# taz.de -- Denker*innen zur Krise der Demokratie: Ist die liberale Demokratie noch zu retten?
       
       > Zehn kluge Menschen aus Philosophie, Soziologie, Politik-, Geschichts-,
       > Literatur-, Gender- und Integrationsforschung antworten: ja, nein,
       > vielleicht.
       
 (IMG) Bild: Am 29. Januar 2025 wurde deutlich, wie stark autoritäre Kräfte bereits im deutschen Politikbetrieb mitmischen
       
       Die liberale Demokratie – Sie wissen schon, Rechtsstaat, freie Wahlen,
       individuelle Rechte – steckt weltweit in einer existenziellen Krise. Dabei
       versprach sie einst, das politische Fundament für die aufgeklärte, freie
       Gesellschaft von morgen zu schaffen. Ist sie noch zu retten? Die taz hat
       darüber mit zehn herausragenden Denker*innen der Gegenwart gesprochen
       und ihre Antworten protokolliert. 
       
       „Was manche hier gerade so nonchalant opfern“
       
       Ja, vielleicht. Und wenn jemand die liberale Demokratie in Deutschland
       retten kann, dann womöglich die Migrantinnen und Migranten. Viele von ihnen
       haben Länder verlassen, die von Autoritarismus, Krieg und Diktatur geprägt
       waren oder sind. Die meisten mit einer großen Sehnsucht: nach Freiheit und
       Gerechtigkeit.
       
       [1][Geflüchtete vertrauen deutschen Institutionen überdurchschnittlich
       stark.] Je geringer das demokratische Niveau des Herkunftslands im Jahr vor
       der Migration, desto ausgeprägter ist das Vertrauen. Deutschland gilt noch
       immer als Hort der liberalen Demokratie, mit Bildungsmöglichkeiten, einer
       Moralphilosophie und einer Sozialethik, die sich über Jahrhunderte
       zurückverfolgen lassen – auch wenn das Vertrauen durch Deutschlands
       Verhalten zum Gazakrieg abgenommen hat.
       
       Nicht wenige behaupten, mit der Migration würden wir uns Antisemitismus,
       Sexismus oder Homophobie importieren – weil Leute hierherkommen, die noch
       nie in einer Demokratie gelebt haben. Das ist ein falscher Denkansatz. Die
       iranische Bevölkerung etwa lebt seit 47 Jahren in einer islamistischen
       Diktatur. Es gab auch davor im Grunde keine Phase der Demokratie.
       
       Und doch ist das, was die Menschen dort antreibt, ihr Land zu verlassen
       oder seit so vielen Jahren auf den Straßen zu kämpfen und ihr Leben zu
       riskieren, ein ganz intuitives Wissen um Demokratie. Das macht sie
       potenziell demokratischer als jene, die in Deutschland mit einem
       demokratischen Grundgesetz leben, dieses aber nicht zu schätzen wissen.
       
       Sicher migrieren auch Antidemokraten hierher. Aber für sehr viele, die
       kommen, ist die liberale Demokratie ein heiliges Gut. Fragt man
       Flüchtlinge, warum sie nach Deutschland gekommen sind, antworten die
       meisten: [2][wegen der Menschenrechte.] Wenn diese Menschen davon erzählen,
       was sie in Diktaturen erlebt haben, können sich manche demokratiegesättigte
       Deutsche vielleicht noch rechtzeitig erinnern, was sie hier gerade so
       nonchalant opfern: 19 Grundrechtsartikel – 19 Versprechen auf Würde,
       Gleichheit und Freiheit, jedes davon beauty in its own.
       
       Es stimmt: All diese Versprechen werden nur unzureichend eingelöst. Das ist
       eine der Ursachen für die Krise der liberalen Demokratien und verlangt nach
       strukturellen Reformen – und Umverteilungen. Dass viele jetzt aber zu
       denken scheinen, dann lassen wir’s halt ganz mit ihr und versuchen es
       lieber mit illiberalen, autoritären Methoden, ist gefährlich.
       
       Siehe USA, dort versucht das Trump-Regime die Wahldistrikte so
       umzusortieren, dass die Demokraten die Präsidentschaftswahl für Jahrzehnte
       nicht gewinnen könnten. Der autoritäre Umbau des US-Staats folgt einem von
       diversen Thinktanks ausgeklügelten Plan. Auch die AfD hat weitreichende
       Pläne für den Fall einer Regierungsbeteiligung, Stichwort „Remigration“.
       
       Autokratien zielen auf Ewigkeit. Sitzen sie im Sattel, kann man sie, anders
       als schlechte demokratische Regierungen, nicht mehr abwählen. Man kann noch
       versuchen, sie über Revolutionen zu stürzen. Wir haben im Winter gesehen,
       wie viele Menschen in Iran auf der Straße waren. Aktuell ist dort Krieg.
       Und der hochgerüstete Apparat kann sich dennoch halten. Das Spiel mit dem
       autoritären Feuer ist keines, das man so leicht wieder wird löschen können.
       
