# taz.de -- Polizeischikane beim CSD: Flagge zeigen ist gefährlich
> Ein Teilnehmer des Hamburger CSD fühlt sich von der Europapassage
> diskriminiert und ruft die Polizei. Dann wird alles noch schlimmer.
(IMG) Bild: Angst vor er Polizei kannte er nur aus Russland: Dmitrii Chunosov vor dem Eingang zur Europapassage
Der Anblick der Europapassage in der Hamburger Innenstadt löst Panik bei
Dmitrii Chunosov aus. Ihm sei schwindelig geworden, ein Gefühl der
Entfremdung sei über ihn gekommen, so als würde er das Gebäude zum ersten
Mal sehen. Dann seien die Tränen gekommen. Sie laufen ihm noch über die
Wangen, als er einige Straßen entfernt versucht, sich zu sammeln und von
den Ereignissen zu erzählen.
Vor zwei Tagen, am Samstag, hatte Chunosov mit seinem Mann, einigen
Freunden und [1][300.000 anderen Menschen in Hamburg den CSD gefeiert]. Sie
seien von Anfang an dabei gewesen, hätten mega Spaß gehabt, bis sie Hunger
bekamen und McDonald's in der Europapassage aufsuchten.
Burger und Pommes seien schon bestellt gewesen, als Chunosov sah, wie sein
Freund Hazeem Saksak von einem Securitymitarbeiter gedrängt wurde, seine
Prideflagge abzunehmen. Saksak hatte sie wie ein Cape um die Schultern
getragen. Prideflaggen seien heute nicht erlaubt, weil am Vortag jemand mit
einer Prideflagge in der Passage geschlagen worden sei, habe der
Mitarbeiter behauptet.
Chunosov kam das paradox vor. Tausende Menschen mit Prideflaggen in allen
Formen und Größen seien im gleichen Moment in der Passage unterwegs
gewesen, fast alle Geschäfte waren in Pridefarben dekoriert.
## Angst vor der Polizei kennt er nur aus Russland
Während Saksak seine Flagge einrollte, holte Chunosov seine aus dem
Rucksack und band sie sich um die Schultern. „Wir hatten gerade mit
hunderttausenden Menschen für unsere Sichtbarkeit demonstriert“, sagt er.
„Da kann ich doch nicht akzeptieren, dass ein einzelner Mitarbeiter uns die
Sichtbarkeit nehmen will.“
Während ein McDonald's-Mitarbeiter signalisiert habe, dass die
Regenbogenfahne kein Problem sei, habe der Securitymann des Centers darauf
bestanden, dass sie nicht sichtbar sein dürfe. Chunosov verlangte, einen
Vorgesetzten zu sprechen, und begann, die Situation zu filmen.
„Ich war überzeugt, dass der Mitarbeiter auf Eigeninitiative handelte, und
fühlte mich diskriminiert“, sagt er. Das Videomaterial habe er später dem
Centermanagement zeigen wollen. Es kam aber kein Centermanager, sondern nur
ein weiterer Sicherheitsmann. Also rief Chunosov die Polizei.
Die sei schnell da gewesen, habe aber ganz anders gehandelt, als Chunosov
erwartet hätte. Die Polizist*innen drängten ihn, die Flagge abzunehmen,
und versuchten, ihm sein Handy wegzunehmen. „Damit hätte ich niemals
gerechnet“, sagt der 41-Jährige.
Chunosov lebt seit 2014 in Hamburg. Er wurde in Russland geboren und wusste
schon früh, dass er schwul war. In Deutschland bekamen er und sein Mann
Asyl als politisch verfolgte LGBTQ-Aktivisten, weil sie in Moskau und St.
Petersburg CSD-Paraden organisiert und sich als LGBTQ-Rechtler exponiert
hatten. Seit 2020 sind sie deutsche Staatsbürger.
Nach Gewalterfahrungen mit der Polizei und dem Knast in Russland habe er in
Deutschland erst lernen müssen, keine Panik zu bekommen, wenn im Dunkeln
ein Streifenwagen vorbeifährt, sagt der Aktivist. Jetzt sei alles wieder da
– die Angst, die Unruhe, die körperlichen Reaktionen, die nicht zu steuern
seien. Während er das erzählt, zeigt seine Uhr an, dass sein Puls auf 111
hochgeht.
