# taz.de -- Anton Hofreiter: „Trump, Putin und die AfD haben zusammen eine Wahl verloren“
       
       > Anton Hofreiter ist grüner Vorsitzender des Europaausschusses. Nach
       > Orbáns Wahlniederlage fordert er, diese Gelegenheit für EU-Reformen zu
       > ergreifen.
       
 (IMG) Bild: Sieht nun ein Zeitfenster, um die EU zu stärken und zu reformieren – vor den schwierigen Wahlen in Frankreich und Polen: Hofreiter
       
       taz: Herr Hofreiter, wie erleichtert waren Sie am Sonntagabend, als die
       Ergebnisse der Wahl in Ungarn klar waren? 
       
       Anton Hofreiter: Ich war extrem erleichtert und habe mich sehr, sehr
       gefreut. Man kann die Bedeutung dieser Wahl kaum überschätzen. Es macht
       einen Riesenunterschied für die Menschen in Ungarn und für die Europäische
       Union. Da haben Trump, Putin, Xi, die vereinigten Rechtspopulisten Europas
       von AfD über Le Pen bis zur FPÖ zusammen eine Wahl verloren. Großartig!
       
       taz: Was bedeutet das Wahlergebnis für die EU? 
       
       Hofreiter: Die EU hat jetzt die Chance, ihre Sicherheitsinteressen
       ernsthaft zu verteidigen, was de facto ja derzeit die Ukraine macht. Diese
       braucht dafür neben militärischer Unterstützung auch finanzielle. Das wird
       jetzt deutlich einfacher. Und zweitens gibt es nun die Chance, Reformen
       einzuleiten und die EU weiterzuentwickeln. Das Zeitfenster dafür vor den
       nächsten schwierigen Wahlen in Polen und Frankreich sollten wir nutzen. Und
       drittens bedeutet es insgesamt für ganz viele europäische Länder, für die
       Orbán nicht nur ein Vorbild war, sondern über seine Stiftungen ja auch die
       rechtsradikalen Netzwerke unterstützt hat, eine deutliche Verbesserung. Es
       bedeutet eine Chance für die Demokratie.
       
       taz: Wir sehen in Polen, wie schwer es ist, den Abbau der Demokratie wieder
       zurückzudrehen. Was erwarten Sie jetzt von Péter Magyar? 
       
       Hofreiter: Es stimmt, dass die demokratische Regierung in Polen vor sehr
       großen Herausforderungen steht. Und der Abbau der demokratischen Rechte ist
       nach 16 Jahren Orbán in Ungarn noch deutlich weiter fortgeschritten. Aber
       die Voraussetzungen in Ungarn sind jetzt in vielerlei Hinsicht besser: Es
       gibt eine Zweidrittelmehrheit. Und keinen Präsidenten oder keine
       Präsidentin, die direkt mit Vetos blockieren kann. Magyar hat sofort
       klargemacht, dass die Freunde von Orbán, die ja überall Ämter besetzen,
       diese zurückgeben müssen – und mithilfe der Zweidrittelmehrheit hat er auch
       die Möglichkeit, das zu erreichen.
       
       taz: Wie sollte Europa Ungarn jetzt unterstützen? 
       
       Hofreiter: Wir brauchen einen klugen, stufenweise Plan, um die Gelder für
       Ungarn, die die EU wegen der Rechtsstaatsverfahren eingefroren hat, zur
       Verfügung zu stellen. Man darf da nicht naiv sein, es braucht dafür klare
       Bedingungen: Wenn in diesem Bereich die Rechtsstaatlichkeit wieder
       hergestellt wird, in dem Bereich die Korruptionsbekämpfung einsetzt, dann
       bekommt Ungarn die Mittel. Es geht ja um viele Milliarden.
       
       taz: Was kann die Bundesregierung tun und was erwarten Sie von
       Bundeskanzler Merz? 
       
       Hofreiter: Von Merz erwarte ich, dass er erstens nicht so tut, als wenn
       jetzt alles gut dadurch wäre, dass diese Wahl gewonnen ist – wir haben ja
       immer noch Robert Fico in der Slowakei und Andrej Babiš in Tschechien. Die
       Rechtsstaatsinstrumente in der EU müssen jetzt weiter gestärkt werden.
       Zweitens, dass er die EU-Kommission bei einem Stufenplan unterstützt für
       die Freigabe von Mitteln gegen echte Reformen – und dass es keinen
       pauschalen Vertrauensvorschuss gibt nach dem Motto: Magyar und Tisza sind
       ja EVP-Mitglied und dann wird das schon alles gut gehen. Und ich erwarte
       von Merz, dass er das Zeitfenster jetzt nutzt, um Reformen innerhalb der EU
       aktiv voranzutreiben und die EU zu stärken.
       
       taz: Péter Magyar ist kein grüner Traumkandidat. Er ist konservativ und
       will den Kurs Orbáns zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik fortsetzen. Ist
       die schmerzliche Erkenntnis, dass nur ein solcher Kandidat Orbán schlagen
       konnte? 
       
