# taz.de -- CDU-Abgeordneter über Rentenreform: „Man lernt ja auch dazu“
       
       > Der CDU-Abgeordnete Reddig ist als „Rentenrebell“ bekannt. Im Interview
       > spricht er über die Rentenkommission und über Auseinandersetzungen mit
       > der SPD.
       
 (IMG) Bild: Als „großen Wurf“ bezeichnet Reddig die Ergebnisse der Rentenkommission. Die Sozialministerin (r.) spricht von einem „Gesamtkunstwerk“
       
       taz: Herr Reddig, [1][gerade waren Sie noch ein Rentenrebell], jetzt sind
       Sie der wandelnde Rentenkompromiss. Wie fühlen Sie sich in dieser neuen
       Rolle? 
       
       Pascal Reddig: Wir als Junge Gruppe haben uns auch im letzten Jahr nicht
       als Rentenrebellen gesehen. Wir wollten, dass die Altersvorsorge besser und
       generationengerechter wird. Und uns war da bereits klar, dass Verhindern
       nur die zweitbeste Option ist. Besser ist, gute Politik zu machen.
       
       taz: Aber ohne Ihren Aufstand wären Sie gar nicht so weit gekommen. 
       
       Reddig: Der Koalitionsvertrag sah vor, dass die Rentenkommission bis Mitte
       2027 Vorschläge vorlegen soll. Insofern, ja: ohne die Debatte vom letzten
       Jahr, ohne Junge Gruppe und Junge Union gäbe es sicherlich keine so
       schnellen und fundamentalen Kommissionsergebnisse. Nach anfänglichem Hadern
       bin ich jetzt sehr froh, Teil der Kommission gewesen zu sein, und das
       Ergebnis kann tatsächlich für die nächsten Jahre zu einem Rentenfrieden in
       Deutschland führen.
       
       taz: Sie haben 150 Stunden mit Experten und Expertinnen aus der
       Wissenschaft und dem ehemaligen Chef der Arbeitsagentur verbracht. Wie war
       das? 
       
       Reddig: Wir sind nach einer hochemotional geführten Debatte gestartet. In
       dieser Situation war die Zusammensetzung der Kommission mit einer Mehrheit
       an Wissenschaftlern wichtig. Damit nicht die Politiker in ihren
       ideologischen Schützengräben sitzen und streiten, sondern wir uns
       anschauen: Wie schaffen wir es wissenschaftlich fundiert, zu einer
       Altersversorgung in Deutschland zu kommen, die auch die nächsten 20, 30
       Jahre trägt?
       
       taz: Ihr Widerpart in der Kommission war [2][Annika Klose, Sozialdemokratin
       vom linken Flügel]. Wie sind Sie miteinander klargekommen? 
       
       Reddig: Sehr gut. Wir haben natürlich unterschiedliche Positionen, und das
       hat man auch in der Kommission gemerkt. Wir haben inhaltlich gestritten,
       und das werden wir auch in Zukunft tun. Aber wir sind extrem respektvoll
       miteinander umgegangen. Und wir wussten, das Beste, was der Koalition
       passieren kann, ist ein ausgewogenes Konzept, bei dem die Menschen den
       berechtigten Eindruck haben, da wird was gemacht für alle Generationen. Das
       heißt ein Interessenausgleich zwischen den Beitragszahlern und den Rentnern
       aber auch für diejenigen, die im Niedriglohnbereich arbeiten und vielleicht
       von verdeckter Altersarmut betroffen sind. Und wir, und auch Florian Dorn,
       der als dritter Politiker in der Kommission saß, hatten alle den
       unbedingten Willen, dass uns das zusammen gelingt. Kein kleinster
       gemeinsamer Nenner, sondern ein großer Wurf.
       
       taz: Wie schafft man das, wenn man von ganz unterschiedlichen Positionen
       startet? 
       
       Reddig: Wichtig war, abseits von politischen Phrasen zu fragen, was
       wirklich faktenbasiert zu verändern ist und wo wir reale Probleme haben –
       und wo wir in der Politik vielleicht auch zu häufig über Scheinprobleme
       diskutiert haben.
       
       taz: Welche Scheinprobleme zum Beispiel? 
       
