# taz.de -- Klimaaktivistin über Letzte Generation: „Der Staat wird von Rechten und Reichen korrumpiert“
       
       > Carla Hinrichs resümiert ihre Zeit bei der Letzten Generation. Ein
       > Gespräch über Repression und das Gefühl, als Mörderin abgestempelt zu
       > werden.
       
 (IMG) Bild: „Ich mag meine Entscheidungen“, sagt Carla Hinrichs
       
       taz: Frau Hinrichs, Sie waren jahrelang als Aktivistin bei der Letzten
       Generation und haben für eine bessere Klimapolitik demonstriert. Was war
       das Erlebnis, das Ihren Blick auf den Staat am meisten verändert hat? 
       
       Hinrichs: Im Mai 2023 wurde ich von etwa 30 Beamten geweckt, die mit
       gezogener Waffe in meine Wohnung gestürmt sind – wegen des Vorwurfs, ich
       wäre Teil einer kriminellen Vereinigung. Das hat mich in dem, wie es mir
       geht und wie ich mich verhalte, am nachhaltigsten geprägt. Vor Kurzem gab
       es einen weiteren krassen Moment.
       
       taz: Welchen? 
       
       Hinrichs: Als ich erfahren habe, dass ich tatsächlich nach Paragraf 129 als
       [1][„Rädelsführerin einer kriminellen Vereinigung“ angeklagt werde], dass
       der Vorwurf also wirklich vor Gericht geht. Es war einer der Momente, in
       denen für mich die Fassade eines sonst so glitzernden Rechtsstaatsgebildes
       gebröckelt ist.
       
       taz: Was schockiert Sie so an dieser Anklage? 
       
       Hinrichs: Mit diesem Vorwurf soll unser Protest unterdrückt werden.
       Politiker:innen haben uns mit den Taliban verglichen und uns Terroristen
       genannt. Die Polizei hat uns mit Schmerzgriffen von der Straße gezerrt und
       uns präventiv eingesperrt. Die Staatsanwaltschaft hat
       öffentlichkeitswirksam gegen uns ermittelt und uns überwacht, zum Beispiel
       unser Pressetelefon abgehört. Das alles hatte eine enorm einschüchternde
       und abschreckende Wirkung – dabei ist Protest für jede Demokratie
       essenziell. Ob uns nun ein Gericht in zwei, drei oder vier Jahren
       freispricht, ist völlig unerheblich: Der Schaden ist da. Dass all dies rein
       exekutiv und ohne Gewaltenteilung passiert ist, ist ein Schritt der
       Autokratisierung.
       
       taz: Sie haben kürzlich ein Buch veröffentlicht. Im Untertitel steht: „Wie
       der Staat uns alle verrät“. Wie meinen Sie das? 
       
       Hinrichs: Mit der Letzten Generation haben wir die Regierung [2][an ihre
       verfassungsgemäße Verpflichtung] erinnert, unsere Zukunft zu schützen. Doch
       es hat sich gezeigt, dass an das aktuelle politische System zu appellieren
       nicht funktioniert. Bei der Untätigkeit gegenüber der Klimakrise handelt es
       sich nicht um ein Wissensproblem, sondern um ausbleibende Handlungen: Alle
       wissen, was abgeht, aber es wird nichts getan. Der Staat verrät damit uns
       alle – weil er von den Rechten und Reichen korrumpiert wurde. Wir haben es
       also mit einem Systemproblem zu tun.
       
       taz: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie persönlich zum Aktivismus
       gekommen sind. Waren Sie als Kind noch kein Radikalo? 
       
       Hinrichs: So sehe ich mich auch heute nicht. Aber als Kind war ich
       tatsächlich ziemlich zurückhaltend, vielleicht sogar schüchtern. Meine
       Eltern beschreiben mich so, dass ich gerne alleine gespielt habe und
       irgendwo herumgewuselt bin. Oft war ich melancholisch, ohne so richtig zu
       wissen, warum. Heute weiß ich, wie schwer es mir auf dem Herzen liegt, wenn
       etwas ungerecht ist und ich keinen Umgang damit finde.
       
       taz: Wie sind Sie aufgewachsen? 
       
