# taz.de -- Die EU und die USA: Scheiden tut weh
       
       > Europa kann nicht ohne die USA – militärisch, wirtschaftlich und
       > politisch. Warum das Streben nach Unabhängigkeit sich trotzdem lohnt.
       
 (IMG) Bild: Geht bügeln! Ein für das Protokoll zuständiger Mitarbeiter der Europäischen Kommission bereitet in Brüssel eine EU-Flagge vor
       
       Die Trump-Regierung betrachtet Europa als Feind, wie in ihrer
       [1][Nationalen Sicherheitsstrategie] klar nachzulesen ist. Doch leider ist
       es unmöglich, sich von den USA zu lösen. Europa ist militärisch, finanziell
       und ökonomisch [2][engstens mit den Vereinigten Staaten verwoben].
       
       Um das zu verstehen, reicht schon ein Blick auf die Börsen: Europäische
       Investoren besitzen US-Aktien im Wert von etwa 10,4 Billionen Dollar. Hinzu
       kommen noch Massen an [3][US-Staatsanleihen], die sich auf weitere 3,635
       Billionen Dollar belaufen. Dieses Geld lässt sich nicht einfach abziehen –
       gerade, weil es so viele Billionen sind. Es gibt keinen Ort auf dieser
       Welt, der solche Finanzmassen absorbieren könnte.
       
       Manche Anleger glauben zwar, sie könnten vom Dollar ins Gold fliehen. Aber
       faktisch kommt es dadurch nur zu einem Kreisverkehr des Geldes. Denn große
       Mengen an Gold stehen nur zur Verfügung, wenn ihre jetzigen Besitzer
       verkaufen – für ebendie Dollar, die die Goldkäufer loswerden wollten. Am
       Ende bleibt die Währung also im System.
       
       Der Dollarkurs ist ziemlich stabil. Zwar hat er im ersten Trump-Jahr knapp
       12 Prozent verloren, allerdings hatte das weniger mit dem erratischen
       US-Präsidenten zu tun. Wichtiger war, dass die US-Notenbank Fed die Zinsen
       dreimal um insgesamt 0,75 Prozentpunkte gesenkt hat, sodass sich
       Geldanlagen in den USA nun weniger lohnen und der Euro attraktiver wird.
       
       ## Für Trump ist klar: Die USA werden bestohlen
       
       Die Finanzmärkte spiegeln wider, dass die USA und Europa aneinander
       gekettet sind. Das gilt auch für den Handel. Wechselseitig sind beide ihre
       jeweils wichtigsten Kunden: In den USA hängen 1,29 Millionen Arbeitsplätze
       am Warenexport nach Europa, eine weitere Million Amerikaner versorgen die
       Europäer mit Bank- und IT-Dienstleistungen. Zudem produzieren viele
       europäische Firmen direkt in den USA – was dort noch einmal 3,4 Millionen
       Jobs schafft.
       
       Diese Statistiken konnten Donald Trump jedoch nicht überzeugen, weil er
       sich auf eine einzige Zahl kapriziert: das Leistungsbilanzdefizit der USA.
       Damit ist das Minus gemeint, wenn man Exporte und Importe gegeneinander
       aufrechnet. 2024 lag es bei 1,13 Billionen Dollar. Für Trump ist damit
       klar, dass die USA „bestohlen“ werden. Schließlich fließen satte 1,13
       Billionen Dollar mehr in die Welt hinaus, als von dort hineinkommen. Was
       Trump bei seiner Pseudo-Analyse ignoriert: Für diese 1,13 Billionen Dollar
       haben die US-Amerikaner eine Menge Waren und Dienstleistungen eingekauft,
       denn dieses Geld wurde ja nicht als Spende im Ausland verteilt. Es gab also
       einen Gegenwert.
       
       Außerdem ist dieses satte Defizit nicht mit der EU entstanden. Dort waren
       die USA 2023 nur mit 38 Milliarden Dollar im Minus. Das ist fast nichts.
       
       Eigentlich müsste Trump begeistert sein, dass die USA jedes Jahr ein großes
       Defizit einfahren dürfen. Denn es bedeutet, dass die Vereinigten Staaten
       permanent über ihre Verhältnisse leben. Sie können ständig mehr
       verbrauchen, als sie selbst produzieren. Dieser Zustand hieß früher
       Schlaraffenland.
       
