# taz.de -- Sichere Rente: Besteuert die Maschinen!
       
       > Adenauer irrte: Die Alterssicherung muss weder vom Kinderkriegen noch von
       > Arbeitsplätzen abhängig sein. Es gibt einen anderen Weg, unsere Renten zu
       > sichern.
       
 (IMG) Bild: Wann kommt die Roboter-Steuer?
       
       Die Deutschen und ihre Rente. Ein Dauerbrenner in Politik und Medien schon
       seit Adenauer. Mal schockieren Geburtenrückgänge das Publikum von
       Talkshows, mal droht die Alterspyramide mit ihrem Einsturz. Und überhaupt:
       der demografische Wandel. Er schwebt wie ein Damoklesschwert über unserem
       Wohlergehen.
       
       Jetzt ist es wieder so weit. Die schwarz-rote Regierungskoalition hat eine
       neue [1][Rentenreform beschlossen]. Es ist je nach Zählung etwa die
       vierzigste seit 1957, als die Renten mit dem sogenannten
       Generationenvertrag an die Lohnentwicklung angepasst wurden. Die jeweils
       junge Generation zahlt für die jeweils ältere Generation.
       
       [2][„Kinder kriegen die Leute immer“], begründete damals Bundeskanzler
       Konrad Adenauer die Kopplung der Altersfinanzierung an die Anzahl der
       Beitragszahlenden, der versicherungspflichtig, abhängig Beschäftigten, und
       deren Bruttolöhne bis zu einer gewissen Obergrenze. Das waren drei Irrtümer
       zugleich.
       
       Erstens kriegen die Leute [3][nicht immer Kinder], vor allem nicht, wenn
       die Löhne so knapp und die Mieten so hoch sind. Zweitens zahlen längst
       nicht alle Kinder später im Erwachsenenalter Beiträge in die
       Rentenversicherung ein: Ausgerechnet Beamte, gutverdienende Anwält*innen,
       Politiker*innen, DAX-Vorstände und viele andere, die sich die
       Beitragszahlungen locker leisten könnten, werden bar jeglicher Logik davon
       ausgenommen.
       
       Und drittens machen immer wieder neue Maschinen und Technologien ebenso wie
       Standortverlagerungen und prekäre Jobs Adenauers Theorie [4][einen dicken
       Strich durch die Rechnung]. Aktuell sind es die KI und die Roboter. So
       stellt sich die Frage: Wenn heute die Leute Kinder kriegen, wie viele davon
       können später tatsächlich einmal in die Rentenkasse einzahlen?
       
       ## Die Wertschöpfungsabgabe
       
       Dass Sozialministerin Bärbel Bas nun endlich auch Beamte und andere Gruppen
       in die Solidargemeinschaft einladen will, erscheint als ein längst
       überfälliger Schritt. Aber er greift zu kurz. Ihr Amtsvorgänger Herbert
       Ehrenberg war Ende der 1970er Jahre schon weiter. Er wollte damals auch die
       wertschöpfenden Maschinen, die Arbeitskräfte überflüssig machten, in die
       Beitragspflicht einbeziehen.
       
       In der sozialliberalen Koalition unter Helmut Schmidt hatte er damit keine
       Chance. Denn eine Wertschöpfungsabgabe hätte die Unternehmen belastet, die
       mit Stellenabbau und Automatisierung genau das Gegenteil erreichen wollten,
       nämlich Gewinnmaximierung.
       
       Mit Roboter und KI erlangt die alte Idee nun neue Plausibilität, obwohl
       sich keine deutsche Partei mehr an sie herantraut – im Gegensatz zu Bill
       Gates: „Wenn ein Mensch Arbeit im Wert von 50.000 Dollar in einer Fabrik
       erledigt, wird dieses Einkommen besteuert – wenn ein Roboter dasselbe
       macht, sollte man ihn ähnlich besteuern“, fordert er, um die Leistungen des
       Staates auch trotz eines möglichen Verschwindens menschlicher Arbeitskräfte
       finanzieren zu können.
       
       Unser Wohlstand steigt, wenn auch sehr unfair verteilt. Ein Paradox, wenn
       trotz des zunehmenden Überflusses die Finanzierung von Renten, Pflege und
       Gesundheitsdienstleistungen ins Wanken gerät. Die Ursache dafür ist
       hausgemacht: Anstatt den gesamten Reichtum und dessen Zunahme als Grundlage
       für die sozialen Sicherungssysteme zu nehmen, begnügt man sich mit dem
       schmalen Segment der Gehälter bis zur Beitragsbemessungsgrenze.
       