       „Der Liberalismus ist heute bankrott“
       
       Nein, die liberale Demokratie geht zu Ende. Um das zu erkennen, braucht man
       sich nur anzusehen, wie erstaunlich leicht das Trump-Regime in den USA
       täglich liberaldemokratische Prinzipien umgeht und Bürgerrechte verletzt.
       Regierungsbehörden werden ausgehöhlt, die US-Einwanderungsbehörde ICE
       terrorisiert Bürger*innen, verhaftet sie ohne Haftbefehl, und Trump hat
       einem anderen Land den Krieg erklärt, obwohl er nicht das verfassungsmäßige
       Recht dazu hat.
       
       Solche Vorgänge sind bemerkenswert radikal, aber selbst die
       Mainstreammedien und der Kongress normalisieren sie, anstatt „Faschismus“
       zu schreien. Auch sonst ist der gesellschaftliche Widerstand erschreckend
       dünn. All das ist symptomatisch für die aktuelle Schwäche der liberalen
       Demokratie, aber nicht ursächlich dafür. Sie zerfällt von innen, scheitert
       an Problemen, die sie nicht lösen kann.
       
       Zum einen steht sie gesellschaftlichen Kräften gegenüber, die sie nicht
       eindämmen kann, weil sie deren Macht nicht versteht. Sie erkennt Macht
       traditionell nur in souveränen Staaten und Individuen. Doch die werden
       heute vom transnationalen Produktiv- und Finanzkapital und digitalen
       Technologien wie sozialen Medien und KI organisiert. Diese Mächte zersetzen
       die liberale Demokratie, umgehen ihre Institutionen, Prozesse und
       Rechenschaftspflichten.
       
       Hinzu kommen globale Probleme. Das Offensichtlichste ist die ökologische
       Krise: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, verschmutzte Böden und Gewässer.
       Dafür haben liberale Demokratien keine Lösung parat. Auch für
       transnationalen Terrorismus und die extreme globale Ungleichheit nicht. Und
       wie reagieren liberale Demokratien auf beispiellos große Vertreibungen und
       Bevölkerungsbewegungen? Viele werden autoritär und ethnonationalistisch und
       versuchen Migrant*innen zu blockieren oder auszuweisen.
       
       Die Ursache all dieser Unzulänglichkeiten ist der Liberalismus selbst. Der
       regelt nur das Verhältnis atomisierter Individuen, schützt ihre Interessen
       und Rechte voreinander und gegen den Staat. Die wichtigsten sozialen und
       ökologischen Kräfte, die Gegenwart und Zukunft prägen, sind allesamt außen
       vor. Deshalb ist der Liberalismus heute bankrott.
       
       Das Ende des Liberalismus ist aber nicht das Ende der Demokratie. Im
       Gegenteil, wir brauchen eine postliberale Demokratie: ein Rahmenwerk der
       Verbindung und gegenseitigen Abhängigkeit, dass sozial, ökologisch und
       zukunftsorientiert ist. Dafür müssen wir die im Liberalismus
       institutionalisierte Trennung von Wirtschaft und Politik überwinden. Das
       heißt, wir brauchen eine politische Ökonomie. Denn jede wirtschaftliche
       Entscheidung ist politisch und jede politische Entscheidung hat
       wirtschaftliche Konsequenzen.
       
       Und wir brauchen eine politische Ökologie im Herzen der postliberalen
       Demokratie. Wir sind wechselseitig abhängig von der Natur in allem, was wir
       machen und entscheiden. Jedes politische Problem hat ökologische
       Dimensionen, von Krieg bis Obdachlosigkeit. Und jedes ökologische Problem
       resultiert aus politischen Entscheidungen oder ihrem Ausbleiben. Das müssen
       wir verstehen und entsprechend handeln.
       
       „Es läuft ein erbitterter Kampf um Handlungsmacht“
       
       Nein. Und die liberale Demokratie zu retten, würde auch nicht genügen, um
       den neuen Autoritarismus aufzuhalten, den die Mileis und Trumps dieser Welt
       gerade forcieren. In Ländern wie Argentinien bedeutete liberale Demokratie
       in den letzten Jahrzehnten nur: keine Diktatur.
       
       Das demokratische Regime nach der Militärjunta von 1976 bis 1982 war zwar
       insofern liberal, als dass es auf einem Mehrparteiensystem und Wahlen
       beruhte. Andere formal garantierte Freiheiten wie die Menschenrechte
       mussten die gesellschaftlichen Gegenkräfte aber immer wieder einfordern.
       
       Gleichzeitig verschärften sich die Herrschaftsverhältnisse innerhalb der
       liberalen Demokratie noch. Die Militärdiktatur hatte erhebliche
       Auslandsschulden aufgenommen – und damit einen Mechanismus des
       internationalen Finanzsystems implementiert, der dazu dient, Überschüsse
       abzuschöpfen und privat zu akkumulieren. In der Folge wurde der
       gesellschaftliche Reichtum, der allen hätte zugutekommen können, immer
       knapper.
       
