein schon, weil er ein junger Mann ist. Studien zeigen
immer wieder, dass schwere Gewalttaten ganz überwiegend von Personen aus
dieser Gruppe begangen werden.
Die mörderische Ideologie
Im Frühjahr 2025 reiste Abdul B. in den Libanon, um sich im Nachbarland
Syrien dem IS anzuschließen. Daraus wurde nichts, die libanesischen
Behörden nahmen ihn fest. Ideologisch war B. zu diesem Zeitpunkt schon ein
gefestigter Islamist. Auch hier ist seine Geschichte gleichzeitig
ungewöhnlich und typisch.
Ungewöhnlich, weil B.s Familie nach allem, was bekannt ist, schiitisch war.
Der Islamismus des IS aber ist aus der sunnitischen Strömung des Islam
abgeleitet und hat für Schiiten nur Verachtung übrig, die als Abtrünnige
vom wahren Glauben verstanden werden. Obwohl er sich damit also gegen seine
Familie stellen musste, hat sich Abdul B. offenbar im Laufe seiner
Radikalisierung dem Sunnitentum zugewandt.
Dass es anschließend der IS war, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog,
passt in das gängige Muster islamistischer Gewalttäter. Im Nahen Osten mag
der IS seit 2019 kein Territorium kontrollieren, doch die Organisation hat
ihre Gestalt gewechselt und agiert nun wieder als Untergrundorganisation.
Und auch wenn die Planungskapazitäten des IS offensichtlich nicht mehr für
sorgfältig orchestrierte Anschläge wie [3][in Paris 2015] reichen, ist die
Organisation immer noch tödlich – und attraktiv für bestimmte junge Männer
im Westen. In den letzten Jahren sind es meist solche im Internet
radikalisierte Einzeltäter, die Anschläge für den IS begehen.
Die islamistische Ideologie verfängt insbesondere unter denen, die
verunsichert sind. Wer Orientierung sucht, findet sie hier in Form klarer
Moralvorstellungen, eindeutiger Regeln und einfacher Erklärungen für
komplizierte Ereignisse. Abwertung anderer erlaubt die Aufwertung des
Selbst. Gleichzeitig nutzen die Prediger, Influencer und sonstigen
Botschafter des IS gezielt die Themen zur Rekrutierung, die junge
muslimisch geprägte Männer umtreiben: den Rassismus der weißen
Mehrheitsgesellschaft, den Aufstieg rechter Parteien oder auch die
westliche Doppelmoral, wenn es um die Unterstützung von Israels Krieg in
Gaza geht.
Was genau B. dazu trieb, ausgerechnet einen CSD anzugreifen, ist zum
jetzigen Zeitpunkt nicht bekannt. Möglich scheint ein Zusammenhang mit der
mutmaßlichen Homosexualität seines Vaters oder schlicht, dass die
Veranstaltung ein leichtes Ziel bot. Fest steht, dass der schiitische wie
der sunnitische Islamismus zutiefst homophobe Ideologien sind. In den vom
IS eroberten Gebieten des Nahen Ostens steinigten und enthaupteten die
Kämpfer systematisch tatsächlich oder vermeintlich queere Menschen. Auch in
Deutschland gab es schon islamistische Angriffe, die sich gezielt gegen
Homosexuelle richteten, [4][etwa 2020 in Dresden mit einem Toten].
Die Ohnmacht der Behörden
Seit dem Anschlag von Berlin wird viel über das [5][Jugendstrafrecht]
diskutiert, auf dessen Grundlage der Täter verurteilt wurde, nachdem er aus
dem Libanon zurückgekommen war. Unions-Politiker*innen fordern, auch bei
heranwachsenden Gefährdern immer das Erwachsenenstrafrecht anzuwenden. Wäre
das bei B. der Fall gewesen, hätte er wohl länger in Haft gemusst – aber
freigekommen wäre er irgendwann trotzdem. Er hätte den Anschlag ein Jahr
später verüben können.
Das eigentliche Problem ist ein anderes: Wie geht man mit Personen um, die
gefährlich sind, aber sich keiner konkreten Gewaltpläne überführen lassen?
Es ist ja nicht so, dass die Behörden B. nach seiner Freilassung aus den
Augen verloren hätten. Er wurde als Gefährder erkannt und observiert.
Nur stellten die Behörden die Liveüberwachung nach einigen Tagen wieder
ein, weil nichts besonders Auffälliges zu beobachten war. Ein tödlicher
Fehler, wie man heute weiß.
Ein Vorschlag lautet nun, Gefährder konsequent in [6][Präventivhaft] zu
nehmen. Prinzipiell ist das schon jetzt möglich, die Regeln sind aber
regional unterschiedlich. In Berlin etwa sind maximal sieben Tage
Präventivhaft möglich, in Bayern zwei Monate. Dies bundesweit anzugleichen
und das Limit zu erhöhen, wie Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU)
es angekündigt hat, könnte sinnvoll sein. Gleichzeitig bleibt Präventivhaft
heikel, immerhin wird hier jemand eingesperrt, ohne etwas getan zu haben.