       ## Mehr Wachstum, weniger Arbeit
       
       Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst trotz permanenter Krisenstimmung in
       Deutschland Jahr für Jahr oder pendelt zumindest wenig um die Nulllinie.
       Echte Ausreißer nach unten gab es nur in 2009 und 2020. Vom Jahr 2000 bis
       2024 stieg das BIP um 103 Prozent, die Beitragseinnahmen der
       Rentenversicherung aber nur um 87 Prozent.
       
       Je mehr Jobs künftig durch die Anwendung neuer Technologien ersetzt werden,
       umso weiter dürfte sich die Schere öffnen. Zunehmender Wohlstand bei
       abnehmender Arbeit – ein Trend, den die Arbeiterkammer Niederösterreich in
       Zahlen gefasst hat: Während 1975 noch 80 Prozent der gesamten Wertschöpfung
       aus menschlicher Arbeit resultierten, sind es heute nur noch 60 Prozent.
       Die restlichen 40 Prozent erledigen Maschinen und Software.
       
       Eine Roboter- und KI-Steuer für Alterssicherung, Pflege und Gesundheit
       könnte ein Modell sein, mit dem die Finanzierungslücke geschlossen werden
       kann. Ein Nachteil wäre allerdings, dass eine solche Steuer schnell zu
       einem bürokratischen Monster mutiert. Wie will man die genaue Wertschöpfung
       eines neuen KI-Tools im Büro berechnen? In welcher Höhe muss die Leistung
       einer schnelleren Bohrmaschine eines Bauunternehmens verbeitragt werden?
       Die Arbeitsbeschleunigung durch ein nützliches Softwareupdate? Wer kann und
       wer will all diese Feinheiten bilanzieren?
       
       ## Konsumieren tun die Leute immer
       
       Einfacher erscheint es, den gesamtgesellschaftlichen Wohlstandszuwachs über
       den Konsum zu erfassen, wie dies bereits durch die Umsatzsteuer geschieht.
       In Anlehnung an Adenauers Irrtum über das Kinderkriegen lässt sich heute
       konstatieren: Konsumieren tun die Leute immer, und sogar immer mehr.
       
       Die Netto-Umsätze für Lieferungen und Leistungen kletterten in den
       vergangenen 25 Jahren um rund 112 Prozent in die Höhe, während die
       Rentenbeiträge noch nicht einmal eine Verdopplung erreichten. Warum sollten
       wir also nicht die Rente über eine höhere Umsatzsteuer finanzieren und im
       Gegenzug die Beiträge streichen?
       
       Nach meiner vereinfachten Überschlagsrechnung müsste der Umsatzsteuersatz
       auf 38 Prozent erhöht werden. Zum Ausgleich würde allen
       Arbeitnehmer*innen die Rentenversicherungsabzüge plus
       Arbeitgeberanteil ausgezahlt werden – ein Plus von 18,6 Prozent abzüglich
       Steuern. Bei einem Bruttolohn von 3.500 Euro und Konsumausgaben von 1.500
       Euro würde das neue Modell sogar zu einem Gewinn in Höhe von 185 Euro
       führen. Selbst für gering Verdienende würde es sich lohnen.
       
       Unzumutbar wäre eine Verdopplung der Umsatzsteuer allerdings für Menschen,
       die von Transferleistungen leben. Für sie müsste der Staat einen vollen
       Ausgleich schaffen, der durch eine zusätzliche Steuer, etwa auf schwere
       SUVs, überdimensionierte Luxusapartments, teure Designerklamotten oder
       private Swimmingpools, refinanziert werden sollte.
       
       3 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Rentenreform/!6190240
 (DIR) [2] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/1957-01-21-rentenreform-488538&ved=2ahUKEwjo6byO9rOVAxWvRvEDHbrWHWcQFnoECCcQAQ&usg=AOvVaw21NFaB9iigUStkjr1H6sZ9
 (DIR) [3] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/geburtenrate-sinkt-100.html&ved=2ahUKEwj_1cL99rOVAxUgcfEDHY8sOBMQFnoECCIQAw&usg=AOvVaw13OBgmXl14g6IYufk4wrLy
 (DIR) [4] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/jobverlust-ki-shumer-warnung-arbeitsmarkt-100.html&ved=2ahUKEwjRj4fk9rOVAxUecvEDHXZQAt4QFnoECBYQAQ&usg=AOvVaw06mrkpHWdZhZCGMONj9L51
       
       ## AUTOREN
       
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