# taz.de -- Volksabstimmungen gegen Demokratiekrise: Übers Kreuz
> Die Unzufriedenheit mit der Politik wächst, die AfD profitiert.
> Bundesweite Volksabstimmungen könnten das ändern – worauf warten wir
> noch?
(IMG) Bild: Mehr direkte Demokratie wagen und den Menschen signalisieren: Eure Meinung zählt, wir nehmen euch als mündig wahr
Es ist noch gar nicht lange her, im Sommer 2021, da lag die AfD in den
Umfragen [1][bei harmlosen 10 Prozent]. Die Pandemie war noch bestimmendes
Thema und Angela Merkel die letzten Monate im Amt. Im Zeitverlauf sieht
man, wie sich die blaue Linie seitdem nach oben schlängelt. Im Frühsommer
2023 – die Ampelregierung zerlegt sich öffentlich wegen des
Heizungsgesetzes – kreuzt sie den Weg von Grünen und SPD. Sie windet sich
hinauf, bei der Bundestagswahl 2025 nähern sich die schwarze und die blaue
Linie weiter an.
Heute, nach nur einem Jahr an der Macht, ist die schwarz-rote Regierung so
[2][unbeliebt wie die Ampel] kurz vor dem Bruch. Inzwischen hat die blaue
Linie auch die schwarze überwunden. Die AfD liegt bei 27 Prozent, sie
erhält mehr Zustimmung als alle anderen Parteien.
Die blaue Schlange hebt den Kopf. Und man fragt sich schaudernd, was noch
kommt.
Die Sorge, was die Zukunft oder ganz konkret: die Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt bringen wird, ist bei Gesprächen mit Freund*innen am
Kneipentisch so präsent wie in den Kommentaren der Zeitungen. Die taz
titelte vergangene Woche „Alarmstufe Blau“, im Text warnte der Autor
[3][vor einem „gesellschaftlichen Kipppunkt“]. In der Zeit wird eine Wand
zwischen Regierenden und Volk beschrieben, eine „Systemmüdigkeit, die
größer ist als jede Koalition“.
Was aber tun? In der Kneipe folgt auf diese Frage bedrücktes Schweigen.
Auch die meisten Kommentator*innen bleiben eine Antwort schuldig. Das ist
nicht verwunderlich, schließlich reden schon sehr viele schlaue Leute schon
sehr lange darüber, was nötig wäre, um der AfD und der
Politikverdrossenheit beizukommen. Es hat alles nicht geholfen.
## „Die Leute würden sich ernst genommen fühlen“
Eine alte neue Forderung machte zuletzt die Runde. Gregor Gysi von der
Linkspartei brachte im Februar im Spiegel bundesweite Volksabstimmungen ins
Gespräch. „Die Leute würden sich ernst genommen fühlen“, sagt er. Das sei
wichtig, „sonst kämpfen die nicht um die Demokratie“. Anfang Mai forderte
auch Wolfgang Kubicki, der an diesem Wochenende FDP-Chef werden will,
Volksentscheide auf Bundesebene. Das wäre „für den inneren Frieden im Land
ein Segen“.
Was stimmt: Das Problem ist so grundlegend, so systemisch, dass auch die
Antwort darauf grundlegender sein muss, als nur den nächsten
Sommer/Herbst/Winter der Reformen auszurufen.
Nun sehen viele direkte Demokratie auf Bundesebene skeptisch. Auch ich
dachte früher, das könnte riskant sein. Es schien zudem nicht nötig, die
repräsentative Demokratie funktionierte ja. Doch die Zeiten sind andere.
Heute könnten bundesweite Volksabstimmungen tatsächlich genau das sein, was
fehlt. Sie könnten dem politischen System wieder zu jenem Vertrauen
verhelfen, das gerade Stück für Stück verloren geht.
Die Forderung danach ist so alt wie die Bundesrepublik selbst, sie wurde im
Laufe der Jahrzehnte immer populärer. Noch in den 10er Jahren sah es so
aus, als könnten bundesweite Volksabstimmungen bald Wirklichkeit werden.
