# taz.de -- Hoher Besuch in Lüneburg: Weimer für die Redefreiheit
> In Lüneburg gibt es ein neues Kant-Museum, der Kulturstaatsminister darf
> eine Eröffnungsrede halten – und meint „autokratische Züge“ zu erkennen.
(IMG) Bild: Viel zu lachen gab es zuletzt nicht: die Kritik an Weimer (2. v. l.) wird lauter und lauter
Am nordöstlichsten Rand Niedersachsens, so gerade noch im Speckgürtel
Hamburgs, liegt Lüneburg: eine mittelgroße Stadt, wo man früher Salz
abgebaut hat und heute eine Uni und einen Volleyball-Bundesligisten
vorweisen kann. Auch die ARD-Telenovela „Rote Rosen“ wird hier gedreht. Und
jetzt gibt es auch noch ein Kant-Museum oder jedenfalls eine
Dauerausstellung am Ostpreußischen Landesmuseum – die Erste ihrer Art.
Und das, obwohl [1][Immanuel Kant], der spätestens mit seinem kategorischen
Imperativ zu einem der wichtigsten Philosophen der Neuzeit avancierte, zu
Lebzeiten nie in Lüneburg war. Er war bekannt dafür, seine ostpreußische
Heimatstadt Königsberg überhaupt nur sehr ungern zu verlassen. Doch das
hält niemanden davon ab, ihm nun hier, rund 700 Kilometer entfernt, ein
Denkmal zu setzen.
Rund 400 geladene Gäste sitzen zur feierlichen Eröffnung in der Lüneburger
Kirche St. Marien und lauschen dem Grußwort des Stiftungsratsvorsitzenden
der Ostpreußischen Kulturstiftung. Die örtliche Politikprominenz hat sich
versammelt: Stolz und Würde, als Wolfram Weimer, der Kulturstaatsminister,
höchstpersönlich zur Eröffnungsrede schreitet.
Wolfram Weimer ist bekennender Kant-Fan. Im Oktober veröffentlichte er
einen [2][Gastbeitrag mit dem Titel „Mehr Kant wagen“] bei Springers Welt.
Während seiner Rede steht er aufrecht und selbstbewusst am Rednerpult,
gestikuliert ein wenig mit den Händen, verfällt ein- oder zweimal in eine
Denkerpose mit Hand am Kinn.
## Kant stand für die Meinungsfreiheit
Er freue sich darüber, dass mit dem Museum ein „Geschenk an Deutschland“
gemacht wurde. Er setzt sogar noch einen drauf, bezeichnet das Museum als
ein „Geschenk an die Vernunft“. Vernunft, das bedeutete für Kant das
kritische Denken.
Kant war einer der wirklich großen Philosophen der Aufklärung. Seine
Interpretation des lateinischen Sprichworts „Sapere aude“ ist weltberühmt
geworden – und geblieben: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu
bedienen!“ Das neu eröffnete Museum versucht neben der Lebensgeschichte
Kants auch seine Philosophie und Moralvorstellungen abzubilden. Es gibt
große Infotafeln und interaktive Infokästen mit VR-Brillen. Dafür wurde das
Ostpreußische Landesmuseum extra um einen 500 Quadratmeter großen Anbau
erweitert.
Die Ausstellung befasst sich auch mit dem Freiheitsbegriff des Philosophen.
Kant war ein starker Verteidiger der „Freiheit der Feder“, wurde selbst mal
vom preußischen König für seine Aussagen zur Religion gecancelt. Er war
gegen gewaltsame Revolutionen, allerdings für die freie Meinungsäußerung.
„Ohne Freiheit der Rede gibt es bei Kant keine Aufklärung“ – nur dadurch
könne sich „eine Republik durch Reformen dem Ideal der Vernunft annähern“,
so steht es in einem Infotext über „Kants Beitrag“ zu Artikel 5 des
Grundgesetzes: der Meinungsfreiheit.
## Weimer sieht „autokratische Züge“ – dabei steht er selber in der Kritik
Ein Thema, das auch Wolfram Weimer in seiner Eröffnungsrede umtreibt. Er
spricht von „Autokratien, die Freiheitsräume immer enger machen“ und sieht
auch in der westlichen Debattenkultur „autokratische Züge“. Bemerkenswert,
denn Wolfram Weimer stand zuletzt selbst in der Kritik. Er hatte [3][drei
nominierte Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen],
„verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ sollen vorliegen. Welche das sein
sollen, wollte er bisher nicht verraten, aber die Preisverleihung im Rahmen
der Leipziger Buchmesse hat er [4][mittlerweile abgesagt].
[5][Rücktrittsforderungen gegen ihn wurden laut.]
Ob er deshalb auch von „toxischen Kontroversen“ spricht, die „keinen
Austausch des besseren Arguments“ zulassen? Das lässt seine Rede zwar
offen. Klar dürfte hingegen sein, dass ihm eben das seine zahlreichen
Kritiker:innen vorwerfen.
Nach dem feierlichen Festakt strömen die Gäste endlich hinüber ins Museum.
Es gibt einen Sektempfang, der Kulturstaatsminister darf ein rotes Band
durchschneiden. Kant-Fan Weimer verschwindet schnell von der Bildfläche. Er
habe die Ausstellung allerdings schon vor dem Festakt bestaunt.
14 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Johannes Strauch
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