       Immer wieder gab es Kämpfe, die diese liberale Demokratie grundlegend
       infrage stellten: [3][die der Arbeitslosen 2001], die sich in der
       Wirtschaftskrise weigerten, weiter Teil eines ungerechten, ausbeuterischen
       Systems zu sein – Fabriken besetzten, Kreuzungen blockierten, der
       neoliberalen Austeritätspolitik ein kollektives Nein entgegenhielten; die
       Kämpfe der Indigenen, die den an ihnen verübten Völkermord und die
       anhaltende Plünderung ihres Lands anprangern; die Welle transfeministischer
       Proteste der letzten zehn Jahre, die sich der Normalisierung sexueller,
       finanzieller und rassistischer Gewalt widersetzt.
       
       Erst durch diese Kämpfe, ihre radikale politische Vorstellungskraft,
       konnten wir uns in unserer jüngeren Geschichte aus dem engen Rahmen der
       liberalen Demokratie befreien. Rechte wurden ausgeweitet und das kollektive
       Bewusstsein für die Zusammenhänge verschiedener Formen von Gewalt
       geschärft. Neue Formen der Fürsorge und widerständige, ungehorsame
       Praktiken, Taktiken und Räume wurden entwickelt, die Körper und Territorien
       weniger ausbeutbar machen.
       
       Der neue Autoritarismus greift all das auf räuberische Weise an, versucht
       es zu verzerren und umzukehren – die Kämpfe für soziale, ökologische und
       transfeministische Gerechtigkeit sind ein strategischer Ansatzpunkt für die
       autoritäre Konterrevolution. Milei, Trump und Co arbeiten an einer
       Faschisierung von unten. Sie spielen Ungleichheiten gegeneinander aus und
       stellen die Gewalt der Ausgrenzung dabei offensiv zur Schau.
       
       Milei beispielsweise verurteilt Rentner und Menschen mit Behinderung dazu,
       ohne grundlegende Gesundheitsversorgung zu leben. Er streicht öffentliche
       Programme und behauptet, sie hätten es verdient. Diese Strategie zielt
       darauf, dass Menschen sich in Grausamkeit statt in Solidarität begegnen –
       damit die konzentriertesten Mächte unserer Zeit unantastbar erscheinen.
       
       Es läuft ein erbitterter Kampf um Handlungsmacht. Um darin eine Chance zu
       haben, brauchen wir Formen der Vorstellungskraft und des Handelns, die weit
       über die liberale Demokratie, ihre Prozesse und Institutionen hinausgehen.
       
       „Arbeitsverhältnisse müssen demokratisiert werden“
       
       Vielleicht. Das hängt davon ab! Als Linke sollten wir uns zunächst einmal
       klarmachen, welche Gründe wir haben, an bestimmten Bestandteilen der
       liberalen Demokratie festzuhalten. Erstens, dass wir uns ständig auf
       bestimmte ihrer Prinzipien berufen: wenn wir für Meinungs- oder
       Demonstrationsfreiheit kämpfen, für politische Rechte von Minderheiten oder
       für die Einbeziehung von Flüchtlingen in die politische Willensbildung.
       
       Zweitens, dass weltweit Massen von Menschen genau nach solchen liberalen
       Grundsätzen rufen, wenn sie sich gegen autoritäre Gewaltherrschaft
       auflehnen. Ob in Iran, Serbien oder Belarus.
       
       Das liberale Erbe politischer Grundrechte preiszugeben, wäre also
       widersinnig. Ohne den rechtlichen Schutz individueller Bürgerrechte wäre
       eine zukünftige Gesellschaft vor der Gefahr der Willkürherrschaft nicht
       gefeit.
       
       Anders verhält es sich mit dem Erbe des ökonomischen Liberalismus, der
       Idee, das Wirtschaftssystem müsse in Form eines Markts organisiert sein,
       auf dem individuelle Akteure untereinander um Gewinne und Vorteile
       konkurrieren. Mit einem solchen Wirtschaftsliberalismus lässt sich keine
       wohlgeordnete Gesellschaft bilden. Die ideologische Fixierung auf den Markt
       als einzige Instanz der Regulierung wirtschaftlichen Handelns muss
       aufgegeben werden.
       
       Schon der frühe Marx hat gezeigt, dass eine politische Demokratie nur
       gelingen kann, wenn ihre Bürgerinnen und Bürger – als arbeitende Subjekte –
       gleichberechtigt im ökonomischen Unterbau mitentscheiden können. Heißt:
       Wenn die Arbeits- und Produktionsverhältnisse nicht mit demokratischen
       Prinzipien in Einklang sind, dann muss die liberale Demokratie scheitern.
       
