# taz.de -- Nach dem Anschlag auf den CSD Berlin: Wir müssen nicht stark sein
       
       > Seit beim CSD eine Frau getötet wurde, hat unsere Autorin Angst. Angst
       > vor queerfeindlicher Gewalt, aber auch vor der Vereinnahmung von rechts.
       
 (IMG) Bild: Wir nahmen uns in den Arm und wollten Emotionen Platz machen
       
       „Immer wenn ich gerade mit der Bahn fahre, muss ich weinen“, erzählt mir
       eine Freundin während ihr die Tränen über die Wangen laufen. Seit dem
       islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD fühle sie sich nicht mehr so
       sicher wie zuvor. Dabei war niemand unseres Freundeskreises am Samstagabend
       im Tiergarten. Das müssen wir auch nicht, denn der Anschlag war gegen
       queeres Leben allgemein gerichtet.
       
       Für eine befreundete Person war das Wochenende retraumatisierend. Vor
       einigen Monaten war er in unmittelbarer Nähe, als [1][in Leipzig ein
       Autofahrer durch die Fußgängerzone fuhr und dabei zwei Menschen tötete].
       „Ich dachte, in Deutschland wäre ich sicherer als in meiner Heimat“, sagt
       eine russische Freundin. Eine Bekannte ergänzt, dass sie sich auf dem
       Nachhauseweg alle paar Meter umschaue, wenn sie die Hand ihrer Partnerin
       halte. „Meine Mutter hat sogar vorgeschlagen, dass ich und meine
       Partnerperson uns in der Öffentlichkeit als Mitbewohner:innen ausgeben
       sollen“, erzählt eine andere.
       
       Der Anschlag auf den CSD hat in vielen etwas verändert. Ein vermeintliches
       Gefühl von Sicherheit wurde uns genommen und queerfeindliche, tödliche
       Gewalt wurde zur greifbaren Realität. Vielleicht klinge ich damit naiv, da
       ich und meine Kolleg:innen bereits seit Jahren darüber berichten,
       [2][dass queerfeindliche Gewalt ansteigt.] Es ist nicht überraschend und
       doch schockierend. Und bei all der Berichterstattung, die gerade
       stattfindet und hoffentlich auch über den Pride Monat hinausgeht, fehlt mir
       doch eins: der Raum für Angst.
       
       In den Stunden und Tagen nach dem Anschlag hielt ich meine queeren
       Freund:innen im Arm und wollte ihrer Angst Platz geben. Doch es fühlte
       sich so an, als würden wir sie eher kollektiv unterdrücken. Ich redete mir
       ein, jetzt stark sein zu müssen, während andere Statements verfassten und
       in Aktivismus verfielen. Wir ahnten bereits: Würden queere Person als erste
       Reaktion auf den CSD Anschlag ihre Angst äußern, würden AfD-Politiker:innen
       und Rechtspopulist:innen das zum Anlass nehmen, um zu sagen: „Wir
       haben’s euch doch gesagt.“ Um dann ihr übliches rassistisches Feindbild zu
       propagieren.
       
       ## Ernstnehmen statt missbrauchen
       
       Angst gehört zu den sieben Grundemotionen und ist für Menschen
       überlebenswichtig. Es lässt uns Situationen und Gefahren einschätzen und
       dementsprechend handeln. Wenn uns aber das Gefühl gegeben wird, dass wir
       sie unterdrücken müssen, da sie sonst instrumentalisiert wird, dann sind es
       wieder Betroffene, die am meisten darunter leiden.
       
       Meine Freund:innen haben Angst, ich habe Angst um sie, wir alle haben
       Angst um die Community und darüber, wie dieser Anschlag gerade von
       Rechtspopulisten und auch Unionspolitiker:innen instrumentalisiert
       wird. Und wie sich wiederum der anti-muslimische und rassistische
       Medientumult [3][auf die kommenden Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und
       Mecklenburg-Vorpommern] auswirken wird.
       
       Je rechter wir auf dem politischen Spektrum blicken, desto klarer wird,
       dass Angst das Mittel der Wahl ist: Es emotionalisiert, es provoziert und
       hinter dem vermeintlichen Schutzversprechen lauern feindliche Ideologien.
       Davon am meisten betroffen sind Migrant:innen, BiPoC und Muslim:innen. Ich
       bin aber nicht bereit, meine Angst den Rechten und ihrem Homonationalismus
       zu überlassen. Unser Schmerz und unsere Angst sind keine Anliegen, die
       Politiker:innen bei ihrem Wahlkampf und Kulturkampf in die Karten
       spielen sollten. Sie sind gelebte Erfahrungen, die von der Politik
       verlangen, ernst genommen zu werden.
       
       Zum Beispiel [4][muss im Grundgesetz endlich verankert werden], dass
       niemand aufgrund seiner Sexualität benachteiligt werden soll. Die
       psychosoziale und gesundheitliche Versorgung für queere, BIPoC und
       insbesondere trans Menschen muss verbessert werden. Entsprechende
       Initiativen müssen finanziell unterstützt und nicht gekürzt werden. Und wie
       sich unser Kanzler so schön selbst reflektierte, muss anerkannt werden,
       dass bereits „schlechte Witze“ Teil von Gewalt sind. Es braucht also doch
       eine Solidaritätsbekundung in Form einer Pride-Flagge am Bundestag und
       keinen unangebrachten Zirkuszelt-Vergleich.
       
       Natürlich sollten wir nicht in Angst und Schrecken leben. Wenn die Emotion
       verarbeitet wird, kann daraus auch Wut und politischer Widerstand wachsen.
       Es muss aber möglich sein, sie überhaupt erst zu äußern. Ich möchte sie so
       formulieren: Es sind rechte und rechtsextreme, antifeministische und
       faschistische Gruppen, die das gleiche radikale Weltbild verfolgen – von
       Neonazis, über die AfD bis hin zu islamistischen Gruppen. Sie alle sehen
       queere und feministische Lebensformen als Feindbild. Und das macht mir
       Angst.
       
       2 Aug 2026
       
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