       Hinrichs: Ziemlich privilegiert. In einem bürgerlichen Stadtteil von
       Bremen. Ich bin dankbar, dass ich so aufwachsen durfte, aber es ist auch
       schmerzhaft zu erkennen, dass andere das genaue Gegenteil dieser Sicherheit
       erleben. So viele Menschen machen viel früher Erfahrungen mit
       Ungerechtigkeit aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder aufgrund
       dessen, wen sie lieben. Unser Staat unterdrückt Menschen die ganze Zeit, es
       wird mit ihnen umgegangen, als wären sie nicht Teil der Gesellschaft. Ich
       habe erst über meinen Protest verstanden, dass die Dinge oft viel
       ungerechter sind, als stets behauptet wird. Das war ein krasser
       Erkenntnisprozess, der immer noch nicht abgeschlossen ist.
       
       taz: Sie haben Jura studiert. Wie kamen Sie dazu? 
       
       Hinrichs: Im Geschichtsunterricht in der Schule haben wir gelernt, wie man
       es in Deutschland geschafft hat, nach dem verheerenden grausamen Zweiten
       Weltkrieg [3][eine auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit basierende
       Verfassung zu etablieren]. Das hat mich tief beeindruckt. Gleichzeitig war
       mir immer klar, dass das System, so wie es ist, nicht perfekt ist. Also
       wollte ich lernen, wie man es verbessern kann, deshalb habe ich Jura
       studiert. Ich bin Schritt für Schritt zu einem Punkt gekommen, an dem ich
       gemerkt habe: Was ist, wenn unsere tollen Prinzipien gar nicht angewandt
       werden? Was, wenn im Grundgesetz verankert ist, dass meine Zukunft
       geschützt werden muss, die Politik das aber einfach nicht tut?
       
       taz: Im Jahr 2021 sind Sie dann zur Letzten Generation gekommen. Sieben
       Aktivist:innen traten in einen Hungerstreik, um ein Gespräch mit dem
       damaligen Kanzlerkandidaten der SPD, Olaf Scholz, zu erreichen. Auch von
       links wurde kritisiert, das eigene Leben für ein Gespräch mit einem
       Politiker zu riskieren. Würden Sie die Aktion heute noch unterstützen? 
       
       Hinrichs: Heute würde es mir schwerfallen, einen Protest zu unterstützen,
       der allein an das aktuelle politische System appelliert, weil sich gezeigt
       hat, dass das nicht funktioniert. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich das
       Gefühl, dass die Aktion sehr sinnvoll ist.
       
       taz: Von Scholz hieß es zunächst, er wolle sich als Politiker nicht
       erpressen lassen. 
       
       Hinrichs: Ehrlich gesagt, ich konnte mir kaum vorstellen, dass Scholz sich
       nicht auf so ein Gespräch einlässt. Das war ein erschütterndes Learning.
       Man muss sich vorstellen, ich saß damals jeden Tag neben einem meiner
       besten Freunde, der schon so abgemagert war, dass sein Gesicht ganz
       eingefallen war. Dabei wollten wir nur, dass der Mann, der die Macht über
       dieses Land tragen wollte, mit uns über die Klimakatastrophe spricht.
       
       taz: Nachdem die Hungerstreikenden auch in einen Durststreik getreten
       waren, kam es doch noch zu einem Gespräch. Was für einen Eindruck hat Olaf
       Scholz auf Sie gemacht? 
       