       Das droht heute. Viele empirische Untersuchungen zeigen, dass
       rechtspopulistische Bewegungen so sehr erstarken, weil große Teile der
       Bevölkerung sich nicht mehr eingebunden fühlen in den Prozess der
       demokratischen Willensbildung. Dieses Gefühl rührt vor allem aus der Welt
       der Arbeit. Die sogenannten Parteien der Mitte haben diese in den
       vergangenen 30, 40 Jahren dermaßen vernachlässigt, dass die meisten darin
       heute keinerlei Selbstwirksamkeit und Mitsprache mehr erfahren können. Im
       Gegenteil, viele Menschen werden im Job alltäglich herumkommandiert und
       herumgeschubst.
       
       Daher können sie kein Vertrauen darauf entwickeln, dass ihre eigenen
       Überzeugungen – wie auch immer die beschaffen sein mögen – von irgendeinem
       Einfluss auf das politische Geschehen sind. Das kann nur der, dessen Stimme
       am Arbeitsplatz gefragt ist, der ein Mitspracherecht darüber hat, wie seine
       Arbeit sinnvoll gestaltet wird und wem sie am Ende dienen soll.
       
       Um die liberale Demokratie zu retten, braucht es demnach eine neue Politik
       der Arbeit: Arbeitsverhältnisse müssen demokratisiert, Arbeitende in die
       Unternehmensgestaltung einbezogen werden. Zudem bedarf es einer kulturellen
       Umwertung der für unsere Existenz notwendigen Arbeiten. Die weitverbreitete
       und gemeinhin akzeptierte Idee, die Tätigkeit eines Bankers sei
       gesellschaftlich wertvoller und daher mit Recht wesentlich höher dotiert
       als die einer Pflegekraft, ist doch irgendwie absurd.
       
       „Das Gesellschaftliche vergesellschaften“
       
       Nein. Jedenfalls ist die liberale Demokratie nicht in der Form zu retten,
       in der sie jetzt existiert. Sie lässt sich nur nach vorne verteidigen. Es
       braucht nicht nur eine Brandmauer gegen rechts, sondern ein Programm gegen
       die Faschisierungstendenzen, eine soziale Gegenbewegung für emanzipative
       Veränderungen.
       
       „Gegen die Krise der Demokratie hilft nur mehr Demokratie“, sagte John
       Dewey. Dazu muss man die liberale Demokratie über sich selbst hinaustreiben
       und sie radikal verändern. Sie ist schließlich nicht nur von außen bedroht,
       sie erodiert von innen. Einige ihrer eigentlich emanzipativen Versprechen
       haben sich heute in sich verkehrt.
       
       Die liberale Demokratie verspricht den Individuen Autonomie und gleiche
       Rechte. Sie verliert aber aus den Augen, dass diese sich nicht in der
       Ausblendung von Verbundenheit und wechselseitiger Abhängigkeit erreichen
       lassen. Wie Marx es ausdrückt: „Der Mensch ist ein Wesen, dass sich nur in
       Gesellschaft vereinzeln kann.“ Schon die aus dem liberalen Rahmen
       erwachsende Gegenüberstellung von Gemeinschaft und Individuum ist also
       falsch.
       
       Viele autoritäre Positionen – Stichwort libertärer Autoritarismus – sind
       auf verquere Weise sowohl Gegenbewegungen gegen den liberalen
       Individualismus als auch Teil desselben. Wenn die autoritären Anfeindungen
       gegen die Migrationsgesellschaft mit ihrer ideologischen Anrufung von
       Heimat, Bindung und Gemeinschaft erfolgreich sind, dann deshalb, weil die
       sozialen Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Solidarität zerstört
       werden.
       
       Auch der zweite Geburtsfehler der liberalen Demokratie war ursprünglich
       verbunden mit einem emanzipativen Versprechen: Die liberale Demokratie
       verspricht den Individuen, dass sie unabhängig von ihrer ökonomischen Lage
       frei und gleich und zur demokratischen Teilhabe berechtigt seien.
       
       Sie verwirklicht dieses Versprechen aber mittels einer folgenreichen
       Spaltung von Ökonomie und Politik. Erstere wurde trotz ihrer überragenden
       öffentlichen Bedeutung privatisiert, der demokratische Rechtsstaat
       ökonomischen Fragen gegenüber somit weitestgehend zahnlos. Er kann den
       Kapitalismus nicht zähmen. Das offenbaren die ökologische Krise,
       explodierende Mieten, fallende Löhne, die Krisen im Gesundheitssektor, der
       Bildung und der gesamten sozialen Infrastruktur.
       
       Und wie wir gerade staunend erleben, resultiert aus dieser Ohnmacht des
       demokratischen Souveräns eine Situation, in der ökonomische Macht sich doch
       wieder ganz unverblümt in politische Macht übersetzt. Siehe Trump, Musk,
       die Techelite.
       
       Es wäre allerdings ein Irrtum, zu denken, dass damit nur die Verteilung
       materieller Ressourcen auf dem Spiel steht, auch wenn sich mit
       Umverteilungsmaßnahmen wie Erbschaft- oder Vermögensteuern wichtige
       Handlungsspielräumen gewinnen lassen. Die Gestaltungsmacht und
       Selbstbestimmung des eigenen und gemeinsamen Lebens sind bedroht.
       
