# taz.de -- Postkolonialer Feminsmus: Rettet euch lieber selber!
> Der Westen gibt sich gern emanzipatorisch, agiert aber imperialistisch –
> zuletzt in Iran. Das kann sich nur ändern, wenn weiße Feminist:innen
> koloniale Strukturen radikal hinterfragen.
(IMG) Bild: Zwei Frauen vor dem durch einen US-Israelischen Luftangriff zerstörten Gandhi Krankenhaus im Norden Teherans am 2. März 2026
Lange dominierte im Feminismus das Paradigma der „globalen
Schwesternschaft“. Der Gedanke: Die feministische Bewegung müsse universell
sein, um das ebenfalls universelle Patriarchat zu stürzen. Ihren Ursprung
hatte diese Idee in weißen feministischen Bewegungen des Globalen Nordens.
Doch durch den Anspruch der Universalität machte die „globale
Schwesternschaft“ wichtige Unterschiede entlang von Kategorien wie Race und
Class unsichtbar. Intersektionales Denken zeigt heute auf, wie sich
Sexismus, Heteropatriarchat, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und
Transphobie gegenseitig bedingen, während Kapitalismus und Neokolonialismus
weiterhin große Teile der Weltbevölkerung arm und entrechtet halten. In den
Mittelpunkt rückte deshalb die Frage: „Welche Unterschiede machen wirklich
einen Unterschied?“
Feminist:innen beantworten diese Frage unterschiedlich. Befürworter:innen
des transnationalen Feminismus betonen, dass Frauen aus dem Globalen Süden
von wachsenden zivilgesellschaftlichen Netzwerken profitieren. Diese, so
die Auffassung, erleichterten die Partizipation an internationalen
Entscheidungsprozessen.
Kritiker:innen hingegen warnen, dass die Verschmelzung lokaler Kämpfe mit
einer globalen Frauenbewegung hegemoniale feministische Agenden verstärken
kann. Denn der vermeintlich universelle Ansatz bringt eine lange Geschichte
von Erklärungsansätzen mit sich, die genderbedingte Ungleichheit primär auf
„kulturelle Praktiken“ zurückführen.
## Wie Alice Schwarzer andere Frauen „retten“ will
Praktiken wie „Zwangsheirat“, „Mitgift“ oder „Ehrenmorde“ werden oft als
Beweis patriarchaler Traditionen in Afrika, Indien oder islamischen
Gesellschaften herangezogen, während westliche Normen als emanzipatorisch
und universell dargestellt werden. Diese Kulturalisierung lenkt von
globalen strukturellen Ungleichheiten ab und legitimiert gleichzeitig
Rettungsnarrative sowie westliche Interventionen. Frauen im Globalen Süden
werden häufig als hilflose Opfer konstruiert, während westliche
Feminist:innen Solidarität „austeilen“.
Aus postkolonialer Perspektive entsteht dadurch eine ungleiche Dynamik
zwischen „Geber:innen“ und „Empfänger:innen“ von Solidarität – ein Relikt
historischer Gewalt und ein Hinweis darauf, dass die Dekolonisierung des
Feminismus bisher nur begrenzt erfolgreich ist.
Wie imperialistischer Feminismus aussieht, [1][zeigt Alice Schwarzer]. Sie
geht davon aus, dass es eine gemeinsame Interessenlage aller Frauen
weltweit gibt – unabhängig von Region, Ethnie, Klassenzugehörigkeit oder
Religion. Dieses universalisierende Denken ignoriert jedoch die
spezifischen Bedingungen bestimmter Frauengruppen. Die Ausbeutung
migrantischer Arbeiterinnen oder die historische Beteiligung weißer Frauen
an Rassismus und kolonialer Unterdrückung Schwarzer Frauen werden
ausgeblendet.
## Im Namen der Frauen wird Rassismus befeuert
Jede Krise hat eine Genderdimension. Patentlösungen für „die Interessen
aller Frauen“ dienen aber oft dazu, westliche Interventionen zu
legitimieren und nicht-westliche Formen der Gendergerechtigkeit
auszublenden.
Im Globalen Norden wird Gewalt oft instrumentalisiert, um Migrant:innen und
postkoloniale Gesellschaften als inhärent frauenfeindlich zu
stigmatisieren. Strategien gegen Gewalt können so unbewusst Rassismus und
Militarisierung verstärken, anstatt lokale Allianzen zu stärken. Bislang
tut sich transnationale feministische Forschung schwer, aus einer geteilten
genderbasierten Verletzlichkeit politische Handlungsmacht für globale
Kämpfe zu entwickeln, ohne koloniale und eurozentrische Impulse zu
reproduzieren.
Nach den Genoziden in Ruanda und Srebrenica entwickelte sich in der UN
Anfang der 2000er die [2][„Responsibility to Protect“-Doktrin]. Mit ihr
sollten Bevölkerungen vor Gewalt geschützt werden. Für die internationale
Gemeinschaft sah sie die Verantwortung vor, diesen Schutz zu gewährleisten
– notfalls auch mit militärischen Interventionen.
## Frauen im Globalen Süden als „stumme Opfer“
Beim Einmarsch der US-Truppen in [3][Afghanistan] zeigte sich, wie die
Doktrin instrumentalisiert wurde. Laura Bush, die damalige First Lady der
USA, verkündete damals im Radio, die USA würden afghanische Schwestern vom
Taliban-Regime befreien, während CNN Bilder afghanischer Frauen beim
Abnehmen der Burka zeigte. Ähnlich legitimiert Trump aktuell die
Bombardierungen des Mullah-Regimes in Iran. Der Krieg wird unter anderem
mit der Emanzipation unterdrückter Frauen gerechtfertigt. Diese Sprache
verschleiert imperialistische Absichten, während die Handlungsfähigkeit der
Frauen vor Ort nicht gestärkt wird.
Frauen aus dem Globalen Süden erscheinen in westlicher Forschung und Medien
oft als stumme Opfer, die die Solidarität von „emanzipierten weißen
Schwestern“ benötigen. Die Realität widerspricht diesen Annahmen: Bei den
US-Präsidentschaftswahlen 2016 und 2024 stimmte trotz sexistischer und
rassistischer Politik über die Hälfte der weißen Frauen für Trump, während
eine deutliche Mehrheit Schwarzer Frauen, Latinas und Women of Color gegen
ihn stimmte. Um die berühmte Aussage der postkolonialen Feministin Gayatri
Spivak zu paraphrasieren: „Es ist die Bürde der braunen Frauen, die weißen
Frauen vor weißen Männern zu retten.“
In den aktuellen geopolitischen Krisen braucht es postkoloniale, queere und
feministische Kämpfe dringender denn je. Feminismus muss in der Praxis aber
solidarischer und inklusiver werden: Lokale Kontexte müssen ernst genommen,
koloniale Machtstrukturen hinterfragt und die Stimmen marginalisierter
Personen in den Mittelpunkt gerückt werden. Nur so lassen sich die
universellen Narrative der westlichen „global sisterhood“ aufbrechen und
ein antiimperialistisches feministisches Projekt vorantreiben.
9 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nikita Dhawan
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