# taz.de -- Wahlkampf in Ungarn: Muskelspiele in Budapest
       
       > Hunderttausende folgten Orbán und seinem Herausforderer Magyar bei ihren
       > jeweiligen Kundgebungen. Die Wahl am 12. April gilt als die wichtigste
       > seit Ende des Kommunismus.
       
 (IMG) Bild: Hoffnung auf Aufbruch: Oppositionsführer Peter Magyar spricht vor Anhänger*innen in Budapest am 15. März 2026
       
       Vier Wochen vor der ungarischen Parlamentswahl haben beide großen Lager
       ihre Muskeln gezeigt. In Budapest versammelten sich am Sonntag
       Hunderttausende bei Kundgebungen von [1][Premier Viktor Orbán und seinem
       Herausforderer Péter Magyar]. Anlass war der 15. März, Ungarns
       Nationalfeiertag zum Gedenken an die Revolution von 1848.
       
       Orbán, der mit seiner Fidesz seit 16 Jahren durchregiert, hatte zum
       „Friedensmarsch“ durch die Innenstadt gerufen. Viele Teilnehmer waren dafür
       mit Bussen in die Hauptstadt gekommen. Die Schlusskundgebung vor dem
       Parlamentsgebäude beginnt mit Reden von Außenminister Peter Szijarto und
       Infrastrukturminister János Lázár. Beide trommeln die Botschaft, die später
       auch Orbán bemüht: Einzig unter ihm gebe es weiterhin Frieden.
       
       Der EU wirft Orbán vor, auf der Seite des Krieges zu stehen. Den
       ukrainischen Präsidenten Selenskyj spricht er direkt an: Wer glaube, Ungarn
       einschüchtern zu können, werde scheitern. Seinen Herausforderer Magyar
       erwähnt Orbán nicht beim Namen, greift ihn aber scharf an. Er würde nicht
       für die ungarischen Interessen, sondern jene der EU und der Ukraine
       eintreten.
       
       Im Publikum: eine überzeugte Orbán-Wählerin. Sie sei glücklich und frei,
       das verdanke sie ihm. Magyar hält sie, dem Wortlaut des Premiers folgend,
       für eine Marionette fremder Interessen. Neben ihr steht eine Familie mit
       Wurzeln in der Karpatenukraine: Der Großvater erklärte, er sei für den
       Frieden und seine Enkel hier. Kritische Zwischentöne waren nicht zu hören.
       
       ## Magyars Publikum ist jünger und diverser
       
       Unterdessen ziehen bereits seit Stunden Menschen über die Budapester
       Andrassy-Prachtstraße zu Peter Magyars Kundgebung auf dem prall gefüllten
       Heldenplatz. Das Publikum ist jünger und gemischter, die Stimmung
       ausgelassen. Immer wieder tönt episch-orchestrale Musik ohrenbetäubend über
       die Lautsprecher. Dann kommt, unter tosendem Applaus, Magyar auf die Bühne.
       
       Der Oppositionsführer wirft Orbán vor, die Freiheit der Ungarn für
       persönliche Bereicherung und den Erhalt seiner „Dynastie“ geopfert zu
       haben. [2][Zudem habe er das Land an russische Interessen verraten.] Ein
       möglicher Wahlsieg von Magyars Partei am 12. April würde „nicht nur vom
       Mond, [3][sondern auch aus dem Kreml sichtbar sein.“]
       
       Inhaltlich ist auch von ihm nichts Neues zu hören. Ungarn solle wieder ein
       verlässlicher EU- und NATO-Partner werden, zudem wolle er die
       Rechtsstaatlichkeit wiederherstellen. Am stärksten aber betont Magyar die
       Botschaft der Einheit. Die Ungarn seien ein Volk, das sich nicht spalten
       ließe.
       
       Unter Orbán gehe es in jeder Hinsicht bergab, so ein pensionierter
       Budapester in der Menge, von der Bildung über die Wirtschaft hin zur
       Demokratie. Für Magyars Tisza stimme er nicht aus voller Überzeugung,
       sondern mangels Alternativen. Eine Studentin und ihre Freundin, die am
       Theater arbeitet, verspüren zum ersten Mal Hoffnung auf politische
       Veränderung: Was Ungarn brauche, sei eine Rückkehr zu Demokratie und
       Rechtsstaatlichkeit. Dafür sei es Zeit, die Unterschiede beiseitezulegen.
       
       ## Alles hängt an den unentschlossenen Wählern
       
       Auf der einen Seite stehe die Botschaft von Angst und Krieg, auf der
       anderen jene eines positiven Aufbruchs, sagt der Budapester Politologe
       Bulcsú Hunyadi vom Think-Tank „Political Capital“. Beide Kundgebungen seien
       außergewöhnlich groß gewesen, über den Wahlausgang würden sie aber nicht
       entscheiden: Die zwei großen Blöcke seien weitgehend gefestigt. Alles hänge
       an einigen Prozentpunkten noch unentschlossener Wähler.
       
       Aktuelle unabhängige Umfragen sehen Magyars Tisza mit rund acht bis zwölf
       Prozent vor Fidesz – fünf Prozentpunkte Vorsprung brauchen sie, so Hunyadi.
       Das liege am von Orbán zu seinem Vorteil veränderten Wahlsystem.
       
       Selbst ein Tisza-Sieg wäre zudem erst der Anfang, denn Orbán habe alle
       Institutionen mit seinen Leuten besetzt. Diese könnten eine Tisza-Regierung
       von Anfang an blockieren. Die Hoffnung in den Reihen Magyars ist daher ein
       möglichst starker Wahlsieg am 12. April. Zumindest in der Menschenmenge am
       Heldenplatz scheint er zum Greifen nahe.
       
       Florian Bayer ist auf Einladung des grünen Europaabgeordneten Daniel Freund
       nach Budapest gefahren.
       
       16 Mar 2026
       
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