       Wollen wir den Faschisierungstendenzen etwas entgegensetzen, müssen wir
       das, was uns alle angeht, zum Gegenstand wirklicher gemeinsamer Verfügung
       machen – das Gesellschaftliche vergesellschaften. Mit anderen Worten:
       Sozialismus oder Barbarei.
       
       „Ein Gefühl macht sich breit, heute sei der letzte beste Tag“
       
       Nein – sagen zumindest nicht wenige ihrer Beobachter. Tatsächlich befindet
       sich die liberale Demokratie in einer ihrer tiefsten Krisen. Dabei galt sie
       lange als die einzig vorstellbare Zukunft. Eine Zukunft, die besser sein
       würde. Doch dieser Horizont hat sich angesichts der Polykrise aus
       Klimawandel, Kriegen, Pandemie und Inflation zusammengezogen.
       
       Ein Gefühl macht sich breit, heute sei der letzte beste Tag einer sich
       permanent verschlechternden Zukunft. Nimmt man beispielhaft das Auto: Stand
       es einst für ein auskömmliches Leben, ist es heute ein moralisch
       umstrittenes Verkehrsmittel und mahnt mit jeder Tankfüllung an die Grenzen
       des eigenen Geldbeutels. Die Versprechen liberaler Demokratien erweisen
       sich heute für viele als leer. Die Empfindung, in einer Krisenzeit zu
       leben, zieht sich dabei quer durch soziale Lagen und Klassen.
       
       Die zentralen Normen der liberalen Demokratie – allen voran Aufstieg durch
       Leistung – können sich so in eine Zerstörungslust gegen eine Welt
       verwandeln, die einem Lebenschancen vorenthält: Man hat im Leben alles
       richtig gemacht, doch man erhält nicht das, was einem vermeintlich zusteht.
       Um im Bild des Autos zu bleiben: Man weiß, dass Emissionen die
       Klimakatastrophe beschleunigen, und tritt gerade darum lustvoll aufs
       Gaspedal.
       
       Wird gesellschaftlicher Reichtum nicht länger als wachsende Ressource
       wahrgenommen, sondern als begrenzt oder gar schrumpfend, verändert sich die
       Logik sozialer Konflikte: Was der eine gewinnt, muss zwangsläufig ein
       anderer verlieren. Fortschritt ist dann zwar noch möglich, aber nur auf
       Kosten anderer. Das offenbaren etwa die Debatten über das Bürgergeld oder
       die Migration.
       
       Diese Logik hat sich mittlerweile tief in die emotionalen Strukturen der
       Menschen eingebrannt. So tief, dass wohl selbst eine – weder
       wahrscheinliche noch wünschenswerte – Rückkehr des wirtschaftlichen
       Wachstums die Rebellion gegen die liberale Demokratie nicht eindämmen
       könnte.
       
       Nicht wenige glauben mittlerweile, eine gesellschaftliche Transformation
       bedürfe eines radikalen Bruchs. Der US-Militärstratege Edward Luttwak
       formulierte 1994 einen aus damaliger Sicht absurd erscheinenden Gedanken:
       dass der Faschismus die politische Welle der Zukunft sei. Denn weder
       Konservative noch Linke hätten eine überzeugende Antwort auf die großen
       Probleme kapitalistischer Demokratien. Heute scheint seine Überlegung nicht
       mehr ganz so absurd.
       
       Und doch hat die Demokratie ihre zukunftstreibende Kraft nicht verloren. Im
       Gegenteil, als Idee weist sie über ihre Gegenwart hinaus. Es gibt in großen
       Teilen Deutschlands – noch – eine demokratische Mehrheit. Um die liberale
       Demokratie zu retten, reicht es aber nicht, sie nur bewahren zu wollen. Es
       reicht auch nicht, sie als kleineres Übel gegen ihre Gegner zu verteidigen.
       
       Wir brauchen eine alternative Vision davon, wie Demokratie zu einem
       wirklich inklusiven Gemeinwesen werden kann. Dafür müssen wir uns zunächst
       ehrlich mit den drängendsten Herausforderungen auseinandersetzen: der
       gewachsenen Ungleichheit, der mangelnden Teilhabe und den ökologischen
       Grenzen des fossilen Kapitalismus.
       
       „Wir müssen die Öffentlichkeit stärken“
       
       Vielleicht ist die liberale Demokratie zu retten. Doch eher nicht. Ihre
       Substanz ist weitgehend zerstört – und die Chancen, sie wiederherzustellen,
       stehen schlecht. Als Indien, das Land, in dem ich aufwuchs, 1949 zu einer
       Demokratie wurde, träumte es von einer florierenden Öffentlichkeit, in der
       gut informierte Bürger*innen ohne Angst miteinander debattieren können.
       Doch dieser Traum verkam schnell. Demokratie wurde, wie in vielen anderen
       Ländern, zunehmend auf das Wählen reduziert.
       
