# taz.de -- Neue Weltordnung: Die Linke muss jetzt um die Zukunft der EU kämpfen
> Es braucht eine sozial gerechte und klimaneutrale Kreislaufwirtschaft.
> Eine Schrumpfung der europäischen Volkswirtschaft wird dabei nicht
> ausbleiben.
(IMG) Bild: Sollte die Zügel in die Hand nehmen für den Richtungswandel: EU-Parlamentarier Martin Schirdewan
Spätestens seit der Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Münchner
Sicherheitskonferenz hat sich gezeigt, dass es der deutschen Politik
endlich dämmert: [1][Die USA sind zu einer gegnerischen Macht geworden].
Trump verfolgt – ebenso wie Putin – das Ziel, die EU zu zerschlagen.
Deshalb stört man sich in Washington nicht daran, an den Nato-Verbündeten
Dänemark Gebietsansprüche zu stellen oder europäische Regierungen mittels
rechtsradikaler Parteien zu destabilisieren oder die Klimapolitik der EU
zusammen mit anderen Gaslieferanten anzugreifen.
Am Gedanken, dass die USA und die EU in weltpolitischen Fragen prinzipiell
übereinstimmen, hatte es seit geraumer Zeit Zweifel gegeben. Dass man sich
auf die USA als Garant einer regelbasierten Weltordnung nicht
uneingeschränkt verlassen kann, zeigte sich schon im Irakkrieg 2003. Damals
hatte die US-Regierung manipulierte Informationen vorgelegt, um den
[2][Krieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein] zu rechtfertigen.
Die rot-grüne Bundesregierung war von der angeblichen Existenz irakischer
Massenvernichtungswaffen nicht überzeugt und hatte – gemeinsam mit der
damaligen französischen Regierung – eine Beteiligung am Krieg abgelehnt.
Zweifel daran, dass der US-Hegemon eine regelbasierte Weltordnung
akzeptiert, gab es schon vorher. Dies zeigte sich, als sich die USA Ende
der 1990er Jahre weigerten, das Rom-Statut für die Einrichtung des
Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag zu unterstützen.
Die alte Weltordnung mit den USA als Hegemon war nicht ideal, aber nur
mithilfe der USA gelang es, die Feindschaft zwischen Frankreich und
(West-)Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu überwinden. Die Nato
war nie nur ein Bündnis gegen die Sowjetunion, sondern auch ein Instrument,
um einen aggressiven deutschen Militarismus ein für allemal zu verbannen.
## Die EU zu einem linken Projekt machen
Zur traurigen Wahrheit gehört auch, dass Europa in den 1990er Jahren die
[3][Kriege in Ex-Jugoslawien] nicht beenden konnte. Erst das Angreifen der
USA setzte dem aggressiven Nationalismus der serbischen Führung ein Ende.
Nach der gescheiterten US-Intervention in Somalia, dem Versagen Frankreichs
und der Vereinten Nationen, den [4][Völkermord in Ruanda] zu verhindern und
der zögerlichen Beendigung der Kriege in Ex-Jugoslawien, gelang es dann,
das Völkerrecht institutionell weiterzuentwickeln.
Mit dem Konzept des Responsibility to Protect wollte die Weltgemeinschaft
künftig [5][bei schweren Menschenrechtsverletzungen nicht tatenlos
zusehen]. Hoffnung darauf, dass schwerstes Unrecht künftig nicht straflos
bleiben würde, gaben Ende der 1990er Jahre die Verfahren des
Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien und für
Ruanda sowie die weiteren Verfahren seit 2002 etwa zu den Verbrechen im
Kongo. Auch die jüngsten Haftbefehle gegen Wladimir Putin und [6][Benjamin
Netanjahu] reihen sich in diese Weiterentwicklung des Völkerrechts ein.
Jetzt sind wir in einer ganz anderen Welt. Eine verteidigungsfähige EU –
und dazu gehört der Aufbau einer europäischen Armee – wird nicht
ausreichen, um den Traum von einer besseren Welt für alle zu erreichen.
Dafür braucht es im Innern der EU den Willen zu einer gemeinsamen
Wirtschaftspolitik, die die große Ungleichheit in und zwischen den
Mitgliedstaaten überwindet, die die inneren und äußeren Feinde gegen die
europäische Integration genauso wie gegen Migrant:innen wenden.
Die EU steht vor einer Aufgabe, die mit den Kriegsanstrengungen der USA und
Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg vergleichbar ist. Es geht um den
schnellen Umbau der Wirtschaft in eine sozial gerechte und klimaneutrale
[7][Kreislaufwirtschaft]. Dabei kommen wir um eine Schrumpfung der
europäischen Volkswirtschaft nicht herum, wenn wir den Schutz des globalen
Klimas und der Biodiversität ernst nehmen.
## Die Weltpolitik in die eigenen Hände nehmen
Lange war der gleichzeitige Ausbau des Wohlfahrtstaates und das private
Eigentum an den Produktionsmitteln kein Problem. Angesichts der
Notwendigkeit einer grundlegenden Transformation ist nun eine staatliche
Planung notwendig. An die Stelle der sozialen Marktwirtschaft muss eine
soziale und grüne Planwirtschaft treten. Das wird so oder so der Fall sein,
denn wenn die Ressourcen wegen der Erderwärmung knapp werden, wird der
Staat den Zugang zu Wasser und Boden wieder regeln müssen.
Was muss die Linke tun, um diesen Umbau der Wirtschaft der EU zu erreichen?
Was kann sie den Rechten und Rechtsradikalen entgegensetzen? Mut machen
Bürgerinitiativen, wie die Berliner Initiative Deutsche Wohnen & Co
enteignen, der Hamburger Klimaentscheid oder die französische Initiative
gegen die Wiederzulassung gefährlicher Pestizide sowie
Bürger:innenräte wie in Frankreich, wo Klimaräte weitreichende
Reformvorschläge vorgelegt haben, die die Regierung von Emmanuel Macron zu
ignorieren versucht. Diese Beispiele strafen die herrschende Erzählung
Lügen, wonach die Menschen reformmüde seien.
Die Bremse sind nicht die Bürger:innen, auch wenn viele Menschen in den
ländlichen Räumen von den Lügen der rechten und rechtsradikalen
Politiker:innen gegen jeden ökologischen Umbau aufgehetzt werden. Die
Demokratie selbst ist zur Bremse geworden. Was das bedeutet? Unter dem
Eindruck des Vormarschs der Rechten und Rechtsradikalen haben sich
Sozialdemokrat:innen und Grüne auf die Verteidigung der Demokratie
in Europa zurückgezogen, anstatt über ein besseres Leben für die Menschen
und den Planeten zu streiten.
Und Linkssozialist:innen und Kommunist:innen, ob in Deutschland oder
Frankreich, fremdeln weiter mit der EU, die sie abwechselnd als Ort von
Marktradikalität und Militarismus brandmarken. Nach Putins Angriffskrieg
und Trumps geopolitischen Ambitionen sollte auch der Linken klar sein, dass
Nationalstaaten für die Suche nach einer besseren Welt nicht mehr genügen
und unsere Zukunft von einer demokratischen Neugründung der EU und ihrer
Ambition, selbst Weltpolitik für Frieden und Menschenrechte zu machen,
abhängt.
15 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Armin Osmanovic
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