       Reddig: Ein gutes Beispiel ist für mich die Rente mit 63, ein
       hochemotionales Thema. Alle Studien zeigen, dass das Ziel, welches mit der
       Rente mit 63 verfolgt wurde, gerade nicht erreicht wird. Nämlich, dass
       Menschen, die körperlich hart gearbeitet haben, frühzeitig in Ruhestand
       gehen können. Heute nehmen 30 Prozent der Rentnerinnen und Rentner die
       Rente mit 63 in Anspruch, und zwar überwiegend besser bezahlte Männer mit
       Bürojobs. Und wenn man feststellt, dass das Ziel verfehlt wird, muss
       Politik auch umdrehen können. Weil wir uns die Lage faktenbasiert
       angeschaut haben, konnte die inhaltliche Annäherung zwischen Annika Klose
       und mir gelingen.
       
       taz: Die Rente mit 63 aufzugeben, ist eine Herausforderung für die SPD. Wo
       haben Sie Ihre Position korrigiert? 
       
       Reddig: Da gibt es zwei Punkte: Ich fand es immer richtig, dass wir die
       Abschläge beim vorzeitigen Renteneintritt erhöhen, damit die zusätzlichen
       Kosten nicht die Versichertengemeinschaft tragen muss. Rechtlich ist das
       aber nur begrenzt möglich: Erlaubt sind nur Abschläge, die die entstehenden
       Kosten ausgleichen. Höhere Abschläge, die Menschen dazu bewegen sollen,
       länger zu arbeiten, sind dagegen nicht zulässig.
       
       taz: Und der zweite Punkt? 
       
       Reddig: Die Einbeziehung weiterer Gruppen in die gesetzliche
       Rentenversicherung. Da haben wir als Union immer gesagt: auf gar keinen
       Fall. Aber wenn man sich anschaut, wie viele Solo-Selbstständige auf
       Grundsicherung im Alter angewiesen sind, kann man daran Zweifel bekommen.
       
       taz: Dieser Punkt ist eher wolkig formuliert. Eine Empfehlung, etwa Beamte
       einzubeziehen, gibt es nicht. 
       
       Reddig: Wenn wir empfohlen hätten, alle Beamten in die Rentenversicherung
       einzubeziehen, hätten wir viel Applaus bekommen. Aber das wäre mit hohen
       verfassungsrechtlichen und föderalen Hürden einhergegangen. Wir hatten also
       eine realistische Brille auf, haben aber dennoch wirksame Vorschläge
       gemacht. Zum Beispiel sollen künftig nur noch in der Eingriffsverwaltung
       verbeamtet und ausreichende Pensionsrücklagen gebildet werden. Reformen der
       Rentenversicherung sollen wirkungsgleich für die Beamtenpensionen erfolgen.
       Die Beamtenversorgung hat sich zu weit vom Rentensystem weg entwickelt, das
       ist klar. Unsere Idee war daher: Wie schaffen wir es, dass die künftigen
       Rentnerinnen und Rentner irgendwann eine ähnliche Versorgungshöhe haben wie
       die Beamten? Und deswegen haben wir auch als Ziel definiert, dass wir eine
       Lohnersatzquote von 70 Prozent des letzten verfügbaren Einkommens erreichen
       wollen. Das gelingt zum Beispiel mit der Kapitalrente nach schwedischem
       Vorbild, aber auch mit Verbesserungen im Bereich betrieblicher und privater
       Altersvorsorge.
       
       taz: Es war überraschend, dass die [3][kapitalgedeckte Aufstockung Teil der
       gesetzlichen Rentenversicherung] werden soll – und dafür die Beiträge
       steigen, was die Union eigentlich unbedingt verhindern wollte. 
       
       Reddig: Wir haben uns gleich in der ersten Sitzung angeschaut, was andere
       Länder besser machen. Das Versorgungsniveau in Schweden und in den anderen
       skandinavischen Ländern ist viel höher als in Deutschland. Die Schweden
       haben zur Jahrtausendwende eine Kapitalrente in der ersten, der
       gesetzlichen, Säule eingeführt und extrem hohe Renditen erwirtschaftet. Die
       Altersvorsorge ist dadurch für die Menschen besser geworden, was auch unser
       Ziel war. Wir wollen, dass alle davon profitieren können; das ist eine
       riesige soziale Frage! Bislang ist der Aktienmarkt ja vor allem etwas für
       Besserverdienende. Die Union hat sich immer für eine freiwillige
       zusätzliche Kapitalrente ausgesprochen, aber wir haben über ganz viele
       Jahre gesehen, dass Freiwilligkeit nicht funktioniert. Dann muss man auch
       mal eine parteipolitische Position räumen.
       
       taz: Und wenn die Börse crasht? 
       