       Hinrichs: Schon auf einer Wahlkampfveranstaltung, wo wir kurz zuvor
       protestiert hatten, hat Scholz es nicht geschafft, mir in die Augen zu
       sehen. Er hat immer woanders hingeschaut. Bei dem Gespräch war dann klar,
       dass er, der sich als Klimakanzler bezeichnet, keine Antworten auf die
       Fragen unserer Zeit hat. Wir hatten nicht einmal einen Konsens über die
       Dramatik der Klimakatastrophe. Er ist allen Fragen ausgewichen. Er hat nur
       immer wiederholt: Ja, es ist schlimm, aber stellt euch mal nicht so an, wir
       machen ja schon was.
       
       taz: Auf das Gespräch folgte die Protestphase der Straßenblockaden. In der
       Klimabewegung haben damals viele befürchtet, dass die Aktionen die
       Mehrheiten für den Klimaschutz gefährden, weil sie vor allem gegen Menschen
       im Berufsverkehr gerichtet waren. Stimmt das – haben die Straßenblockaden
       Ihrem Anliegen geschadet? 
       
       Hinrichs: Ich finde es ehrlich gesagt erschreckend, dass Sie diese Frage
       stellen. Den Backlash in der Klimapolitik auf die Aktivist:innen zu münzen,
       die alles dagegen getan haben, ist krass gefährlich. Es entlastet Menschen
       wie die aktuelle Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, die jede Form von
       Energiewende zurückdreht.
       
       taz: Das Argument lautet, dass die Straßenblockaden der politischen Rechten
       einen Vorwand geliefert haben, den Backlash voranzutreiben. 
       
       Hinrichs: Ich finde es wichtig, Menschen zuzugestehen, dass sie Dinge
       differenzieren können. Es gibt eine schöne Studie vom Wissenschaftszentrum
       Berlin, die gezeigt hat, dass die Zustimmung zu klimafreundlicherer Politik
       auch bei Menschen, die uns gehasst haben, nicht zurückgegangen ist. Wir
       haben nur den Finger in die Wunde gelegt und gezeigt, dass wir in einer
       Situation leben, die zwar friedlich scheint, aber nicht friedlich ist. Das
       hat sich in dem extremen Konflikt ausgedrückt, der um ein bisschen Stau
       entbrannt ist.
       
       taz: Was glauben Sie, warum haben die Straßenblockaden viele Menschen so
       aufgeregt? 
       
       Hinrichs: Das verstehe ich selbst noch nicht ganz. Was es gibt, das ist
       eine von der fossilen Industrie gepushte Erzählung, dass die Klimakrise ein
       Problem individuellen Verhaltens ist. Vielleicht hat das dazu geführt, dass
       sich die Menschen von den Straßenblockaden angesprochen gefühlt haben und
       dachten, sie seien schuld. Das triggert natürlich eine Gegenreaktion.
       
       taz: War das nicht auch Sinn der Aktionen, auf die fossile Basis des
       Alltags aufmerksam zu machen? 
       
       Hinrichs: Wir wollten den Alltag unterbrechen, ja, aber um auf das Versagen
       der Politik in der Klimakrise aufmerksam zu machen, um alle wachzurütteln.
       Was ich schmerzhaft zu sehen fand, war, unter was für einem extremen Stress
       die Menschen im kapitalistischen System stehen. Dass ein Handwerker
       wirklich aus seinem Auto aussteigt und bereit ist, eine junge Frau von der
       Straße zu prügeln, weil er Angst hat, zu spät zur Arbeit zu kommen – das
       zeigt ein enormes Gewaltpotenzial in der Gesellschaft. Oft bleibt diese
       Gewalt hinter verschlossene Türen verbannt. Aber sie findet statt und ist
       Zeugnis eines Systems, in dem es uns nicht gut geht. Indem wir uns in dem
       Alltag in den Weg gestellt haben, ist das zum Vorschein gekommen.
       
       taz: Der Höhepunkt der Krise war, als in Berlin eine Radfahrerin von einem
       Betonmischer überfahren wurde – und es von der Feuerwehr zunächst hieß,
       eine Straßenblockade habe die Ankunft des Rettungswagens verzögert.
       Hinterher hat die Staatsanwaltschaft erklärt, das habe nicht gestimmt. 
       