       Wahldemokratien können aber nicht verhindern, dass autoritäre,
       populistische Führer höchste politischen Ämter erreichen und halten. Sie
       wissen, wie sich Wahlen managen lassen: Indem sie die Macht der Presse
       einschränken oder sie gehorsam machen, die Opposition unterdrücken, eine
       Kultur der Angst schaffen.
       
       Dennoch hat ein regelrechter Wahl-Fetisch ersetzt, was Demokratie sonst
       noch ausmacht: Debatte, soziale Beziehungen, die Freiheit, sich uneinig zu
       sein. Wir sollten uns fragen, warum. Ein Faktor: die enorme und
       beschleunigte Ausweitung der globalen Mittelschicht im Zuge der letzten 30,
       40 Jahre Globalisierung. Mitte der 1970er Jahre gehörten dazu etwa eine
       Milliarde Menschen. Jetzt sind es zwischen vier und fünf Milliarden.
       
       Diese Menschen leben zunehmend in stark bevölkerten Städten. Heißt: Ihr
       Leben ist stressiger. Sie müssen um alles Mögliche konkurrieren. Und sind
       so zu beschäftigt, um etwa ein ernsthaftes Buch zu lesen oder sich auf eine
       fundierte Debatte einzulassen.
       
       Ein zweiter Faktor sind die sozialen Medien. Während des Arabischen
       Frühlings hoffte man, sie würden Demokratie fördern, einen freien
       Informationsfluss vorbei an nationaler Zensur ermöglichen. Heute wissen
       wir: Sie zersetzen das demokratische Gemeinwesen, unterbinden die
       Verbreitung von Fake News nicht, befeuern Polarisierung.
       
       Debatte findet dort nicht statt, man bewegt sich in Echokammern und likt,
       was man mag; nicht das, was wahr ist. Und auch die intellektuelle Grundlage
       der Demokratie untergraben sie, konditionieren uns auf kurze Botschaften,
       schnelles Lesen und entwöhnen uns so des tiefgründigen Nachdenkens.
       
       Digitale Medien funktionieren, indem sie uns fragmentieren. Und sie machen
       süchtig. Sie adressieren existenzielle Probleme des Menschseins wie
       Langeweile oder Einsamkeit. In der Geschichte des Kapitalismus ist das
       nichts Neues. Neue, große Märkte wurden in der Vergangenheit schon über
       Sucht erschaffen, siehe Zucker, Tabak, Salz oder Opium.
       
       Dass gerade die Superreichen – die Elon Musks dieser Welt – die neuen
       Technologien weitreichend kontrollieren, ist kein Zufall. Ihnen scheint die
       Demokratie nichts zu bedeuten. Im Gegenteil, sie arbeiten bereitwillig mit
       rechten Politikern zusammen, um die gesellschaftliche Regulierung ihrer
       Technologien zu verhindern.
       
       Um dieser Kultur etwas entgegenzusetzen, müssen wir die Öffentlichkeit
       stärken – den Raum weiten für wirkliche Debatte in den Medien, in
       Parlamenten und im alltäglichen Leben. Ob und welche Regeln beispielsweise
       für soziale Medien oder KI gelten sollten, müssen wir schließlich
       diskutieren. Doch das Fenster dafür schließt sich.
       
       „Die Energie sollte lieber in andere Richtungen fließen“
       
       Vielleicht. Aber die dafür notwendige Energie sollte lieber in andere
       Richtungen fließen. Die liberale Demokratie krankt an einem Geburtsfehler.
       Sie ist von Herrschaftsverhältnissen durchzogen, seitdem sie existiert. Für
       ihre Vordenker, beispielsweise Jean-Jacques Rousseau, gehörten nur ganz
       wenige zum mit demokratisch-republikanischen Rechten bedachten Volk: die
       bürgerlichen, besitzenden weißen Männer.
       
       Seit über 200 Jahren wird nun darum gekämpft, diese Rechte auf strukturell
       benachteiligte Gruppen auszuweiten. Das ist die Grunddynamik liberaler
       Demokratie.
       
       Und sie ist nicht linear: Das Frauenwahlrecht zu erkämpfen, hat ewig
       gedauert. Es gab Rückschritte wie den europäischen Faschismus. Auch heute
       erleben wir wieder – in der EU oder den USA –, dass aus der liberalen
       Demokratie autoritäre Bewegungen erwachsen. Sie setzen an ihrem
       Geburtsfehler an und mobilisieren gezielt für die erneute Entrechtung von
       Arbeiter*innen, Migrant*innen, Frauen, queeren und trans Personen.
       
       Zynisch sagen heute manche, die liberale Demokratie sei nur zu verteidigen,
       wenn der Sozialstaat weiter eingedampft wird. Mit diesem Argument werden
       seit den 1970er Jahren der Neoliberalismus durchgesetzt und zuvor erkämpfte
       Arbeiter*innenrechte rückgebaut.
       