SPD, Grüne, Linkspartei, FDP hatten sie in ihrem Programm, selbst die CSU,
nicht aber die CDU. Für eine entsprechende Änderung des Grundgesetzes
bräuchte es eine Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat. Es kam
nicht dazu.
## Könnten sich Populist*innen das zunutze machen?
Die ehemalige Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff hat sich intensiv
mit den Vor- und Nachteilen der direkten Demokratie beschäftigt und 2023
[4][ein kluges Buch] darüber veröffentlicht: „Demophobie. Muss man die
direkte Demokratie fürchten?“
Dass die Idee bundesweiter Volksabstimmungen in Deutschland in den
vergangenen Jahren in den Hintergrund gerückt ist, führt sie auf das
abschreckende Brexit-Votum 2016 zurück, auf den Wahlsieg Donald Trumps im
selben Jahr und auf die AfD, die sich das Thema zu eigen gemacht hat. Diese
„Schocks“ hätten zu einer „neuen Angst vor dem Bürger als Entscheider“
geführt.
Womit wir bei den Argumenten gegen Volksabstimmungen auf Bundesebene sind.
Wären die Fragestellungen wirklich zu schwierig, um von normalen Menschen
entschieden zu werden? Könnten sich Populist*innen das zunutze machen?
Gertrude Lübbe-Wolff hält dagegen. Sie fragt: Warum sollte man den Menschen
die viel komplexere Wahl von Repräsentanten für eine ganze
Legislaturperiode zutrauen, aber nicht, über einzelne Sachthemen zu
entscheiden?
Die Forschung zeigt: Volksabstimmungen gehen Debatten über das jeweilige
Thema voraus, sie sind eine Form von politischer Bildung. Die Leute wissen
am Ende mehr, als wenn die Frage nur im Parlament verhandelt würde. Der
Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel spricht in diesem Zusammenhang
[5][von „intensivierten Diskursen“].
Auch Positionen außerhalb des etablierten Politik- und Medienbetriebs
hätten Chancen, Gehör zu finden. Die Diskurse, sagt Merkel, „befreien sich
dabei häufig von den üblichen Personaldebatten und verlagern sich auf
Sachfragen“.
In der Schweiz, wo Volksabstimmungen eine lange Tradition haben, wird eine
Broschüre an alle Haushalte verteilt mit Argumenten der Befürworter*innen
und der Gegner*innen. Auch die Berliner*innen haben vor den
Volksentscheiden auf Landesebene, zum [6][Erhalt des Tempelhofer Felds]
oder zur [7][Enteignung großer Wohnungskonzerne], Post erhalten mit Infos,
ebenso die Bayern, bevor sie [8][für ein striktes Rauchverbot] in der
Gastronomie stimmten. So soll die Verbreitung von Fake News vermieden
werden.
Unter anderem wegen der Fake News taugt auch das Brexit-Votum nur begrenzt
als Negativbeispiel für Volksabstimmungen. Die Verbreitung von groben
Fehlinformationen durch Amtsträger wie damals in Großbritannien hätte
unterbunden werden müssen, schreibt Gertrude Lübbe-Wolff. Wie genau, lässt
sie offen. Die Brexit-Abstimmung sei jedenfalls ein Beispiel, „wie direkte
Demokratie auf keinen Fall organisiert sein sollte“.
Intensive Debatten hin oder her: Manche halten das Volk, wenn sie ehrlich
sind, schlicht für zu dumm für direkte Demokratie. Daraus spricht
allerdings eine Herablassung, die mit Demokratie an sich schwer vereinbar
ist. „Alle Gewalt geht vom Volke aus“, heißt es bekanntlich im Grundgesetz.
Wer meint, Politiker*innen wüssten es per se besser als die Bevölkerung,
der gibt letztlich jenen recht, die auf das abgehobene Establishment in
Berlin schimpfen und die sich über „betreutes Denken“ beschweren.
