# taz.de -- Protestforscherin über Politguppen: „Schauen, wer durch Geborgenheit ausgeschlossen wird“
> Politische Gruppen können als Experimentierfeld für die gesamte
> Gesellschaft dienen, sagt die Flensburger Protestforscherin Clara Tempel.
(IMG) Bild: Gemütliche Geborgenheit im Anti-Atom-Dorf 1980 bei Gorleben im Wendland. Knapp einen Monat später räumte die Polizei das Dorf
taz: Frau Tempel, Politik und Geborgenheit haben auf den ersten Blick nur
wenig miteinander zu tun. Wie bringen Sie die beiden zusammen?
Clara Tempel: Geborgenheit wird eher im Privaten verortet. Aber ich habe
mich gefragt, ob Geborgenheit nicht auch im politischen Raum stattfinden
kann. Können sich Menschen angesichts der heutigen Situation in Bezug auf
die Klimakrise, Kriegsgefahr oder den Rechtsruck überhaupt noch geborgen
fühlen? Und was können wir politisch dafür tun, dass mehr Menschen sich
geborgen fühlen können? Weil ich selber als politische Aktivistin in vielen
sozialen Bewegungen unterwegs bin, habe ich mir auch angeschaut, wie es in
politischen Gruppen mit der Geborgenheit aussieht.
taz: Dann ist dies also auch ein autobiografischer Text?
Tempel: Ja. Ich bin schon als Kind Aktivistin gewesen, [1][weil ich im
Wendland aufgewachsen bin], durch das eine Zeit lang jedes Jahr die
Atomtransporte nach Gorleben gekommen sind. Dadurch wurde ich schon sehr
früh politisiert und bin in den Widerstand hineingewachsen. Und so erzähle
ich viele Geschichten aus meiner Aktivismus-Biografie.
taz: Im Wendland gab es einen langen und erfolgreichen Widerstand. Können
Sie deshalb Ihr Buch aus der Perspektive einer Gewinnerin schreiben?
Tempel: An diesem Beispiel hat sich gezeigt, dass eine Widerstandsbewegung
radikal gegen etwas wie die Atomtechnologie sein kann – aber dort auch
Alternativen vorgelebt werden können.
taz: Ist es ein linkes Wohlfühlbuch geworden?
Tempel: Nein, denn ich bin auch Protest- und Bewegungsforscherin. Das habe
ich studiert und ich schaue auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive
auf das Thema.
taz: Was hat Sie auf dieser Ebene an dem Thema interessiert?
Tempel: Ich habe zum Beispiel untersucht, ob die Gruppen, in denen wir
politisch arbeiten, ein Vorbild für die Gesamtgesellschaft sein könnten.
Wir können sie ja auch als Räume ausprobieren, in denen wir schauen, was
Menschen brauchen, um sich geborgen zu fühlen. Die Frage ist: Wie sollte
unsere Gesellschaft gestaltet sein, damit möglichst viele Menschen sich
darin zu Hause fühlen können?
taz: Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?
Tempel: Bei meiner Recherche und vielen Gesprächen habe ich gemerkt, dass
dies ein ganz zentrales Konzept ist. Für viele Menschen ist es wichtig,
[2][Geborgenheit in ihrem Leben zu erfahren]. Wenn wir uns zum Beispiel den
Rechtsruck anschauen, dann ist es ja so, dass in vielen strukturschwachen
Gebieten Jugendliche nach Zugehörigkeit und dem Gefühl von Aufgehobensein
suchen. Und dort können darum rechte Gruppen auch mit diesem Versprechen
von Geborgenheit so erfolgreich sein.
taz: In Hitlerdeutschland fühlte sich die große Mehrheit der Menschen
zumindest in den 1930er Jahren geborgen. Kann dies also auch ein
gefährlicher Weg sein?
Tempel: Ja, denn es ist ein sehr mächtiger Mechanismus, wenn gesagt wird:
Wir sind eins und bauen uns eine Gesellschaft auf, in der wir uns zu Hause
fühlen können. Sonst aber niemand. Denn bei der Geborgenheit gibt es ja
auch immer ein Innen und ein Außen. Darum müssen wir darauf achten, dass
Geborgenheit nicht zur Rechtfertigung dazu wird, Grenzen zu ziehen. Wir
sollten also die Geborgenheit nicht unkritisch anstreben, sondern
stattdessen schauen, wer durch sie aus- oder eingeschlossen wird.
23 Feb 2026
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