# taz.de -- Angriff auf Ungarns Gaspipeline: Sprengstoff im Wahlkampf
> Kurz vor der Wahl spricht Orbán von „Sabotage“ an einer für Ungarn
> wichtigen Gaspipeline in Serbien. Experten vermuten eine
> False-Flag-Operation.
(IMG) Bild: Serbische Sicherheitskräfte nahe der Balkan-Stream-Pipeline: Der Vorfall prägt den Wahlkampf in Ungarn
Was viele für den [1][Endspurt des ungarischen Wahlkampfs] erwartet hatten,
ist nun eingetreten: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán beschwor eine
neue, akute Sicherheitsbedrohung. Nahe der Balkan Stream Pipeline in der
nordserbischen Wojwodina seien zwei Rucksäcke mit Sprengstoff gefunden
worden, sagte Orbán in einer Videoansprache am Ostersonntag. Es handle sich
um eine „Sabotageaktion“ mit dem Ziel, die Energieversorgung Ungarns zu
beeinträchtigen.
Niemand sei verletzt worden und die Gasversorgung sei ungehindert. Die
serbische Regierung habe Ermittlungen eingeleitet und die Sicherung der
Pipeline verstärkt. Orbán ordnete zudem eine erhöhte ungarische
Militärpräsenz an. Balkan Stream transportiert russisches Erdgas aus der
Türkei über Bulgarien und Serbien nach Ungarn. Die Pipeline deckt etwa 60
Prozent des ungarischen Gasbedarfs.
## Ukraine verantwortlich für die Tat
Implizit machte Orbán die Ukraine für die Tat verantwortlich. „Die Ukraine
hat jahrelang daran gearbeitet, Europa vom russischen Gas abzuschneiden.
Ihre Taten stellen eine direkte Bedrohung für Ungarn dar“, so der
ungarische Ministerpräsident in seiner Videobotschaft. Belege dafür legte
Orbán jedoch nicht vor. Die Regierung in Kyjiw wies die Anschuldigungen
zurück.
Experten zufolge spricht alles für eine False-Flag-Operation, also eine
Inszenierung. Verdächtig ist vor allem der Zeitpunkt, wenige Tage vor der
Parlamentswahl. Damit kann Orbán noch Punkte sammeln, denn in
Sicherheitskrisen versammelt sich das Wahlvolk typischerweise hinter den
Regierenden. Zudem hätte er einen Vorwand, den Ausnahmezustand zu verhängen
und die Wahl aufzuschieben. Viele Politikbeobachter halten dies für ein
mögliches Szenario.
Verdächtig ist auch, dass die Erzählung Orbáns und jene Serbiens nicht
zusammenpassen: Während Orbán implizit auf die Ukraine deutete, sprach das
serbische Militär von einem Mitglied einer „Migrantengruppe“. Dass Serbiens
Präsident Vučić ein enger Verbündeter Orbáns ist, macht die gemeinsame
Erzählung nicht glaubwürdiger.
## Orbáns Angstmache als Wahlkampf
Die angebliche Bedrohung fügt sich nahtlos in Orbáns Wahlkampf ein: Sein
einziges Thema war die Angstmache vor der Ukraine. Wenn die Tisza-Partei
von Oppositionsführer Péter Magyar gewinne, käme es zu einer Verwicklung
Ungarns in den Krieg. Ganz schlüssig ist die Argumentation nicht, doch die
diffuse Angst verfängt bei vielen.
Rückendeckung kam nun prompt aus Moskau. „Sie versuchen, Ungarn seiner
Souveränität zu berauben, unter anderem, indem sie es daran hindern,
Energieressourcen zu einem akzeptablen Preis zu beziehen“, sagte
Außenamtssprecherin Maria Sacharowa gegenüber Tass.
Wenn sich die Umfragen bewahrheiten, müsste Fidesz nach 16 Jahren die Macht
abgeben. In den letzten Jahren tat Orbán alles, um dem vorzubauen. Fast
alle Medien stehen [2][unter Kontrolle der Regierung], auch das Wahlsystem
und die Wahlbezirke wurden gezielt auf Orbáns Vorteil zugeschnitten. Eine
neue Doku („A szavazat ára“) berichtet zudem von systematischem Stimmenkauf
durch Fidesz in Hunderten Gemeinden.
Trotz all dieser Startvorteile könnte es eng werden. [3][Orbán ließ daher]
eigens Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdiensts GRU für eine
Desinformationskampagne nach Budapest holen. [4][Fidesz setzt zudem auf
KI-generierte Videos], die Angst vor dem Krieg schüren. Auch gab die
ungarische Regierung allem Anschein nach [5][in Auftrag, die Computer
zweier Tisza-Mitarbeiter zu hacken]. Verhindert wurde dies nur durch einen
beteiligten Ermittler, der die Aktion öffentlich machte. Orbán ist
offenkundig zu vielem bereit, um an der Macht zu bleiben.
6 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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