# taz.de -- Weimer und der autoritäre Kulturkampf: Störende Zwischentöne
> Die Erregungsroutinen aktueller Debatten sind mit einem tief autoritären
> Charakter imprägniert. Am Ende der Straße wartet auf uns die Welt der
> Trumps.
(IMG) Bild: Wird schon nicht so schlimm werden: Wolfram Weimer grübelt über Verbote und Kulturkampf
Vor zwei Jahren wurde in Wien – wie in vielen anderen Städten – eines
dieser propalästinensischen Gaza-Protestcamps von der Polizei gewaltsam
geräumt, mit der Begründung, dass die Protestler gegen Gesetze verstoßen
hätten. Ich habe diese Auflösung kritisiert, da die Versammlungsfreiheit
auch für nicht ordnungsgemäß angemeldete Kundgebungen gilt, sogar für
solche, die tagelang dauern, und weil man den Vorwurf des Gesetzesverstoßes
– etwa „Gutheißung terroristischer Straftaten“ – wasserdicht belegen müsse,
um in ein zentrales Freiheitsrecht einzugreifen. Freiheitsrechte gelten
bekanntlich nicht nur für Leute, deren Anliegen jedem von uns gefallen.
Ich wurde danach natürlich als Antisemit und Hamas-Fan beschimpft. Rechte,
Linke, Liberale und Netanjahu-Trolls bejubelten die Räumung. Einige Monate
später sprach das Wiener Verwaltungsgericht „im Namen der Republik“ und
erklärte die Auflösung der Versammlung für rechtswidrig.
Der Grundrechtsverstoß wurde von den Herren und Damen in Roben ziemlich
genau mit den gleichen Argumenten verurteilt, die ich und andere auch schon
vorgebracht hatten. Da ich auch nicht alle Verrücktheiten der Protestierer
toll finde, wurde ich übrigens nicht nur als Antisemit, sondern auch als
Komplize eines Genozids angeprangert, was mich natürlich nicht wirklich
stört, denn ich kann mit der Feindschaft von Idioten aller Seiten gut
leben.
## Grundrechte nur für mich
Es hat sich eingebürgert: Grundrechte wie Versammlungs-, Meinungs- oder die
Kunstfreiheit sollen nur für die gelten, auf deren Seite man steht – und
für andere im Zweifel verboten werden. Heute sieht längst jeder und jede,
welches Tor zur Hölle wir damit aufgestoßen haben.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer will [1][die Berlinale-Chefin für
Aussagen von Künstlern haftbar machen], die ihm nicht passen, [2][und
Buchhandelspreise von einem Gütesiegel des Verfassungsschutzes abhängig]
machen. Weimers repressive Politik ist aber nur die extremste Eskalation
des neuen antiliberalen Autoritarismus.
Die AfD greift flächendeckend Theater und andere Kunstinstitutionen an,
indem sie von einem „Neutralitätsgebot“ öffentlicher Institutionen
schwadroniert, das natürlich weder für Wissenschaftler gelten kann (die
haben ein Recht auf krasse Thesen, weshalb Professoren sogar vom
„Mäßigungsgebot“ ausgenommen sind, das für alle anderen Beamten gilt), noch
für Künstler oder Intendanten.
## Fast wortgleich von links
Inszeniere einmal Brechts „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ so neutral,
dass sich Björn Höcke nicht wiedererkennt – viel Spaß bei dem Versuch. Gern
wird dann gebrüllt: „Das ist keine Kunst.“ Ein Spruch, den man
lustigerweise wortgleich von autoritären Linken hören kann, wenn mal Texte
gesprochen werden, die wiederum die andere Seite verwirren und irritieren.
Motto: Es gibt kein Recht auf eine Meinung, die ich nicht teile.
Da das Autoritäre mal von rechts, mal von links und mal aus der liberalen
Mitte kommen kann, gewissermaßen im Modus eines liberalen Autoritarismus
(„alles untersagen, was ein bisschen krasser ist als die liberale Mitte“),
drängt sich die Frage auf: Ist hier gar das Autoritäre primär, die
weltanschauliche Position sogar eher sekundär?
Wenn wir den Komplex dieses Zeitphänomens ganz durchschreiten wollen, ist
zu berücksichtigen, dass nicht nur mit der harten Faust repressiver Gesetze
operiert wird, sondern auch mit den nur vordergründig milderen Formen von
Diffamierung, Einschüchterung, De-Platforming und Wutbürgergeschrei.
## Die Angst reicht völlig aus
Also: Wer schreit? Und wer schweigt? Meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass
es keinen Shitstorm braucht, um Menschen zum Schweigen zu bringen – es
reicht schon die Angst vor der Diffamierung, vor der Meute des
vorsätzlichen Missverstehens.
Als Kurator und Journalist weiß ich, wie oft Kollegen mittlerweile
vermeiden, diesen oder jenen Kommentar zu schreiben, weil sie sich die
erwartbare Welle der böswilligen Angriffe ersparen wollen; dass bei
Veranstaltern und bei Theaterleuten die Angst regiert und dass Expertinnen
und Experten die Einladung zu öffentlichen Diskursen nicht nur aus
Terminproblemen ablehnen. „Ich könnte ja einen missverständlichen Satz
sagen, und dann habe ich bei der nächsten universitären Berufungskommission
ein Problem“ – alles schon gehört. Im Einzelfall ist so etwas egal – als
Massenphänomen ist die Epidemie der Vermeidungsstrategie aber überhaupt
nicht mehr egal.
## Vermeidungsstraße ins Verderben
Dieser neue Autoritarismus geht einher mit dem Hang zur scheinbaren
Vereindeutigung der Welt und der Unfähigkeit, den Gedanken an sich
heranzulassen, dass die meisten Geschehnisse mehrere Aspekte haben,
uneindeutig sind, und sich außerdem andauernd verändern, sodass wir
zugleich zu viel und zu wenig wissen für ein simples Urteil.
Der heute so populäre Typus des politischen Influencers ist ein
Brandbeschleuniger, da er von einer eingeschworenen Anhängerschaft lebt,
die man mit Zwischentönen oder gar Uneindeutigkeit natürlich niemals
verwirren darf. Die Vereindeutigung der Welt lebt vom Schwarz-Weiß, vom
Freund-Feind-Schema, von der vorsätzlichen Versimpelung aller
Kompliziertheiten, von der Erregung und Empörung.
Die Vereindeutigung der Welt ist laut und auftrumpfend, die
Vervieldeutigung ist ruhig, nachdenklich und zweifelnd. Das ist
grundsätzlich schon der Nachteil der Nachdenklichkeit. In einer Welt der
Erregungsbewirtschaftung wird der Irrwitz aber triumphieren, weil die
Vernunft in Schweigen verfällt, wegen der deprimierten Ahnung, dass sie
sowieso untergehen würde: Weil das Florett gegen den Holzhammer unterliegt
und die Schlauheit glaubt, gegen den schnellen, dummen Take chancenlos zu
sein.
Aber diese Strategien der Vermeidung führen uns geradewegs ins Verderben,
wie nun nicht mehr zu übersehen ist, und am Ende wachen wir in einer Welt
der Trumps auf oder in einer von autoritären antiliberalen Kunstfeinden wie
Wolfram Weimer, die sogar das Minimum bürgerlicher Freiheitsrechte
abfackeln. Es ist Zeit für Klarheit: bis hierhin und nicht weiter.
10 Mar 2026
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