# taz.de -- Konservative Journalisten: Kritisch bleiben für alle
       
       > Braucht der Journalismus mehr konservative Stimmen? Wer das fordert,
       > bedient die Erzählung der Rechtsextremen von einer „linkslastigen
       > Branche“.
       
 (IMG) Bild: Aktuelles Plakatmotiv des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb)
       
       [1][Der Merz-Kritiker Donald Trump] dürfte wohl nicht bei der Zeit
       arbeiten. Zumindest nicht, wenn es nach Chefredakteur Jochen Wegner geht.
       Denn der sucht gerade nach jungen, konservativen Leuten, die den
       Bundeskanzler verteidigen. Alternativ seien auch Leute für sein Haus
       interessant, wenn sie „Christian Linder schon mal gut fanden“.
       
       Das erzählte er zumindest jungen Nachwuchsjournalist*innen während eines
       [2][„Ask me anything“ des Mediencamps vom Verlag Oberauer] am vergangenen
       Wochenende. Reine Provokation? Eher mehr: Denn es entlarvt eine gefährliche
       Tendenz. Unter dem Deckmantel der vermeintlichen Meinungspluralität werden
       andere wichtige journalistische Kriterien ad acta gelegt.
       
       Anders kann man sich nicht erklären, warum der Chefredakteur ernsthaft
       behauptet, dass Journalist*innen einen der mächtigsten Männer der
       Bundesrepublik verteidigen sollten und einen Mann gut finden müssen, der
       nicht nur völlig irrelevant geworden ist, sondern auch die Ampelregierung
       auf einem Egotrip gegen die Wand gefahren hat.
       
       Jungen Leuten, die sich noch in der Ausbildung oder am Anfang ihrer
       Karriere befinden, solch ein Bild von Journalismus zu malen, ist im besten
       Fall dreist, im schlimmsten demokratiegefährdend. Zeigt es doch, dass die
       Talking Points der AfD fruchten. Denn wer einen konservativen Journalismus
       fordert, lässt sich ein auf die Vorwürfe der „links-grün-versifften“
       Massenmedien und zeichnet ein falsches Bild des Journalismus.
       
       Journalismus soll nicht verteidigen, er soll machtkritisch sein – gerade im
       derzeit „aufgeheizten Klima“, was die Pressfreiheit und die verschärfte
       Bedrohungslage für Journalist:innen angeht, wie es die Rangliste der
       Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen [3][aktuell für Deutschland
       konstatiert.] Journalismus soll nachhaken, auf Distanz bleiben, egal ob es
       um den Kanzler, den grünen Lokalpolitiker oder die Polizei geht.
       
       ## Den Vibeshift spüren
       
       Letztere spielt auch bei einer neuen Kampagne des rbb eine wichtige Rolle:
       Auf einem Werbeplakat des Rundfunks Berlin-Brandenburg steht eine junge
       Demonstrantin selbstbewusst einem Polizisten mit Helm gegenüber und schaut
       ihm grimmig ins Gesicht. „Nachrichten für sie und für ihn“ wirbt der
       öffentlich-rechtliche Sender.
       
       Insgesamt acht Motive mit vermeintlichen Gegensätzen hängen in Berlin und
       Brandenburg aus. Eine Frau mit Laptop im Café, hinter ihr im Bild der
       Straßenreiniger. Eine junge schwarze Frau am Wochenmarkt, neben ihr der
       alte weiße Mann. Der rbb, wie viele deutsche Medienhäuser, spürt den
       Vibeshift. Spürt das sinkende Vertrauen in die Medien und versucht das
       Publikum mit gefühligen Werbeplakaten zurückzuholen.
       
       Oder mit Worten - wie die der Intendantin Ulrike Demmer, die den Sender
       „vom Hauptstadtsender zum Heimatsender“ umbauen will. Der rbb hat es
       zugegebenerweise momentan nicht leicht: An die [4][Schlesinger-Affäre]
       können sich noch zu viele erinnern, ebenso an die [5][Fehler in der
       Berichterstattung im Fall Gelbhaar.] Statt transparenter Aufklärung setzen
       sie nun auf Zuschauer*innen-Nähe mit Wohlfühlprogramm und einer Illusion
       von Objektivität.
       
       Doch wer „Heimatsender“ sagt und Nachrichten für Polizist*innen machen
       will, auch der signalisiert: Die Zeiten des machtkritischen Journalismus
       sind vorbei.
       
       Und trotzdem hält sich das Bild, dass die deutsche Medienlandschaft zu
       links und grün ist, wacker. Klar ist, dass Journalismus nie absolut
       objektiv ist. Menschen sind geprägt von ihrer Herkunft, ihren Erfahrungen
       und Arbeitsbedingungen. Und trotzdem gibt es Modelle, die belegen, dass die
       politische Einstellung des Einzelnen gar nicht so ausschlaggebend ist für
       die Berichterstattung.
       
       ## Mediale Abholungsangebote
       
       Das [6][„Hierarchy of Influences“-]Modell der US-Forscher Pamela Shoemaker
       und Stephen Reese zeigt etwa, dass Journalist*innen und ihre Einstellungen
       im Idealfall eingebettet sind in ein System aus Regeln (Sorgfaltspflicht,
       Trennung von Kommentaren und Nachrichten), sie beeinflusst werden von der
       Ausrichtung ihres Mediums, ihren Kolleg*innen und auch größer gesehen von
       gesellschaftlichen Strömungen.
       
       Die Zeit und der rbb scheinen Angebote machen zu wollen für die, die sich
       noch nicht genug abgeholt fühlen. Dabei gibt es schon ein reiches Angebot
       an konservativen Journalist*innen. Wer will, liest die FAZ, schaut sich die
       NDR-Sendung „Klar“ [7][mit ihrer „tabubrechenden“ Moderatorin Julia Ruhs
       an.]
       
       Selbst in der taz verirrt sich mal ein mindestens fragwürdiger Gast auf die
       Bühne, [8][wie Ulf Poschadt und die Jungs des rechten Podcast „based“.] 
       
       Wie weit soll der Journalismus noch nach rechts rutschen? Wie viele
       klägliche Versuche einer „AfD-Entzauberung“ in Form eines Live-Interviews
       sollen wir noch beobachten?
       
       Man kommt kaum hinterher, die Scherben, die demokratiegefährdenden
       Aussagen, die unkommentiert durch die Gegend fliegen, einzufangen. Und
       nicht überall haben die Werbeplakate des rbb überlebt: In der U-Bahnstation
       am Berliner Richard-Wagner-Platz steht die Demonstrantin einer weißen
       Fläche gegenüber. Die Seite des Polizisten wurde abgerissen. Zeit, um
       darüber zu reden, wie wir den Weißraum füllen wollen.
       
       30 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /-Nachrichten-im-Irankrieg-/!6174922
 (DIR) [2] https://www.turi2.de/aktuell/jungen-merz-und-lindner-fans-stehen-bei-der-zeit-die-tueren-offen/
 (DIR) [3] /Lage-der-Pressefreiheit/!6175261
 (DIR) [4] /Patricia-Schlesinger/!t5293719
 (DIR) [5] /Gruenen-Affaere-Stefan-Gelbhaar/!6072874
 (DIR) [6] https://en.wikipedia.org/wiki/Hierarchy_of_Influences
 (DIR) [7] /NDR-Entscheidung-zu-Klar/!6111195
 (DIR) [8] /programm/2026/tazlab2026/de/events/1769.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anastasia Zejneli
       
       ## TAGS
       
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