# taz.de -- Arisierte Villa Rezek und Wiener Moderne: Die Geschichte eines Hauses – die Geschichte einer Stadt
       
       > Schönheit trotzt Hass. Die von Hans Glas visionär gestaltete Villa Rezek
       > erzählt von Utopien im einst jüdischen Wien. Sie ist nun wieder zu
       > bestaunen.
       
 (IMG) Bild: Blick von der Terrasse auf Wintergarten und Wohnzimmer der Villa Rezek in Wien
       
       Caroline Wohlgemuth sitzt an einem Holztisch im etwa 70 Quadratmeter großen
       Wohnzimmer der Villa Rezek in Wien. Das 1933/34 erbaute Gebäude gilt als
       ein Schmuckstück der klassischen Moderne. Das viergeschossige Terrassenhaus
       verkörpert so etwas wie „die Quintessenz des modernen Bauens und der
       visionären Philosophie des Wohnens in Wien in der Zwischenkriegszeit“,
       unterstreicht Kunsthistorikerin Wohlgemuth.
       
       Flachdach, großflächige in den Böden versenkbare Fenster, weitläufige
       Terrassen mit weiß lackierten Metallgeländern, optisch der Reling eines
       Schiffes nachempfunden.
       
       „Licht, Luft, Sonne“, sagt Wohlgemuth, waren im tuberkulosegeplagten Wien
       der vorletzten Jahrhundertwende bei progressiven Privat- wie nach dem
       Ersten Weltkrieg bei den neu entstehenden Gemeindebauten das große Thema.
       Errichtet wurde die Villa Rezek auf dem Kamm eines Ausläufers des
       Wienerwalds in der Wilbrandtgasse im Stadtteil Pötzleinsdorf.
       
       Nach Süden öffnet sich vom Terrassenbau her über abschüssigen Hang und
       ebenfalls terrassierten Garten hinweg ein prächtiger Blick über die
       ehemalige Habsburgermetropole. Heute ist die auch im Inneren weitgehend
       rekonstruierte Villa ein temporär zu besichtigendes Museum. Mit der
       Straßenbahn und nach einem kleinen Aufstieg zu Fuß ist der markante Bau,
       dieses Schiff der Moderne, vom Zentrum aus in 40 Minuten zu erreichen.
       
       ## Wohnkultur und Humanismus
       
       Das Getöse der Stadt scheint hier weit weg, die frische Luft des
       Wienerwalds nah. Und doch erzählt gerade dieses Gebäude mit seiner anhand
       von historischen Aufnahmen rekonstruierten Wohnkultur vom Rand her viel von
       dem, was Wien und das Zentrum Europas über die erste Hälfte des letzten
       Jahrhunderts bestimmte: Fortschritt, Humanismus, Urbanisierung, Teilhabe –
       aber auch Neid, Hass, Raub und Vernichtung.
       
       Eine Geschichte, die auch in derzeitigen Debatten ihren Widerhall findet,
       wie zuletzt bei den Forderungen, die Teilnahme Israels am European Song
       Contest (ESC) in Wien zu boykottieren. Und eher selten ruhig und berührend
       unideologisch daherkommt wie in der aktuellen Aufführung von „Isidor“ der
       Burg im Akademietheater, inszeniert von Philipp Stölzl [1][nach dem
       gleichnamigen Roman von Shelly Kupferberg].
       
       Prägnanter kann ein Theaterensemble die historische Entrechtung der Wiener
       Juden 1938, den Alltags-Antisemitismus wohl kaum auf die Bühne bringen.
       
       Doch zurück in die Wilbrandtgasse 37 zu Caroline Wohlgemuth. Zusammen mit
       dem Architekten Maximilian Eisenköck hat die Autorin das Buch „Das Glas
       Haus. Wien 1933. Vertriebene Visionen“ (Park Books, 2025) zum Jahreswechsel
       veröffentlicht. Es erzählt in Texten und Bildern die Historie des Hauses –
       und wurde ein Überraschungserfolg. Von der ersten Auflage ist derzeit nur
       die englische Ausgabe erhältlich, die zweite deutsche in Vorbereitung, so
       Wohlgemuth.
       
       ## Mix aus Tradition und Moderne
       
       Benannt ist das Buch nach dem Architekten der Villa Rezek, Hans Glas. Glas,
       geboren 1892 in Wien, war ein Schüler von Adolf Loos und von Architekten
       wie Josef Frank beeinflusst. Die Wiener Moderne strebte ähnlich wie das
       Bauhaus nach klaren Formen, seriellen, [2][schnörkellosen Bauweisen des
       Funktionalismus] und einer Neuen Sachlichkeit, aber war weniger puristisch
       gegen andere und tradierte Stile gerichtet.
       
       Elemente aus dem Biedermeier oder dem englischen Cottage-Stil hielten auch
       bei der Innenausstattung der Villa Rezek Einzug. Man setzte auf hochwertige
       Materialien, viel Licht sowie einen nachhaltigen Mix aus Tradition und
       Moderne.
       
