# taz.de -- 40 Jahre „Junge Freiheit“: Außen bürgerlich, innen radikal
> Zum Jubiläum zeigt sich, wo die neurechte Zeitung steht: zwischen
> politischem Kulturkampf, Angriffen auf Feminismus und strategischer
> Radikalisierung.
(IMG) Bild: Hinter dem Chefredakteur der „JF“ hängt ein Bild des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, 2017
Auf Veranstaltungen der AfD tritt Dieter Stein bemüht seriös auf. Der
Chefredakteur und Geschäftsführer der [1][Jungen Freiheit (JF) ] vermeidet
schrille Töne. Die Anfeindung „der Presse“ aus seinem Milieu als
„Lügenpresse“ findet er kaum angebracht. Das „Ende juristischer
Diskriminierung Homosexueller“ begrüßt Stein, das Hissen der
„Regenbogenflagge“ an staatlichen Gebäuden allerdings nicht. Die Flagge sei
ein „Banner eines linken Kulturkampfs“ gegen die „traditionelle Ordnung“,
schreibt der 58-Jährige im Leitkommentar am 22. Mai in seiner Zeitung.
Moderat radikal. In den kommenden Tagen feiert Stein das 40. Jubiläum der
Wochenzeitung.
Am 5. Juni erscheint zur Feier eine Sondernummer. Die „größte JF aller
Zeiten“, so die Redaktion, die über 20 Personen umfasst. 100.000 Exemplare
wollen sie drucken lassen und 70.000 Stück an „politisch konservativ
gesinnte Bürger“ senden. Ein Spendenerfolg der „Abonnenten“ machte die
Aktion möglich. Der Erfolg der JF dürfte mit den [2][Erfolgen der AfD]
korrespondieren.
Die vermeintliche Alternative begleitet die JF mit Sitz in Berlin von
Anbeginn solidarisch. Exklusive Interviews mit Parteigranden werden extra
beworben. Am 6. Mai versicherte der AfD-Bundestagsfraktions- und
Bundessprecher [3][Tino Chrupalla] im Falle einer Minderheitsregierung der
Union, „gutgemeinte Politik zu unterstützen“. Ulrich Claub suggeriert in
der JF am 22. Mai, dass „die steigenden Umfragewerte für die Blauen“ ein
[4][Miteinander mit den Schwarzen] nahelegen.
Werner Patzelt verkündet die Botschaft seit Jahren: Die CDU muss sich aus
der Klammer von SPD und Grünen befreien. Nieder mit der Brandmauer, die die
Union einmauern würde, so der emeritierte Politikprofessor, der auch mal
Forschungsdirektor der Viktor Orbán nahestehenden Denkfabrik Mathias
Corvinus Collegium war.
Kritik an der AfD formuliert die JF aber auch. Stets dann, wenn sie
befürchtet, ein radikales Agieren könnte Wahlerfolge gefährden. Karlheinz
Weißmann warnte schon 2018, dass „die AfD“ sich selbst „in die Bredouille“
bringe, wenn sie die „Verfassungsordnung selbst infrage“ stelle. Ein Name
und eine Anspielung auf zwei Gefährder der „Volkspartei neuen Typs“
folgten: [5][Björn Höcke], AfD-Landtagsfraktionsvorsitzender in Erfurt, und
Götz Kubitschek, Gründer des ehemaligen Instituts für Staatspolitik (IfS)
in Schnellroda.
## Überblendung der Nähe
Dem „Mann aus Schnellroda“ attestierte Weißmann, der das IfS mitgründete,
in der JF, „eigentlich kein politischer Kopf“ zu sein und „Literatur mit
Staatslehre und Ästhetik mit Politik“ zu verwechseln. Die Anfeindung
überblendet die frühere Nähe: Stein, Weißmann und Kubitschek kommen aus der
völkisch ausgerichteten Deutschen Gildenschaft.
In Freiburg im Breisgau war die JF zunächst als Organ für die
Jugendorganisation „Freiheitliche Volkspartei“ gegründet worden. Mit Dieter
Stein wuchs die Zeitung, die Studierende und Burschenschaftler ansprechen
wollte, die JF erschien ab 1991 zunächst als Monatszeitung und ab 1994 als
Wochenzeitung – verkaufte Auflage 26.298 Exemplare. Sie avancierte zur
„zentralen Publikation der radikalen Rechten“, sagt [6][Helmut Kellershohn]
der taz.
Der Rechtsextremismusexperte am Duisburger Institut für Sprach- und
Sozialforschung (DISS) hat verschiedenste Studien zur JF und deren
„neurechten“ Milieu herausgegeben. Diese Entwicklung, sagt Kellershohn,
wäre ohne Großspenden nicht möglich gewesen. Die Strategie dieser extremen
Rechten sei es, im vorpolitischen Raum Diskurse zu beeinflussen sowie
Argumentationen und Termini neu zu deuten oder umzudeuten, so Kellershohn.
Ein Missverständnis in der politischen Debatte: der politische Raum des
Parlaments wurde gerade in der JF stets mitgedacht. Heute sei die JF das
„inoffizielle Sprachrohr“ der AfD. Sie böte der Partei ein Forum für
Richtungsstreit und Positionierungsfindung. Doch immer ganz Weißmann
folgend, der als der Spiritus Rector der JF gilt, radikale Positionierungen
relativierend.
