# taz.de -- Pläne der Neuen Generation: Die Revolution kommt, gewiss
       
       > Die Letzte Generation wollte mit radikalen Methoden brave Forderungen
       > erkämpfen. Die Neue Generation ruft jetzt zu „Revolution Days“ auf.
       
 (IMG) Bild: Henning Jeschke und Lina Eichler von der Protestbewegung Neue Generation Ende März in Berlin
       
       Wie ein Revolutionär sieht Henning Jeschke eigentlich gar nicht aus. Mit
       seinem Wollpulli und seinen zerzausten Haaren kann man ihn sich eher in
       einem Antiquariat vorstellen oder in einer Bibliothek. Der 26-Jährige ist
       ein Mensch von leisem Schlag, der seine Worte mit Bedacht wählt. Wenn er
       aber über die Klimakatastrophe spricht oder über seinen Aktivismus, dann
       findet sich in seiner Stimme plötzlich eine Bestimmtheit, die fast
       einschüchternd sein kann. „Was wir wollen, das ist, den Begriff der
       Revolution wieder positiv zu besetzen“, sagt Jeschke dann etwa.
       
       Dass Jeschke das R-Wort inzwischen so leicht über die Lippen geht, ist
       alles andere als selbstverständlich. Lange haben er und seine
       Mitstreiter:innen von der inzwischen aufgelösten Klimagruppe Letzte
       Generation jeden Anschein grundlegender Veränderungsabsicht vermieden.
       
       Ja, die Letzte Generation hat in ihrer Hochphase mit ihren Straßenblockaden
       das halbe Land gegen sich aufgebracht, mit Blick auf Aktionsformen konnte
       man ihr noch nie mangelnde Radikalität vorwerfen. Aber ihre Ziele wie das
       Essen-Retten-Gesetz oder ein Tempolimit auf Autobahnen waren fast schon
       spießig. In linken Kreisen wurde das lange belächelt.
       
       Inzwischen schlägt die Neue Generation – eine der Nachfolgegruppen – andere
       Töne an. Für das Wochenende ab dem 17. April rufen sie in Berlin zu ihren
       dritten „[1][Revolution Days]“ auf. Geplant ist ein Online-Diskussionsforum
       namens „Parlament der Menschen“ zur Gefahr des Faschismus. In der
       darauffolgenden Woche soll der Protest gemeinschaftlich ins
       Regierungsviertel getragen werden, um die „demokratiezersetzende Allianz
       aus Rechten und Reichen herauszufordern“, sagt Jeschke. Im Klartext: Mit
       Störaktionen ist zu rechnen.
       
       ## Das R-Wort mit Leben füllen
       
       Aber – ist das schon Revolution? Beim Tee in den Räumen des mit der Gruppe
       befreundeten Jaja Verlags in Berlin-Neukölln sitzt neben Jeschke auch Lina
       Eichler, ebenso Letzte-Generations-Veteranin. Dass innerhalb der
       parlamentarischen Demokratie und dem Kapitalismus das Ruder noch
       rumgerissen werden kann, glaube sie inzwischen gar nicht mehr, sagt sie.
       Stattdessen hofft Eichler auf den Systemkollaps.
       
       „Es ist wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahren einen Moment des
       Bruchs geben wird“, sagt sie. Das könne eine Finanzkrise sein oder der
       ökologische Kollaps, jedenfalls aber eine Situation, in der sich ganz
       schnell ganz viel verändert. Es seien solche Momente, auf die man setzen
       müsse. „Das können revolutionäre Situationen sein. Darauf wollen wir uns
       vorbereiten“, sagt Eichler. Und klingt plötzlich wie ein trotzkistischer
       Kader einer kommunistischen Kleinstgruppe.
       
       Wer verstehen will, wie sich die eigentlich so bürgerlichen
       Klimaaktivist:innen in ihren orangefarbenen Warnwesten verändert
       haben, muss sich vor Augen führen, was Aktivist:innen wie Jeschke und
       Eichler in den vergangenen Jahren erlebt haben. Die beiden waren zwei der
       sieben Aktivist:innen, die 2021 zum Auftakt der Letzten Generation in einen
       Hungerstreik getreten waren. Das ziemlich bescheidende Ziel war: ein
       Gespräch mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz.
       