       Hinrichs: Wir haben daraus gelernt, dass wir uns nicht darauf verlassen
       können, dass die Qualitätsmedien ihrem Anspruch als vierte Gewalt wirklich
       gerecht werden. Alle, auch die taz, sind damals auf diese einfache
       Geschichte des Skandals aufgesprungen. Kein Medium hatte
       Hintergrundinformationen, was wirklich passiert war. In kaum einem Text kam
       unser Sicherheitskonzept für Rettungsgassen vor oder wie viele
       Radfahrer:innen jährlich auf Berlins Straßen sterben, weil die
       Verkehrssituation so gefährlich ist.
       
       taz: Die taz hat über das Sicherheitskonzept und die Zweifel an der
       Darstellung der Feuerwehr berichtet. 
       
       Hinrichs: Mehrere Tage nach dem Unfall hat die taz einen Text mit den
       Worten [4][„Nach Hirntod von Radfahrerin – Klimaproteste sollen
       weitergehen“] betitelt. Das Vertrauen in staatliche Stellen ist bei Medien
       scheinbar so groß, dass man einfach unhinterfragt Dinge übernimmt. Bis dann
       zum Glück ein Journalist, Ronen Steinke, sich so tief eingegraben hat, dass
       er an diesen Bericht der Notärztin gekommen ist und die Dinge geradegerückt
       hat. Selbst danach haben viele die Geschichte noch weiterverbreitet.
       
       taz: Was hat das für Sie persönlich bedeutet? 
       
       Hinrichs: Für mich persönlich ist das tragisch, weil da jetzt dieser
       Stempel ist: „Mörderin“. Das wäscht sich nicht so leicht wieder ab. Es gibt
       immer noch Menschen, die nach Vorträgen zu mir kommen und mich fragen: „Was
       sagen Sie dazu, dass ihr diese Frau umgebracht habt?“
       
       taz: Im Zuge der Straßenblockaden waren Sie auch im Gefängnis, in
       Präventivhaft. Das heißt: ohne Anklage, weil die Polizei Sie davon abhalten
       wollte, weitere Blockaden zu machen. 
       
       Hinrichs: Das war natürlich total beängstigend: mit Handschellen in einen
       Polizeitransporter geladen zu werden, und du weißt nicht, wohin es geht.
       Und dann sperren sie dich in eine kotzgelbe Zelle und du weißt nicht, wann
       du wieder rausgelassen wirst. Viele meiner Freunde wurden erniedrigt,
       mussten sich splitterfasernackt ausziehen, waren über Stunden nur in
       Unterwäsche. Anderen wurden Schmerzen zugefügt, weil sie nicht freiwillig
       mitgelaufen sind. Polizist:innen haben sich über mich lustig gemacht, mir
       mit ekeligen sexistischen Kommentaren Angst gemacht. Dabei ist Erniedrigung
       ganz klar das Ziel, nicht die Ausnahme. Was für mich aber am prägendsten
       war, ist, dass das die ganze Zeit passiert.
       
       taz: Was meinen Sie? 
       
       Hinrichs: Die ganze Zeit sperrt der Staat Menschen ein: weil sie betrunken
       auf der Straße sind, im psychischen Ausnahmezustand, nicht klarkommen.
       Einmal saß in der Zelle neben mir eine Person, die der deutschen Sprache
       nicht mächtig war und der es offensichtlich nicht gut ging. Wie dieser
       Mensch behandelt worden ist! Da lernt man: Der Staat kann nicht mit seinen
       Problemen umgehen, weder mit uns, noch mit anderen. Er setzt auf
       Unterdrückung und Einsperren, um eine gewisse Form von Scheinordnung
       beizubehalten.
       
       taz: Sind es all diese Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass sich die
       Letzte Generation im Januar 2025 aufgelöst hat? 
       
       Hinrichs: Die Letzte Generation war ein großer Versuch, dem System den
       Gehorsam zu entziehen, auf dem alles beruht. Die Politiker:innen, die im
       Bundestag sitzen, sind ja nur so mächtig, weil sie unsere passive
       Unterstützung haben. Dagegen den Ungehorsam zu stellen, wird auch in
       Zukunft unsere Aufgabe sein. Die Demokratie muss demokratischer werden.
       Diesen Prozess anzustoßen, das sehe ich als die Aufgabe von sozialen
       Bewegungen.
       
       taz: Die Nachfolgeorganisation Neue Generation setzt dafür auf
       Gesellschaftsräte. Wie können diese helfen? 
       