       Hofreiter: Man muss sich im Klaren sein, dass es in Ungarn eine ganz starke
       Zivilgesellschaft gibt, die jahrelang auf das Ende des Orbán-Systems
       hingearbeitet hat, dass es investigative Journalisten gibt und viele
       Menschen jetzt nicht mehr kandidieren, also auf die eigene Karriere
       verzichtet haben. Dieser Sieg war nur möglich, weil es ein so breites
       Bündnis gab, um die Demokratie zu retten. Viele Menschen dachten, dass es
       so nicht weitergeht und die Situation in Ungarn war ja auch eine
       Katastrophe. Aber es können unterschiedliche Menschen Wahlen gewinnen –
       denken Sie an Zohran Mamdani in New York. Man gewinnt Wahlen, wenn man
       Menschen glaubhaft deutlich machen kann, deine Stimmabgabe bedeutet etwas,
       wir können etwas zum Positiven ändern.
       
       taz: Aber ein progressiver Kandidat hätte in Ungarn vermutlich keine
       Zweidrittelmehrheit geholt, dafür sind ja auch die guten Ergebnisse für
       Tisza auf dem Land entscheidend gewesen. Ist das nicht auch eine
       schmerzhafte Erkenntnis für einen Progressiven? 
       
       Hofreiter: Auf dem Land stimmt das wahrscheinlich. Aber entscheidend war
       eben dieses breite Bündnis von progressiv bis konservativ. Und der Mann
       kommt halt aus dem System und wusste ganz genau, wie er agieren muss.
       Diesen Sieg kann man nicht hoch genug einschätzen. Orbán hat den russischen
       Auslandsgeheimdienst GRU eingeladen, Desinformationskampagnen zu fahren,
       und das hat nicht verfangen. Und die Unterstützung von Trump und Vance auch
       nicht. Das ist auch eine ganz schwere Niederlage für die russische und
       amerikanische Propagandamaschinerie.
       
       taz: Im ungarischen Parlament sitzt jetzt überhaupt keine progressive Kraft
       mehr. Ist das der Preis, den man für die Abwahl Orbáns zahlen musste? 
       
       Hofreiter: Das war der Preis, den sich die progressiven Kräfte in Ungarn
       entschieden haben zu zahlen, um die Demokratie wiederherzustellen. Es gibt
       dort ein autoritäres System ohne Rechtsstaatlichkeit und ohne
       Medienfreiheit. Und für vier Jahre ist jetzt neben wirtschaftlichen
       Verbesserungen eine der Hauptaufgaben dieser Regierung, die Demokratie
       wiederherzustellen. Und da haben sich viele Kräfte entschieden, das zu
       unterstützen.
       
       13 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sabine am Orde
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Anton Hofreiter
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Ungarn
 (DIR) Autoritarismus
 (DIR) Europa
 (DIR) Europäische Union
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Bundestag
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Maja T. 
 (DIR) Ungarn
 (DIR) Viktor Orbán
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Aktuelle Stunde zu Wahlen in Ungarn: Bundestag feiert Orbáns Niederlage
       
       Die demokratischen Fraktionen sind sich einig: Das Wahlergebnis in Ungarn
       ist eine Chance für Europa. Die AfD versucht sich an Umdeutungen.
       
 (DIR) Wahlausgang in Budapest: Rechter Star verglüht
       
       Viktor Orbán hat die Parlamentswahl in Ungarn verloren. Die Rechten in
       Frankreich, Polen und Italien werden ihr Playbook ändern müssen.
       
 (DIR) Lage von Maja T. nach Ungarnwahl: „Ich hoffe, dass es nun besser wird“
       
       Die Wahlniederlage Orbáns in Ungarn nährt auch Hoffnung im Fall Maja T.
       Aber eine Rücküberstellung nach Deutschland wird weiter dauern.
       
 (DIR) EU-Reaktionen auf Ungarn-Wahl: Orbán verliert, Europa gratuliert
       
       Brüssel beglückwünscht Péter Magyar zu seinem Wahlsieg bei der
       Parlamentswahl in Ungarn. Doch die Beziehung zur Europäischen Union ist
       belastet.
       
 (DIR) Abwahl von Viktor Orbán: Merz lobt „klares Zeichen“ gegen den Rechtspopulismus weltweit
       
       Die Europäische Union ist erleichtert, dass Orbáns Regierung endet. Kanzler
       Merz: Demokratien sind widerstandsfähig gegen Einflussnahme von außen.