       Schnell aber wurde klar, dass sich die Politik nicht von
       Klimaaktivist:innen und deren unerhörtem Ziel eines gesunden Planeten
       „erpressen“ lassen würde. Scholz verweigerte das Gespräch. Erst als Jeschke
       schon in einen Durststreik getreten war, der ihn an den Rand des Todes
       brachte, lenkte Scholz ein – um dann doch nur Plattitüden von sich zu
       geben.
       
       Als Reaktion kündigten die Aktivist:innen eine großangelegte
       Blockadekampagne an, um die Politik zur Erfüllung von Minimalforderungen zu
       bringen, wie dem schon erwähnten Tempolimit. Was folgte, waren
       RAF-Vergleiche, Razzien in den Wohnungen der Aktivist:innen, Hetze in der
       Springer-Presse.
       
       Der Staat blies zum Kampf gegen die Letzte Generation. Mit Schmerzgriffen
       wandte die Polizei systematisch Gewalt an und nahm die Aktivist:innen
       ohne Gerichtsverfahren in Präventivhaft. Jeschke wird aktuell [2][am
       Landgericht Potsdam der Prozess] wegen des Vorwurfs gemacht, er sei
       „Rädelsführer einer kriminellen Vereinigung“.
       
       ## „Das System hat sich als unbelehrbar erwiesen“
       
       „Die Letzte Generation hat uns vor Augen geführt, wie kaputt alles ist.
       Also nicht nur ökologisch bedrohlich, sondern systemisch kaputt“, sagt
       Jeschke. Für ihn und die anderen Aktivist:innen der Letzten Generation
       war 2024 klar: Mit der bisherigen Strategie geht es nicht weiter. „Das
       System hat sich als unbelehrbar erwiesen“, sagt Eichler.
       
       Die Neue Generation sieht ihren Fokus seither nicht mehr in der Klima-,
       sondern in der Demokratiefrage. Der Tenor: Die parlamentarische Demokratie
       wurde von der „[3][Merz-Mafia]“ und einer „Allianz aus Rechten und Reichen“
       korrumpiert. Dieser Einfluss sei es, der eine sinnvolle Klimapolitik
       verhindere – weshalb eine neue Form der Demokratie nötig sei, für die es
       eben eine „friedliche Revolution“ brauche.
       
       Dabei setzen die Aktivist:innen [4][auf ausgeloste
       Bürger:innenräte]. In der Demokratietheorie wird dieses Konzept seit
       Jahren diskutiert. Diverse Forscher:innen und zunehmend auch
       Aktivist:innen sehen im Losverfahren großes Potenzial. Tatsächlich
       zeigen Studien, dass ausgeloste Bürger:innen, die mit Zeit und
       Informationen ausgestattet werden, teilweise mutiger und progressiver
       entscheiden als die lobbybeeinflussten Politiker:innen, die sich in einem
       brutalen Medienumfeld behaupten müssen.
       
       In Realität gehören die Bürger:innenräte allerdings zum überhaupt
       nicht revolutionären Standardrepertoire der politischen
       Beteiligungsformate. Auch Jeschke sagt: „Wir haben uns mal alle ausgelosten
       Bürger:innenräte angeguckt, die es in den letzten Jahren zum Thema
       Klima gab, und festgestellt: Die Ergebnisse kaum eines Rats wurden in die
       Gesetze übernommen.“ Mit dem „Parlament der Menschen“ will die Gruppe
       deshalb einen Rat aufbauen, der auch gegen das bestehende parlamentarische
       System Wirkmacht entfalten kann.
       