       Langsam laufen sich die Versprechen individualisierter Freiheit und
       Selbstverantwortung hohl. Immer mehr Menschen leben heute prekär, hangeln
       sich von einem befristeten Job zum nächsten oder landen nach
       jahrzehntelanger Vollzeitarbeit in der Altersarmut.
       
       Autoritäre und identitäre Bewegungen nutzen genau das. Sie produzieren,
       multiplizieren und kanalisieren Affekte von Angst bis Wut und lenken sie
       auf „die Anderen“, also all jene, die nicht in ihr Bild von Gesellschaft
       passen. Den Sozialstaat weiter auszuhöhlen, fördert Entsolidarisierung und
       untergräbt die Selbstverständlichkeit, dass alle zusammen die Schwächeren
       unterstützen müssen. Das destabilisiert die liberale Demokratie weiter.
       
       Kurzum: Die liberale Demokratie ist nicht in der Lage, ein gerechtes
       Zusammenleben für alle zu ermöglichen. An ihrer Stelle brauchen wir eine
       andere Form von Demokratie, eine, die auf Sorgebeziehungen und
       Verbundenheiten basiert. Ich nenne das „präsentische Demokratie“. Viel
       Inspiration dafür bieten die Demokratiebewegungen der 2010er Jahre, bekannt
       als „Occupy-Proteste“, und die queer- und transfeministischen
       Streikbewegungen der letzten Jahre.
       
       Die darin Involvierten haben in Versammlungen und im direkten Austausch
       miteinander ein besseres demokratisches Zusammenleben gestaltet und dabei
       gemeinsam für ein ermächtigendes Miteinander gesorgt. Sie sind von ihren
       wechselseitigen Verbindungen ausgegangen und konnten der neoliberalen
       Isolierung so praktisch entgegenwirken. Zugleich haben sie verweigert, sich
       über Angst und Unsicherheit regieren zu lassen.
       
       Historisch betrachtet, ist die liberale Demokratie aus Kämpfen entstanden,
       also nicht die einzig mögliche Form. Und genau als solche, als veränderbare
       Form, muss sie wieder von linker, emanzipatorischer Seite umkämpft werden.
       
       „Niemand fühlt sich mehr vertreten“
       
       Nein. Und wir sollten uns auch nicht darum bemühen, die liberale Demokratie
       zu retten. Sie ist dysfunktional. In den USA fühlt sich niemand mehr von
       ihr vertreten. Aus gutem Grund: Vor zehn Jahren schon haben
       Forscher*innen gezeigt, dass die öffentliche Meinung der nach Vermögen
       unteren 90 Prozent der US-Amerikaner*innen keinen Einfluss auf die
       politischen Entscheidungen im Land hat. Was die obersten 10 Prozent
       wollten, war meist Regierungsprogramm.
       
       Noch gravierender ist der Einfluss der Finanzbranche – also großer
       Private-Equity-Unternehmen und Vermögensverwalter wie Blackrock, Vanguard
       oder State Street. Sie gestalten die Politik nach ihrer Logik. Die lautet:
       Profit maximieren, um jeden Preis.
       
       Für die Allgemeinheit ist das schlecht. Denn digitale Technologien, fossile
       Energien und hochspekulative Geschäfte versprechen hohe Renditen, nicht
       sozialer Wohnungsbau oder grüne Infrastrukturprojekte. Doch kein
       Gesetzesentwurf zur Regulierung dieser Unternehmen schafft es durch den
       Kongress.
       
       In den USA gibt die Finanzbranche mehr Geld für Wahlkampfarbeit und
       Lobbyismus aus als jeder andere Wirtschaftszweig. Hinzu kommt: Viele
       Unternehmen, kleine wie große, sind von den Finanzunternehmen abhängig. Sie
       werden von ihnen mit Kapitaleinlagen oder Krediten versorgt, wollen
       folglich, dass es ihnen gut geht, und unterstützen deren politische
       Anliegen. Keine andere Branche erhält in den USA so viel politischen
       Rückenwind aus der weiteren Wirtschaft wie die Finanzindustrie.
       
       Und selbst viele Bürger*innen unterstützen sie, weil sie sich um ihre
       Jobs oder Geldanlagen sorgen. In Ländern mit starker Finanzwirtschaft, auch
       Großbritannien zum Beispiel, können wir längst nicht mehr von liberaler
       Demokratie sprechen. Eher von Oligarchie: Wenige entscheiden, staatliche
       Institutionen sind ausgehöhlt und demokratische Verfahren grundlegend
       erodiert. Die liberale Demokratie ist zu einem Selbstbedienungsladen für
       die kapitalistischen Eliten verkommen.
       
       Das ist die Folge eines grundlegenden Designfehlers. Um ihn zu korrigieren,
       müssen wir die Finanzbranche wie die gesamte Wirtschaft unter demokratische
       Kontrolle bringen.
       