In einem Rechtsstaat kann das unmöglich ein Dauerzustand sein. Früher oder
später wird auch in Zukunft jeder Gefährder wieder freikommen.
Auch die von Dobrindt angekündigten elektronischen Fußfesseln für Gefährder
sind schon jetzt möglich, werden bisher aber kaum angewendet. Sie dürften
ebenfalls einen positiven Effekt haben. Wenn die Behörden alarmiert werden,
sobald sich ein Gefährder einem Großereignis nähert, könnte das Leben
retten.
## Die Grenzen der Sozialarbeit
Die Lücken, die es im polizeilichen Umgang mit Gefährdern gibt, sollen oft
Deradikalisierungsprojekte schließen. Wer nicht wegen konkreter Gewaltpläne
verurteilt werden kann und das Maximum an Präventivhaft vielleicht schon
abgesessen hat, dem können vielleicht Sozialarbeiter*innen beikommen, so
die Logik. Aber auch das funktioniert nicht immer.
Nach seiner Rückkehr aus dem Libanon wurde Abdul B. 2025 zur Teilnahme an
einem solchen Programm verurteilt. Zweimal war er anschließend bei Treffen
mit Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen [7][des Violence Prevention
Network] (VPN). Das dritte Treffen hätte am Montag nach dem CSD stattfinden
sollen.
So oder so hätte das VPN die weitere Arbeit mit B. aber wohl abgelehnt, wie
Geschäftsführer Thomas Mücke nach der Tat sagte. B. habe in den Gesprächen
eine Fassade aufgebaut und gesagt, was er sagen zu müssen glaubte, um für
ungefährlich gehalten zu werden. „Überkorrekt, überfreundlich, aber
undurchschaubar“, beschrieb ihn Mücke. Mit solch manipulativen Personen
funktioniert Deradikalisierungsarbeit nicht.
Effektiver ist es ohnehin, Radikalisierung vorab zu verhindern, etwa durch
Bildungsprojekte an Schulen oder Aufklärungskampagnen im Internet. Aktuell
müssen aber viele Projekte, um ihre Finanzierung fürchten, weil die
Bundesregierung [8][das Förderprogramm „Demokratie leben!“ umbaut].
## Die Lücke im Sicherheitssystem
Autos und Lastwagen sind inzwischen gängige Mittel islamistischer
Anschläge. Blaupause für Täter ist dabei der Anschlag [9][im französischen
Nizza 2016], bei dem ein Islamist auf der Uferpromenade 86 Menschen mit
einem Lkw totfuhr. Seitdem lässt sich das Muster auch in Deutschland immer
wieder beobachten: ob beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem
Berliner Breitscheidplatz im selben Jahr oder beim Angriff auf einen
Demonstrationszug in München 2025. Und nun eben wieder in Berlin.
Dabei gab es ein Sicherheitskonzept. „Zufahrtsschutzmaßnahmen“ nennt die
Polizei den Ring aus Absperrgittern und Betonpollern. Wie genau B. trotzdem
seinen Weg fand, war bis Redaktionsschluss noch nicht geklärt. Am Tag nach
der Tat waren an der fraglichen Stelle schlicht gar keine Betonpoller zu
sehen. Bild berichtete später, die Polizei habe zur Tatzeit bereits damit
begonnen, die Barrikaden abzubauen.
Zur Wahrheit gehört aber wohl auch: Lässt sich ein Weihnachtsmarkt in einer
Innenstadt mit wenigen Zufahrtsstraßen noch einigermaßen abriegeln, wird
das ungleich schwieriger bei einem riesigen offenen Park wie dem Berliner
Tiergarten. Der Täter fand seine Lücke.
31 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.spiegel.de/panorama/justiz/csd-anschlag-vater-von-abdul-b-ich-habe-ihm-nicht-erlaubt-einen-langen-bart-zu-tragen-a-6270a8cd-1e34-4c8c-8e60-170b4a9f429a
(DIR) [2] https://www.morgenpost.de/berlin/article412703286/morgenpost-exklusiv-anschlag-auf-csd-hatte-womoeglich-persoenliches-motiv.html
(DIR) [3] /Zehn-Jahre-nach-Terror-in-Paris/!6129075
(DIR) [4] /Messerattacke-in-Dresden/!5773858
(DIR) [5] /Christopher-Street-Day/!6200033
(DIR) [6] /Nach-dem-CSD-Attentat/!6199717
(DIR) [7] /Projekte-fuer-Islamismuspraevention/!6199459
(DIR) [8] /Umbau-von-Demokratie-leben/!6172952
(DIR) [9] https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/579632/14-juli-2016-terroranschlag-in-nizza/
## AUTOREN
(DIR) Frederik Eikmanns
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