       Hinrichs: Ich bin davon überzeugt, dass wir ein System schaffen können, das
       wesentlich demokratischer ist. Ich halte das Einführen von
       Gesellschaftsräten als neue Instanz in der bisherigen parlamentarischen
       Demokratie für sinnvoll. Gleichzeitig ist es unwahrscheinlich, dass das
       System diese Räte selbst schaffen wird. Also ist es unsere Aufgabe, etwas
       aufzubauen, was es uns auch in den Krisen der Zukunft erlaubt,
       demokratische Entscheidungen zu treffen.
       
       taz: Wie sollte das aussehen? 
       
       Hinrichs: Wenn die nächste Hitzewelle unsere Stadt trifft und die
       Notaufnahmen überlastet sind, müssen wir uns als Nachbar:innen
       organisieren. Wir müssen lernen, mit knapper werdenden Ressourcen
       umzugehen, ohne in das Recht des Stärkeren zurückzufallen, wie es etwa die
       Faschist:innen propagieren.
       
       taz: Sie bereiten sich auf den Kollaps vor. 
       
       Hinrichs: Ich gehe fest davon aus, dass es innerhalb meiner Lebenszeit zu
       einem Moment kommt, wo das System komplett infrage gestellt wird. In der
       Wissenschaft spricht man von Bruchmomenten. Der Staat wird sein
       Schutzversprechen nicht halten, das hat die Klimakrise gezeigt. Die Macht
       liegt dann in gewisser Weise einfach auf der Straße. Wir bereiten uns nicht
       auf einen solchen Moment vor, indem wir Nudeln im Keller haben, sondern
       wollen lernen, etwas fundamental Demokratisches aufzubauen. Das ist die
       Vorbereitung auf eine friedliche Revolution, die von einem externen
       Ereignis getriggert werden kann – aber Strukturen braucht, bis sie
       überhaupt funktionieren kann.
       
       taz: Was bedeutet das für Sie, Revolution? 
       
       Hinrichs: Dass sich ganz viele Dinge, die sich immer wie in Stein gemeißelt
       angefühlt haben, schnell verändern. Friedliche Revolution bedeutet, dass
       dieser Prozess nicht auf Gewalt basiert, sondern so friedlich wie möglich
       abläuft – und in einer wahrhaftig demokratischen, gleichberechtigten,
       gerechten Ordnung endet.
       
       taz: Mal ehrlich: Für wie realistisch halten Sie das? 
       
       Hinrichs: Wenn ich morgens auf meinem Handy Nachrichten lese, kommt mir das
       extrem unwahrscheinlich vor. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es innerhalb
       meiner Lebenszeit richtig beschissen und düster wird. Und gleichzeitig habe
       ich in meinem eigenen Leben immer wieder gemerkt, dass es einen Punkt gibt,
       an dem die Menschen sagen: Nein, das geht mir jetzt einfach zu weit. Und
       dann kann das System auch ins Positive kippen. Revolution wird immer als
       etwas so Großes beschrieben, viele haben auch Angst davor. Aber wir hatten
       eine friedliche Revolution in Deutschland. Das kann wieder passieren.
       
       taz: Wenn Sie zurückblicken, auch auf Polizei, Gewalt, Knast, Anklage: Sind
       Sie zufrieden damit, wie Sie Ihr Leben bisher gelebt haben? 
       
       Hinrichs: Ja. Ich mag meine Entscheidungen. Ich muss jeden Tag mit den
       Konsequenzen meiner Entscheidungen umgehen. Aber ich weiß auch, dass ich
       mich wahrscheinlich in jeder anderen Position sehr unglücklich und
       wahrscheinlich auch sehr ohnmächtig fühlen würde.
       
       6 Apr 2026
       
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