       Dafür müsste zunächst mindestens die Finanzlogik der Gewinnmaximierung auf
       nicht-monetäre Werte ausgeweitet werden. Statt nur Geld zu vermehren,
       sollten die Finanzunternehmen verpflichtet werden, auch das Gemeinwohl zu
       maximieren – sozialen Zusammenhalt zu fördern oder Biodiversität.
       
       Im nächsten Schritt könnten ausgeloste Vertreter*innen aus der
       Gesellschaft in unabhängig informierten Gremien an weitreichenden
       strategischen Entscheidungen von Finanzfirmen beteiligt werden. Solche
       Verfahren könnten später auf andere Wirtschaftszweige, Gesundheits- und
       Bildungseinrichtungen sowie den ganzen Politikbetrieb ausgeweitet werden.
       
       Die Forschung zeigt, dass zufällig geloste Gruppen oft bessere politische
       Entscheidungen fällen, weil sie frei von äußerer Einflussnahme sind. Sie
       gelten deshalb auch als legitimer. Eine wahre Alternative zum
       manipulationsanfälligen System der liberalen, repräsentativen Demokratie!
       
       „Aber was, wenn die Leute das nicht wollen?“
       
       Ja – aber die liberale Demokratie kann sich nicht selbst retten. Ihre
       Grundbestimmung ist es, prinzipiell allen die Gleichheit der Freiheit zu
       sichern. Dafür verteilt sie individuelle Rechte. Das ist, wenn sie
       tatsächlich liberal sein will, ihr einziges Instrument. Doch damit ist es
       ihr unmöglich, sich in Krisenzeiten selbst zu verteidigen. Und darin ist
       das Potenzial zur Krise schon angelegt.
       
       Ich darf zur Schule gehen, an der Kultur oder einer Diskussion teilnehmen,
       wählen und mich am demokratischen Prozess beteiligen. Nun kann ich das in
       einer Weise tun, die der Idee der Demokratie entspricht. Ich kann mich aber
       auch ganz anders beteiligen. Es ist ebenso mein gutes Recht, mich
       unvernünftig, verantwortungslos, undemokratisch zu verhalten. Das nehmen
       die Rechten ernst und beschweren sich daher über einen „verengten
       Meinungskorridor“, wenn ihre Positionen ausgegrenzt werden.
       
       Das Problem liegt in der Kluft zwischen dem, was die liberale Demokratie
       voraussetzen muss und dem, was sie selbst bewirken kann – das sogenannte
       „Böckenförde-Dilemma“, benannt nach dem liberalen Denker Ernst-Wolfgang
       Böckenförde.
       
       Die liberale Demokratie sichert die Freiheit, nach eigener Willkür zu
       entscheiden. Sie setzt aber die positive Freiheit als Autonomie voraus; die
       Gleichheit der Freiheit zu wählen. Das heißt, aktiv an [4][Prozessen des
       demokratischen Streits] und der vernünftigen Urteilsbildung teilhaben zu
       wollen. Aber was, wenn die Leute das nicht wollen?
       
       Im Moment ihrer Krise, sagt Böckenförde, steht die liberale Demokratie
       blank da. Sie müsste, um autoritären Bewegungen Einhalt zu gebieten, Mittel
       anwenden, die nach ihren eigenen Maßstäben illiberal sind. Sie müsste in
       die Sphäre der rechtlich gewährleisteten Freiheit eingreifen, versuchen,
       diese zu formen. Sie müsste ein Verständnis dessen, was es heißt, ein guter
       Demokrat zu sein, zur Not erzwingen. Aber das will und kann sie nicht,
       solange sie in der Ordnung liberaler Rechte bleibt.
       
       Die liberale Demokratie muss also mit viel Daumendrücken darauf setzen,
       dass andere Akteure und Kräfte wirksam werden und ihre Voraussetzung
       sichern. In den 1960er Jahren glaubte man, die Religion könne uns zu
       moralischen, hingebungsvollen Mitbürgern machen. Dann dachten die
       Liberalen, die Kultur könne das. Wenn nur alle gute Romane läsen, dann
       würde das Empathie, Anerkennung, Gleichberechtigung bilden. Aber die Leute
       lesen halt nicht so, wie liberale Erzieher das gerne hätten.
       
       Und die Werte sind nachrangig. Um die Krise der liberalen Demokratie zu
       lösen, brauchte es einen praktischen Ansatz, der Institutionen wie Schulen,
       Universitäten und Parlamente verändert. Dort müsste erprobt werden, wie man
       ist, wenn man wirklich frei ist, frei denkt, empfindet, wünscht, handelt.
       
       Das verlangte eine andere institutionelle Infrastruktur – eine wahrhaft
       demokratische Selbstregierung, wie sie einmal im Konzept der Rätedemokratie
       der Sowjets gedacht wurde. Die liberale würde so zur experimentellen
       Demokratie werden, die praktisch befreit und sich dabei immer wieder neu
       erfindet. Nur so wäre sie zu retten.
       
       12 Apr 2026
       
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