       Reddig: Nachdem Schweden die Kapitalrente eingeführt hat, kam die
       Finanzkrise. Und trotzdem wurde dort in den letzten 25 Jahren eine
       durchschnittliche jährliche Rendite von elf Prozent erwirtschaftet.
       
       taz: Was war der größte Streitpunkt? 
       
       Reddig: Wir haben intensiv über die Frage diskutiert, ob man die Haltelinie
       beim Rentenniveau fortführen soll. Und haben uns gegen eine generelle
       Haltelinie entschieden, aber dafür, vor allem Menschen zielgenauer
       abzusichern, die es wirklich brauchen. Etwa durch eine Freibetragsregelung
       bei der Grundsicherung im Alter. Das ist gerechter.
       
       taz: Wie hoch war der Druck aus dem Kanzleramt und der CDU-Zentrale auf
       Sie? 
       
       Reddig: Unsere Spitze hat uns mitgegeben, es gibt keine roten Linien. Und
       daran haben sich alle gehalten. Das galt bei der SPD genauso. Anders hätte
       es auch nicht funktioniert.
       
       taz: Und was ist mit der Äußerung von Arbeitsministerin Bärbel Bas, sie
       werde nur ein einstimmiges Ergebnis umsetzen? 
       
       Reddig: Es hat den Druck auf eine Einigung erhöht. Am Anfang habe ich mir
       gedacht, muss das jetzt sein, auf dem Weg die Spielregeln zu verändern?
       Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass das kein parteipolitisches
       Taktikmanöver war, um noch ein Hintertürchen zu haben. Es war richtig, weil
       Frau Bas ein Konzept wollte, hinter dem sich eine breite politische Mitte
       vereinen kann.
       
       taz: Das Feedback aus der Koalition ist erst mal gut, mal abgesehen von
       Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die gerade im Wahlkampf ist. Aber
       jetzt kommt eine lange Sommerpause. Wo liegen die Fallstricke für die
       Koalition? 
       
       Reddig: Gut ist, dass sich der Kanzler und Frau Bas sehr klar hinter die
       Empfehlungen gestellt haben. Auch in den Fraktionen gibt es bislang sehr
       große Einigkeit darüber, das Gesamtpaket umzusetzen. Aber erst mal müssen
       die Gesetzesentwürfe geschrieben und im Bundestag beraten werden. Wir
       sollten nicht mit Rosinenpickerei beginnen, wie Bärbel Bas das auch genannt
       hat. Es ist ein Gesamtkonzept, das auf verschiedenen Wechselwirkungen
       beruht und nur im Ganzen funktioniert und austariert ist.
       
       taz: Sie beziehen sich auffallend häufig positiv auf Bärbel Bas. Im
       vergangenen Jahr hat die Junge Union ihr noch eine Menge böser Absichten
       unterstellt … 
       
       Reddig: Man lernt ja auch dazu. Wenn Dinge gut gelingen, dann kann man das
       auch sagen.
       
       taz: Wenn Pascal Reddig und Annika Klose miteinander können, dann kann das
       noch was werden mit Schwarz-Rot? 
       
       Reddig: Es zeigt doch, dass es funktionieren kann, und dass Union und SPD
       als Koalition gemeinsam Erfolg haben können. Wenn man sich mal löst von
       seinen parteipolitischen Positionen, merkt man, dass auch der andere einmal
       recht haben kann. Wir sollten alle nicht immer für uns in Anspruch nehmen,
       dass nur die eigene politische Linie richtig ist.
       
       taz: Hört sich an, als könnten Sie jetzt auch den Friedrich Merz besser
       verstehen. 
       
       Reddig: Ich habe den Kanzler immer verstanden.
       
       28 Jun 2026
       
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