Ein gewichtigerer Einwand ist die Angst vor einer Tyrannei der Mehrheit –
also die Sorge, dass über den Weg der Volksabstimmungen Minderheitenrechte
beschnitten werden könnten. Auch das hinge von der Ausgestaltung ab.
Das Verfassungsgericht müsste vorab prüfen, ob das jeweilige Anliegen mit
dem Grundgesetz vereinbar ist. Wenn nicht, wird es gar nicht erst
zugelassen. Minderheitenrechte blieben gewahrt. Ein „Minarettverbot“, wie
2009 in der Schweiz beschlossen, wo eine Verfassungskontrolle auf
Bundesebene nicht existiert, würde so verhindert.
Umgekehrt kann direkte Demokratie Minderheiten auch zu mehr Rechten
verhelfen. Wie in Irland, wo 2015 die Homoehe per Referendum eingeführt
wurde. Die Schweizer*innen beschlossen 2020 ein Verbot von Hass und
Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung. Ein Jahr später sagten
auch sie Ja zur Ehe für alle. Das Volk ist nicht per se
minderheitenfeindlich.
Bleibt das Argument, dass direkte Demokratie die soziale Schieflage
verstärke. An Volksabstimmungen beteiligen sich im Schnitt weniger Menschen
als an Wahlen. Eine geringere Beteiligung gehe zu Lasten der unteren
Schichten, schreibt der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel.
„Nicht das Volk in seiner Gesamtheit, sondern die höheren und mittleren
Schichten, die Gebildeten und überproportional die Männer stimmen
typischerweise bei Referenden ab.“ Wolfgang Merkel kommt deshalb zu dem
Schluss: Die Interessen des unteren Drittels der Gesellschaft „sind in
repräsentativen Institutionen besser aufgehoben“.
## Mitbestimmen statt meckern
Wie vergleichbar die Zahlen der verschiedenen Länder und Abstimmungen
allerdings sind, da gehen die Meinungen auseinander. Angesichts von
Umfragen müsste man auch als Linke Hoffnung haben dürfen: [9][Vier von fünf
Deutschen] finden es aktuell ungerecht, wie der Wohlstand im Land verteilt
ist. Die Ungleichheit nimmt stetig zu, das repräsentative System hat es
bislang nicht vermocht, daran etwas zu ändern. Könnte die Einführung
direkter Demokratie hier endlich Bewegung reinbringen?
Vor allem aber, und das ist angesichts der aktuellen Lage der wichtigste
Punkt, könnten bundesweite Volksabstimmungen das Vertrauen der Menschen in
die Demokratie insgesamt stärken. Sie könnten bei konkreten Fragen
mitentscheiden, sie würden sich als selbstwirksam erleben.
Das hätte Auswirkungen auf das ganze System: In jenen Ländern, in denen es
mehr direkte Demokratie gibt, ist auch das Vertrauen in die Repräsentanten
und in die Institutionen größer. „Das demokratische System erhält dadurch
eine notwendige Legitimationszufuhr“, schreibt Wolfgang Merkel. Das gilt
insbesondere, wenn es sich nicht um Referenden von oben handelt, wie sie
Gregor Gysi ins Gespräch gebracht hat, sondern wenn die Themen aus der
Zivilgesellschaft kommen, wie es dem Verein „Mehr Demokratie“ vorschwebt.
Die Verantwortung für getroffene Entscheidungen könnte dann nicht mehr
„denen da oben“ zugeschoben werden, auch nicht, wenn sie sich rückblickend
als falsch erweisen. „Es hat große Vorteile, wenn man seine Fehler selber
machen darf“, schreibt Lübbe-Wolff. Das beuge „der vulgären
Politikverachtung vor, die alles Missliche der Inkompetenz oder dem
schlechten Charakter der politischen Repräsentanten anlastet“.
Ralf-Uwe Beck, langjähriger Aktivist beim Verein „Mehr Demokratie“,
bezeichnet Volksabstimmungen denn auch [10][als „Frustschutzmittel“] der
Demokratie.