       Die Amerikaner sind so privilegiert, weil der Dollar die globale
       Leitwährung ist. Jeder will ihn haben – aber nur die USA können ihn
       drucken.
       
       Der Drang zum Dollar hat dabei viele Gesichter. In vielen Ländern
       Südamerikas und Afrikas dient er als faktische Zweitwährung, weil sich die
       Bürger gegen die heimische Inflation absichern wollen. Wie die US-Notenbank
       Fed schätzt, sind etwa 1 Billion Dollar außer Landes unterwegs, um vor Ort
       als Zahlungsmittel zu dienen: Mehr als zwei Drittel aller
       100-Dollar-Scheine zirkulieren nicht in den USA.
       
       ## Nur wer Dollar hat, fühlt sich sicher
       
       Zudem dient der Dollar als globale Recheneinheit. Weltweit stellen
       Exporteure ihre Rechnungen in Dollar aus, auch wenn sie ihre Waren nicht in
       die USA verkaufen, sondern in ein anderes Land. [4][Die USA sind nur an
       etwa 25 Prozent der Handelskontrakte beteiligt] – aber 65 Prozent des
       globalen Warenverkehrs laufen über Dollar.
       
       Nur wer Dollar hat, fühlt sich sicher: Viele Zentralbanken decken sich mit
       US-Staatsanleihen ein, damit sie ihre Währung verteidigen können, falls die
       internationalen Finanzanleger Panik schieben. Selbst eher arme
       Schwellenländer wie Thailand versuchen, einen Exportüberschuss zu erzielen,
       damit sie Dollar horten können.
       
       Eine Alternative ist bisher nicht in Sicht. China ist neuerdings zwar
       ökonomisch so stark wie die USA, aber bekanntlich eine Einparteiendiktatur,
       die kaum Rechtssicherheit gewährt – und deren Finanzsektor nach außen
       abgeschottet ist.
       
       Die USA sind die alleinigen Profiteure: Sie können weltweit auf
       Shopping-Tour gehen. Denn die anderen Länder können die ersehnten Dollar
       nur erwerben, indem sie Waren an die USA verkaufen, aber umgekehrt nichts
       von dort importieren. Das Defizit im Außenhandel lag 2024, wie schon
       erwähnt, bei 1,13 Billionen Dollar, was 3,9 Prozent der Wirtschaftsleistung
       entsprach. Das war mehr, als die USA für ihr Militär ausgeben.
       
       Faktisch bekommen die USA ihr Militär also gratis. Sie können sich ihre
       vielen Soldaten und Waffen leisten, weil sie dafür nicht auf Konsum
       verzichten müssen, sondern frei Haus von der restlichen Welt mit Waren
       beliefert werden. Die Leitwährung Dollar macht die USA zu einer
       militärischen Supermacht.
       
       Diese militärische Überlegenheit nutzt Trump nun aus, um seine Nachbarn und
       Nato-Bündnispartner zu erpressen. Zu seinen Opfern gehört unter anderem
       [5][Kanada], das Trump gern als 51. US-Bundesstaat annektieren würde. Zudem
       droht er ständig neue Zölle an, sobald er sich über Premier Mark Carney
       ärgert. Doch sosehr sich Kanada bemüht: Dem Land gelingt es nicht, sich von
       den USA zu emanzipieren. Das mag ernüchternd sein, doch dieses Scheitern
       ist auch für Europa lehrreich.
       
       ## Kanadas Erfahrungen sind typisch
       
       Unter anderem will Kanada seinen Handel mit China ausweiten. Im Januar
       reiste Carney eigens nach Peking, und die Ergebnisse wurden groß gefeiert.
       Doch tatsächlich sind die Details eher enttäuschend: China darf bis zu
       49.000 Elektroautos nach Kanada liefern und muss dafür nur einen Zoll von
       6,1 Prozent zahlen. Damit würden die Chinesen dann weniger als 3 Prozent
       der kanadischen Neuwagen abdecken. Umgekehrt senken die Chinesen ihren Zoll
       für kanadische Rapssamen von 100 auf etwa 15 Prozent. Besser soll auch der
       Handel mit kanadischen Hummern, Krabben und Erbsen laufen. Insgesamt hofft
       Kanada auf ein Handelsplus von 3 Milliarden kanadischen Dollar.
       