Als ihn die Polizisten in der Passage bedrängten, müsse es ähnlich gewesen
sein, sagt Chunosov – seine Erinnerung sei neblig, obwohl er nicht
betrunken gewesen sei. Er habe nur sein Handy an sich gedrückt, dann sei er
mit Kabelbindern gefesselt und zum Aufzug gebracht worden. Dort habe er
seine Beine nicht mehr bewegen können, ein Gefühl der Lähmung habe ihn
ergriffen. Lähmungen oder Taubheit der Beine sind typische Symptome einer
Panikattacke.
Er habe den Polizist*innen mitgeteilt, dass er seine Beine nicht spüre,
aber die hätten ihn einfach auf den Knien zum Ausgang geschleift. Noch
jetzt, zwei Tage später, sehen die Knie übel aus, bei dem einen Knie fehlen
mehrere Hautschichten und es tritt Flüssigkeit aus.
## 16 Polizist*innen umzingeln einen Mann
Draußen saß Chunosov gefesselt am Boden, während ihn 16 Polizist*innen
gegen Passant*innen abschirmten. Chunosov rief um Hilfe und bat
Passant*innen, Videos von der Situation zu machen. Doch die meisten seien
einfach vorbeigegangen. „Ich habe mich so gedemütigt gefühlt“, sagt er.
Einige Frauen, die ebenfalls beim CSD gefeiert hatten, blieben stehen, eine
von ihnen filmte. „Sechzehn Polizist*innen für einen unbewaffneten
Mann“, kommentiert die Filmende, „das ist wirklich armselig.“
Der Betroffene sei aggressiv gewesen und habe um sich getreten, sagt
hingegen ein Sprecher der Hamburger Polizei. Auf einen psychischen
Ausnahmezustand des Betroffenen habe es keine Hinweise gegeben. Chunosov
habe Gespräche zwischen Polizei und Sicherheitsdienst sowie von
Polizist*innen untereinander gefilmt.
Auf dem Weg zum Streifenwagen habe er sich mit den Knien auf den Boden
fallen lassen und sich dabei verletzt. [2][Das Landeskriminalamt ermittelt]
nun wegen des Verdachts des Hausfriedensbruchs, der Verletzung der
Vertraulichkeit des Wortes sowie wegen Widerstandes gegen
Vollstreckungsbeamte.
## Viele hatten Probleme mit Securities
Von den Vorwürfen erfuhr Chunosov erst aus den Medien. Auch andere
Besucher*innen hatten Probleme mit den Securities gehabt und die
Polizei gerufen, wie mehrere Lokalmedien berichteten. Der Centermanager der
Europapassage gab sich zunächst erschüttert, ohne sich zu entschuldigen.
Nachdem er auf Social Media stark kritisiert wurde, schob er eine
Entschuldigung nach.
„Es tut mir leid, wir haben einen Fehler gemacht“, [3][schrieb er auf
Instagram]. Ein Verbot der Prideflagge habe es nicht gegeben, aber die
Vorgaben für den Tag mit extrem hohem Besucheraufkommen seien unklar
gewesen. Einige Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes hätten gewaltvoll
überreagiert.
Chunosov meint, dass er vielleicht auch überreagiert hat, als er von der
Polizei umringt und gefesselt vor dem Einkaufszentrum um Hilfe schrie.
Widerstand habe er jedoch in keinem Moment geleistet. Die Polizei brachte
ihn aufs Revier und ließ ihn erst kurz nach Mitternacht gehen. Sein Handy
behielt sie.
In der Sache selbst, sagt Chunosov, fühle er sich zu hundert Prozent im
Recht. Würde ihm ein Mitarbeiter nächstes Mal wieder verbieten, die
Prideflagge zu tragen, würde er wieder darauf bestehen, sie zeigen zu
dürfen. Und mit der Zeit wirkt auch die Tablette, die er nach dem
Panikanfall beim Anblick der Europapassage geschluckt hat, und er kann sich
dem Gebäude wieder nähern. „Ich würde genauso handeln“, sagt er, „nur die
Polizei würde ich nicht noch mal rufen.“
4 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katharina Schipkowski
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