       Wohlgemuth deutet über den großzügigen und dennoch behaglich wirkenden,
       originalgetreu rekonstruierten Wohnraum der Familie Rezek mit Flügel,
       Holzparkett, Teppichen, Sofa und Sesselecke. Daran schließt unmittelbar ein
       verglaster Wintergarten an und bewirkt räumlich einen fließenden Übergang
       in den Außenbereich, zur hellen Freifläche der Terrasse und in den Garten.
       Glas' außergewöhnliche Planung, so Wohlgemuth, erinnere sie an die sehr
       viel bekanntere Villa Tugendhat, die 1930 nach Entwürfen von Ludwig Mies
       van der Rohe in Brünn entstand.
       
       Vor unserem Gespräch hatte sie gerade noch eine kleine Besuchergruppe durch
       das Gebäude geführt. [3][Bekannt ist die Kunsthistorikerin auch] durch ihr
       herausragend recherchiertes und sorgfältig gestaltetes Werk „Mid-Century
       Modern – Visionäres Möbeldesign aus Wien“ (Birkhäuser, 2022), das an die
       nach 1938 vertriebenen und vergessenen jüdischen GestalterInnen erinnert.
       
       ## Enkelkinder in den USA
       
       Bei der historischen Villa des Ärzteehepaares Rezek spricht sie wie schon
       beim Buchtitel konsequent von dem „Glas-Haus“. Denn die von Wohlgemuth und
       Eisenköck in den USA ausfindig gemachten Enkelkinder von Anna und Philipp
       Rezek hätten, sagt sie, beim Anwesen ihrer Wiener Vorfahren durchgängig vom
       „Glas-Haus“ gesprochen. Und nicht von der nach ihren Familiennamen
       benannten „Villa Rezek“.
       
       Architekt Glas hatte die Villa mit allerlei liebevollen Details
       ausgestattet. Im Eingangsbereich empfängt die Besucher etwa eine mit hellem
       Holz vertäfelte Garderobennische, die sich hinter einem freundlich
       wirkenden Stoffvorhang mit Querstreifen verbergen ließ. Links und rechts
       flankieren zwei bodentiefe und rahmenlose Spiegel. Der Fußboden ist wie in
       Wintergarten oder Küchen-Arbeitsräumen im Schachbrettmuster schwarz-weiß
       gefliest.
       
       Hans Glas stammte, wie die Rezeks aus einer jüdischen Wiener Familie und
       floh 1938 vor dem Naziterror nach Indien. Er kehrte nicht nach Wien zurück.
       Sein 1928 für das „rote Wien“ fertiggestellter Gemeindebau in der
       Leopoldstadt am Handelskai 210 steht heute ebenfalls unter Denkmalschutz.
       
       Die Auftraggeber des Privathauses, das Ärzteehepaar Anna und Philipp Rezek,
       emigrierten mit ihren beiden Töchtern 1938 in die USA. Ihr im Stil der
       Neuen Sachlichkeit errichtetes Wohnhaus in Pötzleinsdorf umfasste auch ein
       kleines medizinisches Behandlungszimmer. Es ist wie der holzvertäfelte
       Warteraum mit Bibliothek in Teilen rekonstruiert.
       
       Überraschend zeitgenössisch gestaltet erscheinen die im oberen Geschoss mit
       Linoleumböden, farbig lackierten Thonet-Möbel und Einbauten versehenen
       Kinderzimmer für die Töchter Esther und Susanne. Auch anderes wie das
       geschwungene Treppenhaus mit offenem Holzgeländer, Stoffvorhänge als
       Raumteiler im großen Wohnraum oder das von Albert Esch entworfene Konzept
       für die Gärten bestechen durch ihre menschenfreundlichen und ganzheitlichen
       Überlegungen.
       
       ## „Anschluss“, Vertreibung und Arisierung
       
       Nur vier Jahre durfte die Familie Rezek sich in Wien an ihrem Besitz
       erfreuen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 an das Deutsche Nazi-Reich
       floh die Familie in die USA, die Villa in Wien-Pötzleinsdorf wurde
       arisiert. [4][Historiker wie Götz Aly haben belegt], wie sehr die „normale“
       Bevölkerung, [5][Nachbarn, Angestellte, Privathaushalte von Arisierungen]
       profitierten und sich oft aktiv beteiligten („Wie konnte das geschehen?“,
       S. Fischer 2025).
       
       Im Falle der Rezeks war es ein gewisser Adolf Gustav Oswald Hermsen, der
       sich die modernistische Villa mit der schönen Aussicht aneignete und mit
       Familie bis 1945 bewohnte. Hermsen war Vorstand der Hanf-, Jute und
       Textilindustrie AG in Wien und NSDAP-Mitglied.
       
       Nach der Zerschlagung der Nazi-Herrschaft strengten die in den USA lebenden
       Rezeks ein Restitutionsverfahren in Österreich an. Nach vier Jahren
       rechtlicher Auseinandersetzungen bekam die Familie ihre Immobilie 1953
       schließlich zurück. Doch nach der Shoah wollten sie nicht nach Europa
       zurückkehren. 200.000 Juden, mehr noch als in Berlin, hatten 1938 in Wien
       gelebt.
       
       Die Rezeks verkauften ihren restituierten Besitz, die Villa wechselte in
       der Folge noch mehrmals die Besitzer. Das Wiener Denkmalamt rettete das
       ikonische Gebäude schließlich vor dem Abriss – und Einzelpersonen wie
       Architekt Eisenköck und Buchautorin Wohlgemuth vor dem Vergessen.
       
       30 May 2026
       
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