       3 Milliarden Dollar sind nicht zu verachten – aber die kanadische
       Wirtschaftsleistung liegt derzeit bei 3.255 Milliarden kanadischen Dollar.
       Der zusätzliche Handel mit China wird also nur ganze 0,09 Prozent
       ausmachen. Das schafft noch keine ökonomische Unabhängigkeit von den USA.
       
       Die Erfahrungen von Kanada sind typisch. Es ist nicht einfach, den Handel
       mit anderen Weltregionen zu intensivieren. So hat die EU kürzlich ein
       Freihandelsabkommen mit dem [6][Mercosur] unterzeichnet: Aus Südamerika
       sollen nun pro Jahr 99.000 Tonnen Rindfleisch zusätzlich eingeführt werden
       – das sind ganze 0,3 Prozent des europäischen Verzehrs. Umgekehrt sinken
       die Zölle für europäische Autos, Maschinen und Pharmaprodukte, was die
       Exporte nach Südamerika langfristig um 39 Prozent steigern soll. 39 Prozent
       klingen viel, würden aber nur maximal 440.000 neue Arbeitsplätze in der EU
       schaffen. Das sind 0,26 Prozent der derzeitigen Jobs.
       
       Trotzdem ist es richtig, dass sich die EU um möglichst viele Handelspartner
       bemüht. Denn die USA sind ja nicht der einzige Problemfall. Bedenklich ist
       auch die [7][europäische Abhängigkeit von China], vor allem bei seltenen
       Erden, Medikamenten und Computertechnik. Staatschef Xi Jinping lässt keinen
       Zweifel daran, dass er Taiwan annektieren will – notfalls mit Gewalt. Eine
       militärische Eskalation würde aber sofort wichtige Lieferketten
       unterbrechen und Europa in eine tiefe Rezession stürzen: Auf der Meerenge
       zwischen China und Taiwan wird momentan mehr als die Hälfte des globalen
       Containerverkehrs abgewickelt.
       
       Europa hat daher i[8][m Januar ein Freihandelsabkommen mit Indien
       abgeschlossen.] Das Land ist auf dem Weg, zu einem direkten Konkurrenten
       von China aufzusteigen, sodass Europa dann zwischen den Angeboten der
       beiden Länder wählen könnte und nicht mehr von den chinesischen Monopolen
       abhängig wäre.
       
       ## Ein Vereintes Europa liegt in weiter Ferne
       
       Wenn Europa unabhängiger von den USA oder China werden will, reicht es
       allerdings nicht, sich nur auf den globalen Handel und die Finanzströme zu
       konzentrieren. Wichtiger ist die Frage: Was macht die USA eigentlich so
       unwiderstehlich, dass der Dollar die globale Leitwährung ist? Die Antwort
       ist banal, für Europa aber nicht leicht zu kopieren: Die USA sind ein
       einheitlicher Markt, mit einheitlicher Rechtsprechung und Politik.
       
       Wenn sich die Europäer tatsächlich emanzipieren wollen, müssten sie zu
       einem Vereinten Europa werden und verstehen, dass nationalistische
       Alleingänge nur noch beim Schützenfest erlaubt sind. So wie es die Bayern
       in ihren Bierzelten handhaben: Sie gehören zu Deutschland, schmeißen sich
       aber in echt oberbayerische Trachten, die genau dafür erfunden wurden, eine
       folgenlose Schein-Identität zu inszenieren.
       
       Ein wirklich Vereinigtes Europa liegt derzeit noch in weiter Ferne, aber
       erste Ansätze gibt es schon. Dazu gehören die „Defence Bonds“, die 150
       Milliarden Euro umfassen sollen. Es sind gemeinsame Schulden, um die
       [9][gemeinsame Verteidigung] zu stemmen. Klingt technisch, ist aber
       zukunftsweisend.
       
       14 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] https://www.federalreserve.gov/econres/notes/feds-notes/the-international-role-of-the-u-s-dollar-2025-edition-20250718.html
 (DIR) [5] /Trump-in-Davos/!6142476
 (DIR) [6] /Kommentar-von-Leila-van-Rinsum-zum-EU-Handelsdeal-mit-Brasilien-und-Co/!6144362/
 (DIR) [7] /EU-China-Gipfel/!6099038
 (DIR) [8] /Oekonom-ueber-transatlantische-Beziehungen/!6150620
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