Auch erinnerte die JF mal mit dem Werbeslogan „Jedes Abo eine konservative
Revolution“ an die Konservative Revolution. Dieser Herrenclub vor und
zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg einte die radikale Ablehnung der
Demokratie und des Parlamentarismus sowie des Liberalismus und der
Emanzipation. Mit ihren Positionen griffen damals Ernst Jünger, Oswald
Spengler, Carl Schmitt und Co aufkommende Demokratisierungen in Deutschland
an, um Volk und Vaterland, Kultur und Tradition, Familie und Privateigentum
zu bewahren. Das JF-Milieu greife stets auf diese ideologische Tradition
zurück, betont Kellershohn.
„Die JF hat letztlich keinen eigenen originären Gedanken“, sagt auch
Johanna Sigl, Professorin an der Hochschule Rhein-Main. Das „Flaggschiff“
fahre nicht bloß historisch, sondern auch aktuell nur im extrem-rechten
Fahrwasser, betont Sigl, sowohl bei ihrem Gejammer über „Cancel-Cultur“ als
auch bei „Gender-Wahnsinn“. Die JF orchestriere aber die Debatten von
Volks- bis Lebensschutz. Titelthema der Wochenzeitung am 15. Mai dieses
Jahres: Was trennt Mann und Frau?
## Feminismus als Geisteskrankheit
Im Titeltext beklagt Zita Tipold, dass das „Geschlechterproblem“ zur
ausbleibenden Familiengründung und stetigen Geburtensenkung führe.
Layouttechnisch hervorgehoben: „Frauen brauchen heute oftmals keine
Versorger mehr!“ Die ausgemachte Ursache formuliert Maximillian Pütz im
Interview noch deutlicher: Der Feminismus „sollte als Geisteskrankheit
anerkannt werden“, so der Männerrechtler von Casanova Coaching.
In ihrem Essay führt Tipold weiter aus, dass auch die „Bildungsexpansion“
die Familienbildung torpediere. Mit Verweis auf einen Wegbereiter des
Nationalsozialismus, Oswald Spengler, beschwört die Redakteurin das
„organische Geflecht“ von Mann und Frau als „Sinn“ – traditionell und
biologistisch gedacht. Spengler eröffnet aber auch eine weitere,
rassistische Intention. In dem Spengler-Zitat aus „Jahre der Entscheidung“
von 1933 heißt es weiter, dass der Verlust des Sinns den „Verfall der
weißen Rasse“ sowie das Erstarken der „farbigen Rassen“ bedeute. Ihre
Abgötter möchten die JF-Apologeten stets von der kulturellen Verantwortung
der Verbrechen des Nationalsozialismus reinwaschen.
Die Selbstfindung zu einer „Selbstbewussten Nation“ gefährde ebenso das
bundesdeutsche Geschichts- und Erinnerungsbild. Den Holocaust leugnet die
JF nicht. Bereits 2009 gab Thorsten Hinz jedoch die Linie vor. Unter dem
Titel „Holocaustreligion“ legte er dar, dass Auschwitz zur „Zivilreligion
werde. Der Holocaust würde so dem „Wissenschaftsbetrieb entzogen, seiner
Konkretheit und seines Kontextes entkleidet“. Die wissenschaftlichen
Debatten scheint Hinz auszublenden, er überblendet stattdessen mit der
rhetorischen Revolte, dass jeder andere Glauben nun wohl ein „Irrglauben“
sei.
Dieser Sound der vermeintlichen Instrumentalisierung des Holocausts
schwirrt auch bei [7][Compact] und [8][Nius]. Wo sich die JF zu den neueren
rechten Medien, auch zu Apollo News verortet, lässt die Redaktion auf
Anfrage der taz unbeantwortet. Sie scheut sich aber nicht, wenn ihr
nahestehende Personen medial hinterfragt werden, die Kritik abzufangen,
indem sie auf „Antifa“-Verstrickungen verweist. Die JF veröffentlichte auch
mal ein Statement eines AfD-Politikers, nachdem taz und NDR ihn zuvor mit
seinen menschenverachtenden Aussagen in Chats konfrontiert hatten. Auf die
erste Anfrage hatte der später zurückgetretene Landtagsfraktionsvize nicht
reagiert.
Die Redaktion wollte ebenso nicht beantworten, in welcher Alterskohorte sie
die meisten Leser:innen hat. Eine ältere Erhebung der Redaktion zeigte
auf, dass 60 Prozent der Lesenden einen Hochschulabschluss haben und 27
Prozent über ein Nettoeinkommen von über „4.001 Euro“ verfügen. Nach
eigenen Angaben machten die Online-Abos einen „Sprung um 20,8 Prozent auf
8.298“. Bis 2027 will die JF „1 Million Euro“ in den Ausbau der
Online-Redaktion investieren. Um eine „starke oppositionelle konservative
Stimme“ zu sein, so Stein auf der JF-Website. Zeit und Interesse für ein
Gespräch mit der taz hatte er nicht. Die Grenzen sind markiert.
31 May 2026
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