## Bürgerräte reichen nicht
Obwohl mit Bärbel Bas eine langjährige Verfechterin bundesweiter
Volksabstimmungen zurzeit SPD-Chefin ist, fokussiert sich die Partei heute
auf Bürgerräte, ebenso die Grünen. Wie schade. Denn der Effekt dürfte hier
ungleich geringer sein, einfach weil in einem Bürgerrat nur sehr wenige
Menschen mitwirken können.
Mit direkter Demokratie auf Bundesebene würde man dagegen allen
Abstimmungsberechtigten im Land signalisieren: Eure Meinung zählt. Es
hieße, jenen die Hand zu reichen, die sich von den etablierten Parteien
nicht mehr repräsentiert sehen und die sich innerlich teils schon
verabschiedet haben. Die Einführung von Volksabstimmungen würde ihnen die
Chance bieten, sich wieder als Teil des Ganzen zu begreifen.
Das könnte der blauen Schlange die Kraft nehmen. Sicher, wer die AfD aus
tiefer Überzeugung wählt, wird das weiter tun. Andere könnte man aber
erreichen. Man sollte darüber nachdenken.
30 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/sonntagsfrage/
(DIR) [2] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/umfragen-merz-bundesregierung-zustimmung-ein-jahr-kanzler-100.html
(DIR) [3] /Umgang-mit-der-AfD/!6177939
(DIR) [4] https://www.klostermann.de/Luebbe-Wolff-Getrude-Demophobie
(DIR) [5] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/59721/volksabstimmungen-illusion-und-realitaet/
(DIR) [6] /10-Jahre-Volksentscheid-Tempelhofer-Feld/!6012290
(DIR) [7] /Deutsche-Wohnen--Co-enteignen/!t5764694
(DIR) [8] /Nach-dem-Volksentscheid-in-Bayern/!5139596
(DIR) [9] https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/grafiken/ard-umfrage-deine-meinung-zaehlt-100.pdf
(DIR) [10] /Aktivist-Beck-fuer-Wahlrechtexperimente/!6062545
## AUTOREN
(DIR) Antje Lang-Lendorff
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Volksabstimmung
(DIR) Direkte Demokratie
(DIR) Krise der Demokratie
(DIR) Politikverdrossenheit
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Direkte Demokratie
(DIR) Görlitz
(DIR) FDP
(DIR) Podcast „Reingehen“
(DIR) Lesestück Recherche und Reportage
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Volksabstimmungen: Die Krux mit dem Kreuz
Viele Deutsche sehnen sich nach direkter Demokratie. Doch es fehlt nicht an
Mitsprache, sondern an wirksamer Politik.
(DIR) AfD verliert Kommunalwahl in Görlitz: Christdemokrat schlägt AfDler
Bei der Oberbürgermeisterwahl gewinnt Amtsinhaber Octavian Ursu gegen
seinen Herausforderer von der AfD. Für die Rechtsextremen reicht es mal
wieder nicht.
(DIR) FDP-Parteitag geht weiter: Strack-Zimmermann will Kubicki auf die Finger schauen
Marie-Agnes Strack-Zimmermann meldet nach ihrem Achtungserfolg erste
Ansprüche an. Doch der neue FDP-Chef Wolfgang Kubicki will von Rücksicht
nichts wissen.
(DIR) Wochentaz-Podcast: Warum es eine Schwarze Psychologie braucht
In dieser Folge geht es um politische Gefühle. Wie kann man besser mit
Unzufriedenheit umgehen? Und was ist rassismuskritische Psychotherapie?
(DIR) Denker*innen zur Krise der Demokratie: Ist die liberale Demokratie noch zu retten?
Zehn kluge Menschen aus Philosophie, Soziologie, Politik-, Geschichts-,
Literatur-, Gender- und Integrationsforschung antworten: ja, nein,
vielleicht.
(DIR) Hamburg vor dem Klima-Volksentscheid: Gut Wetter machen
Hamburg soll schon 2040 klimaneutral sein. Das ist Ziel des „Hamburger
Zukunftsentscheids“. Aktivist:innen werben für ein „Ja“ beim
Volksentscheid am 12. Oktober.