# taz.de -- Islamistischer Anschlag auf den CSD: Auf einem Auge blind
> Der Feind stehe rechts, war immer das Mantra von queeren Funktionären.
> Die andere, konkrete Gefahr wollte man lange nicht wahrhaben.
(IMG) Bild: Regenbogenfahne am Rathaus Schöneberg
Immerhin war er ja da beim Gedenkgottesdienst in Berlin nach dem
Terroranschlag islamistischen Hintergrunds auf den Berliner CSD: Friedrich
Merz hätte es ja wie einst Helmut Kohl halten können, der 1993, nach einem
rechtsextremistischen Brandanschlag in Solingen, einen Besuch der
Terrorstätte mit der Begründung ablehnte, er wolle keinen
„Beileidstourismus“. Merz’ Worte in Berlin standen trotzdem schief: Es war
eben kein Anschlag auf alle, sondern einer auf eine queere öffentliche
Manifestation, auf lesbische Frauen, schwule Männer und trans Menschen, die
für diese ExtremistInnen offenbar eine Provokation gegen ihr religiöses
Weltbild verkörpern.
Merz hätte es ausdrücklich sagen können: Der Anschlag galt nicht der
Freiheit schlechthin, sondern der Freiheit von queeren Menschen. Dass der
Kanzler immerhin versprach, alles zu tun, um Terror gegen Queers zu
verhindern, spricht für seine politische Wachheit. Der CSD gehört eben auch
konservativen und liberalen Menschen.
Falsch wäre es aber, aus Anlass dieser Terrorattacke die Regierung zu
dämonisieren und diverse finanzielle Kürzungsmaßnahmen im queeren Bereich
zur Vorstufe von möglichen AfD-Regierungsbeteiligungen zu erklären.
Tatsächlich müssen sich die Queerszenen damit auseinandersetzen, dass sie
jahrelang die Gefahren von islamistischer Seite bagatellisierten.
Der Feind stehe rechts, sagen so gut wie alle Funktionäre und verweisen –
überwiegend zu Recht – auf gewaltsame Attacken besonders im Osten der
Republik. CSDs, die angegriffen werden, eine Polizei, auf die man sich
nicht verlassen kann: Das ist nicht falsch. Nur fehlt in dieser Klage etwa
der Hinweis, dass es [1][islamistische Gewalttäter] auf Schwule, Lesben und
trans Menschen abgesehen haben – die für sie alles verkörpern, was die Welt
verderbt macht.
## Angst vor Rassismus-Verdacht
Linke waren in diesen Deutungskämpfen keine soliden BündnispartnerInnen für
gewöhnliche Queers. Nie war das Leben für LGBT*-Angehörige in Deutschland
so sicher wie jetzt. Kommen daran Zweifel auf, dann verlässlich wegen
Rechtsextremisten, nicht wegen Islamisten, denn dies würde ja Rassismus
befördern und der AfD nützen. Jetzt will plötzlich auch die linke queere
Politwelt vor Islamisten gewarnt haben. Nur: Hat sie nicht. Flüchtlinge
etwa aus Syrien durften nicht laut sagen, dass sie in ihren
Erstaufnahmequartieren Angst vor Islamisten haben; der Witwer eines in
Dresden getöteten schwulen Mannes verwahrte sich gegen ein Mahnmal gegen
Homophobie, vielmehr sei eines gegen Islamisten wichtig.
Auf diesem Auge sind viele zeitgenössische Linke blind und bleiben es, wenn
sie nicht anerkennen wollen, dass es diese GefährderInnen mitten unter uns
gibt.
27 Jul 2026
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(DIR) Jan Feddersen
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