       Der Plan: Mit öffentlichkeitswirksamen Protesten und einer großangelegten
       Haustürkampagne wollen sie immer bekannter werden. Perspektivisch soll so
       eine Datenbank entstehen, aus der in einem nach Kategorien wie Geschlecht,
       Migrationshintergrund oder Einkommen quotierten Losverfahren ein
       repräsentatives Abbild der deutschen Bevölkerung entsteht. Dieses Parlament
       soll nach Jeschke dann als Gegenmodell zum Wahlparlament in Erscheinung
       treten. „Wir wollen immer wieder fragen: Was ist eigentlich legitimer – das
       Parlament des Geldes oder unser Parlament der Menschen?“, sagt er.
       
       ## Skeptiker sieht neuen Selbstbetrug
       
       Nicht alle in der Klimabewegung überzeugt das. Ein Skeptiker ist Tadzio
       Müller. Der langjährige Aktivist ist ein Vordenker der sogenannten
       Kollapsbewegung, einer Strömung, die den Kampf für eine bessere
       Klimapolitik ebenfalls als verloren ansieht – und die sich deshalb auf die
       kommenden Krisen vorbereiten will. Das tun die Kollapsianer:innen, indem
       sie sich etwa technisches Know-how aneignen oder in Vorbereitung auf rechte
       Landgewinne Kampfsport trainieren.
       
       Müller stört sich am Revolutionsbegriff der Gruppe. Das Motto der
       Revolution Days – „Aufbauen, Einmischen, Gemeinschaft“ – verweise doch auf
       „keine fundamentale Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse“, sagt
       er. Gut sei, dass die Bewegung verstanden habe, dass auf die Politik nicht
       mehr zu zählen sei.
       
       „Aber wenn die Neue Generation jetzt sagt, dass es nur etwas Organisierung
       brauche, und dann erheben sich die Massen, stürzt sie sich doch gleich in
       den nächsten Selbstbetrug“, warnt Müller. Dass Bürger:innenräte auch
       produktiv sein können, glaubt Müller trotzdem: „Wenn es darum geht,
       Nachbarschaften zusammenzubringen, damit wir uns beraten können, was wir im
       nächsten Hitzesommer gemeinsam machen können – dann ist das eine sinnvolle
       Form der solidarischen Katastrophenvorsorge.“
       
       „Natürlich sind wir derzeit als Gruppe noch am Wachsen“, gibt auch Eichler
       zu. Für sie sind die Revolution Days aber ein Anfang. Denn „Revolution zu
       machen, muss man auch lernen und sich vorstellen können“, sagt sie. Es gehe
       bei den anstehenden Protesten darum, gemeinsam im Regierungsviertel
       erfahrbar zu machen, wie sich der friedliche Aufstand anfühlen kann. „Es
       kann gut sein, dass unser Revolutionsversuch scheitert“, sagt sie. Und
       kündigt an: „Aber wir werden sie immer wieder versuchen.“
       
       11 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://neuegeneration.com/revodays/
 (DIR) [2] /Prozess-gegen-Klimaaktivistinnen/!6152562
 (DIR) [3] /Blockaden-gegen-die-Merz-Mafia/!6156775
 (DIR) [4] /Neuausrichtung-des-Aktivismus/!6091019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Zukunft
 (DIR) Neue Generation
 (DIR) Schwerpunkt Klimaproteste
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Aktivismus
 (DIR) GNS
 (DIR) wochentaz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Klimaaktivistin über Letzte Generation: „Der Staat wird von Rechten und Reichen korrumpiert“
       
       Carla Hinrichs resümiert ihre Zeit bei der Letzten Generation. Ein Gespräch
       über Repression und das Gefühl, als Mörderin abgestempelt zu werden.
       
 (DIR) Disziplinarverfahren wegen Aktivismus: Aktiver als die Polizei erlaubt
       
       Chiara Malz ist Bundespolizistin und war bei der Letzten Generation. Nun
       werden ihr die Bezüge gekürzt. Ihr Anwalt Gregor Gysi hält das für
       überzogen.
       
 (DIR) Neuausrichtung des Aktivismus: Parlament im Kuppelzelt
       
       Die ehemalige Letzte Generation will sich neu erfinden und organisiert
       statt Straßenblockaden nun Bürgerräte. Kann das erfolgreich sein?